Der Glockenguß von Stolberg

In der Nähe von Nordhausen liegt das Steigertal. Ein liebliches Wäldchen, das so richtig dafür geschaffen ist, damit sich der Feriengast erholen kann. Von dem Zweig einer Eiche klingt der Gesang des Rotkehlchens, dazwischen jubelt der Distelfink, und auch die Singdrossel läßt ihr unnachahmbares Lied erschallen. Kein Misston, kein wüster Lärm stört die feierliche Stille und den Frieden dieser Waldeinsamkeit. Und doch wurde diese Stille vor Jahrhunderten gestört. Ein Stein, in dem eine Glocke und eine Keule eingehauen sind, - für Unkundige kaum mehr erkennbar,- erinnert an diese Begebenheit. Die Sage erzählt folgendes:

In der Stadt Stolberg lebte im Mittelalter ein weitbekannter Glockengießer. Eines Tages mußte er zum Rathaus kommen. Hier erhielt er den Auftrag, für seine Heimatstadt eine Glocke zu gießen. Der Glockengießer gab sich selbst das Versprechen, eine Arbeit zu liefern, die für ewige Zeiten seinen Ruhm verkünden sollte.

In der Werkstatt goß der Meister mit seinen Gesellen nacheinander drei Glocken. Zufrieden war er mit keiner, denn die selbstgestellten Ansprüche waren sehr hoch. Da befahl der Meister seinem Gesellen, alles für einen vierten Guß vorzubereiten. Er wolle in der Zwischenzeit seinen Vater in Nordhausen aufsuchen und ihn um Rat fragen.

Der zurückgebliebene Geselle begann mit der Arbeit. Er formte in der Grube einen Lehmkern in Glockenform und stülpte das Glockenformmodell darauf. Mit den Händen bewarf er dieses Modell und schuf so einen Mantel aus Lehm. Nach dem Trocknen entfernte der Geselle das Modell und begann die Metallflüssigkeit vorzubereiten, die zwischen die beiden Lehmwände gegossen werden sollte. Während dieser Zeit erwartete er den Meister; aber er kam nicht. Als das Glockenmetallguß fertig war, und der Meister immer noch nicht erschien, wagte er allein den Guß. Dieser vierte Guß gelang überraschenderweise vortrefflich.

Der Bürgermeister, der gerade dazukam, erklärte ihm, daß von den vier Glocken nur diese vom Rat der Stadt angekauft werden würde. Darüber war der Geselle sehr betroffen, denn er hatte Angst vor seinem ruhmsüchtigen Meister. Sein Herz klopfte. Wirre Gedanken durchrasten sein Gehirn und gipfelten in dem einen Satz: Was wird der Meister dazu sagen?

Am anderen Morgen lief er ihm entgegen, traf ihn bei Steigertal und erzählte alles. Der Meister, ruhmsüchtig und jähzornig wie er war, ergrimmte darüber sehr. In seiner Wut griff er zum Knotenstock, hob ihn hoch und schlug seinen Gesellen so stark auf den Schädel, daß dieser sofort zusammenbrach und nach kurzer Zeit verstarb.

Der Meister wurde hingerichtet und an der Mordstelle, an der heute noch der Erinnerungsstein liegt, verscharrt.

Deutscher Kulturbund - Sagen vom Harz, Halberstadt 1963, S.19-20

[ Eine andere Deutung der Namensentstehung ]