Die „Grohmann-Schwinde“


Übersicht des Schwinde-Spring-Systems

GPS-Koordinaten
N 51.5293° E 10.8136°

Im Wiesental der ehemaligen Dorfstelle Tütchenrode zwischen Krimderode und Rüdigsdorf tritt eine Quelle auf der Schichtfläche des Grauen Salztons aus. Ihre Schüttung beträgt ca. 5 l/s; nach nur ca. 10 m Lauf verschwindet das Wasser wieder in einem Erdfall.

In diesem Ponor, in dem das Wasser aus dem Buntsandstein in der Talsenke nördlich des Harzrigi verschwindet, versuchte der Höhlenforscher Gerhard Grohmann im 2. Weltkrieg, eine Höhle zu ergraben. Er behauptete gegenüber Regierungsstellen, er habe an dieser Stelle eine „Riesenhöhle“ entdeckt, die nun aber wieder verschüttet sei. Diese phantastischen Behauptungen, die an dieser Stelle im Gipskarst aus geologischen Gründen eigentlich von vornherein als unwahrscheinlich hätten gelten müssen, lösten dennoch in der Endphase des verlorenen Krieges hektische Betriebsamkeit aus. Der Hallenser Geologe Prof. Weigelt wurde im Zusammenhang mit der Suche nach der „kilometerlangen Höhle“ freigestellt und der Chef der Sonderstelle Ilfeld (Erster Bergrat Macke) schaltete sich ein.

Zeitzeugen erinnern sich noch, dass damals reges Treiben an der „Grohmann-Schwinde“ herrschte. Eine Gruppe Häftlinge (wahrscheinlich aus dem Lager Harzungen) grub mit einem Bewacher im Ponor und hat seinerzeit im Schutze eines Holzverbaus eine Tiefe von ca. 10 m erreicht. Nach dem Krieg wurde erneut gegraben.
Der Holzausbau bestand noch bis in die 1960er Jahre. Die Nordhäuser Höhlenforscher haben Ende der 1960er Jahre dort erneut versucht zu graben – aber damals war der Ponor bereits bis auf ca. 2 m unter Geländekante mit Buntsandsteinschlamm verfüllt.

Text: Friedhart Knolle und Peter Pohl †
Fotos: Peter Pohl †

Nachtrag
Nach dem Krieg gab Gerhard Grohmann in einem Brief zu, dass er die Unwahrheit gesagt hatte. Hier der Wortlaut seines Briefes:

Gerhard Grohmann
(20b) WALKENRIED/Harz
Kutzhütte
Walkenried, d. 29.IV.57

Sehr geehrter Herr Schuster!

Vor ein paar Tagen suchte mich Fritzchen Reinboth auf und erzälte mir von Ihnen und der bewußten Bachschwinde bei Rüdigsdorf. Ich möchte Ihnen dazu einige Einzelheiten mitteilen, die wohl für Sie vielleicht interessant, aber auch enttäuschend sein werden.
Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner noch entsinnen können, ich war vor dem Kriege wohl das jüngste Mitglied der Nordhäuser Höhlenforscher und habe mir bis auf den heutigen Tag dieses Gebiet als mein schönstes Hobby erhalten. Sie wissen selbst, wie während des Krieges unsere Großhöhlen in Gefahr waren in Industriebetriebe umgewandelt zu werden. Z.T. ist das ja auch leider geschehen, ohne dass man es verhindern konnte, z.B. die Heimkehle. Ich war während des Krieges gerade als Student der Geologie und Mineralogie in Halle. Ich hatte einen starken Verbündeten in meinen Plänen die deutschen Höhlen vor obigem Zwecke zu schützen, das war die damalige Magnifizenz der Universität Halle, Prof. Dr. Weigelt. Ich entwickelte einen Plan zum Schutze der Barbarossahöhle, worin ich auch vollste Unterstützung des oben genannten fand. Als uns zu Ohren gekommen war, daß u.a. auch die Barbarossahöhle ein Opfer der damaligen "Muna" in Niedersachswerfen werden sollte, setzte ich mich mit dem Prof. Dahlgrün zusammen, der damals sein Hauptquartier in Rübeland aufgeschlagen hatte und von der OT mit der Aufgabe "Verlagerung unter Tage" betraut war, hielt ihm einen längeren geologischen Vortrag, womit ich ihn überzeugen konnte, daß die Barbarossahöhle für seine Zwecke völlig ungeeignet sei.
Als er mir auf der anderen Seite aber klarmachte, daß es aber lieber eine völlig ungeeignete Höhle sein sollte, als garkeine, war ich gezwungen, einen für mich sehr gefährlichen Trumpf auszuspielen. Eingedenk der Tatsache, daß mir die besagte Rüdigsdorfer Bachschwinde schon immer im Auge stach, mußte diese herhalten. Ich begann ihm nun ein phantastisches Märchen, von einer nur mir bekannten Großhöhle zu erzählen die sich für seine Zwecke geradezu ideal eignen würde. Riesige Räume, wenig Wasser, genügende Mächtigkeit der Firste usw.
Das Ende des Krieges und sein Ausgang als solcher stand damals für mich so fest wie das Amen in der Kirche, infolge dessen riskierte ich diesen Streich. Gleichzeitig verfolgte ich einen rein egoistischen Plan damit, ich wollte auf diese mehr oder weniger angenehme Art die Bachschwinde aufgewältigt haben um dann später mal mich von dem tatsächlichem Sachverhalt in der Folge des Wässerleins zu überzeugen. Wohlweislich versicherte ich, daß erst in den letzten Jahren das Mundloch so zugeschwemmt worden sei, daß es nicht mehr passierbar sei. Früher hätte ich mich durch einen sehr engen Kanal der unendlich lang erschien in die Tiefe herabgelassen, bis es dann in die Höhle ging.
Mit der Aufwältigung wurde unmittelbar nach mehreren Besprechungen mit allen möglichen Leutchen begonnen. Ich selbst hatte zu Beginn der Arbeiten die Leitung, aber ich konnte mich dann durch Vortäuschung wichtiger Reisen, sang- und klanglos aus der Affäre ziehen. Das Ende des Krieges kam dann auch ganz programmgemäß, denn, wie ich später hörte, wurde man schon stutzig und kam auf allerhand komische Gedanken, daß an der ganzen Sache etwas nicht stimmen könnte.
Daß natürlich jetzt meine schöne Heimat, an der ich so sehr hänge, für mich ein Ausland geworden ist, das stand nicht im Programm.
Wir können hier nun in der ganzen westlichen und sonstigen neutralen Welt herumreisen, so viel wir wollen z.T. sogar ohne jeden Reisepaß und Visum. Nur in das andere Deutschland, da hinzukommen bedeutet Schwierigkeiten, auf die man lieber verzichtet, weil einem ohnehin schon alles verdorben ist, wenn man nur daran denkt, daß alles so ist, wie es nun mal ist. An ein einsichtiges und vernünftiges Verhalten Ihrer Regierung glaubt hier kein vernünftiger Mensch mehr.
Indem ich hoffe, Ihnen mit diesem Brief etwas gedient zu haben,
verbleibe ich mit

vorzüglicher Hochachtung
Ihr
sehr ergebener

(Untertitel: Die Rettung der Barbarossahöhle)
Bitte haben Sie doch die Freundlichkeit und schreiben mir auch einmal über Ihre Forschungen im allgemeinen und der bewußten Bachschwinde im Besonderen.
Grüßt man in Nordhausen noch Bosch - Bosch ?