Biosphärenreservat Südharz / Kyffhäuser

Leben auf Gips

Märchenhaft genug ist die Landschaft des Südharzes, daß man sich hier Fabelwesen vorstellen könnte. Doch bisher ist noch niemand auf Spuren von einem Einhorn gestoßen, obwohl sich seit dem Mittelalter das Gerücht hält, in den Grotten bei Scharzfeld - südöstlich von Herzberg - habe das Wundertier gelebt. Der Universalwissenschaftler und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz, der sich in der "Einhornhöhle" archäologisch betätigte, glaubte sogar, fündig geworden zu sein. Was sich leider als Irrtum herausstellte: Mochten die ausgegrabenen Knochen zwar vorzeitlichen Ursprungs sein, so stammten sie doch von durchaus weltlichen Wesen.

Der Zauber dieser Höhle ist damit ungebrochen. In Jahrmillionen hat kohlensäurehaltiges Sickerwasser gewaltige Hallen in das Dolomitgestein der südlichen Harzhänge genagt. Weitgereiste Touristen fühlen sich in die weltbekannten Höhlen Jugoslawiens versetzt - und liegen mit diesem Vergleich gar nicht so falsch: Tatsächlich bildet der Südharz zwischen Badenhausen im Nordwesten und Pölsfeld im Südosten eine charakteristische Karstlandschaft (der Begriff "Karst" kommt übrigens wirklich aus dem Serbokroatischen). Und wie im Balkan, verschwinden auch hier mitunter Flüsse im Berg, um an anderer Stelle wieder rauschend hervorzutreten. Die Rhume beispielsweise entsteht aus dem unterirdischen Zusammenfluß von Sieber und Oder.

Die Geologen verstehen unter Karst eine durch Wasser ausgelaugte Gebirgslandschaft. Das trifft auf den Südharz zu: Die hohe Wasserlöslichkeit des vorherrschenden Gesteins, also des Gipses, bei gleichzeitig hohen Niederschlagsmengen hat hier eine einmalige, sich über 100 Kilometer hinziehende Karstlandschaft entstehen lassen, die keineswegs nur Geologen, sondern besonders auch die Biologen begeistert. Relativ unbeeinflußt von den Einflüssen und Auswirkungen moderner Land- und Forstwirtschaft, die auf derart bewegtem Relief eben kaum "Halt" finden, haben sich seltene Vegetationstypen wie Trockenrasen und Kalkbuchenwälder erhalten können.

Bekannt für seine Gipskarsterscheinungen ist zum Beispiel der Lichtenstein, ein Naturschutzgebiet bei Osterode. Es dominieren Erdfälle, gewissermaßen die "Augen" im Gesicht des Gipskarstes. Dolinen, das sind trichterartige Vertiefungen im Gestein, Bachschwinden und Flußversinkungen sind keine Seltenheit. Entsprechend einzigartig erscheinen Flora und Fauna: Hier gedeihen Aronstab, Seidelbast, Türkenbundlilie und Hirschzungenfarn; heimisch sind Fledermäuse, Dachse, Schläfer und Wildkatzen, ebenso wie seltene Amphibien, Reptilien und Insekten, die auf die speziellen naturräumlichen Gegebenheiten im Karst angewiesen sind. Ein faszinierendes Leben auf Gips...

Doch eben der Gips könnte dieser Naturlandschaft zum Schicksal werden. Gerade am Lichtenstein stehen sich Schutzbemühungen der einen Seite und Nutzungsansprüche der anderen scheinbar unversöhnlich gegenüber. Es wäre nicht der erste Berg, den der großindustrielle Gipsabbau "frißt". Allein im Landkreis Osterode hat der Baggerzahn bereits 315 Hektar im Biß, auf insgesamt 909 Hektar erhebt er laut Karten des Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung Anspruch; demgegenüber stehen nur 163 Hektar des Osteroder Gipskarstgebietes unter Naturschutz. Dabei unterliegen die Gipsfirmen oft nicht mal irgendwelchen Renaturierungspflichten, da die Abbaugenehmigungen überwiegend noch aus "vor-ökologischen" Zeiten stammen. Allerdings ließe sich eine Natur, die tausende von Jahren für ihr Werk benötigt hat, ohnehin nicht ohne weiteres wieder herstellen.

Dennoch fordern die Naturschützer eine Renaturierung der abgebauten Areale; eine sogenannte Rekultivierung, die in der Regel aus einer bloßen Aufschüttung besteht, lehnen sie gänzlich ab. Vor allem aber wird die rigorose Einschränkung des Gipsabbaus gefordert. Statt mit Naturgips solle der Bedarf vorrangig mit "REA-Gipsen" gedeckt werden, also mit dem Gips, der in rauhen Mengen in den Rauchgas - Entschwefelungsanlagen von Steinkohlenkraftwerken anfällt (in einem Naßwaschverfahren mit Kalkzusatz verbindet sich Kalk mit Schwefel zu einem Gips, der dem natürlichen Rohstoff qualitativ ebenbürtig und dabei gesundheitlich völlig unbedenklich ist).

Darüber hinaus schlägt der BUND vor, das Gipskarstgebiet des Südharzes und des Kyffhäusers in seiner gesamten, immerhin die drei Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen schneidenden Ausdehnung als "Biosphärenreservat" zu sichern, das heißt in die UNESCO-Liste der weltweit wertvollen Naturschutzgebiete eintragen zu lassen. Zugleich sind die Landesregierungen der betroffenen Bundesländer aufgefordert, ein Naturschutzkonzept zu erarbeiten und die Flächenbilanz - hier Naturschutz, dort Rohstoffabbau - im Rahmen der Raumordnung zugunsten der Natur zu verbessern.


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Dieser Text entstammt dem Faltblatt:
"Biosphärenreservat Südharz/Kyffhäuser"
-LEBEN AUF GIPS-
Herausgeber: Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
Landesverband Niedersachsen e.V., Goebenstr. 3a, 30161 Hannover
Spendenkonto: NordLB (BLZ 250 500 00) Kto.-Nr. 101 030 047
Text: Rainer Balks M.A. / Grafik: Dr. R. Nielbock (8/1993)
Realisation: BALKS Büro für Umweltkommunikation, Bissendorf
Lithos: ARTLITHO, Bissendorf / Druck: PRINTMAN, Osnabrück

Anschriften der Landesverbände:

BUND Niedersachsen e.V., Goebenstr. 3a, 30161 Hannover
BUND Sachsen-Anhalt e.V., Steubenallee 2, 39104 Magdeburg
BUND Thüringen e.V., Uferstr. 1, 99817 Eisenach