„Ein Sommertag am Südharz“

von

Hermann Löns


 

Der Tag war heute schön, zu schön; Ich wollte nach dem Kaffee mit der Fluggerte an die lustige Oder, um die bunte Forelle zu betören mit der künstlichen Fliege, und die silberne Äsche, aber wenn Himmel so hoch ist und die Sonne schon in der Frühe so warm scheint, dann kann ich auf Anbiß nicht rechnen.

So will ich lieber ohne Plan und Ziel draußen herumbummeln. Ich bin nun doch eine ganze Weile hier in Scharzfeld, aber es ist hier so viel zu sehn, daß ich Monate gebrauchte, um all die heimlichen Ecken mit ihren bunten Blumen und die versteckten Winkel mit ihren seltenen Pflanzen kennen zu lernen.

Vor mir neben der Kaffekanne steht eine große, dunkelgrüne Vase von edler, einfacher Form aus der Werkstatt des Töpfermeisters Blut im schönen Goslar. Und in ihr blüht ein mächtiger Blumenstrauß. Von meinem Balkonplatz sehe ich gerade dahin, wo ich ihn gestern abend pflückte, bevor ich auf den Bock pirschte der drüben im Kirchholze seinen Stand hat, da jenseits der lustigen Oder, die dort über die Klippen sprudelt. Die grüngelbe Wolfsmilch brach ich gerade da auf der Wiese am Hange, wo jetzt die beiden roten Rehe äsen. Die gefleckte Orchidee nahm ich von der Quelle mit, die nach der Schandenburg zu ließt, die hohe, tiefblaue Salbei wuchs unter der Franzosenwarte. Unten am Oderufer, über dem grünen Kolk zwischen zerwaschenen, graublauen Klippen, aus dem gestern der lange Engländer die Zweipfündige Forelle herausholte, da stammt der vornehme Türkenbund her und der stolze Fingerhut, die unheimliche, braungelbe Schmarotzerorchidee, die Vogelnestwurz stand im Schatten des Fichtenstangerorts neben ihrer lichten Schwester, dem weißblumigen Waldvögelein. Soll ich dort hin, die Wasseramsel zu belauschen und die Bergbachstelze, dem Eisvogel beim Fischen zusehen und die Goldhähnchen zu beobachten, die ihre flügge Brut die Jagd auf winzige Raupen lehren? Aber ich sehne mich nach heller Sonne, und da fällt mir die Steinkirche ein. Der bin ich noch einen Besuch schuldig.

Ich hole mir mein Rad vom Saal und sause die Landstraße hinab. Kurzgeschürzte Frauen begegnen mir, das Haar in Tüchern eingeknotet gegen die sengende Sonne. Sie tragen Kiepen auf dem Rücken und auf der Schulter die Harke. Es ist Heuezeit. Hinter dem Flecken stelle ich mein Rad in ein Haus und klettere den Hang hinauf, vor dessen Kuppe gewaltige graue Felsen von Mauerseglern umkreischt, auf mich herabsehn. Wagerecht ziehen sich den Berg entlang schmale, parallele Streifen, Schaftreppen sind es. Die ganze Flora der Berge hat sich den Tritten der Schafe angepaßt. Alles ist flach, niedrig, an den Boden gepreßt, der violette Quendel und das goldene Sonnenröschen der saftige Mauerpfeffer und der wollköpfige Wundklee. Nur die giftige Wolfsmilch und die waffenstarrende Distel wahren sich ihren Wuchs.

Der Sonne meint es aber gut. Ich bin das Klettern gewohnt. Trainiert habe ich mich neulich in den Dolomitenklippen des Kahnsteins, und hier steige ich Tag für Tag bergauf, bergab, wo die Hänge am steilsten sind. Aber heute morgen werde ich warm und habe doch nur Hose und Bluse an. Gut, daß der Wind so frisch weht. Sonst wäre es nicht zum aushalten. Und er läßt auch die Wettertürme nicht näher kommen, die da hinter den Bergen von Pöhlde am Himmelssaum lauern. Ist das fein hier oben! Die Sonne brennt auf den löcherigen löcherigen Felsen, daß die weißen Dolden des Holderbaums in der Felsspalte nur so leuchten. Der Steinschmäßtzer, der über die Kalksteine rennt, sieht aus, als hätte er silberne Federn, und das rote Mützchen und das rote Westchen des fidelen Grauartschenhahns funkeln wie Rubinen.

Unter mir liegt der Ritterstein, den die Leute jetzt die Steinkirche nennen, ein Kapelle, fünfzig Gänge in den Stein gehauen, mit Altar und Heiligenbildbnische und rauchgeschwärzten Wänden. Ich hatte wohl Lust, hier einmal einige Wochen zu kampieren. Eine Hängematte, Konserven, Tabak, drei Pötte, das wurde genügen. Paßte mir die Verpflegung nicht, so kehrte ich reuevoll zum Hotel Schuster zurück und bäte mir gebackene Äschen oder blaugekochte Forellen aus und einen guten Mosel. Aber noch lieber möchte ich rückwärts sehen können und mich hineinversetzen in jene Zeit, als diese Höhle eine Bergfeste war, lange bevor der Sachsenschlächter Mord, Brand und römisches Scheinrecht in das Land schleppte, und in jene Zeit, in der aus der Feste eine Kapelle wurde und tapfere Mönche den rauhen Gebirglern das neue Wort predigten und ihnen sagten, daß es Sünde sei, dem Wode und Thor Mähren zu schlachten auf grauen Steinen.

»Nee nu abersch, das is Sie cha fähr indresand!« Herrjemersch, ein ganzer Trupp Touristen vom Pleißeufer. Ich gehe in hohen Fluchten ab. Alles kann ich vertragen, nur nicht den sächsischen Schmalzjargon in stiller Natur. Also bergab, über das quicke Wässerlein und bergauf, dem Hasenwinkel zu. Ich kriege heute Mittag Forellen und habe versprochen, dafür einen pompösen Strauß auf die Tafel zu stiften. Den steinigen Hang hinauf gehe ich und freue mich an den beiden Giftbolden, dem roten Fingerhut und der goldenen Wolfsmilch, an dem Königsmilan, der hoch über mir seine Kreise zieht, an den Eidechsen, an den blühenden Thymiankrispeln und an den kleinen blauen Faltern, die von Blume zu Blume tanzen. Dann trete ich in den kühlenden Fichtenwald, wo spitzhäubige drollige Meisen spulend und kullernd durch das Gezweig buschen. Einige Schritte vom Wege sprudelt zwischen grünen Farnwedeln die Quelle. Da kriecht in schwerfälligem Paßgange der schwarzgelbe Salamander.

Und dann kommt eine Wiese, da duften rote, zierliche Orchideen. Die geben mit Zittergras einen zierlichen Strauß. Und dann kommt der Buchenwald, mit lautem Warnruf kündet mich der Markwart an, und ein brauner Bussard, der auf dem Jagenstein den Anstand auf die roten Waldmäuse ausübte, stiebt ab. Ich nehme seinen Platz ein und rauche still meine Zigarre. Da höre ich es flöten und kreischen, und es kommt heran, goldgelb und schwarz, in den Salamanderfarben, aber oben in den Zweigen. Das ist der Vogel Bülow, der hier Raupen jagt. Er sitzt mir so nahe, daß ich seine karminroten Augen sehen kann. Dann streicht er ab; die beiden Rehe verjagten ihn. Eine Ricke mit ihrem Kitz. Groß äugen sie mich an, nicken mit den Köpfen, treten hin und her und ziehen dann vertraut nach der blumigen Wiese.

Ich gehe im Wald immer leise und haste nicht mit Armen und Beinen. So kriege ich mehr zu sehn als der schnelle Spaziergänger und laute Wanderer. Es gibt ja auch soviel zu sehen für den, der waldkundige Augen hat. Und wessen Ohren des Waldes Stimmen kennen, der erlebt viel. Mörderisches Krähengekrächz ruft mich auf die Kuppe. Etwas Rotes huscht durch die Buchenjugend. Ein Jungfuchs! Mit schafsdummen Gesicht äugt er mich an, und dann geht's ab, daß die Lunte nur so fliegt.

Hier auf der großen Kultur will ich einen großen Strauch brechen. Drei, vier lange Fingerhutrispen mit roten Glocken, zwölf blaublühende Akeleistengel, dazwischen silberne Simsen und goldenes Perlgras. Nur der Tollkirsche braune Blüten lasse ich stehn, das häßliche Giftkraut. Sie hat etwas unerträglich Gespreiztes. Und jetzt merke ich, daß ich innen hohl bin. Es ist Mittagszeit.

Im Hotel ist großes Leben. Alle Gartentische sind besetzt. In Hof steht ein großes, rotes Automobil. Es gehört Professor Nernst in Göttingen. Und jetzt kommen auch die drei Engländer aus Leipzig an, jeder mit seiner Weidenrute in der Hand und der Angel auf der Schulter. Und an jeder Rute hängen blutrot geperlte Forellen und silberseitige, blaugestreifte Äschen. Ja, wer das Angeln so versteht wie die, dem bescherte der heilige Petrus selbst bei solchem Wetter Anbiß.

Nach Äschen und Forellen zum Sattessen hat man wirklich keine Lust zu weiten Wegen und heißen Straßen. Eigentlich wollte ich im Nonnental den starken Bock weidwerken, den ich vorgestern da sah, aber ich bin wirklich zu faul. Ich werde erst ein bißchen Frenssens Jörn Uhl lesen, diesen wunderschönen Roman, und dann im Buchwaldschatten nach der Ruine gehen und da Kaffee trinken. Ich schätze, das bekommt mir besser.

So um fünf Uhr steige ich dann bergan im schattigen Buchwald. Noch hat sich das Buchenblatt nicht gedreht, es schattet noch. Hier und da fällt das Sonnenlicht durch die dichten Kronen, wirft Blätterschatten auf silbergraue Stämme, hebt die winzigen Farndickungen und Waldmeistergruppen hervor, durchglüht die leichenfarbigen Blumen der Vogelnetzwurz und glänzt auf dem dunklen Laube des Nieswurzes. Neben dem bergabspringenden Mühlgraben gehe ich entlang. Zu meiner Linken ist die blühende Bergwiese, voll von gelbweißen Margueriten, rosigen Kuckuckslichtnelken und tiefblaurotem Knabenkraut. Zwei Rehe, feuerrot in der hellen Sonne leuchtend, äsen dort oben, und vertraut, als gäbe es weder Kraut der starke Bock durch das lange Gras. Dann schlage ich mich nach rechts, den steilen Hang in die Höhe, der zur Ruine führt.

Aus den grünen Fichten, Buchen und Lärchen taucht sie auf, die graue Burg. Blühender Holunder, roter Fingerhut und blaue Akelei nicken aus ihren Spalten, Farne und Erdbeeren wuchern in ihren Ritzen. Wo früher die Besatzung den Bolzen in die Scheibe jagte, wo Waffenlärm ertönte, Bolzen und Kugeln flogen, da sitzen heute frohe Touristen beim Kaffee. Unter schattendem Ahorn lasse ich mich nieder. Bravo, der treue Stichelhaarige, der unverdrossen Botendienste zwischen dem Hotel und der Ruine tut, leistet mir Gesellschaft und begleitet mich nach oben. Er kennt Schritt und Tritt und ist schwindelfrei. Er kriecht durch die Drahtgitter und sieht hinab in die schwindelnde Tiefe. Und ich freue mich an dem bunten Bild unter mir, an den Panoramas von Wald und Feld, Holz und Wiese, aus dem bald Barbis hervortaucht, bald Scharzfeld und Pöhde; ich grüße die Berge von St. Andreasberg, nicke der grauen Warte drüben zu, von der aus 1761 die Franzosen die Burg vergeblich beschossen, bis Verrat ihnen das Burgtor aufmachte. Da hinten in der Sonne liegen Osterhagen, Tettenborn, da drohen die grauen Römersteine Ravenskopf und Frauenstein sehe ich und Schloß Herzberg, das Silberband der Oder schimmert im Tal. Aber die Sonne meint es zu gut. Bravo hechelt, daß seine rote Zunge in der Sonne leuchtet. Was meinst du, Bravo, wenn wir jetzt die Höhle besuchten? Er wedelt zustimmend. Wir steigen hinab, ich lasse mir zwei Windlichter geben, die Bravo in seinen Korbe mir nachträgt. Er kennt den Weg ganz genau. Als ich einen Umweg mache bei den Forellenteichen, äugt er mich verdutzt an, als wäre ich nicht recht klug, fügt sich dann aber und wedelt verständnisinnig, wie ich nach einem kleinen Umweg den Weg einschlage.

Der Abendwind weht in das Tal herab, aber schwer und schwül ist die Luft. Der Laubfänger singt sein schwirrendes Lied, die Geburtshelferkröte läutet, unter Steinen versteckt, ihr Glöckchen, die flügge Drosselbrut raschelt im Fallaub, braune Spinner taumeln über die Farne. Ein Hase rückt zu Felde, von Bravo mit Interesse betrachtet. Aber da ich nichts auf der Schulter trage, so kümmert er sich nicht weiter um den Krummen und geht mit mir den Bach entlang, der neben dem Wege herspringt. Vor der großen Waldwiese aber, die warm durch den kalten Abendwind schimmert, hebt er schnuppernd die Nase gegen den Wind. Er wittert die drei Rehe, die sich dort im blumenbunten Grase äsen und die uns mit hohen Hälsen nachäugen, bis uns der Wald wieder aufnimmt. Denn senken sie die Köpfe wieder in das Gras.

Kühl ist es hier. Kein Lichtschein fällt auf den Boden, kein heller Fleck tanzt auf den grauen Felsen, die ernst und finster sich am Wege erheben. Leise schwanken die Farnwedel in der Spätbrise, ein fallendes Dürrblatt gibt einen großen Ton in der weiten Stille, und des Finken Schlag mutet an wie eines Wanderers Lied in der Einsamkeit, der sich mit der eigenen Stimme die Ängstlichkeit aus der Seele singt. Aber dann, auf dem Kamm, im Lichtschlage, ist alles wieder voll von Wärme und Licht, Gesang und Leben, und ich freue mich des lachenden Lebens, sitzend auf moosigem Stein, und denke nach über das Leben, das einst um den Ritterstein lebte und in der Burg webte. Wie lange das schon her ist! Und vor mir, hinter dem Gatter, liegt die Höhle. Und in dem Lehm des Bodens liegen die Knochen vom Riesenbär und Wisent, Elch und Rothirsch, gespalten von wilden, kleinwüchsigen Jägern finnisch-mongolischer Rasse, die hier lebten, ehe der Gäle und der Deutsche ihnen Land und Leben fortnahmen. Wie lange das aber erst her ist!«

Ich öffne die Tür und steige hinab. Ich will mich abkühlen im Schatten der Vorzeit. Eisig weht mir die Kellerluft der Höhle entgegen.

Auf einem Kalksinterblock, der vor Jahrhunderten von der Wand abbrach, sitze ich und sinne. Zu meinen Füßen liegt der Hund, steil steigt der Rauch meiner Pfeife empor. Eintönig klingt der Tropfenfall in die Totenstille. So gar kein sichtbares Leben ist um mich her, und doch hat auch hier einmal in den Bette des versiegten Gletscherbachs der Mensch geliebt und gelacht, geweint und gebangt. Das Windlicht in der Hand gehe ich durch den schwarzen Raum, Bravo geht voran. In einer Nebenhöhle setze ich das Windlicht hin, ziehe das Weidmesser aus der Hosennaht und scharre im Lehm. Die Messerspitze stößt bald auf etwas Hartes. Ein gut erhaltener Zahn, ein zerbröckelter, dann noch einige weiter unten, die fördere ich so nach und nach heraus. Und dann einen kunstgerecht geschlagenen Feuersteinsplitter, wie ihn die Frauen der kleinen Jäger gebrauchten, um Felle rein zu machen und Knochen glatt zu kratzen.

Das Steinschaberchen ist grau, zwei Zoll lang und von vier langen Flächen, der breiten Grundfläche und den drei schmalen oberen Flächen, gebildet. Es sieht so einfach aus, und doch kann der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts alle seine ungeheuren technischen Hilfsmittel zur Hand nehmen, er wird es nicht fertig bringen, auch nur so ein Splitterchen herzustellen. Sie ist verloren gegangen, diese Kunst, die zwerghaften Jäger haben sie mit ins Grab genommen. Die Steinmesser, mit denen unsere Vorfahren am Opferstein die Mähren abkehlten, sie waren nicht von ihnen selbst gemacht. Sie hatten sie von den Zwergen und hielten sie heilig. Und die Steingräber in der Heide, Fürstengrüfte verlorengegangener Völker sind es, und unsere Urahnen schon hatten keine Kunde von ihren Erbauen und keine Kenntnis ihrer Herstellung. Wer weiß aber, vielleicht rückt uns das Polareis zum dritten Mal auf den Hals, läßt keine Obstbäume mehr blühen, kein Getreide mehr reifen, ersäuft mit seinen Gletscherbächen unsere Kohlen- und Erzgruben und vernichtet alle Kultur. Dann werden unsere Späten Nachfahren die alte Kunst wieder lernen, belehrt von der bitterbösen Not.

Es ist spät geworden. Der Hund mahnt zur Umkehr. Ich steige die Treppe empor, warme Luft streichelt mir die Backen, und der Eule Ruf bewillkommnet mich. Lachen und Plaudern kommt mir entgegen. Ein Touristenschwarm will eine Höhlenfahrt machen. Allein würde keiner von ihnen sich hineintrauen. Und es ist doch so gut, nach heißen Lebenstagen einmal allein zu sein mit sich im kühlen Schatten der Vorzeit.