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Donnerstag, 3. Januar 1991

Quedlinburg hofft jetzt auf die Rückgabe seines 1945 gestohlenen Domschatzes

Das Gold aus Dallas

Die Kreisstadt Quedlinburg am Harz in Sachsen-Anhalt mit 26 000 Einwohnern glänzt mit verwinkelten Gassen, verwunschenen Fachwerkhäusern und einem geschlossenen Altstadt-Ensemble, über dem die unzutreffenderweise "Dom" genannte Stiftskirche thront.

Ihr Name ist mit den ersten deutschen Königen und Kaisern Heinrich I. (um 875-936) und Otto I. (912-973) untrennbar verbunden. Aus ihren Zeiten stammt auch der berühmteste aller Quedlinburger Schätze, der Domschatz, dessen Heimkehr nach fast 50jährigem "Exil" die Gemeinde jetzt sehnsüchtig erwartet.

Noch lagern der Reliquienkasten König Heinrichs I., sein Prunkkamm aus Elfenbein mit Goldfiligran- und Edelstein-Besatz und weitere kostbare Reliquien-Behälter, Bergkristalle und Gefäße in einem Museum in Dallas/Texas. Ihr abenteuerliches Schicksal und ihre überraschende Entdeckung 1990 in einem Banktresor im texanischen Städtchen Whitewright machten die Harzstadt auch jenseits des Ozeans bekannt. Um das Opfer eines der offenbar größten Kunstdiebstähle des Jahrhunderts streiten nun die Erben des mutmaßlichen Diebes mit dem rechtmäßigen Eigentümer, der Quedlinburger Kirche.

Nach der Besetzung Quedlinburgs 1945 hatte der amerikanische Offizier Joe T. Meador die Stücke aus einem Bergstollen gestohlen, wo sie im Krieg gelagert waren. Jahrzehntelang waren sie verschollen. 1990 gelang es dann der Kulturstiftung der Länder, ein ebenfalls zu Meadors Beute gehörendes karolingisches Samuel-Evangeliar aus dem 9. Jahrhundert für fünf Millionen Mark auf dem Kunstmarkt zu erwerben. Dadurch stieß man auf die Spur des übrigen Schatzes in Texas. Im Oktober konnte der Generalsekretär der Stiftung, Klaus Maurice, dann ein Evangelistar von 1513, diesmal unentgeltlich, in Empfang nehmen.

In der Ziter, der Schatzkammer der Quedlinburger Stiftskirche, kann der Besucher derweil auch die Teile des Domschatzes bestaunen, die der Offizier damals nicht mitgenommen hatte - darunter ein Reliquienkasten und ein Abtissinnenstab aus ottonischer Zeit. Doch bis der gesamte Schatz in der Kirche wieder vereint ist, werden sich die Quedlinburger noch gedulden müssen.

Um ihn dort würdig und sicher lagern zu können, sind in den Schatzkammern Baumaßnahmen nötig. Rund drei Millionen Mark sind nach Schätzung von Klaus Maurice nötig, um drei Schatzkammern sicherheits- und klimatechnisch auszustatten. Bisher sind erst 250 000 Mark von privater Seite geflossen.

"Es ist jetzt einfach wichtig, daß Sachsen-Anhalt sich engagiert und an Mittel des Bundes kommt", meint Maurice.

Während das Samuel-Evangeliar zunächst in der Herzog-August Bibilothek in Wolfenbüttel ausgestellt werden soll, geht in Texas der Rechtsstreit um die Schätze der Ottonen weiter. Maurice hofft, bald zu einer außergerichtlichen Einigung zu kommen.

"Die Kirche und die Vernunft werden gewinnen", gibt sich der Generalsekretär der Stiftung der Länder optimistisch.

KLAUS BLUME

  
Blick auf das
Quedlinburger
Schloß, die
Stiftskirche
und die Altstadt
 

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