Die Geologie und Hydrologie des Brunnens
der einstigen Oberburg Kyffhausen

Das Kyffhäusergebirge ist ein Teil des Variskischen Gebirges welches ehemals Mitteleuropa durchzog. Dieser Gebirgskörper wurde, ähnlich den heutigen Alpen, vor ca. 300 Mio Jahren (Karbon) aufgefaltet und emporgehoben. Im Verlauf der folgenden 20 Mio Jahre ist das Variskische Gebirge zu einer Tafel angetragen worden. Heute bilden rote oberkarbonische Konglomerate und Sandsteine das Kerngestein des Kyffhäusergebirges, welche in südlicher Richtung unter Zechsteinüberdachung langsam abtauchen. In diesem Gestein wurde der Brunnen der Oberburg Kyffhausen abgeteuft.

Der nördliche Fuß des Kyffhäusergebirges lagert auf einem Sockel aus Granit und metamorphem Gestein, auf den der Brunnen in seiner Endtiefe trifft und somit fast in gleicher Höhe des Helmetals endet. Das Profil des Brunnens zeigt feste und daher wasserundurchlässige Sandsteinschichten und wasserdurchlässige (-führende) Schichten. So tritt im Brunnen Wasser aus der Wandung aus, was sich deutlich sichtbar als dunkle Wasserfahnen an der Brunnenwand, besonders Bergseitig, bemerkbar macht.

Der eigentliche Wasserhorizont des Burgbrunnens ist aber die Wasserstauende Granitschicht am Grunde des Brunnens. Auf dieser Schicht sammelt sich das Wasser und bildet eine ca. 7 m hohe Wassersäule.

Bei einer bemannten Erkundung [2003] wurde eine Wasserprobe entnommen, deren Auswertung eine Wasserhärte von 16,7° dH ergab. Weiterhin zeigte die Analyse der hydrochemischen Inhaltsstoffe eine vorzügliche Qualität im Sinne der Trinkwasserverordnung.

Für das Leben auf einer mittelalterlichen Burg war eine Wasserversorgung unentbehrlich, die den alltäglichen Bedarf an Trink- und Brauchwasser decken konnte. Im Fall der Belagerung musste sich diese Wasserquelle innerhalb der befestigten Burg befinden, so dass der Feind keinen Einfluss auf sie hatte.

Auf der großen Höhenburg Kyffhausen konnte das Wasser weder, wie an anderen Burgen, durch Rohrleitungen herangeführt noch in ausreichender Menge in Zisternen gesammelt werden: der Bau eines Brunnens war für die Wehrhaftigkeit der Burg zwingend notwendig. Die Zeit seiner Erbauung lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Es wird vermutet, dass Friedrich I. Barbarossa den Auftrag dazu gab, nachdem er die 1118 zerstörte Burg bis 1153 wieder aufgebaut hatte.

Den Brunnenbauern mag bewusst gewesen sein, dass sie in dem wasserdurchlässigen Sandstein des Kyffhäusermassivs in große Tiefe vorstoßen mussten; dass sie sogar den tiefsten Burgbrunnen der Welt abzuteufen hatten, war ihnen jedoch nicht bewusst.
Die Zeitspanne für die Fertigstellung des Brunnens ist nirgendwo überliefert. Aus Berechnungen, unter Berücksichtigung der damals zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten, kommt man auf dreißig, wahrscheinlich eher vierzig Jahre. So ist der Brunnen wohl zwischen 1140 und 1180 abgeteuft worden.
 
Bei einer Tiefe von 5 m unter der Geländeoberkante sind starke
Verwürfe erkennbar.

Nachdem im 13. Jahrhundert der deutsche Kaiser seine Zentralgewalt an Ministeriale als Verwalter abgab, wurde die Burg Kyffhausen dem Verfall preisgegeben, und auch der Brunnen blieb ungenutzt. Um 1400 bezeichnete man die Burg bereits als "wüstes Schloss". Dass die Räuberbanden, die im 16. Jahrhundert in Teilen der Oberburg hausten, oder der "mit Wahnsinn behaftete" Schneider, der 1546 sein Lager in der Kapelle aufschlug und sich für Kaiser Barbarossa ausgab, ihr Trinkwasser noch aus dem Brunnen holen konnten, ist sehr unwahrscheinlich.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Brunnen so vollständig verschüttet, dass er in Vergessenheit geriet. Erst beim Bau des Kaiser-Wilhelm-Denkmals (1890 - 1896) bemerkten die Arbeiter in seiner Nähe Spalten, aus denen ein Luftzug spürbar bar. Bei Niveauänderungen im Bereich der Oberburg während der Bauarbeiten fand man schließlich den Brunnen. Ihm wurde damals jedoch ebenso wenig Beachtung geschenkt wie den Ruinen der einstigen Oberburg.

Seine eigentliche Wiederentdeckung als frühmittelalterliches Bauwerk von herausragender Bedeutung fiel in eine Zeit, in der man den Nimbus des Kyffhäusers für unselige politische Zwecke missbrauchte. Von 1934 bis 38 ließ der Kyffhäuserbund archäologische Ausgrabungen auf der Oberburg unter Aufsicht des Obergruppenführers der SS Wilhelm Reinhard durch den Reichsarbeitsdienst ausführen. Der archäologische und wissenschaftliche Leiter war Gottlieb Neumann. Mit einer elektrisch betriebenen Winde und unzähligen Arbeitskräften wurde der Brunnenschacht von etwa 4500 m³ Schutt und Geröll beräumt.

1936 stießen die Archäologen bei 176 m Tiefe auf Granit. Man war auf dem Grund des Brunnens angelangt. Mit dem Abschluss der Arbeiten wurde eine Beleuchtung im Brunnenschacht installiert und 1937, dem Beispiel anderer Burgen folgend, ein Brunnenhäuschen errichtet.

2003 ließ der Kyffhäuserkreis den Brunnenschacht sichern, das Brunnenareal überarbeiten und den Brunnen für Besucher erlebbar gestalten. Ein großer Teil dieser Maßnahmen wurde aus Denkmalmitteln des Freistaates Thüringen finanziert.