Die ehem. St. Jakobi-Kirche zu Nordhausen


Foto: © Karin Spitschka

Durch die Bombardierung Nordhausens war das Umfeld der St. Jakobi-Kirche (Abb. 1) mit am stärksten betroffen. Das Innere des Gotteshauses war vollständig ausgebrannt. Zerstört waren auch die Gebäude der Lesserstiege mit dem Pfarrhaus, die Häuser der Neustadt und Rautenstraße sowie alle Gebäude des Lohmarktes (Abb. 2).

An diese Kirche wechselte 1741 der Pastor der Frauenbergkirche Friedrich Christian Lesser. Neben seiner Arbeit als Pfarrer war er der typische Polyhistor und Physicotheologe der ersten Hälfte des 18. Jh. (Rein 1993, 102 f.). Er übernahm, wie F. Th. C. Abel (1849, 5) berichtet, „eine alte, düstere, baufällige, vielfach gestützte Kirche von 62 Fuß Länge, 50 Fuß Breite und 23 Fuß Höhe…, der Zustand der Kirche war so kläglich und gefahrdrohend, dass es ihm Tag und Nacht keine Ruhe ließ, ein sicheres, geräumiges, anständiges Gotteshaus zu schaffen.“ 1744 begann unter Leitung von F. Ch. Lesser der Abriss der baufälligen Kirche. Um den Neubau finanzieren zu können, sprach Lesser bei vielen Geldgebern vor. Von Herzog Karl von Braunschweig erhielt er die Erlaubnis, 500 Kubikfuß Steinmaterial aus den Ruinen des ehemaligen Klosters Walkenried zu holen (Abel 1849, 5). An anderer Stelle wird die Zahl 1000 Kubikfuß genannt. Am 12. Oktober 1749 konnte Lesser in dieser, wie er selbst sagte, „ersten im Lutherthum allhier erbauten Kirche“ jubeln (Abel 1849, 23). Bis zur Zerstörung 1945 erfolgten noch zahlreiche Umbauten im Innern des Kirchenschiffes.

Nachdem in den 1950er Jahren die Mauerreste der Kirche aus „Sicherheitsgründen“ abgerissen worden waren und die Rautenstraße einen neuen Trassenverlauf erhielt, erfolgte am 27. September 1959 um 8 Uhr die Sprengung des Kirchturmes der ehemaligen St. Jakobi-Kirche (vgl. Zeitung „Das Volk“ vom 25. September 1959). Danach wurde das Gelände eingeebnet und zum Parkplatz umgestaltet. Im Stadtbebauungsplan von 1952 hieß es dagegen noch: „Die erhaltenen historischen Gebäude werden im Stadtbild erhalten, besonders das alte Rathaus, der Dom und die St. Blasiikirche. Von der St. Jakobi-Kirche und der St. Petri-Kirche sind nur die Türme erhalten, die gestalterisch in die neue Bebauung einbezogen werden“.1


Abb. 1 Nordhausen, St. Jakobi vor der Zerstörung


Abb. 2 Nordhausen, Ruine der St. Jakobi-Kirche

Im Jahr 2000 begann die Nordhäuser Diakonie-Stiftung „Maria im Elende“ gGmbH den Bau des Altenpflegeheims St. Jacob. Im Vorfeld dieser Baumaßmahme führte das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie von März bis Oktober 1999 eine archäologische Ausgrabung durch.2 Nachdem das Pflaster des Parkplatzes und der Bauschutt entfernt waren, begannen die Ausgräber mit der Freilegung der Grundmauern des ehemaligen Kirchturmes. Dieser Kirchturm, der 1310 erstmals erwähnt wurde, war 1744 noch so stabil, dass er erhalten blieb und in das neue Kirchenschiff integriert wurde. Die Grundfläche des Turmes betrug 7,90 x 9,20 m. Die Stärke der Grundmauern lag bei 2 m, wobei sie sich zur Sohle hin noch auf 2,40 m verbreiterte. Der Aufbau der Fundamente war als Schalenmauerwerk ausgeführt, als Baumaterial wurden vor allem Dolomit-, Kalk-, Sand- und Anhydritsteine verwendet, die aus der Umgebung der Stadt kamen. Als Bindemittel kam vorwiegend Gipsmörtel zum Einsatz. Bei der Freilegung der Fundamente konnte an der Westseite unter dem Turmfundament eine Bestattung dokumentiert werden. Ober- und Unterschenkel lagen unter der Fundamentsohle. Dieser Fund war der Beweis, dass sich hier bereits vor 1310 ein Friedhof der Neustädter Gemeinde befand. Die Kirche vor 1744 besaß einen Durchgang vom Turm zum Kirchenschiff. Ein Beleg dafür war der Basisformstein an der Innenseite der Nordostecke im Turm. Bei einem Suchschnitt im Turm selbst wurde auch eine Gruft freigelegt. Sie bestand aus Ziegelsteinen aus dem sog. Klosterformat (28,5 x 13,5 x 8,5 cm). An der Decke der Gruft wurden Reste des Putzes dokumentiert. Zwei Ziegelsteinstege auf dem Boden dienten zur Aufnahme des Sarges, dessen Reste noch sichtbar waren. Die Gruft hatte eine Länge von 2,30 m und war am Kopfende 0,85 m breit. Die Breite am Fußende betrug 0,65 m, die lichte Höhe lag bei 1,10 m. Aus der Verfüllung in der Gruft wurden eine Zierplatte aus Knochen mit einer Länge von 7,7 cm und einer Breite von 1,7 cm, zwei Tragegriffe vom Sarg, drei halbrunde Messingknöpfe, ein 1,5 cm starker Doppelknopf sowie ein filigran gearbeitetes Metallband geborgen. Eine Datierung anhand der Funde ist nicht möglich. An der Nordseite des Turmes lag bis 1945 die mit roten Sandsteinen umfasste Grabstätte der Familie Eulhardt. Fragmente einer eisernen Grabeinfassung wurden aus dem Bauschutt geborgen. Bei der Bombardierung 1945 bzw. bei der Sprengung des Turmes kam es zur Beschädigung der Grüfte. Zwei waren mit Ziegelsteinen des Formats 26 x 13 x 6 cm errichtet. Die Länge der Grüfte betrug 2,30 m. Sie waren 0,90 m breit und 1,30 m hoch. Eine dieser Grüfte hatte eine Ausmalung mit stilisierten Palmblättern, Engeln und Säulen in schwarzer Farbe auf einem weißen Untergrund. Die dritte Gruft war ebenfalls aus gebrannten Ziegelsteinen mit dem Format 30 x 15 x 5 cm erbaut. Möglicherweise handelte es sich hier um die Grüfte des Senators Eulhardt mit seiner Frau Christine und ihrer Tochter Auguste. Bei der Freilegung der nördlichen Kirchenmauer kamen Formsteine zutage, die zur Wasserschlagkante gehörten und untereinander mit Bauklammern verbunden waren. Diese waren 0,47 cm lang, 3 cm breit und 1 cm stark. Die exakt behauenen Werksteine stammen wahrscheinlich von der Klosterruine Walkenried. Oberhalb der Wasserschlagkante, die etwa 0,70–0,90 m über dem Laufhorizont lag, hatte die nördliche Kirchenmauer eine Stärke von 1,70 m. Die Stärke der Südmauer betrug dagegen 2 m. Um die Feuchtigkeit nicht in das aufgehende Mauerwerk gelangen zu lassen, hatte der Bauherr Schieferplatten als Isolierung verwendet. Unter der Isolierschicht konnten Teile eines Knochenkamms geborgen werden, dessen Zinken beidseitig ausgesägt waren. Kämme dieser Art können in das 16./17. Jh. datiert werden. Das unter der Sperrschicht liegende Mauerwerk war mit einem Gipsmörtel verbunden, die darüber stehende Wand mit Gipsmörtel und Sand. Nachdem im Mittelschiff der Bauschutt beseitigt war, kam der Fußboden der Kirche aus dem Jahre 1749 zum Vorschein. Er bestand aus roten Ziegelplatten (24 x 24 cm) mit einer Stärke von 3,5 cm. Diese Ziegelplatten waren durch Sandsteinplatten (20 x 40/50 cm) eingefasst. Bei den Untersuchungen am südlichen und nördlichen Kirchenschiff legten die Ausgräber die Grundmauern der Kirche vor 1744 frei. Auch hier diente Gipsmörtel als Bindemittel. Vor der Südmauer der Kirche lagen die Gräber des alten Friedhofes in Ost-West-Richtung mit Blickrichtung nach Osten. Leider waren die Fundamente der ehemaligen Friedhofsmauer nur noch in Ansätzen erkennbar, da man sie bereits im 19. Jh. abgetragen hatte. Auf die Ausgrabungsfläche südlich der Kirche mit den zahlreichen Funden und Befunden kann im Rahmen dieses Beitrages nicht näher eingegangen werden. Der östliche Teil der Jakobi-Kirche mit dem Chorraum konnte nicht untersucht werden, da die Rautenstraße seit den 1950er Jahren über diesen Teil der ehemaligen Kirche verläuft. Beim Bau dieser Straße wurde keine Dokumentation angefertigt und auf Funde nicht geachtet (siehe Abb. 3).

Abb. 3 Nordhausen, St. Jakobi, Grabungsplan


1 Protokoll über die Sitzung der abschließenden Besprechung der städtischen Planung der Städte Frankfurt/Oder und Nordhausen (Stadtarchiv Nordhausen, S 2861).

2 Grabungsleiter war W. Müller; dem Team gehörten außerdem Frau Krüger sowie die Herren Eichhorn, Dienemann, Schubert, Schwarzenau, Sennewald und Tauchmann an. Vgl. den unveröffentlichten Grabungsbericht von W. Müller 1999: Grabungsbericht der Stadtkerngrabung Jakobi-Kirche. Nordhausen. Archiv TLDA, Weimar.

Quelle: Hans-Jürgen Grönke: Kirchenarchäologie in Nordhausen, Lkr. Nordhausen; der Beitrag wurde zwischenzeitlich unter dem Titel „Spurensuche in zerstörten Kirchen Nordhausens“ in der Harz-Zeitschrift 62, 2010, 206–223 veröffentlicht.

Abbildungsnachweise: Abb. 1: Sammlung Grönke; Abb. 2: Stadtarchiv Nordhausen; Abb. 3: Zeichnung: K. Bielefeld, TLDA Weimar, nach Vorlage von W. Müller; Titelfoto: Karin Spitschka

Literatur:
Abel, F. Th. C.1849: Die erste Jubelfeier der St. Jakobi oder Neustädter-Kirche zu Nordhausen, vollzogen am Kirchweihfeste, dem 14. Oktober 1849. Nordhausen.
Rein, S. 1993: Friedrich Christian Lesser (1692–1754), Pastor, Physicotheologe und Polyhistor. (Schriftenreihe der Friedrich-Christian-Lesser-Stiftung 1). Erfurt.