in unserem neu errichteten Heim im alten, gemütlichen Pfarrhause besuchte. Zu unserer Hochzeit kam er nicht. Solche Feste liebte der damals Fünfundfünfzigjährige nicht mehr. Aber er war unser erster lieber Gast und hat durch zwanzig Jahre bis kurz vor seinem Tode im Januar 1908 immer wieder mehrmals im Jahre bei uns verweilt. Das waren stets Tage und Wochen der Freude und sind es in der Erinnerung heute noch. Sein tiefer Ernst, sein reiches Wissen, seine große Lebensweisheit und sein köstlicher Humor wirkten im Umgang mit ihm immer wieder anregend und fördernd. Er schränkte seinen Umgang mit fremden Menschen, besonders solchen, die den berühmten Mann gern mal gesprochen hatten, immer mehr ein. "Halt mir die fremden Leute vom Leibe! Sag nur," so empfahl er mir verschmitzt lächelnd, "dein Onkel wäre ein wunderlicher alter Kerl, mit dem nun mal nichts anzufangen wäre! Na, ich vertraue dir, du wirst's schon machen." Ließ sich einmal die Begrüßung eines Fremden gar nicht vermeiden, dann war er zunächst sehr frostig, taute aber bald auf, wenn er merkte, daß er ein ernstes Gespräch mit ihm führen konnte. Im Dorfe war er bekannt als "Onkel Busch", und mein Gartenarbeiter erinnert sich noch heute lebhaft an sein freundliches Wesen und die Liebenswürdigkeit mit der er ihm regelmäßig eine Zigarre anbot. Ein Menschenfeind und Menschenverächter, wie man ihn genannt hat, war er ganz und gar nicht. Kinder liebte er sehr, und die Kinder liebten ihn. Kennzeichnend für seine Art, mit Kindern umzugehen, ist ein Brief aus dem April 93: "Die beiden ganz kleinen Frauenzimmerchen am Harz hab ich neulich auch mal besucht. Die Aelteste (3. J.) tanzte dem Onkel was vor auf den Zehenspitzen und fragte: "Kannst du solches auch, Onkel Wilhelm!?" Und jedesmal, wenn sie sah, daß sich der Onkel eine Zigarette angezündet hatte, blies sie Ihm dienstbeflissen das Zündhölzel aus, und er, wie sich's geziemt, hat jedesmal danke! gesagt. Und zuweilen neben ihm, wenn er las, stand das Wägelchen, worin das Kleinste (3/4 J.) schlief; mit noch leidlich gutem Gewissen, so schien's. Und hörte er, daß sie erwachte, dann zog er leise den Vorhang zurück, und da liegt das Köpfchen und quer davor die zwei Händchen, und fest und ernst sehen ihn zwei dunkle Aeuglein an; und läßt er ihm dann auf der Decke entlang die gespreizten Finger entgegenmarschieren, so lacht's und ist sehr dankbar für diese kleine Zerstreuung. Ja, die Dankbarkeit, man mag sagen, was man will, ist doch
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