Der Erdfall von Uftrungen

Im März 1984 brach mitten im Dorf ein Erdfall nieder.


Der Uftrunger Erdfall am 27. März 1984

Der Nachbar, Herr Herwart Hellwig, berichtete darüber:

" ... Um 15.00 Uhr war ich in meinem Garten. Da rief Frau Schneider plötzlich über den Zaun. "Bei uns geht die Erde unter!" Ich konnte sehen, wie Klo und Garage in der Erde einsanken. Frau Schneider lief, um die Männer zu holen. Ich verfolgte über den Zaun den Fortgang des Ereignisses. Das Klo senkte sich langsam, der Zaun brach hinterher. Das Loch öffnete sich bis zur Garage und brach dort steil ab. Die Männer von Schneiders kamen und bargen Sachen aus dem Gebäude, Motorrad und andere Dinge. Der Trichter wurde immer größer. Die Garage versank wie ein Schiff, welches unterging. Hinten ging sie ab und vorn kippte sie leicht nach oben. Sie verschwand mit einem Schlag vollständig. Das Garagendach war in etwa 4 m Tiefe zu sehen. Wasser war keins da.
Danach brach die Mauer vom Waschhaus ein, es folgte die Mauer vom Graben. Im gleichen Moment strömte das Wasser der Hasel in den Trichter. Am anderen Ufer platzte ein Riss auf. Wasser und Kies spritzten in die Luft. 2 Obstbäume wurden in die Tiefe gezogen. Der ganze Vorgang lief sehr rasch ab. Es dauerte höchstens 25 Minuten, vielleicht war es auch kürzer..."

Die Grundstücksbesitzerin, Frau Schneider, lag auf dem Sofa, als das Ereignis begann. Sie schilderte den Vorgang so:

"... Ich hatte mich zum Schlafen hingelegt. Plötzlich gackerten die Hühner laut, dass ich munter wurde. Wenn die Hühner gackern, ist immer etwas los. Ich bin raus gegangen und da habe ich gesehen, wie das Klo eingesunken ist. Ich habe zu Hellwig gerufen: "Bei uns geht die Erde unter!" Ich bin dann gelaufen und habe die Männer geholt. Ich habe zu den Männern gerufen: "Kommt schnell heim, die Erde tut sich auf!" Die Männer rannten schnell nach Hause..."

Herr Schneider schildert den Vorfall weiter:

"... Wir rannten nach Hause. Das Klo war bereits eingesunken. Mein Sohn rannte in die Garage, ich ins Waschhaus. Wir wollten bergen, was zu bergen war. Ich hatte die Waschmaschine hinaus getragen. Da rief mein Sohn nach mir. Ich stellte die Maschine draußen hin. Wir wollten die Werkbank mir dem vielen Werkzeug aus der Garage tragen. Mein Sohn hängte einen Torflügel aus. Als wir uns umdrehten, brach die Garage mit einem Schlag in die Tiefe. Der Karnickelstall versank und auch die eben geborgene Waschmaschine wurde mitsamt der ganzen Wäsche in den Abgrund gezogen..."


Der Uftrunger Erdfall am 27. März 1984

Wenige Stunden später begann die Zivilverteidigung des Ortes mit der Evakuierung der Familie Schneider und Bergung der Sachgegenstände.
Hunderte Tonnen Kies rollten Tag und Nacht, von LKW's der benachbarten Betriebe herangefahren, über Transportbänder in den wassergefüllten Krater. Der an der Oberfläche angekommene Hohlraum musste schnellstens verfüllt werden, um ein weiteres Nachbrechen zu verhindern. Nach 1 1/2 Tagen war diese Arbeit getan. Menschen waren nicht zu Schaden gekommen. 8 Wochen später ahnte kein Außenstehender mehr, was hier einst geschah.

In den vergangenen 80 Jahren waren in der unmittelbaren Umgebung mindestens 10 ähnliche Ereignisse eingetreten. Weitere tiefe Erdfälle befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft, der größte davon ist der Fachsee. Über ihn schrieb schon BEHRENDS 1703 in der Hercynia Curiosa.

1985 und 1986 wurden anläßlich der Erdfallgeschehnisse in Uftrungen Bohrungen in diesem Gebiet durchgeführt. Vor der Durchführung dieser Bohrungen wäre keiner auf die Idee gekommen, hier einen riesigen fossilen Erdfall zu finden.

Nach den Bohrungen konnten alle Beteiligten ihre Verwunderung kaum noch zurückhalten. Wer hätte das gedacht. Da liegt mitten im Ort ein Gebiet von etwa 200 m Durchmesser und fast 100 m Tiefe. Es handelt sich um den riesigen Krater einer eingestürzten Höhle, eindeutig orientiert auf herzynen Störungen, die sich im Gelände durch weitere Karsthohlformen verfolgen lassen. Es ist anzunehmen, dass dieses Bruchgeschehen kein katastrophaler Einzelknall war, sondern in vielen kleinen Etappen vor sich ging. 50 m hoch ist der Krater mit chaotischen Einsturzmassen verfüllt, alles zerbrochen, durcheinander geworfen und intensiv verkarstet. Der benachbarte Haselbach hat den Rest des Kraters zusedimentiert, mit all den Gesteinsbruchstücken, die in seinem Einzugsgebiet vorhanden waren.

Fast 30 Meter organische Ablagerungen lagern im dem Trichter, im Dezimeterbereich unterschiedlichst ausgebildet, was beweist, dass der Trichter im ganzen einer ständigen aber differenzierten Senkung unterlag. Schließlich wurden die organischen Ablagerungen mit mineralischem Boden überdeckt, der Mensch kultivierte einen Teil des Trichters, niemand nahm ihn mehr wahr. Die vielen Erdfälle der letzten 80 Jahre in der Ortslage Uftrungen liegen alle in diesem Trichter, einem fossilen Erdfall.
 

 
in den letzten hundert Jahren erfolgten künstliche Aufschüttungen
Schotter und Schlufflagen, durch den Haselbach eingeschlämmt
3moorige Sedimente
4pleistozäne Schotter
5Reste des Sangerhäuser Anhydrits
6Stinkschiefer
7Werraanhydrit
8Zechsteinkalk
9Kupferschiefer


Sie können also nur in ihrer Gesamtheit betrachtet werden, jeden als Einzelerdfall zu deuten, ist nicht richtig. Es liegt noch genug verkarstbbares Gestein im Untergrund, die Sedimente weisen einen hohen Wassergehalt auf, die organischen Sedimente sogar über 50 Prozent.

Die Verkarstung schreitet irregulär weiter.

Bei diesem Materialschwund brechen bald die relativ festen Limnite (Wechsellagerung in cm-Bänderung von Sand, Schluff und Ton) nach, an der Oberfläche des verfüllten Alterdfalles entsteht ein junger Nachfall. Die "Suppe" organischer Sedimente (über 50% Wassergehalt) fließt nach, und die Oberfläche der gesamten alten Erdfallverfüllung senkt sich damit langsam nach. In der Zeichnung ist das Beispiel Uftrungen vereinfacht dargestellt. Viele Jahre und Jahrzehnte kann das Erdfallgeschehen in einem solchen fossilen Erdfall völlig erlöschen, es kann aber auch wieder einsetzen...

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Quelle: C.& R. VÖLKER : Mitteilungen des Karstmuseums Heimkehle, Heft 15, ISSN-Nr.: 0233-1853