Tollkühne Flucht aus dem Staatsgefängnis

Scharzfels, 5. November 1697

Held dieser wahrhaft tollen Geschichte ist Hans Veit Rentsch, ein Dachdecker aus Herzberg. Schon Anfang Oktober hat Rentsch im Wirtshaus in Herzberg geäußert haben: Der Vogel auf dem Scharzfels wird in diesem Monat noch ausfliegen. Am Sonntag, den 3. November kaufte Rentsch auf dem Markt in Gieboldehausen eine Menge Hanfstricke. Am Montag arbeitete er nicht. In der folgenden Nacht brachte er etwas zuwege, "dazu ihm der Teufel geholfen haben muß", wie der Kommandant der Burg später urteilte.

Der Dachdecker erkletterte den für unersteigbar gehaltenen Felsen, überstieg die Mauer, schlich sich auf den Dachboden und brach ein Loch in die Zimmerdecke der gefangenen. Die ungelenke Dame zog er hinauf, gemeinsam ging es dann über einen langen Dachboden und am Seil etwa zwanzig Meter hinab, direkt auf ein bereit stehendes Reitpferd. So früh morgens war es noch dunkel, unerkannt konnte sie mit vier Begleitern entkommen, im gestreckten Galopp über Hattorf, Osterode umgehend, nach Gittelde. Hier war sie sicher: Wolfenbüttelsches Gebiet; ab Seesen wartete schon ein Wagen und brachte sie nach Braunschweig. Erst am Mittag wurde die Flucht bemerkt. In ihrer Kammer fand man Tausende Inschriften:

"Der Churfürst hat mich hergebracht durch seine Tyranney und Macht,
doch Gottes Macht ist größer,
die öffnet Thür und Schlösser."

Wer war die Dame, die nach dreijährigem Stillsitzen im Obergeschoß der Burg Scharzfels einen solchen Ritt auf sich nahm? Eleonore von dem Knesebeck stammte aus altem braunschweigischem Geschlecht. Sie diente als Kammerzofe der unglücklichen Prinzessin Sophie-Dorothea von Ahlden, Ehefrau des Kurprinzen und späteren Königs von Hannover und England, Georg I. In der Liebschaft dieser Prinzessin mit dem charmanten schwedischen Gesandten im Leineschloß zu Hannover, Graf Philipp-Christoph von Königsmarck diente Sophies Zofe Eleonore als Kupplerin. 1694 flog das Ganze auf, Königsmarck wurde ermordet und die Prinzessin auf ihren Stammsitz im Wasserschloß Ahlden verbannt. Eleonore kam – ohne Gerichtsverfahren - auf lebenslängliche Isolationshaft in das königlich hannöversche Staatsgefängnis Scharzfels. Nichts schlimmeres war geschehen, als das an den Grundfesten des Königreiches, am Ansehen des Herrschers, des gehörnten Thronfolgers gerüttelt worden war.

"Zerbrich, zerbrich Schlösser, Thüren,
starker Gott, zerschmettre Du
Riegel, Mauern, laß mich führen
Deine Engel, daß ich nu
mit Dir kann vom Felsen springen,
las‘ den Wächtern nicht gelingen,
diese meine Flucht zu sehen.
Wie Elisa las‘ mich gehen."

Text: F. Vladi, Düna

[ Hans Veit Rentsch - Held vom Scharzfels ]

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