St. Nikolai (Marktkirche)

Die St. Nikolai-Kirche, aufgrund ihrer Lage auch Marktkirche genannt, war nach der Reformation die evangelische Hauptkirche der Stadt (Abb. 1). Bei den schweren Bombenangriffen am 3. und 4. April 1945 wurde sie total zerstört (Abb. 2). Nach dem Abriss der noch stehen gebliebenen Mauerreste wurde die Fläche zu einem Parkplatz umgestaltet. Von August 2008 bis Juni 2009 führte das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie die Ausgrabung auf dem ehemaligen Kirchengelände durch.1

Grund dafür war der Bau des Mehrzweckgebäudes mit einer Bibliothek. Urkundlich wurde die St. Nikolai-Kirche erstmals 1220 erwähnt (Schmidt 1887, 160). Da es von der Kirche keinen Grundriss gab, bestand nun die Gelegenheit, die Baugeschichte der Kirche konkreter zu fassen. Während der Ausgrabung konnten drei Bauphasen festgestellt werden (Abb. 3).

Das älteste Gotteshaus war eine einschiffige Hallenkirche mit Chor und Apsis. Die Länge der Kirche betrug in Ost-West-Richtung 25 m, Chor und Apsis waren 9,50 m lang. Die Breite in Nord-Süd-Richtung lag bei 11,40 m. Leider wurden beim Bau einer Toilettenanlage in den 1970er Jahren hinter dem alten Rathaus Teile der Grundmauern dieser ersten Kirche zerstört. Die noch erkennbaren Grundmauern hatten eine Stärke von 1,18 m und bestanden aus Gips-, Sand- und Kalksteinen. Im Chorbereich wurde nur noch eine Stärke von 1,05 m gemessen. Als Bindemittel im Fundamentbereich kam ausschließlich Lehm zur Anwendung. Bedingt durch das Anwachsen der Bevölkerung bzw. der Erweiterung der Stadt erfolgte zwischen 1220 und 1480 eine Erweiterung der Kirche. Angebaut wurden zwei Seitenschiffe mit einer Länge von 19,43 m. Als Baumaterial wurden Anhydrit-, Sand- und Kalksteine verwendet, die jetzt aber mit dem Gipsmörtel verbunden waren. Damit war das neue Gotteshaus eine dreischiffige Kirche, in der Säulen das Hauptschiff von den Seitenschiffen trennten. Zwei Kirchtürme im Westen waren der besondere Schmuck des Gotteshauses. 1612 brannten die Kirchturmhelme ab, wurden aber 1615/16 bereits wieder erneuert. Der Stadtbrand von 1710 verschonte auch die Kirche nicht, so dass sich J. H. Kindervater (1712, 107 f.) veranlasst fühlte, dazu Folgendes in seiner Feuerchronik zu notieren:


Abb. 1 Nordhausen, St. Nikolai und Rathaus (rechts) vor der Zerstörung


Abb. 2 Nordhausen, Ruine der St. Nikolai-Kirche

„Unter den Edifi ciis oder gemeinen Gebäuden, welche dißmahl zu Grunde gerichtet wurden, befand sich I. Die Haupt Kirche S. Nicolai, welche nicht allein ihres Daches und eusserlichen Zierde, sondern auch der schönen Thürme nebst allen Glocken, Cantzel, Altar so gäntzlich beraubet wurde.“ Seit diesem Brand besaß die St. Nikolai-Kirche keine Türme mehr. Die Fundamente der südöstlichen Sakristei, die durch den Bau des Übergangs vom Rathaus zum Stadthaus zerstört waren, konnten nicht dokumentiert werden.

Abb. 3 Nordhausen, St. Nikolai, Grabungsplan

Dagegen waren die Fundamente eines Anbaus (5,50 x 4,75 m) an der Südwestecke der Kirche noch gut zu erkennen. Vor dem Westgiebel lag das Fundament eines 4,54 x 4,05 m großen Stützpfeilers. Interessant ist die Tatsache, dass dieser Pfeiler an der Marktkirche auf keiner Zeichnung bzw. Fotografie zu sehen ist. Das Baumaterial für den letzten Kirchenbau, der im Prinzip bis 1945 sichtbar war, bestand im Fundamentbereich wieder aus Gips-, Sand- und Dolomitsteinen. In der Nordwand konnte im Fundament ein Gipsstein freigelegt werden, auf dem ein eingemeißeltes lateinisches Kreuz zu sehen ist und der wohl als Weihestein angesprochen werden kann. Unter dem Stein lagen keine Opfergaben. Unweit davon wurde der Fuß einer Säule geborgen, der von einem Vorgängerbau stammte und zuletzt als Werkstein verbaut worden war. Die Länge des letzten Kirchenbaus in Ost-West-Richtung betrug 46,34 m bei einer Breite von 22,88 m. Die südlichen Fundamente hatten eine Stärke von 2,38 m, die der nördlichen Grundmauern nur 1,21 m. Bei den Untersuchungen im Kirchenschiff konnten mehr als 150 Gräber freigelegt werden. Die ältesten Bestattungen waren sog. Steinkistengräber aus dem 12. Jahrhundert. Sie waren alle in Ost-West-Richtung angelegt und an ihrem westlichen Ende mit Kopfnischen versehen. Die Länge dieser Gräber reichte von 1,67 m bis 2,10 m, die Breite differenzierte zwischen 0,63 m und 0,97 m. Für die Steinsetzung wurden Kalk- und Sandsteine verwendet, die mit Lehm bzw. Gipsmörtel verbunden waren. Im Befund 41 bestand der Boden des Kopfnischengrabes aus einer Art Gipsestrich. Neben den Steinkistengräbern mit Kopfnischen gab es auch Gräber, bei denen die Toten direkt in den anstehenden Lössboden beerdigt worden waren. Der Kopfbereich war dabei etwas eingezogen (Befund 47). In solch einem einfachen Kopfnischengrab (Befund 50) lag ein Gegenstand aus Eisen, dessen Identität noch untersucht werden muss. Die vorgefundenen Grüfte waren aus Ziegelsteinen errichtet und z. T. mit Gipsmörtel verputzt. Zwei einlagige Reihen von Ziegeln am Boden dienten auch hier als Auflage für den Sarg. Eine Gruft war durch eine Zwischenwand geteilt, so dass sie zwei Bestattungen enthielt. Im Durchschnitt hatten die Grüfte eine Länge zwischen 1,15 m und 2,35 m, und eine Breite von ca. 1 m. Die Höhe betrug im Durchschnitt 0,75 m. Im Grab Befund 48 lag der Kopf des Bestatteten auf einer Schieferplatte. Welche Bewandtnis die 13 cm dicke Gipsschicht über einer Bestattung hatte, bleibt wahrscheinlich unklar. Zahlreiche Personen waren nur in Leinen bestattet worden. Alle geborgenen Skelette wurden aufbewahrt und sollen später auf dem Friedhof wieder in würdiger Form beigesetzt werden. Einige Bestattungen wurden bereits anthropologisch untersucht. Dazu gehört das Kindermassengrab Befund 19, das außerhalb der südlichen Außenmauer lag. Hier waren 19 Kinder beigesetzt. Ihre Körper lagen in ausgestreckter Rückenlage in Ost-West-Richtung. Reste von Stoffen deuten darauf hin, dass die Verstorbenen in Leinentüchern beerdigt worden waren. Da der Pfarrer der St. Nikolai-Kirche auch für das Waisenhaus zuständig war, könnte eine Epidemie im Waisenhaus als Todesursache angesehen werden. Näher untersucht wurde auch das Grab Befund 12, bei dem es sich um die Bestattung einer schwangeren Frau handelte. Wahrscheinlich im Wochenbett verstarb eine Frau, in deren Schoß ein Kind lag. Im Gegensatz zu den Ausgrabungen in der Frauenbergkirche, der St. Jakobi-Kirche bzw. der St. Petri-Kirche fand man in der St. Nikolai-Kirche zahlreiche Münzen, so u. a.

  • drei Brandenburger Denare, geprägt zwischen 1280 und 1330
  • Silberpfennig, Bistum Bamberg, Anton von Rothenau, 1431–1459
  • Löwenpfennig, Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht von Sachsen, 1482–1485
  • Löwenpfennig, Silbermünze, 1482–1492
  • Silbermünze, Schwarzburg-Blankenburg, Günter XXXIX., 1493–1531
  • Maximilian I. von Bayern, 1632
  • Bistum Bamberg, Marquardt Sebastian Schenk von Stauffenberg, 1683–1693
  • Silberpfennig, Brandenburg-Bayreuth, 1714

In einigen Grüften und Gräbern konnten Teile der Bekleidung, wie Stoff- und Lederreste, Knöpfe, Schnallen, verzierte und unverzierte Bronzenadeln, Perlen, Haarnadeln aus Bronze, Stecknadeln, eine Kette mit 62 Bernsteinperlen aus dem 16./17. Jh., ein Amulett, ein eiserner Schlüssel, 25 patinierte kugelförmige Ösenperlen, ein Apothekerfläschchen aus Glas und ein Manikürbesteck aus Schildpatt geborgen werden. Den Verstorbenen der Gruft Befund 67 wurde die Totenwaschschüssel zusammen mit einem Silberpfennig aus dem Jahre 1714 ins Grab gegeben. Zwei Bruchstücke von Epitaphien lagen in den Grüften Befund 53 und 87. Aus der Gruft Befund 52 wurde das Fragment einer Grabplatte aus rotem Sandstein geborgen. Die Schrift sowie ein Wappen waren sehr stark abgetreten. Die Gruft war alt beräumt und auf der Sohle lagen zwei Teile eines bronzenen Fingerringes. Eine Besonderheit stellten die Befunde 97, 125 und 130 dar. In diesen Gräbern lagen goldene Fingerringe (Eheringe) und Ringe mit Edelsteinen. In dem Ehering von Befund 97 sind die Buchstaben „E*P*M*B Anno 1616“ eingraviert. Auf dem Finger steckte noch ein Goldring mit einem Smaragd und ein weiterer mit einem Türkis. Alle diese Steine waren gut erhalten. Im Grab Befund 125 lag ein goldener Ring, von dem allerdings der Edelstein verloren gegangen war. Im Grab Befund 130 trug der Bestattete zwei Goldringe, von denen der eine mit der Gravur „MCS 1663“ versehen ist und der andere einen Türkis und eine Grubenschmelzeinlage besitzt. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass durch die Ausgrabung die drei Bauphasen gut dokumentiert werden konnten. Im Gegensatz zu den anderen Kirchengrabungen erbrachten die Untersuchungen an der Marktkirche St. Nikolai zahlreiche Einzelfunde von Bekleidungen bis hin zu Gold- und Edelsteinringen. Die große Zahl der wertvollen Beigaben untermauert die besondere Stellung der Kirche in der Stadt, in der zahlreiche Pfarrer, Ratsherren und Bürgermeister ihre letzte Ruhestätte fanden.

1 Vgl. den unveröffentlichten Grabungsbericht von P.-M. Sukalla 2009: Stadt Nordhausen, Grabungsbericht Neubau Mehrzweckgebäude Kornmarkt, Grabung ehemalige Kirche „St. Nikolai“. Nordhausen.

Quelle: Hans-Jürgen Grönke: Kirchenarchäologie in Nordhausen, Lkr. Nordhausen; der Beitrag wurde zwischenzeitlich unter dem Titel „Spurensuche in zerstörten Kirchen Nordhausens“ in der Harz-Zeitschrift 62, 2010, 206–223 veröffentlicht.

Abbildungsnachweise: Abb. 1: Sammlung Grönke; Abb. 2: Stadtarchiv Nordhausen; Abb. 3: Zeichnung: K. Bielefeld, TLDA Weimar, nach Vorlage von P.-M. Sukalla;

Literatur:
Kindervater, J. H. 1712: Curieuse Feuer- und Unglücks-Chronica … Nordhausen.
Schmidt, J. 1887: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Nordhausen. Halle.