Der Höhlenforscher Dr. Ing. Friedrich Stolberg schrieb 1968 in seinem Buch
„Befestigungsanlagen im und am Harz von der Frühgeschichte bis zur Neuzeit“


434. Tilleda, Burg, Pfalzruine. Tilleda, Kr. Sangerhausen, Bez. Halle (Merseburg).

Name: Tilleda, Altes Tille, Im alten Tilleda, Pfingstberg.

Meßtischblatt: 2600/4532 Kelbra; O 7,5; S 8,0.

Allgemeine Lage: Nordöstliches Randgebiet des Kyffhäusergebirges über Niederung des Pfüffeler Baches (Nabelgau).

Örtliche Lage: 195 m NN auf flachem, steilrandigem, nach Osten aus dem Kyffhäusergebirge heraustretenden Bergsporn, 0,2 km südwestlich Tilleda.

Baugrund: Unterer Buntsandstein über Jüngerem Zechsteingips.

Baumaterial: Rotsandstein als Quader- und Bruchstein, Gipsestrich.

Beschreibung: Hauptburg auf dem Ende des nach Osten zulaufenden Bergsporns angelegt, ca. 70X100 m, gegen Westen durch drei dicht hintereinander folgende Wälle mit vorgelegten Halsgräben von der Vorburg getrennt (Wälle und Gräben heute stark eingepflügt). Der innerste Graben am bedeutendsten mit 4 m Tiefe und 15 m Breite, Gesamtbreite des ganzen Grabensystems 120 m. Zugang zur Hauptburg von Grabenmitte aus durch rechteckiges Kammertor, 7,5X9,0 m, aus Sandsteinquadern in Mörtelverband, ca. 1,6 m hoch als Stumpf erhalten. Deckung der Südseite durch zwei Steinmauem mit schmalem Vorgraben, dahinter - freistehend - der Reihe nach: Palast, 13X38 m, mit halbrunder Apsis im Osten (Königswohnung mit Kapelle? Thronnische?); Wohn- oder Wirtschaftshaus, 7,6X11,3 m, mit Heizkanalanlage; Turmbau, 11X11 m. Sämtliche Gebäude nur in Fundamenten erhalten. Auf der Ostseite der Hauptburg weiterhin ein Hallenbau, 8,9X(ehemals) 20,0 m, der durch Überpflügen und Geländeabrutsch ebenfalls nur in Fundamentresten und Teilen des Estrichbodens überkommen ist. Nördlich Grundmauern eines 10X25 m messenden Hauses, noch ungedeuteter Bestimmung. Westlich, jenseits des äußersten Hauptburggrabens, die Vorburg, ca. 160X240m, durch eine im Bogen über das Gelände verlaufende Mauer nach Westen abgeschlossen, unter ihr gleich verlaufender Wall anzunehmen (Grimm). In der Vorburg wurden durch Grabungen bis 1960 dreißig Häuser in ihren Grundmauern aufgedeckt, unter ihnen u. a. Webhütte, Eisenwerkstatt, Häuser für Wachmannschaften (Grimm). Gesamtlänge der ganzen Anlage von Ostspitze Hauptburg bis Westmauer Vorburg ca. 370 m, größte Breite (Vorburg) ca. 240 m.

Geschichte: Frühgeschichtlicher Ursprung möglich, Zeit der Erbauung unbekannt, vielleicht karolingisch (?). 972 erste Nennung: Otto II. verschreibt seiner Gemahlin Theophano als Morgengabe „... curtes nostras propria majestate dignas... Dullede“; 974 „actum Tullide“. Die Pfalz spielte ihre wichtige Rolle bis Ende 12. Jh.; Sachsen, Salier, Staufer hielten hier Hof: Otto II. (974), Otto III. (993), Konrad II. (1035, 1036), Heinrich III. (1041, 1043), Friedrich I. (1174, 1180), Heinrich VI. (1194). 1180 bereitet Friedrich I. in „Tullede“ seinen Feldzug gegen Alexandria (Oberitalien) vor, 1189 Tafelgut „Tulleda“; 1194 Aussöhnung zwischen Heinrich VI. und Heinrich dem Löwen zu „Dullethe“. Als Folge der Heirat Heinrichs VI. mit der Erbin des sizilianischen Normannenreichs (1186), verlagert sich das staufische Interessengebiet nach Sizilien, so daß Tilleda mit Ende des 12. Jhs. seine Bedeutung einbüßt, die mit Ende des 13. Jhs. ganz schwindet, die bisherige Pfalz geht in Dynastenhände über, u. a. Beichlingen-Rothenburg, Hohnstein, Wettin. Bauliche Veränderungen sind kaum vorgenommen worden, die Anlage blieb im alten „achaischen“ Zustand, wurde aufgegeben und restlos abgebrochen. Ab 16. Jh. keine Nachrichten mehr. Ausgrabungen 1935-1939 und wieder ab 1958 (vgl. Grimm) .

Funde: Keramikreste 10.-13. Jh., darunter solche mit Ausgußtülle und Wellenbandmuster. An Eisengeräten: Messer, Schere, Sporen, Hufeisen. An Bronzezierrat: Kastenbeschlagstücke, einer mit Goldeinlage, Handgriff mit Tierköpfen, Bronzeschnallen, Bronzenadel und -ringe. Dann Knochengeräte, Web- und Spinngeräte, Spielsteine, Knochenkämme, Glasperlen, Reste von Glasgefäßen; von besonderer Bedeutung Fund von 21 Brakteaten aus den Münzwerkstätten Nordhausen, Eisenach, Erfurt, Ende des 12. Jhs. - Gräber: Etwa 20 Skelette von Erwachsenen und Kindern, zum Teil aus der Nachpfalzzeit, teils in Särgen, teils in Steinkisten beigesetzt, sämtliche in der Hauptburg. Unter anderem 1,5 m langer Grabstein aus Sandstein mit aus der Fläche herausgetieftem Kreuz. Funde Mus. Halle.

Lit. u. Abb.: MG DO II Nr. 21, Nr. 77; Dob. Reg. II Nr. 575; Ann. Stederburg S. 229, B.u.KDm. Prov. Sachsen V S. 102; Butschkow, Mitteld. Volkh. 4/5 1937 S. 54 ff. 6 Abb.; Butschkow, Mitteld. Volkh. 2 1938 S. 25 ff. Gr. d. Gebäude; Butschkow, Mitteld. Volkh. 9 1942 S. 35 ff.; Butschkow, Nachrichtenbl. f. Dt. Vorzeit 14 1938 S. 83 ff.; Eberhardt/Grimm, Die Pfalz Tilleda, ein Führer durch Gesch. u. Ausgrabungen, herausgegeben Tilleda 1963; Grimm, 1958 Nr. 603 Abb. 21 K. 35 u. 36 Gr., 42 K., Taf. 15 a-c, 16a-c (Ansichten); Grimm, 1961 S. 28 ff. Abb. 4 u. 5 Gr., Taf. 3-11; Grimm, Ausgrabungen und Funde 4 1959 S. 42 ff.; Grimm, Prähist. Zeitschr. 38 1960 S. 90 ff.; Grimm, Jahresschr. f. mitteldt. Vorgesch. 45 1961 S. 259 ff.; Grimm, Archäol. Beobachtungen an Pfalzen und Reichsburgen östl. und südl. d. Harzes m. bes. Berücksichtigung der Pfalz Tilleda, Deutsche Königspfalzen, Bd. 2, Göttingen 1965 S. 213 ff.; Meyer, ZHV 4 1871 S. 255, ältester Gr.; Stein, 1950 S. 16, 31, 39, 79, 100; Tillmann, S.1088; Ziegel, Nachrichtenbl. f. Dt. Vorzeit 15 1939 S. 98 ff.