Brummen und Getöse - Der große Erdfall 1956 bei Breitungen

- von Reinhard Völker -

nach Unterlagen von Friedrich Schuster

Friedrich Schuster, einer der bekanntesten Nordhäuser Amateur-Höhlenforscher, trug 40 Jahre seines Lebens Beobachtungen über den Südharzer Gipskarst zusammen. Leider war es ihm nicht vergönnt, seine Beobachtungen und Schlußfolgerungen in irgendeiner Form zu veröffentlichen. Es gibt nur wenige Aufsätze in Fachzeitschriften. Sein Schreibstil war nicht immer angetan, seine Beobachtungsprotokolle unverändert für eine nachträglich Veröffentlichung heranzuziehen. Im Folgenden wurde versucht, aus den hinterlassenen Beobachtungsprotokollen über einen großen Erdfall im Breitunger Auslaugungstal den Extrakt herauszuziehen, ohne dabei seine Aufzeichnungen wesentlich zu verändern. Die Größe und Tiefe des Erdfalls verdienen es, an dieses Ereignis zu erinnern.

Am 15. Mai 1956, um 15:20 Uhr erreichte Schuster ein Ferngespräch des Bürgermeisters Kühn aus Breitungen. Südlich von Breitungen war unterhalb des Friedhofes, wenn man den Weg von Breitungen quer durch das Tal zum Bauerngraben geht, in der Nähe der Feldscheune ein großer tiefer Einbruch entstanden, in dem sich bereits Wasser gesammelt hatte. Das Wasser rauschte und gluckerte. Schuster sollte sofort kommen und sich die Situation ansehen.

Schuster informierte seinen Freund Erich Roesch und beide fuhren mit einem Auto (P 70) am nachfolgenden Tag nach Breitungen. Dort erfuhren sie die Vorgeschichte der Vorgänge und konnten sich selbst ein Bild machen.

Im April 1956 war der Landwirt Karl Müller aus Breitungen mit dem Herrichten seines Ackers, der sich hinter zwei älteren Erdfällen am Hang befand, beschäftigt. Plötzlich versank sein Zugpferd unverhofft im Erdboden. Er war aber noch in der Lage, das Tier aus dem Einbruch herauszuholen.

Wenige Tage später erfolgte in der unmittelbaren Umgebung ein weiteres, weit bedeutenderes Ereignis. Der Sohn des Bauern Ringleb war am 15. Mai 1956 gegen 17:00 Uhr auf einem Weizenfeld mit der Düngerausgabe beschäftigt. Sein Großvater, Friedrich Vollmer, hackte am Feldrain Disteln. Plötzlich bemerkte der Großvater, daß wenige Meter vom Feldweg auf dem Acker die Erde wegrutschte.
Nach einer Stunde war der Einbruch bereits einen Meter tief und hatte einen Durchmesser von einem bis zwei Metern Tiefe. Gegen 19:00 Uhr war der Erdfall bereits 3 bis 4 m tief geworden. Am anderen Morgen war der große Dornenbusch am Wegesrand im Loch verschwunden. Der Erdfall hatte eine Tiefe von 6 m. Im Kessel stand Wasser, die Wände brachen stetig nach und das Wasser war glucksend in ständiger Bewegung.

Bereits 1934 war an der gleichen Stelle ein Erdfall entstanden, der mit 18 Fuhren Schutt aufgefüllt wurde. Bei dieser Gelegenheit füllte man einen etwas weiter westlich gelegenen Erdfall ebenfalls mit 8 Fuhren Schutt zu.

Schuster traf am 16. Mai gegen 18:30 am Erdfall ein. Bis zum Wasserspiegel waren es inzwischen 13,7 m, der Wasserstand betrug dazu noch 9,00 m. Damit war der Einbruch 22,7 m tief.

An der Südwestseite des Erdfalles war folgendes Profil aufgeschlossen:

0,0 - 0,4Ackerboden
0,4 - 4,6Lößlehm
4,6 - 6,6dunkelgrauer lehmiger Humus
6,6 - 7,1blaugrauer Ton
7,1 - 8,6Sand und Schotter
8,6 - 10,6goldgelber Bänderton
10,6 - 13,6rotbrauner toniger Kies mit Wasseraustritt

Der Erdfall war kreisrund. Er hatte einen Durchmesser von 11 Metern. Die Wände waren bis 10 m Tiefe senkrecht, erst im Kies wurde die Form trichterförmig.

Schuster riet dem Bürgermeister, den Erdfall abzusperren.

Am 20. Mai besichtigte Schuster den Erdfall erneut. Die Umgebung war mit Stangen und Pfählen abgesperrt. Der Durchmesser des Kraters betrug 18 m, der Wasserspiegel stand etwa 5 m unter Flur. Die steilen Wände brachen nach und nach zusammen und erreichten eine trichterartige Form mit eine Böschungsneigung zwischen 50 und 60°.

Am 30. Mai erschien in der Thüringer Landeszeitung ein Artikel über dieses gewaltige Loch („Brummen und Getöse - Plötzlich war da ein Loch“). Die in diesem Artikel angegebenen Maße des Einbruchs gingen später in die offizielle Dokumentation ein, da Schusters Protokolle von ihm stets zurückgehalten wurden. Die Maße waren jedoch falsch. Schuster schrieb an die Zeitung eine Entgegnung und verwies auf die richtigen Maße. Im September hielt er auf einem Höhlenforscherkongreß in Laichingen über das Erdfallgeschehen in Breitungen einen Vortrag. Nach der traditionellen Verfüllung des Erdfalles mit Schutt geriet das Ereignis allmählich in Vergessenheit.

In der Zwischenzeit sind in der unmittelbaren Nachbarschaft eine Reihe weiterer Erdfälle entstanden, die heute ebenfalls alle verfüllt sind. Wenige Einwohner können sich noch an diese Vorgänge erinnern.

Von Bedeutung für die Nachwelt ist die Tatsache, daß im Breitunger Auslaugungstal ein Erdfall beobachtet werden konnte, der eine Tiefe von über 20 m erreichte.