Die ehem. St. Petri-Kirche zu Nordhausen

Von Oktober 2002 bis Mai 2003 konnte im Auftrag des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie unter Leitung von J. Wüstemann die ehemalige St. Petri-Kirche und deren Umgebung archäologisch untersucht werden.1

Dabei ging es vor allem darum, die einzelnen Bauphasen der Kirche bis 1945 zu erkunden. Die bis zur Zerstörung vorhandene Kirche lag 214 m ü. NN auf dem Petersberg und überragte alle anderen Kirchen (Abb. 1 u. 2). Friedrich II. unterstellte sie 1220 dem Domstift, d. h. zu diesem Zeitpunkt bestand bereits eine Kirche auf dem Berg. In zwei Diplomen, vom 1. April 1219 und 27. Juli 1220, verkündet und vollzieht Kaiser Friedrich II. die Umwandlung des Nonnenstiftes in ein weltliches Chorherrenstift, wobei er die Verluste des Stiftes durch die Übertragung einiger dem Reich gehörender Kirchen, z. B. der St. Petri-Kirche (beati Petri in monte civitatis ipsius) auszugleichen versuchte (Wand 2006, 75 f.). 1150 kamen auf Veranlassung von Konrad III. Siedler aus Flamen in die Goldene Aue und siedelten sich auch um den Petersberg an. Als Vleminger wurden sie 1350 in den Stadtstatuten bezeichnet und gehörten wahrscheinlich damit zu den Gemeindemitgliedern der St. Petri-Kirche. Der Südhang des Petersberges wurde früher als Loesberg bezeichnet, ein Hinweis darauf, dass hier im Mittelalter das Land gericht „Lanthting“, das oberste Gericht im Helmegau unter Leitung der Grafen von Klettenberg, die hier zwischen Petersberg und Loesberg einen festen Grafenhof hatten, abgehalten wurde (Silberborth 1940, 89). Zu Beginn der archäologischen Untersuchung wurde eine ca. 0,50 m starke Auffüllung abgetragen. Danach konnten die ersten Mauerzüge freigelegt werden. Erschwerend war dabei die Tatsache, dass das Kirchenschiff durch mindestens zwei Bomben getroffen worden war und die Bombentrichter später mit Bauschutt verfüllt wurden. Bei der Ausgrabung kamen zuerst die Grundmauern der bis 1945 bestehenden Kirche zutage. Danach erfolgte die Freilegung der Mauerzüge vom ersten Kirchenbau (Abb. 3).


Abb. 1 Nordhausen, St. Petri-Kirche vor der Zerstörung


Abb. 2 Nordhausen, Ruine der St. Petri-Kirche


Abb. 3 Nordhausen, St. Petri, Grabungsplan

Diese Kirche bestand nur aus einem 10 m langen und 9 m breiten großen Saal. Kurze Zeit später wurde der Saal durch einen rechteckigen Chor von 5,40 m Länge und 7 m Breite mit einer Apsis von 5,50 x 3 m erweitert. Das Fundament des Chorraumes bestand aus trocken verlegten Sandsteinplatten. Das Südfundament war in einem Fischgrätmuster errichtet. Die Fundamente der Südwand des romanischen Saales besaßen eine Stärke von 1,20–1,50 m und bestanden aus Sandsteinen, die mit einem grau-weißen Mörtel verbunden waren. Die Fundamenttiefe betrug 1 m. Der Grundriss von St. Petri entspricht vergleichbaren Kirchen in Thüringen. R. Müller (2001, 24 ff.) datiert diesen Kirchentyp frühestens in die zweite Hälfte des 11. Jh., so dass man auch bei der St. Petri-Kirche von einer Erbauung im 12. Jh. ausgehen kann. Untermauert wird die Hypothese durch ein Steinplattengrab mit Kopfnische, das nördlich des Chores lag. Die Ost-West ausgerichtete Grabkammer besaß eine Länge von 2 m sowie eine Breite von 0,60 m und bestand aus aufrecht stehenden Sandsteinplatten. Die nördlichen Platten waren leicht nach innen gekippt, die Kopfnische wurde durch doppelt gestellte Sandsteinplatten gebildet. Die bestattete Person lag in gestreckter Rückenlage mit angelegten Armen, leider waren die Skelettteile schon sehr stark zerfallen. Beigaben konnten nicht festgestellt werden. Ein weiteres Kopfnischengrab (Befund 38), dessen aufrecht stehende Steinplatten vermörtelt waren, besaß eine dünne Estrichschicht auf der Grabsohle. Da das Grab durch eine Mauer des südlichen Seitenschiffes überbaut war, konnte seine Länge nicht festgestellt werden. Die Breite des Grabes lag bei 0,45 m und die Kopfnische war 0,25 m breit. Auch dieses Grab enthielt keine Beigaben. Das Fundament der romanischen Apsis bestand im unteren Teil aus trocken verlegten Sandsteinplatten, darüber lagen dann die Sandsteine in einem hellgrauen Mörtelbett. Die Fundamentstärke lag bei 1 m und reichte bis 0,90 m in den anstehenden Boden. Mit dem Anwachsen der Petri-Gemeinde war auch eine Erweiterung des Gotteshauses notwendig. Die romanische Apsis wurde entfernt und durch einen rechteckigen Chor auf 10 x 10 m vergrößert. Die Fundamente des neuen Chores bestanden im unteren Teil aus unbehauenen Sand- und Kalksteinen, die Mauerstärke lag bei ca. 2 m. Über dem Trockenfundament waren unbehauene Steine in einem sandigen hellbraunen Mörtel verlegt worden. Unter dem Fundament an der Südostecke des Chores lagen Teile einer Bestattung. Dies zeigt an, dass sich hier vor der Erweiterung der Kirche der Friedhof befand. Die Vergrößerung der Kirche steht im Einklang mit den Aussagen von R. Müller (2001, 24 ff.), wonach zwischen 1250 und 1300 die halbrunden Apsiden verschwanden und durch Rechteckchöre ersetzt wurden. Wahrscheinlich auch aus statischen Gründen reichten die Grundmauern des Rechteckchores ca. 30–40 cm tiefer in den anstehenden Boden als die Fundamente des romanischen Chores mit Apsis. Wohl in Verbindung mit dem Bau des Kirchturmes im Jahr 1362 wurde das Mittelschiff durch zwei Seitenschiffe erweitert, deren Fundamente 2 m in den Boden reichten. Auch hier wurden Sand- und Kalksteine verbaut, die mit einem hellgrauen Gipsmörtel verbunden waren. Der Fund einer Münze, ein halber Hohlpfennig aus Schwarzburg/Arnstadt, aus dem Abbruchgraben der romanischen Seitenwand belegt, dass der Beginn des Turmbaus und der Bau der Seitenschiffe relativ zeitgleich erfolgten. Das nördliche Seitenschiff schloss sich an den Turm an und wurde von zwei Arkadenbögen vom Mittelschiff getrennt, wobei der Mittelpfeiler auf der Nordwand des romanischen Saales stand. Analog dazu stand auch der Mittelpfeiler des südlichen Seitenschiffes auf den Grundmauern des romanischen Saales. J. Schmidt (1887) ging davon aus, dass an der Südseite der Kirche ursprünglich ein zweiter Turm nach dem Vorbild der St. Blasii- und St. Nikolai-Kirche geplant war. Diese Vermutung konnte aber durch die Grabung nicht bestätigt werden. Es wurden keinerlei Fundamentreste für einen zweiten Turm gefunden. Die Grundmauern der Sakristei aus dem Jahre 1457 wurden freigelegt und konnten dokumentiert werden. Sie bestanden aus Kalk- und Sandsteinen, die mit einem grau-weißen Gipsmörtel vermauert waren. Die Nordwand der Sakristei hatte eine Stärke von 1,60 m, die Ostwand war dagegen nur 1 m stark. Das Fundament einer Zwischenwand in der Sakristei reichte nur 15 cm in den Kiesboden. Im 17. Jh. erfolgte der Einbau von Emporen in die Kirche. Unterschiedliche Fundamentquader (1,20 x 1,20 m) dienten als Auflage für die Holzpfeiler. Sie bestanden aus Sand- und Kalksteinen, die mit einem grau-weißen Gipsmörtel verbunden waren und reichten bis zu 0,90 m in den anstehenden Kies. Im Befund 16 wurde die obere Hälfte einer gotischen Grabplatte als Fundament mitverbaut. Gegen Ende des 19. Jh. erfolgte der Abriss des Emporenaufgangs aus dem 17. Jh. durch den Einbau eines massiven neuen Aufgangs. Die im Kirchenraum festgestellten Gräber wurden nur dokumentiert, auf eine Freilegung wurde verzichtet, da sie durch die geplanten Baumaßnahmen nicht gefährdet waren. Neben der bereits genannten Münze konnten weitere Geldstücke geborgen werden, die aber keinem Befund zuzuordnen waren, so u. a. ein Pfennig des 15. Jh. aus der Kurpfalz, ein halber Kreuzer des 17. Jh. aus Bayern sowie ein Schüsselpfennig von 1683 aus der Münzstätte in Klettenberg.2
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass bei der Ausgrabung mindestens fünf Bauphasen nachgewiesen werden konnten. Die ältesten Grundmauern stammten von dem 10 x 9 m großen Kirchenraum. Schon bald danach wurde das 21 x 10,50 m große Gotteshaus mit einem eingezogenen Chor und halbrunder Apsis errichtet. Im 12. Jh. erfolgte der Abriss der Apsis und es wurde ein rechteckiger Chor errichtet. In der zweiten Hälfte des 14. Jh. kam es zur Erweiterung der Kirche durch den Anbau der Seitenschiffe. 1362 begann der Bau des Kirchturmes und 1457 erfolgte der Bau der Sakristei. Im 19. Jh. erfolgte schließlich der Bau des Aufgangs zu den Emporen an der Südseite der Kirche.

1 Vgl. den unveröffentlichten Grabungsbericht von J. Wüstemann 2003: Grabungsbericht St. Petri-Kirche. Nordhausen. Archiv TLDA, Weimar.
2 An dieser Stelle sei Herrn P. Lauerwald (Nordhausen) gedankt, der zahlreiche Münzen der Ausgrabungen in dankenswerter Weise bestimmt hat.

Quelle: Hans-Jürgen Grönke: Kirchenarchäologie in Nordhausen, Lkr. Nordhausen; der Beitrag wurde zwischenzeitlich unter dem Titel „Spurensuche in zerstörten Kirchen Nordhausens“ in der Harz-Zeitschrift 62, 2010, 206–223 veröffentlicht.

Abbildungsnachweise: Abb. 1: Sammlung Grönke; Abb. 2: Stadtarchiv Nordhausen; Abb. 3: Zeichnung: K. Bielefeld, TLDA Weimar, nach Vorlage von J. Wüstemann; Titelfoto: Detlef Tront

Literatur:
Müller, R. 2001: Mittelalterliche Dorfkirchen in Thüringen dargestellt anhand des Gebietes des ehemaligen Archidiakonats St. Marien zu Erfurt. (Arbeitshefte des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege N. F. 2). Erfurt.
Schmidt, J. 1887: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Nordhausen. Halle.
Silberborth, H. 1940: Geschichte des Helmegaus. Nordhausen.
Wand, A. 2006: Das Reichsstift „Zum Heiligen Kreuz“ in Nordhausen und seine Bedeutung für die Reichsstadt 961–1810. (Schriftenreihe der Friedrich-Christian-Lesser-Stiftung 17). Heilbad Heiligenstadt.