Die Kirchenruine der Wüstung Vockenrode

1888 schrieb Karl Meyer in der Zeitschrift des Harz-Vereins für Geschichte und Altertumskunde:

[...] Seitwärts am Rande des Gebüsches erhebt sich das altersgraue Gestein einer Wand, die dem Kirchturme des einst hier gelegenen Dorfes Vockenrode angehört hat. Dasselbe hat weder dem Fleglerkriege 1412, noch dem dreißigjährigen Kriege seine Zerstörung zu verdanken, wie oft erzählt wird. Hören wir, was die Geschichte von dem Dörfchen Vockenrode (welches aus 23 Häusern bestanden haben soll) meldet:
Die älteste Nachricht über das Pfarrdorf Vockenrode stammt aus dem Jahre 1253, wo Graf Heinrich von Honstein der Kirche in Vockenrode jährliche Kornzinsen aus Uftrungen schenkte. 1 Bereits oben teilten wir mit, daß Fürst Otto von Anhalt 1313 das Patronatsrecht der Kirche in Vockenrode an das Kloster Ilfeld geschenkt und daß 1318 sein Erbe, Graf Bernhard von Anhalt, und der Pfandinhaber der Burg Ebersberg, Ritter Ulrich von Sangerhausen, ihren Konsens dazu gegeben haben. Die Schenkung der Kirche zu Vockenrode an Kloster Ilfeld wurde 1318 durch den Diozesanbischof, Erzbischof Petrus von Mainz, genehmigt, und der Dekan Friedrich des Nordhäuser Domstifts mit der Ordnung des Verhältnisses zwischen dem Kloster Ilfeld und dem Pfarrer zu Vockenrode, dem ein auskömmliches Jahreseinkommen zu sichern sei, beauftragt. Nachdem die Burg Ebersberg und das zu ihrem Zubehör gehörige Dorf Vockenrode 1326 in das Eigentum der Grafen von Stolberg übergegangen waren, entstanden Streitigkeiten zwischen dem Kloster Ilfeld und den Grafen von Stolberg, welche 1335 beigelegt wurden. Die Grafen von Stolberg bekunden, sich mit dem Kloster Ilfeld inbetreff des lange streitig gewesenen Patronatsrechtes über die Kirche in Vockenrode gütlich vereinigt zu haben, dergestalt, daß sie der Kirche und ihrem Pfarrer jährlich 14 Marktscheffel zu entrichten sich verpflichten, so daß ihnen, den Grafen, nur 8 Marktscheffel verblieben. 2 (Es werden diese 28 Marktscheffel diejenigen sein, welche 1253 Graf Heinrich von Honstein der Vockenröder Kirche zu Hufen zu Uftrungen geschenkt hat.) 1354 und 1361 erscheint der Pfarrer Albertus in Vockenrode in Stolberger Kirchen-Urkunden: 1354 „Herre Albrecht pfarrer zu Vockenrode,“ 1361 „dominus Albertus plebanus in Vockenrode.“ 1423 ist „Theodoricus Zeabell Pfarrer zu Vockenrode,“ „Theodoricus ißunt pferner zu Vockenrode.“ (Sein Vater Johann Zabel war 1417, wie oben erwähnt, Burgvogt auf Ebersburg.) Zum letzten Mal wird das Dorf 1436 genannt, wo Graf Botho von Stolberg bestimmt, daß mit den anderen Pfarrern des Stolbergischen Harzes auch der Pfarrer zu Vogkenrode zwei mal jährlich nach Stolberg zur Pfarrer-Konferenz kommen soll. 3 Vockenrode scheint im Herbste 1437 durch die Raubscharen des Bischofs Burchard von Halberstadt, welche das Stolberger Land arg heimsuchten, verwüstet zu sein. Die Pfarre wurde nach Zerstörung des Dorfes Vockenrode nach dem bisherigen Filialdorfe Hermannsacker verlegt. Nach einer im dortigen Pfarrarchive befindlichen Urkunde stellt 1615 das Kloster Ilfeld (als Patron) der Pfarre „zum Hermanns-Acker“ eine neue Verschreibung aus über die jährlichen Kornzinsen aus Uftrungen, welche von Alters her zur Kirche in Vockenrode gehört, aber nach Zerstörung dieses Dorfes der bisherigen Tochterkirche zum Hermannsacker übertragen sind. Unter den Urkunden des Klosters Ilfeld findet sich noch eine ältere Beschreibung über diese von der Vockenröder auf die Hermannsackerer Kirche übertragenen Kornzinsen aus Uftrungen; sie stammt vom Donnerstage nach Deuli (21. März) 1560 und lautet:
„M(agister) Michael Neander und Wilhelm Wille, Rektor und Verwalter des Klosters und Stifts Ilfeld, bekennen, daß Er Jakob Lüder, Pfarrherr, und die Altarleute zu Hermannsacker eine Verschreibung des Grafen Heinrichs von Hohnstein vom Jahre 1253 gehabt, in welcher ausdrücklich die jährlichen Kornzinsen verzeichnet standen, welche ehemals der Kirche Vockerrode, dann aber der zu Hermannsagker zugeordnet und zur Unterhaltung der Pfarrei daselbst gehörig sind. Weil aber dieser 307 Jahre alte Brief etwas schadhaftig, wandelbar und unleserlich geworden, jene Zinsen und Hufen, von denen sie fallen, vom Stifte Ilfeld zu Lehen gehen, auch in dessen alten Erbregistern sich ausführlich eingetragen finden, so daß sie mit Graf Heinrichs von Hohnstein Brief dar übereinstimmen: erneuern wir M. Neander und Wilhelm Wille das Verzeichnis dieser Kornzinsen aus Uftrungen und verlehnen die Kirche und Pfarrei Hermannsagker von neuem damit unter der Bedingung, daß das heilige Evangelium rein, lauter und christlich der Gemeinde zu Hermannsagker gelehrt und gepredigt werde.“
Die bei dem Dorfe Vockenrode an der Thyra liegende Schneidemühle (oder Sägemühle) und die Mahlmühle sind wieder aufgebaut worden. Erstere ist schon 1574 im Besitze der Familie Becker gewesen, dann abgebrochen und das Haus an der Stelle des jetzigen Gasthauses wieder aufgebaut, weshalb dieses noch heute „die Sägemühle“ heißt. Dasselbe ist noch im Besitze der Familie Becker. (Neuerdings hat Meister Becker seiner Tochter und seinem Schwiegersohne neben dem Gasthause noch ein Haus erbaut.)

1 Ilfelder Kopialbuch im Stolberger Archiv.
2 Regesta Stolberg. No. 406.
3 Regesta Stolberg. No. 1086.