Die Karstlandschaft des Landkreises Nordhausen

Der Gipsabbau
Die Geologie der Karstlandschaft
Pflanzen und Tiere
Naturschutz und Karstwanderweg

Diese auffällige Landschaft zieht sich am Südharz über eine Länge von rund 100 km und eine Breite von mehreren 100 m bis zu einigen Kilometern hin. Die Südharzer Karstlandschaft besteht aus einem Gestein, das sich allmählich im Wasser auflöst. Dabei entstehen vielfältige Landschaftsformen. Die Entwässerung des Gebietes verläuft überwiegend unterirdisch.

Prägend für das Gebiet ist das weiße Gestein, das an manchen Stellen sogar Felswände bildet. Es handelt sich dabei um Anhydrit (CaS04) bzw. Gips (CaS04 x 2H2O). Beide Gesteine sind für den Laien schlecht voneinander zu unterscheiden. Anhydrit ist spröde und weist eine gute Festigkeit auf. Beim Anschlagen gibt es einen porzellanartigen Klang. Gips dagegen ist weich und zerkrümelt oft schon in der Hand. Anhydrit geht durch Wasseraufnahme allmählich in Gips über, wobei das Volumen bei der Vergipsung um 62 % zunimmt. Dieser Vorgang läuft allerdings in geologischen Zeiträumen ab. Oft ist die Umsetzung des Gesteins nur teilweise erfolgt, weshalb es alle möglichen Übergangsformen zwischen Gips und Anhydrit gibt. Um nicht ständig zwischen Gips und Anhydrit unterscheiden zu müssen, werden beide Gesteine zusammenfassend als Sulfatgestein bezeichnet.

Gips und Anhydrit entstanden im Zechsteinmeer vor etwa 240 Mill. Jahren. Sie lagerten sich in mehreren Zyklen ab. Die verschiedenen Gesteinspakete der Zechsteinablagerungen werden mit Namen belegt. Diese beinhalten im Falle der Sulfatgesteine immer den Begriff Anhydrit. Man spricht beispielsweise vom Werraanhydrit. Damit ist nicht ausgesagt, ob Teile des Werraanhydrits vergipst sind und deshalb eigentlich Werragips heißen müßten. Es handelt sich in diesem Fall um die Namen geologischer Schichten, nicht um die Darlegung der Gesteinsausbildung.

Die Sulfatgesteine lagerten sich als Schlämme am Meeresboden ab. Der ständig wachsende Überlagerungsdruck der auflagernden Schichten entwässerte den Gipsschlamm und wandelte ihn in den darauffolgenden Zeiträumen in festen Anhydrit um. Gebirgsbewegungen brachten diesen im Laufe der erdgeschichtlichen Entwicklung wieder an die Erdoberfläche. Dort vergipste seine Oberfläche infolge der Einwirkung von Niederschlägen und Oberflächenwässern erneut. Die Anhydritoberfläche überzog sich mit einer Vergipsungsrinde. Im Hangbereich ist diese erfahrungsgemäß etwa 25 m stark. Im Bereich von Störungen oder Zerrüttungsronen kann sie auch einmal tiefer reichen. Auf Plateauflächen beträgt die Vergipsungsrinde oft nur wenige Meter. Sie bläht auf und schützt den darunter liegenden Anhydrit vor weiterer Vergipsung.
 

Prinzipschnitt durch den Aufbau der Südharzer Karstlandschaft

Die Sulfatgesteine sind gut wasserlöslich. In einem Liter Wasser lösen sich etwa 2 g Gips. Das bedeutet, dass die Oberfläche der Landschaft, die ständig Niederschlägen ausgesetzt ist, allmählich aufgelöst und abgetragen wird. Besonders günstige Angriffsmöglichkeiten des Wassers sind an Schwächezonen im Gestein gegeben, wie offenen Klüften, Verwerfungen der Schichten oder ausgeprägten Schichtfugen. Diese Lagerungsstörungen nutzt das Wasser für seine Lösungsarbeit. Es entstehen unterirdische Wasserabflüsse.

Stellen, an denen Bäche im Untergrund verschwinden, nennt man

Bachschwinden oder Ponore.

Ein Teil des verschwindenden Wassers kommt nach längerem unterirdischen Lauf in
Karstquellen wieder zum Vorschein.

Karstquellen zeichnen sich durch einen hohen Sulfatgehalt des Wassers (über 500 mg/l) aus. Dieser legt Zeugnis von der lösenden Tätigkeit des Wassers ab. Durch Wasserfärbungen kann man manchmal den Zusammenhang zwischen dem Verschwinden eines Baches und dem Wiederaustritt in einer Quelle klären.

Im Inneren der Gesteinskörper werden Höhlen ausgelaugt. Die unterirdischen Wasserbewegungen erweitern diese ständig. Zu große Räume brechen ein und erzeugen an der Erdoberfläche

Erdfälleoder Einsturzdolinen.

Um einen Erdfall handelt es sich immer, wenn ein bedeckendes, nicht verkarstungsfähiges Gestein mit in die Tiefe bricht. Eine Einsturzdoline ist dann vorhanden, wenn der Einsturzvorgang ausschließlich im lösungsfähigen Sulfatgestein erfolgt.

Aus Überlieferung ist der Name Erdfall in der Südharzregion für alle Formen von Einsturz- oder Lösungskesseln üblich. Obgleich das wissenschaftlich nicht exakt ist, zieht sich diese Bezeichnung auch durch die wissenschaftliche Literatur.

Die auflösende Tätigkeit des Wassers im Gestein und der unterirdische Abfluss des Wassers samt der gelösten Bestandteile erzeugen an der Erdoberfläche des Sulfatgesteins große und tiefe Krater, welche Lösungsdolinen genannt werden.

Da Dolinen und Erdfälle fast ausschließlich auf Klüften und Störungszonen angelegt sind, bilden sich diese Lösungs- und Einsturzkrater oft linienhaft aus. Meist entstehen sie auf der Linie der stärksten Hangneigung, dem Abfluss des Niederschlagswassers folgend. Durch die Verkettung der einzelnen Karsthohlformen entstehen ganze Talzüge, die als Uvalas bezeichnet werden.

In ihnen erkennt man meist noch die einzelnen Dolinen. Oft wurden diese Täler aber zur Anlage von Wegen benutzt und die einzelnen Hohlformen dadurch verwischt.

Niederschläge lösen ständig die Oberfläche des Sulfatgesteins auf. Schützende Gesteinspartien eines nicht lösungsfähigen Gesteins bewahren Teile des darunter liegenden Gipses und erhalten diesen dadurch.

So entsteht eine Gipsbuckellandschaft.

Früher wurden diese kuppigen Bergformen für Aufquellungen des sich aus Anhydrit bildenden Gipses gehalten. Man nannte sie Quellkuppen. Der Nordhäuser Höhlenforscher SCHUSTER grub bereits in den sechziger Jahren diese Bildungen an verschiedenen Stellen der Karstlandschaft auf und bewies, dass diese Formen keine Quellungserscheinungen sind.

Steilwände in Talrandlagen werden durch Grund- oder Oberflächenwasser unterlaugt. Es bilden sich tiefe Abrissklüfte, welche einzelne Gesteinspartien abtrennen. Da sich dieser Vorgang allmählich ereignet, bilden übrigbleibende Lösungsrückstände und abgeschwämmter Gipsboden im oberen Bereich der Klüfte eine Art Dach, so dass aus den sehr langsam wachsenden Abrissklüften Abrisshöhlen werden können.

Das über die nach Süden geneigte Oberfläche des Harzes abfließende Wasser hat bei seiner Berührung mit den löslichen Sulfatgesteinen im Laufe von Jahrtausenden ein harzrandparalleles Tal entstehen lassen.
Man nennt es Auslaugungstal.

Auch heute wird dieses durch Oberflächenwässer langsam, aber ständig verbreitert. Während auf der nördlichen Talseite bereits das gesamte lösungsfähige Gestein aufgelöst und hinweggeführt wurde, steht es am südlichen Talhang als sogenannte Auslaugungsfront in Form einer Steilstufe an. Darin versinkt ein großer Teil des Wassers und setzt seinen Lauf unterirdisch fort. Nur an wenigen Stellen gelingt es dem Wasser, diesen Wall zu durchbrechen und in Form von Bächen oder Flüssen hindurchzulaufen.
Diese Täler nennt man Durchbruchstäler.

Besonders ausgeprägt sind die Durchbrüche von Bere und Zorge. Dieser Durchbruch der Flüsse durch den Karstriegel geht aber nicht ohne Wassenverlust für die Flüsse einher.

Starke Auslaugungsvorgänge bedingen die Veränderung des oberirdischen oder des unterirdischen Wasserabflusses. So können wasserführende Täler plötzlich trockenfallen und bleiben als Trockentäler erhalten.

Alle beschriebenen Erscheinungen sind typisch für die Südharzer Karstlandschaft. Im Landkreis Nordhausen gibt es weit über tausend der genannten Landschaftselemente. Auf der Erde gibt es große Landstriche mit ausgeprägten Karstlandschaften. Es handelt sich dabei aber meist um Karstlandschaften im Kalkgestein. Karstlandschaften im Sulfatgestein sind dagegen selten. Die Auflösungsvorgänge gehen in letzterem sehr schnell vor sich. Frisches Wasser schafft innerhalb weniger Tage deutliche und sichtbare Spuren der Auflösung. Es sind Erdfälle und Lösungsdolinen von mehreren Metern Tiefe und Durchmesser bekannt, die bei Rohrleitungsbrüchen innerhalb weniger Wochen entstanden. Die Schnellebigkeit der Vorgänge im Sulfatkarst macht diesen so interessant.

Der Südharzkarst ist ein grüner Karst, er ist bewaldet und von Weiden und Äckern bedeckt. Das unterscheidet ihn von vielen Karstgebieten der Erde, für die vegetationslose oder karge Flächen typisch sind. Die Gesteinsschichten des Südharzes fallen generell nach Süden ein. Das bedeutet, dass die Sulfatgesteine unter die Bedeckung anderer, nicht lösungsfähiger Gesteine geraten. Aber selbst unter dieser Bedeckung ist das Wasser in der Lage, seine auflösende Tätigkeit fortzusetzen. Unter Buntsandsteinbedeckung entstehen Formen des bedeckten Karstes. Große Erdfälle in diesem bedeckenden Gestein künden davon, dass im Untergrund

Höhlenzusammengebrochen sind.

Dabei öffneten sich Krater von bis zu 50 m Tiefe. Diese Löcher verbrechen sehr schnell und füllen sich oft mit Wasser. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um auf undurchlässigen Einschwämmungen aufgestautes Niederschlagswasser. Als Seelöcher liegen sie hier und da in die Landschaft eingestreut.


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Der Gipsabbau

Während im östlich anschließenden Landkreis Mansfeld-Südharz der historische Kupferschieferbergbau mit seinen Pingen und Halden die Karstlandschaft prägt, findet man im Landkreis Nordhausen nur wenige Zeugnisse dieser Tätigkeit. Westlich von Rottleberode war der Kupferschieferbergbau praktisch ohne nennenswerte Bedeutung. Bei Buchholz wurde beim Kupferschieferbergbau eine größere Höhle gefunden, die allerdings schnell wieder in Vergessenheit geriet.

Landschaftsprägend für die Nordhäuser Umgebung sind dagegen die großen und kleinen Gipssteinbrüche. Beim Gipsabbau verwendet man nur die Vergipsungsrinde, welche das Anhydritgestein überzieht. Der darunter liegende Anhydrit ist nur selten und dann in kleineren Mengen interessant. Am stärksten ist die Vergipsungsrinde an den Talhängen. Hier kann sie bis zu 25 m mächtig werden. Auf den Hochflächen ist sie dagegen meist bedeutend geringmächtiger. Der gewonnene Gips wird gemahlen und dann je nach zu erzeugender Gipsart gebrannt. Dabei wird ein Teil des Kristallwassers ausgetrieben. Beim Anrühren des Gipses aus der Tüte wird das Wasser erneut dazugegeben. Daraufhin härtet der Gips wieder aus. Der wasserlose Anhydrit nimmt das Wasser nur in geologischen Zeiträumen auf, die aber im menschlichen Leben nicht zur Verfügung stehen. Anhydrit eignet sich deshalb nicht für den gleichen Verwendungszweck.

Die Gipsindustrie hat im Südharz eine lange Tradition. An vielen Stellen wurden kleine Gruben eröffnet und der Gips zu Gipsmörtel gebrannt. Mittelalterliche Burgen und Kirchen weisen noch heute Reste dieses Mörtels auf. Der unter der Gipsrinde vorhandene Anhydrit ist härter und widerstandsfähiger. Er wurde zu Bausteinen gesägt und geschlagen. Noch bis vor wenigen Jahren konnte man in fast allen Südharzdörfern sehen, dass viele Häuser aus diesem Stein gebaut wurden, so z. B. in Liebenrode, Obersachswerfen und Klettenberg. Wenn das Dach des Hauses nicht ganz dicht, die Regenrinne beschädigt oder die Wand der Wetterseite ausgesetzt war, konnte man die Verkarstung an den Wänden des Hauses gut erkennen.

Von besonderem Interesse waren Lagen von besonders reinem weißen Gips, dem sogenannten Alabaster. Meist trat er in Knollen und kugeligen Einlagerungen auf. Er war leicht zu bearbeiten, ließ sich sägen und schnitzen und sogar auf der Drehbank formen. Figuren, Schalen, Kerzenständer und Lampenkörper waren nur einige Verwendungszwecke. Selbst Tische wurden aus dem Material angefertigt. Später diente der reine weiße Gips der Herstellung hochwertiger medizinischer Erzeugnisse. Er wurde oft in sehr kleinen Untertageanlagen abgebaut.

Marienglas, der spätige durchsichtige fensterglasähnliche Gips, der in Form von Lagen im Werraanhydrit vorkommt oder gar die Ausfüllung ehemaliger Höhlen darstellt, wurde bereits im Mittelalter als Fensterglas oder Schmuck verwendet. Man nutzte ihn auch für besonders kunstvollen Buchschmuck. Er wurde zur damaligen Zeit unter dem Namen Glintzespat oder Fraueneis geführt. Naturbeschreibungen verglichen das Material oft mit richtigem Eis. Daraus entstanden viele Verwechslungen, da nicht alle Autoren die Gegend wirklich bereist hatten und beim Abschreiben zwischen Fraueneis und echtem Eis oft nicht unterscheiden konnten. Die Verzierung von Marienbildern gab dieser Gipsvariante schließlich den Namen Marienglas. Seine letzte offizielle Verwendung fand das Marienglas in den zwanziger Jahren als Ersatzprodukt zum Besanden von Dachpappe. Diese Versuche gingen jedoch negativ aus, weshalb die letzten Marienglasgruben wenige Jahre später geschlossen wurden.

Man verstand es bald, aus dem Gips einen sehr widerstandsfähigen Estrich herzustellen. Mit einer besonderen Brenntechnik und speziell gemahlenem Rohgestein erzielte man Haltbarkeiten, die einem guten Beton nicht nachstanden. In Ellrich und Niedersachswerfen entstanden nach 1860 die ersten großen Gipsfabriken. Der Ausbau der Eisenbahn ermöglichte den Transport an jede Stelle des Landes. Allein um die Jahrhundertwende waren in Ellrich etwa 500 Arbeiter in der Gipsindustrie beschäftigt.

Auch heute hat der Rohstoff Gips eine große Bedeutung für die Bauindustrie, versteht man es doch in der Zwischenzeit, alle nur denkbaren Bindemittel, Bausteine und Bauplatten daraus herzustellen. Das hat allerdings auch zu einem großen Konflikt geführt. Beim Abbau der Gipsrinde wird die in hunderttausenden von Jahren geformte Landschaft nachhaltig geschädigt. Oberflächenformen und Karsterscheinungen gehen für immer verloren. Große Brüche reißen in die Landschaft Lücken und isolieren Schutzgebiete bis zur Funktionslosigkeit. Die anfängliche Artenvielfalt renaturierter Steinbrüche geht ohne intaktes Hinterland schnell verloren. Eine Lösung dieses Konfiiktes ist unbedingt notwendig, aufgrund der unterschiedlichen Interessen jedoch äußerst schwierig. Erst in der jüngsten Zeit haben Naturschützer und Unternehmer erkannt, dass ein anhaltender Konflikt beiden Seiten schädlich ist. Nur ein ausgewogener Kompromiss kann eine Lösung sein. Die Entwicklung und der Einsatz von Ersatzstoffen ist dringendes Gebot.

Die größte Wunde in der Landschaft des Landkreises Nordhausen wird durch den Anhydritabbau am Kohnstein gebildet. Da hier Anhydrit mit über 200 m Mächtigkeit ansteht, wurde im Verlaufe der letzten Jahrzehnte ein ganzer Berg fast vollständig abgebaut.


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Die Geologie der Karstlandschaft

Voraussetzung für die Entstehung einer Karstlandschaft ist das Vorhandensein von wasserlöslichen Gesteinen. Im Falle der Karstlandschaft des Südharzes handelt es sich dabei um Gips und Anhydrit. Im Landkreis Mansfeld-Südharz treten diese Gesteine in drei mächtigen Schichten auf, die durch karbonatische, dolomitische und tonige Zwischenlagen getrennt sind.

Im östlichen Bereich des Landkreises Nordhausen ist dieser geologische Aufbau im wesentlichen der gleiche, verändert sich aber in westliche Richtung sehr stark. Der tiefste geologische Horizont, der Werraanhydrit, nimmt erheblich an Mächtigkeit zu. Von 50 m im Osten steigt die Mächtigkeit auf rund 300 m im westlichen Teil des Landkreises. Der den Werraanhydrit überlagernde Stinkschiefer wird bereits im Gebiet des Alten Stolbergs an einigen Stellen (Königsköpfe) von einem dickbankigen Dolomit vertreten. Westlich von Niedersachswerfen kommt Stinkschiefer nicht mehr vor. An seiner Stelle liegt ein bis zu 40 m starkes Dolomitpaket, welches an Mächtigkeit in Richtung Westen ständig zunimmt. Der Sangerhäuser Anhydrit ist westlich des Bere-Zorge-Tales nicht mehr vorhanden. Seinen Platz nimmt der Basalanhydrit ein, der nach Westen an Mächtigkeit gewinnt.

Ursache für die Veränderungen der geologischen Ausbildungen von Ost nach West ist eine ehemalige Meeresschwelle zur Zechsteinzeit, die in der Gegend von Scharzfeld bis Bartolfelde (Landkreis Göttingen) lag. Man nennt sie die Eichsfeldschwelle. Diese trennte das Zechsteinmeer in ein östliches und ein westliches Becken. An der Schwelle entwickelten sich im flachen warmen Wasser viele riffbildende Meerestiere. Ihre Kalkgerüste hinterließen an der Meeresschwelle mächtige Dolomitablagerungen von mehr als hundert Metern Mächtigkeit. Der durch den Landkreis Göttingen führende nördliche Ast des Karstwanderweges erschließt diesen Bereich. Gipse und Anhydrite wurden an der Meeresschwelle nicht ausgeschieden. Sie setzen erst in einiger Entfernung in Richtung tieferes Meeresbecken ein, dann aber mit einer starken Mächtigkeit von weit über einhundert Metern Werraanhydrit.

Mit dem Karstwanderweg nähert man sich dieser Meeresschwelle von Osten nach Westen. Während man im Landkreis Mansfeld-Südharz geologisch noch keine Auswirkungen merkt, verändert sich das Bild spätestens ab dem Bere-Zorge-Tal erheblich. Werraanhydrit und Hauptdolomitablagerungen prägen die Landschaft des Landkreises Nordhausen. Der Hauptdolomit schützt den darunter liegenden Werraanhydrit vor der Verkarstung. Er bildet weite ebene oder geneigte Flächen, die wenige karstmorphologische Elemente aufweisen.

An der Auslaugungsfront des Auslaugungstales und an den Talhängen von Durchbruchstälern ist der Werraanhydrit jedoch freigelegt. Dort häufen sich Dolinen, Uvalas und Bachschwinden. Im Übergangsbereich zwischen auslaugungsfähigem Werraanhydrit und überdeckendem Dolomit haben sich morphologisch interessante Buckellandschaften herausgebildet. In diesem Bereich ist die Oberfläche des Werraanhydrits teilweise schon angelöst, teilweise wird sie noch von Dolomitresten geschützt. Das ergibt ein morphologisch bewegtes Bild.

Nach Süden geraten die Zechsteinschichten rasch unter Buntsandsteinbedeckung. Buntsandstein ist in seinen untersten Partien tonig ausgebildet und verwittert zu einem rotbraunen Ton. Besonders in der ausgehenden Eiszeit wurden durch Vorgänge des Bodenfließens größere Flächen der Zechsteinlandschaft mit diesen roten Fließerden bedeckt. Diese Sedimente füllen viele Karsterscheinungen aus, verfüllen Dolinen und Erdfälle und bilden zähe und nasse Höhlensedimente.

Auch die Buntsandsteinlandschaft weist vereinzelt beeindruckende Karsthohlformen auf. Typisch sind große und tiefe Erdfälle, die nicht selten wassergefüllt sind. Man nennt sie seit Jahrhunderten Seelöcher. Die Flusstäler, besonders die der Zorge, Bere und Wieda, sind im Eiszeitalter mit Kiesen und Sanden verfüllt worden. Dadurch wurden alte Karsterscheinungen aufgefüllt und eingeebnet. In der trocknen Jahreszeit verlieren die Flüsse ihr Wasser in diesen Schottern.


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Pflanzen und Tiere

Der Wechsel zwischen auslaugungsfähigen und widerstandsfähigen Gesteinen ermöglichte auf kleinstem Raum eine bewegte Morphologie, die durch die Fülle der karstmorphologischen Formen noch komplettiert wird. Das bewegte Klein- und Großrelief war die Voraussetrung für die Bildung der unterschiedlichsten Bodenformen, die oftmals nebeneinander liegen. Das Relief gestattet selbst auf engstem Raum ein voneinander abweichendes Mikroklima.

Kalkliebende Pflanzen und Säureanzeiger wachsen oft nebeneinander und scheinen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu widersprechen. Auf diese Sonderstandorte konnten sich Pflanzen der Spät- und Nacheiszeit zurückziehen und teilweise bis heute überleben. Solche Relikte sind beispielsweise die Alpen-Gänsekresse (Arabis alpina), die Felsen-Schaumkresse (Cardaminopsis petraea) und das Glatte Brillenschötchen (Biscutella laevigata), Arten, die heute nur noch im alpinen Bereich oder in der Arktis vorkommen. Selbst wärmeliebende Pflanzen der Zwischenwarmzeiten fanden geschützte Refugien.

Die Artenvielfalt wird auch durch die großklimatischen Verhältnisse entscheidend beeinflusst. Im Westen des Landkreises Nordhausen herrschen bereits Klimaverhältnisse, die durch das feuchtere atlantische Meeresklima geprägt werden. Im Osten dagegen macht sich das kontinentale, trocknere Festlandsklima bemerkbar. So ist es nicht verwunderlich, dass im Landkreis Nordhausen einige Pflanzen ihre westlichste und einige Pflanzen ihre östlichste Verbreitungsgrenze haben.

Ein großer Teil des Wanderweges verläuft durch Karstbuchenwälder, die sich besonders im Frühjahr mit prächtigen Bodenblühern schmücken. Ganze Flächen von Busch-Windröschen und Leberblümchen bedecken den Boden. Die Dolinen und Erdfälle zeigen am Ende des Winters mit Bärlauchteppichen oftmals das erste Grün in der Landschaft.

Die kargen Böden haben noch nie bedeutende landwirtschaftliche Erträge hervorgebracht. Besonders der Bereich der Gipsböden war der Hutung vorbehalten. Dadurch konnten sich Magerrasen- und Trockenrasenstandorte entwickeln, die heute mit ihrem Orchideenreichtum beeindrucken. Interessante Standorte sind die nackten Felsfluren. Besonders im Bereich steiler Gipshänge kommen Kalkmagerrasen, Sumpfherzblatt-Blaugras-Rasen und die äußerst weltvollen Bunten Erdflechten vor.

Diese wertvolle Vegetation bringt die Voraussetzung, dass sich spezielle Lebensräume für die Tierwelt entwickeln konnten. Besonders herausragend ist diese Vielfalt im Bereich der Insekten. Schmetterlinge, Heuschrecken, Libellen und Käfer kommen auf intakten Flächen in einer erstaunlichen Vielfalt vor. Die in den letzten Jahren durchgeführten Erfassungen haben dafür imposantes Zahlenmaterial geliefert.So wurden beispielsweise Flächen im Bereich des Alten Stolbergs, des Himmelberges und der Sattelköpfe untersucht, auf denen über 120 Schmetterlingsarten und 10 Heuschreckenarten festgestellt wurden.

Die Insekten sind Voraussetzung für das Auftreten vieler Vogelarten. Besonders Höhlenbrüter finden im Bereich der Karstlandschaft viele Nistmöglichkeiten, da der Totholzanteil in den schwer bewirtschaftbaren Wäldern erheblich ist. Im Bereich feuchter Karsthohlformen ist der Feuersalamander heimisch. Sümpfe und wassergefüllte Erdfälle sind hervorragende Laichstätten für Wasserfrosch, Teichfrosch, Erdkröte und Kreuzkröte. In manchem kleinen Tümpel einer Karstsenke kann man im Frühjahr tausende von Kaulquappen sehen. Siebenschläfer und Haselmaus sind typische Vertreter der Südharzer Karstlandschaft. Als nachtaktive Tiere bekommt man sie allerdings selten zu Gesicht.


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Naturschutz und Karstwanderweg

Im Zusammenhang mit der Gründung eines Karstmuseums an der Heimkehle wurde 1982 der Karstwanderweg im ehem. Landkreis Sangerhausen eingerichtet. Auf einer Länge von 48 km erschließt er interessante Bereiche der Karstlandschaft. Auf rund 50 Erklärungstafeln wurden bedeutende Erscheinungsformen der Landschaft vorgestellt. Der erste Teil des Südharzer Karstwanderwegeführers erschien 1996 und beschreibt diesen Weg.

Im Rahmen einer Naturschutztagung wurde 1988 angeregt, den Karstwanderweg auch auf den Bereich des Kreises Nordhausen auszudehnen. Dabei gab es jedoch Probleme. Da er Grenzkreis war, gab es staatlicherseits kein Interesse, Wanderer in den westlichen Teil des Gebietes zu ziehen. Hier waren auch in den vergangenen Jahren alle Ost-West gerichteten Wege stillgelegt oder beseitigt worden, um Grenzgängern in Richtung Westen die Situation nicht zu erleichtern. Ein Karstwanderweg hatte daher am Bere-Zorge-Tal enden müssen. Somit ging die Planung eines Karstwanderweges nur sehr schleppend vor sich und erlahmte kurze Zeit später.

1992 wurde der Karstwanderweg im Landkreis Osterode nach Sangerhäuser Vorbild eingerichtet. Nun bestand zwischen dem westlichen Ende des Sangerhäuser Weges und den östlichen Enden beider Osteröder Wege eine Lücke. Im Februar 1994 wurde die Planung des Karstwanderweges Nordhausen abgeschlossen und seine Einrichtung mit Hilfe von AB-Maßnahmen begonnen. Das Problem war, dass viele alte Wege nicht mehr vorhanden und gerade im westlichen Bereich des Landkreises die alten Ost-West-Wege nicht mehr aufzufinden waren. Neue Eigentumsprobleme zwangen zu Änderungen im Wegeverlauf, so dass der Karstwanderweg in einigen Bereichen einen Kompromiss in der Wegeführung darstellt. Der Nordhäuser Wanderweg ist insgesamt 53 km lang. An rund vierzig Stellen stehen große Erklärungstafeln zu besonderen Sehenswürdigkeiten der Karstlandschaft. Etwa alle 1.000 m befindet sich eine Ruhebank. Der Weg berührt eine Reihe von Anschlusswanderwegen, die ebenfalls gekennzeichnet sind.

Der Karstwanderweg ist durchgehend mit einer weiß-rot-weißen Markierung versehen. Diese setzt sich durch die Landkreise Mansfeld-Südharz und Göttingen fort. Der Weg führt durch ausgezeichnete Naturschutzgebiete, Flächennaturdenkmale und Biotope. Am 15.09.1936 wurden mit der Karstquelle Salzaspring und dem wassergefüllten Erdfall Großes Seeloch (Kleinwechsungen / Hochstedt) die ersten Karsterscheinungen des Landkreises Nordhausen unter offiziellen Schutz gestellt. Darauf folgte am 10.10.1939 die Auleber Solquelle mit Solwiese und Schlossberg, die damals noch zum Landkreis Sangerhausen gehörten. Auch das Gebiet oberhalb der Heimkehle im Alten Stolberg stand zur gleichen Zeit unter Naturschutz. Es gibt auch Hinweise, dass Teilbereiche der Ellricher Klippen unter Schutz gestellt wurden.

Im Denkmalsbuch wurden 1947 zahlreiche Gebiete für den Naturschutz vorgeschlagen:

  • Erdfallgebiet Branderode - Liebenrode - Obersachswerfen,
  • Erdfallgebiet Liebenrode - Steinsee,
  • Gipslandschaft am Sattelkopf,
  • Rüdigsdorfer Schweiz,
  • Ostabhang Pfaffenköpfe- Steinberge,
  • Gipskarstlandschaft Landgemeinde Leimbach,
  • Alter Stolberg.
Warum die Unterschutzstellung nicht für alle diese Gebiete erfolgte, ist heute schlecht nachzuvollziehen. Am 06.03.1958 wurde das Gebiet um die Kelle geschützt. Am 30.03.1961 folgte ein Teilbereich des Alten Stolbergs bei Stempeda und Rottleberode. In der Zwischenzeit gelang es, weitere Bereiche der Karstlandschaft nachhaltig unter Schutz zu stellen:

Kalkberg Krimderodeam 26.01.1989
Igelsumpfam 26.01.1989
Pfaffenköpfeam 26.04.1990
Himmelbergam 02.04.1996
Sattelköpfeam 26.04.1996
Mühlbergam 03.07.1996

Weitere Gebiete befinden sich derzeit im Verfahren. Nach dem §18 des Vorläufigen Thüringer Naturschutzgesetzes stehen eine ganze Reihe von Landschaftsformen, wie alle Karsthohlformen in Form von Erdfällen und Dolinen, Höhlen und Felsbildungen unter Schutz, ebenso viele Pflanzengesellschaften, Einzelpflanzen und Tiere.

Dem Wanderer möge bewusst sein, dass er sich auf dem Karstwanderweg durch eine sensible Landschaft bewegt, die bezüglich ihrer Naturausstattung zu den Einmaligkeiten Europas gehört.

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