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Hattorfer Kriegsdrangsale

Unermeßlich schwer war das Leid, daß der niedersächsische Raum im Dreißigjährigen Kriege zu tragen hatte. Die mündliche Überlieferung von dem Geschehen jener unseligen Zeit ist fast verstummt. Nur wenn der Pflug einmal auf einer alten Dorfstelle über altes Gemäuer scharrt, dann steigt in dem Bauern die Erinnerung an den großen Krieg in längst vergangener Zeit auf. Wir wissen aber, daß die alten Dorfstellen schon längst verödet waren, bevor Tilly und Wallenstein, die Dänen und die Schweden sich in unserer Heimat ein unerbetenes Rendezvous gaben. Aber unsere alten Kirchenbücher haben uns mancherlei zu sagen. Man sieht den ältesten von ihnen an, daß sie auf ihre Art den Krieg mitgemacht haben. An den Rändern sind sie verkohlt und nur ihrer dicken Schwarte und dem Umstand, daß sie dicht aufeinander lagen, werden sie es zu verdanken haben, daß Johannes Buhlenus, Pfarrherr zu Hattorf, sie Anno 1623 aus den Trümmern des Pfarrhauses wieder heraussuchen konnte. Nüchtern ist die Sprache dieser alten Bücher, aber zwischen den Zeilen sieht man dem furchtbaren Religionskriege in die haßerfüllten, blutunterlaufenen Augen. 1621 haben schon Truppen in Hattorf gelegen. In der Kirche wurde nämlich ein Soldatenkind getauft, dessen Paten Offiziere und Unteroffiziere sind, die aus Nienburg und Minden stammten. Am 2. Trinitatis-Sonntage des Jahres 1623 mußte Bastian Behme sein Kind in Herzberg taufen lassen "auf der Flucht wegen des feindlichen Überfalls und Brandes". Der katholische Heerführer Tilly war, von Süddeutschland kommend, über Duderstadt bis nach Bilshausen vorgestoßen und hatte zwischen Lindau und Bilshausen ein festes Lager bezogen. Am 18. Juni - es war ein Sonnabend - kamen die Mordbrenner wieder in unser Dorf. Sie plünderten den Ort, steckten Kirche, Schule, Pfarrhaus und Wohnhäuser in Brand. Ihre Bewohner konnten nur ihr nacktes Leben nach Herzberg retten. Sie ahnten nicht, wie oft sie in diesem Kriege den bitteren Weg nach dem festen Herzberg machen sollten.