Wiedensee

Der Wiedensee im Pöhlder Becken

Die seit einigen Jahrzehnten durch eine Talsperre gebändigte Oder hat unterhalb Scharzfelds eine breite langgestreckte Ebenheit geschaffen, das Pöhlder Becken (ca. 7 x 2,5 km). Vielfach finden sich hier, örtlich dicht gedrängt, kraterähnliche Vertiefungen, teils trocken, teils wassergefüllt. Es sind Erdfälle, deren schönster und größter, der Wiedensee, eine weite Wasserfläche aufweist. Im Harzvorland liegen flach über den wasserundurchlässigen Harzer Grauwackenschichten Meeresablagerungen der Zechsteinzeit (Ausgang des Erdaltertums, 258-253 Mio. a) von zusammen mehreren 100 m Mächtigkeit; sie bestehen aus Tonen, Kalk, Dolomit, Gips und inzwischen abgelaugtem Salz. Diese sind aus einem warmen, sich allmählich eindampfendem Meeresbecken in mehrfacher Wechselfolge abgeschieden. Die Gipse sind leicht wasserlöslich.

Tief unterm Oderbett ruhen diese Schichten bereits unterhalb des Grundwasserspiegels im Pöhlder Becken. Das Grundwasser hat im Verlaufe von Jahrzehntausenden in den löslichen Gesteinen zahlreiche z.T. miteinander verbundene Hohlräume erzeugt, ein Vorgang, der als Verkarstung bezeichnet wird. An der Rhume als tiefer liegendem Vorfluter treten die löslichen Schichten noch einmal zutage. Hier hat sich oberhalb von Rhumspringe die Rhumequelle als größter Quelle Norddeutschlands gebildet, aus der diese Grundwässer wieder zutage treten.

Ein Teil der zunehmend größer werdenden Hohlräume im Hauptanhydrit ist im Verlauf der gegenwärtigen Warmzeit eingebrochen, die Deckschichten sind in den Hohlraum nachgesackt, an der Erdoberfläche haben sich Erdfälle gebildet. In „normalen“ Tälern stellt der Fluss das tiefste Vorflutniveau dar, die Grundwasseroberfläche dacht von beiden Hängen bis zum Flussbett ab, im Pöhlder Becken ist es umgekehrt. Von der Oder weg in südliche Richtung sinkt der Grundwasserspiegel in zunehmende Tiefen ab, das von der Oder eindringende Oberflächenwasser sickert durch die Kiesschichten in den verkarsteten Untergrund des Zechsteins, um dann an der ca. 40 m tiefer liegenden Rhumequelle zutage zu treten. Während der Wiedensee, gut 400 m südlich der Oder gelegen, noch Wasser führt, jedoch mit einem Wasserstand, der bereits wenige Meter unter dem Oderbett liegt, haben die tiefen Erdfälle im 400 m südlich gelegenen Pöhlder Wald keinen Wasserspiegel mehr, obwohl ihr tiefster Punkt bald 20 m unter der Oder liegt.
Über das Alter des Wiedensees ist nichts bekannt. Der Durchmesser dieses fast kreisförmigen Erdfalles von ca. 80 m (5500 m² am oberen Rand), und seine große Tiefe von 17.5 m gesamt, davon 9.3 m Wassertiefe (7/84) mag auf ein recht hohes Alter deuten, vielleicht um die 9.000 Jahre. Die Seeablagerungen sind bislang nicht erforscht. Die Wassertiefe schwankt im Jahresgang stark, bei Schneeschmelze steigt der Seespiegel auf 3.500 m² oder mehr, um in der trockneren 2. Jahreshälfte fallweise bis unter 600 m² zu fallen.

Schichtenaufbau Wassererschließungsbohrung 1975
ca. 10m Talschotter der Oder
ca. 45m rot-violette Tone des unteren Buntsandsteins
ca. 5m Hauptanhydrit (Gips)
ca. 3m grauer Salzton und Plattendolomit
ca. 46m Stassfurtdolomit
ca. 32m Werraanhydrit (Gips)
ca. 72m Werradolomit und Zechsteinkalk
darunter Grauwacken des Harzgrundgebirges.


Zeichnung nach VLADI , 1984

 
1.)
Kieselsande der Oder (Niederterrasse)
2.)
Unterer Buntsandstein
3.)
Tone etc. des Zechstein 4 - 6
4.)
Hauptanhydrit
5.)
grauer Salzton u. Plattendolomit
6.)
Stinkdolomit
7.)
Werraanhydrit
8.)
Werradolomit
9.)
Zechsteinkalk
10.)
Kupferschiefer
11.)
Grauwacken des Harzgrundgebirges

Für den Wanderer, den Naturliebhaber, der die vielgestaltige Karstlandschaft am Südharz erforschen, erwandern möchte, stellt der Wiedensee einen bemerkenswerten Anziehungspunkt dar. Eingerahmt von einem dichten Laubholzgürtel, ist der Wiedensee ein Ort beschaulicher Ruhe, die nur gelegentlich vom Krächzen eines aufsteigenden Entenpaares unterbrochen wird.

[ nähere Informationen zum Wiedensee ]

GPS-Koordinaten
N 51.6242° E 10.3529°

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