Die St. Andreas-Kirche zu Tettenborn

 

Predigt zu 400 Jahre St. Andreas zu Tettenborn
am 24. August 2008
von Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber


Text: Matthäus, 7, 24-27

Liebe Gemeinde!
Gut 800 Jahre gibt es im Südharz die christliche Gemeinde und mit ihr auch in Tettenborn eine Gottesdienststätte. Die Zisterzienser haben von Walkenried - ihrem Klostersitz - zur Kultivierung der Region beigetragen. Betend und arbeitend, ora et labora, so haben sie ihre christliche Existenz gestaltet. Sie wussten, dass Arbeiten allein das Leben verkümmern läßt, sie wollten aber auch keine spirituelle Lebensform fern der praktischen Lebensvollzüge gestalten und haben deswegen immer ihre körperliche Arbeit als Gottesdienst verstanden.
Unsere Kirchen, ihre Andreaskirche hier in Tettenborn steht für diesen Zusammenhang. Christen versammeln sich in ihnen, um Gott zu danken, ihn zu loben, in der Fürbitte das vor ihn zu bringen, was ihr Leben und das Leben in der Welt und Kirche beschwert. Und sie gehen von hier getröstet und gestärkt zurück in ihren Alltag. Gott sei Dank, dass dies durch die Jahrhunderte so war.
Als vor mehr als 400 Jahren der Vorläuferbau der jetzigen Kirche arg marode war, haben sich Ihre Vorfahren aufgemacht, die Kirche zu renovieren. Damals wurden Dach und Innenraum erneuert und diese wunderbare Empore eingebaut. Sie haben eine schöne Kirche, eine liebevoll gepflegte dazu. Natürlich hat sie all die Umbrüche der Jahrhunderte miterlebt. Auch die Konfessionsunion, die im 19. Jahrhundert in Ihrer Gemeinde vollzogen wurde. Tettenborn gehörte ja früher zum Gebiet des heutigen Landes Sachsen-Anhalt. Und die evangelische Gemeinde war eine Gemein der heutigen Kirchenprovinz–Sachsen. Sie haben immer wieder erlebt, was es bedeutet, Gemeinde im Grenzland zu sein. Umgegliedert wurden Sie nach dem zweiten Weltkrieg, kirchliche zunächst dem westfälischen Kirchenkreis Herford als einer unierten Schwesterkirche zugeordnet. Die Grenze in ihrer ganzen Brutalität hautnah, Flüchtlingsschicksale miterlebend und selber abgeschnitten von denen, die zu Ihnen gehörten – so haben Sie diese Jahre erlebt. Das Museum in Ihrem Ort erinnert an diese Zeit.
Die Kirchen haben versöhnend gewirkt, schon vor dem Fall der Mauer. Es gab Begegnungen und partnerschaftlichen Austausch, den konnte eine Staatsmacht, die den Atheismus in ihrem Programm hatte, nicht verhindern. Aber die Mauer und der Stacheldraht mit den Schießanlagen und Wachtürmen hat das Grenzland schon verändert. Nicht nur hier bei Ihnen auch andernorts in unserer Landeskirche, sie haben das Land auf beiden Seiten verändert. So leiden wir unter den demographischen Folgen, die besonders in diesen Regionen zu spüren sind und eben damit zusammenhängen, dass junge Menschen fortgezogen sind, weil sie hier keine Arbeitsplätze fanden, keine Zukunft mehr für sich sahen. Um so dankbarer bin ich für das treue Wirken und für die kraftvolle Präsenz der Menschen in unseren Kirchengemeinden, die dazu führten und führen, dass das Leben in dieser landschaftlich so schönen Region lebenswert blieb und bleibt.
Gewiss, Sie haben viele Änderungen ertragen müssen: Nach der Wende die Einbindung in die braunschweigische Landeskirche, bis vor wenigen Wochen noch seelsorgerlich begleitet von einem westfälischen Pfarrer und nun die Zuordnung Ihrer Gemeinde zum Pfarramt in Wieda und damit die Aufgabe des Pfarrsitzes und des Pfarrhauses. Es sind Veränderungen, die schmerzen und die auch von der Landeskirche nur sehr ungern angegangen worden sind.
Um so dankbarer bin ich, dass Sie diesen Prozess in so konstruktiver Weise mittragen. Ich hoffe jedenfalls, dass wir in absehbarer Zeit die im Augenblick vakante Stelle wieder besetzt haben. Dem Kirchenvorstand, der Küsterin, dem Organisten und dem Vakanzvertreter, Herrn Pfarrer Reinhardt aus Walkenried danke ich für das außerordentliche Engagement in der Übergangszeit.
In Ihrer Gemeinde wird gebaut, nicht mit Stein und Mörtel, sondern auf dem Grund der Treue Gottes, von der in jedem Gottesdienst die Rede ist. Es wird gebaut, damit das Leben, das des Einzelnen und das der Gemeinschaft gelingt.
Ich lese den Predigttext aus Matthäus 7:
"Wer meine Worte hört und sich nach ihnen richtet, ist wie ein Mann, der überlegt, was er tut, und deshalb sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht, die Flüsse über die Ufer treten und der Sturm tobt und an dem Haus rüttelt, so stürzt es nicht ein, weil es auf Fels gebaut ist.
Wer dagegen meine Worte hört und sich nicht nach ihnen richtet, kommt mir vor wie ein Dummkopf, der sein Haus auf Sand baut. Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht, die Flüsse über die Ufer treten, der Sturm tobt und an dem Haus rüttelt, so stürzt es ein und der Schaden ist groß.“
Wir Menschen sind alle am Bauen. Das ist unsre Bestimmung, denn Leben heißt bauen. Von den ersten Atemzügen an, die ihr getan habt und die wir alle getan haben, gleicht unser Leben einer Baustelle. Die Liebe der Mutter und die Fürsorge des Vaters haben die ersten Steine aufeinandergesetzt und in den beginnenden Bau unsres Lebens eingefügt. Die Kindergärtnerin, die Lehrer in der Schule - sie alle haben weitergebaut an dem, was die Eltern und Angehörigen begonnen haben.
Unser ganzes Leben gleicht im Grunde einem Haus, an dem Tag für Tag gebaut wird. Der eine bringt es mit dem Bau seines Lebens vielleicht zu einem weithin sichtbaren, viel beachteten und bestaunten Bauwerk, um das ihn viele beneiden. Das Lebenswerk eines andern ist dann eher mit einem schlichten und bescheidenen Reihenhäuschen zu vergleichen, das nicht in die Augen fällt, sondern ganz unauffällig in der Reihe bleibt und nicht besonders beachtet wird. Ein Haus, wie es viele andere gibt.
Wie weit wir es mit unsrem Leben einmal bringen werden - wir alle, Junge und Alte, Konfirmanden und Eltern sind von Jesus in diesem Gleichnis als Bauherren angesprochen. Wir bauen unablässig auf der Baustelle unsres Lebens, mit jedem Gedanken, den wir fassen, mit jedem Handgriff, den wir tun, bis wir einmal am Ende unsrer Tage das Werkzeug aus der Hand legen und der Bau eingestellt wird. Zwei Grundregeln für den Bau unsres Lebens und des Lebens in der Gemeinde will Jesus uns nun in diesem Gleichnis einprägen.

1. Nicht auf Flugsand bauen!
Wir alle bauen am Haus unsres Lebens. Das ist eine fröhliche Sache, bei der wir mit ganzem Herzen dabei sind. Aber nun kommt in das Gleichnis ein ausgesprochen ernster Zug hinein: „Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht, die Flüsse über die Ufer treten, der Sturm tobt und an dem Haus rüttelt . . ." Jesus redet hier von den Krisen, die es im Leben gibt, von den Stürmen, die unser Lebensgebäude zu bestehen hat. So wie über ein Haus Stürme und Hagelwetter, Sturzfluten, Blitze und Donner herniederbrechen können, so gibt es viele Arten von Krisen, die unser Leben zu bestehen hat: persönliche und berufliche, familiäre und wirtschaftliche, gesundheitliche und Glaubenskrisen. Kein Menschenleben bleibt von solchen Krisen verschont, und es wäre oberflächlich und leichtsinnig gehandelt, wenn wir diese Möglichkeiten unsres Lebens einfach aus unserem Denken und Planen ausblenden wollten.
Im Augenblick der Krise kommt heraus, ob das Bauwerk unsres Lebens richtig angelegt, ob es solide gegründet ist, ob wir beim Bauen nur an die Fassade oder ob wir auch ans Fundament gedacht haben. Denn in der Krise bricht die Fassade zusammen. Hier trägt allein ein gutes Fundament.
Und genau an dieser Stelle scheiden sich in dem Gleichnis Jesu die Wege. Zwei Möglichkeiten des Bauens werden aufgezeigt.
Der eine Bauherr hat überlegt gehandelt, der andere wird ein Dummkopf genannt. Der eine hatte sein Haus auf felsigen Untergrund gestellt, also auf ein stabiles, zuverlässiges, krisenbeständiges Fundament. Das Haus des andern aber stand auf einem Untergrund aus Flugsand. Er hatte sein Haus nur fürs Auge gebaut. Gewiss, es war ein Gebäude mit imponierender Fassade, aber es hatte einen entscheidenden Fehler: der Hausherr hat am Fundament gespart. Das sieht man ja nicht, hat er vielleicht gedacht, denn es steckt tief im Erdreich. Und darum, eben darum stürzte es im Augenblick der Krise zusammen.
Und nun müssen wir schnell einmal an all die Zusammenbrüche denken, die es heute unter den Menschen in so großer Zahl gibt: nervliche und körperliche Zusammenbrüche, finanzielle und wirtschaftliche. Und am Ende steht dann die große Ratlosigkeit: wozu eigentlich weiterleben? Mein Leben ist falsch angelegt. Das Fundament trägt nicht.
Jesus sagt uns allen: Baut das Haus eures Lebens nicht auf Flugsand! Nicht auf den Flugsand von Ehrgeiz und Karrieredenken, von Reichtum und Besitz, von Erfolg und Ansehen.
Nur nicht auf Flugsand bauen.
Die Krise bringt es an den Tag, auf welchen Grund wir unser Leben gestellt haben. Viele Lebensbauwerke sind schon zusammengestürzt, weil sie in der Situation der Krise unterhöhlt und am Fundament zerstört worden sind. Das zeigen deutlich die vielen gestrandeten Menschenleben, die gescheiterten Ehen, die zerstörten Familien. Viele Lebensruinen, manches einst so stolze und nun vom Einsturz bedrohte Lebenswerk sind dafür Zeugen, daß der Sand des Vergänglichen ein Leben nicht tragen kann. Darum: nicht auf Flugsand bauen!
Was aber dann?

2. Auf den Felsen vertrauen!
„Wer meine Worte hört und sich nach ihnen richtet, der ist wie ein Mann, der überlegt, was er tut."
Martin Luther hat übersetzt: "Der ist ein kluger Mann." Die Rede Jesu haben beide gehört, der Kluge und der Törichte. Aber sie haben verschieden zugehört. Das Hören allein tut's ja nicht. Nur solche Menschen, die das Wort aufnehmen und ihr Leben danach richten, stellen ihr Leben auf festen Grund. Sie allein bauen krisenfest. Denn das sagt uns Jesus in aller Deutlichkeit, daß Himmel und Erde vergehen, aber seine Worte in Ewigkeit bestehen bleiben. Und weil Jesus selbst in seinem Wort ist, heißt: sein Wort annehmen - ihn selbst annehmen. Wir sind also eingeladen, mit Jesu Wort, und das heißt mit ihm selbst zu leben, in die Lebensgemeinschaft des Gekreuzigten und Auferstandenen einzutreten, uns ihm anzuvertrauen für die ganze Lebensfahrt, mit ihm zu rechnen, mit ihm alles zu besprechen, von ihm alles zu erbitten und zu erwarten.
Seine Worte hören und sich danach richten, das heißt nun ganz praktisch, Gottes Gebot gehorsam zu sein und nach Gottes Willen und Ordnung leben, auch dann, wenn andere Menschen das nicht recht verstehen wollen, wenn sie einen für rückständig oder beschränkt halten. Gottes Gebote wollen ja unseren Lebenshorizont nicht verdüstern. Sie wollen unseren Lebensraum nicht beengen. Nein, sie sind gute Ordnungen, die uns helfen, das Leben in all seiner Kompliziertheit zu bewältigen. Gott hat ein Interesse daran, daß aus unserem Leben, etwas Rechtes wird. Er will, daß wir ein erfülltes Leben haben. Und ein erfülltes Leben hat man nicht dann, wenn einem alle Wünsche erfüllt worden sind.
Jesus Christus möchte uns dahin bringen, daß wir am Ende sagen könnt: mein Leben vor Gott und den Menschen hat sich gelohnt. Dahin, daß andere Menschen dankbar sind für das, was sie von uns an Gültigem und Bleibendem, an Anstößen für das Ewige empfangen haben.
Wer nur an sich selber denkt, wer nur für sich selber lebt, geht am Ziel seines Lebens vorbei. Der hat sein Leben auf sandigen Boden gebaut.
Der Kirchenbau in Tettenborn ist seit 400 Jahren Zeichen dieses Wollen für andere. Er ist ein Zeichen dafür, daß die evangelische Kirchengemeinde sich nicht in den Winkel zurückzieht, wo sie manche gerne hätten. Er ist ein Zeichen dafür, daß es hier Menschen gab und gibt, die leben und praktizieren, warum es gut ist, sich auf Jesus zu verlassen.
Wer sich ihm anvertraut und sein Wort ernstnimmt, dessen Leben hat zuverlässigen Grund. Jesus will, daß wir seiner Zusage Glauben schenken und sein Wort ausprobieren:
Nicht auf Flugsand bauen - dem Felsen vertrauen!
Und wer ist dieser Fels anders als er selbst, Jesus Christus? Von ihm heißt es in einem Lied: „Er ist ein Fels und sichrer Hort und Wunder sollen schauen, die sich auf sein wahrhaftig Wort verlassen und ihm trauen.“
Ich wünsche uns allen solches Vertrauen, es wird unser Leben reich machen und uns stärken für den Dienst in der Welt.

Amen