„Die Oder hinauf“

von

Hermann Löns


 

Todmüde stürzte ich gestern abend ins Bett. Zu schwül war es gewesen den ganzen Tag und zu anstrengend der Pürschgang durch den Bergwald. Aber um fünf war ich doch schon wieder hoch. Die Grasmücken und die Amseln sorgten dafür, daß ich wach wurde, und die bleierne Schwüle, die durch die weit offenen Fenster in mein Schlafzimmer kroch und mir die Luft nahm. Ich stehe auf der Straße und gucke mir den Himmel an. Der ist hellblaugrau, und die Sonne sticht, als wäre es Mittag. Und es ist doch erst sieben Uhr. Im kühlen Stangenorte möchte ich gern sein, oben im Rotenberge. Aber ehe ich dahin komme, bin ich dreiviertel gar gebraten, und Essen und Trinken für einen ganzen Tag zu schleppen neben der Büchse, dafür danke ich heute bestens. Mir tut noch der Rückstrang weh, wenn ich an die beiden Böcke denke, die ich von da nach Barbis und Scharzfeld trug.

Ich glaube, daß Beste ist, ich nehme die Fluggerte und sehe zu, ob ich nicht eine Mahlzeit Forellen und Aeschen bekomme. Heute mittag kommen viele Gäste, und da haben sie Verwendung dafür im Hotel Schuster. Das wird wohl das vernünftigste sein. Ich steige in mein Zimmer, nehme den leichtesten Hut, ziehe die dünnste Bluse an, die Jacke ist überflüssig, die Strümpfe auch. Wadenstutzen und die alten Sandalen sind genug. Nur noch Angel, Fischkorb und Fliegenbuch, und dann aufs Rad und nach Scharzfeld hinein. In der ersten Wirtschaft stelle ich mein Rad ein, trinke eine Weiße und bummele dann über die Brücke zum linken Ufer. Zwischen Feld und Ufer schlendere ich den Koppelweg entlang bis dahin, wo der Mühlgraben der Oder das Wasser nimmt. Die Luft ist schwül. Die blinden Fliegen sitzen mir fortwährend im Nacken. Die Schwalben fliegen tief, und über der strudelnden, sprudelnden Flut tanzt und hüpft ein dichtes Gewimmel von Köcherfliegen, Eintagsfliegen, Wassermotten. Große, dunkelgraue Frühlingsfliegen fliegen einzeln Sowie eine davon in die Nähe des Wassers kommt, klatscht es da, ein silbernes oder goldenes Ding wird einen Augenblick sichtbar, und wo eben die Fliege war, ist ein Ring auf dem Wasser, der sich erweitert und dann verfließt. In meinem Fliegenbuche suche ich eine große, dunkelgraue Fliege. Ich setze die Rute zusammen, ziehe die Schnur von der Rolle durch die Ringe, löse das Vorfach von meinem Hut, schlinge es an die Schnur und knüpfe die Fliege daran. Wo die Uferpappeln Raum für den Wurf lassen, gehe ich über den grauen Steinschotter, lasse die Fliege hinter meinem Kopf schwirren und dann vorwärts dahin auf das schnelle Wasser fallen, wo fortwährend Fische aufgehen. Kaum hat die Fliege das Wasser berührt, da habe ich Biß. Ein kurzer Ruck aus dem Handgelenk, den Arm gehoben, daß die Schnur sich spannt und langsam die Rolle gedreht. Etwas Silbernes platscht zwischen den Steinen und kommt näher. Das Wasser spritzt, das silberne Ding taucht aus dem Wasser heraus, wird in den Ufersand gezogen und vom Haken gelöst. Eine gute, halbpfündige Aesche ist es.

Hinter der Steinkirche rummelt es. Dicke, weiße Wetterköpfe kriechen über die grünen Berge. Die Grauartschen zwitschern ausgelassen in den toten Weidenbüschen, die Mauersegler kreischen, die Uferschwalben fliegen dicht über dem Wasser hin. Einige Schritte weiter gehe ich über das graue, mit schwarzen Flechten durchwachsene Geröll, aus dem des Mauseöhrchens goldene Sonnen leuchten, dann lasse ich die Fliegen dicht an das andere Ufer fallen und über die Stromschnelle treiben. Wieder ein Ruck, ein Geplätscher, und ich lande eine viertelpfündige Aesche. Immer wieder zischt die Leine über die Oder, immer wieder fällt die Fliege auf das Wasser. Ueberall sehe ich Forellen aufgehen aber keine will beißen. Ich wate in das Flußbett hinein. Dort, wo die hohen Pappeln stehen, wo die Faschinen aus dem Wasser ragen, plumpst es unaufhörlich. Aber ich kann werfen und werfen, keiner beißt. Da, wo der Ehrenpreis das ganze steile Ufer in lichtes Hellblau hüllt, wo die roten Lichtnelken brennen und das Gänsefingerkraut aus silbernem Laub seine goldenen Blumen leuchten läßt, da ist eine gute Stelle. Ein scharfer Strudel wirbelt dort das Wasser, und dahinter ist die Flut tief und dunkelgrün. Dort will ich es versuchen. Wohl dreißig mal habe ich die Fliege schon auf die Stelle fallen lassen. Es nutzte nichts. Noch einmal soll es geschehen, zum letzten Male. Plumps sagt es; die Hand fühlt den Ruck, es spritzt und platscht, und bis in den überrieselten Schotter, auf dem ich stehe, bringe ich die pfündige Forelle. Da hakt das Vorfach an einen Stein, und der Fisch schlägt sich los.

Eine hundert Schritt wate ich flußauf. Am flachen Altwasser setze ich mich, um zu verschnaufen bei einer Zigarette. In dem klaren Wasser huscht die junge Brut der Aeschen und Forellen unter der grünen, weißblumigen Insel von Flußhahnenfuß herum, zollange Wasserwanzen laufen über das Wasser. Hoch über mir kreist ein Gabelweihepaar, Wildtauben fallen zum Trinken ein, laut kichert in der Pappel der Wendehals. Wunderschön ist es hier. Rundherum blüht die Wolfsmilch in dichten, goldgelben Sträußen, hellrosenrote Dolden erheben sich über dem satten Ufergrün, die silbernen Fruchtrispen des Pestwurzes spiegeln sich in der grünen Flut, neben ihr die vollen Büsche einer hohen gelben Kreuzblume. Im Rosendorn schwatzt die Grasmücke, über den Schotter trippelt die zierliche Bergbachstelze, die Goldammer singt vom blühenden Weißdorn, und weiße Falter taumeln über die grüne Flut. Eine kleine hellgraue Eintagsfliege schwärmt. Gierig sehen die Forellen drüben danach hoch. Ich knüpfe eine kleine helle Beifliege an das Vorfach, wate stromauf und lasse die Fliegen auf das Wasser fallen. Drei kleine Forellen lande ich, lasse sie aber wieder schwimmen. Bei einer ganz großen rucke ich zu früh an, und höhnisch weist sie mir die Schwanzflosse. Mehr oben liegt mitten im Strom ein Weidenstumpf. Vor ihn, in die Doppelströmung, fallen die Fliegen und treiben stromab. Aber die Forellen beißen nicht. Fortwährend gehen sie auf, daß ich die goldenen Bäuche sehe, und manchmal den ganzen Fisch, aber dann gibt es immer schlechten Fang. Ein großer Schatten fällt vor mich. Der Fischreiher. Dreißig Schritt vor mir fällt er auf die Sandbank ein, aber schon hat er mich spitz, macht die grauen Schwingen breit und streicht ab. Wehmütig sehe ich ihm nach und denke an mein Gewehr, das im Hotel steht. Wo der Fluß sich teilt, ist wieder eine gute Aeschenstelle. Aber der Gewitterwind macht es schwer, eine gute Leine zu werfen. Ich muß mit dem Winde werfen und die Fliegen treiben lassen. Biß auf Biß, aber nur Kruppzeug, das ich wieder springen lasse. Nur eine dabei, von denen fünf auf das Pfund gehen. So muß ich mein Heil weiter oben versuchen, dort, wo die Flut rasch über dicke Steine geht. Ueberall werfen sich da Forellen, aber keine beißt. Ich passe schon gar nicht mehr auf und werfe die Fliegen ohne Freude. Da ein Ruck, und, ja wenn ich aufgepaßt hätte! Aber so ist sie weg. Und es war eine, die sich lohnte. Ich sehe sie hinter den hellgrünen Wasserpflanzen stehen, die im Strom fluten. Sie steht ganz still, ich sehe den breiten, dunklen Rücken, den dicken Kopf. So wie eine Eintagsfliege ihr zu nahe kommt, plumpst es, und das Insekt ist fort. Um meine Fliegen aber kümmert es sich nicht. Auch die starken Aeschen, die weiter oben stehen, hellgrüne Schatten im hellgrünen Wasser, wollen von meinen Fliegen nichts wissen. Ich kann nehmen, was ich will. Sie zupfen höchstens einmal, das ist aber auch alles. Eine einzige lande ich schließlich, aber dann ist auch Schluß. An der Brücke mache ich noch einmal Halt. Da unten stehen ganz mordsmäßige Aeschen und weiterhin noch klobigere Forellen. Aber ich kann ihnen noch so zart und zierlich die Fliegen vor die Nase fallen lassen, es hat nur den einen Zweck, daß ich noch mehr in Schweiß komme, denn die Sonne steht schon ziemlich hoch und die Uferbüsche werfen nur kurze Schatten. So gehe ich dann lieber dahin, wo mein Rad steht und es kühles Bier gibt.

Ueber Mittag ist es schrecklich heiß. Ich fließe fast auseinander auf der Veranda. Endlich, nach sechs Uhr, poltert es hinter den Bergen, rauscht es in den Bäumen, flammt es am Himmel, pladdert es aus den Wolken. Und wie die letzten Tropfen fallen, ziehe ich wieder los. Diesmal fange ich bei der Brücke an wo die starken Fische stehen. Aber es ist, als wenn die Dinger ganz genau Bescheid wissen. Mit Mühe und Not lande ich zwei halbpfündige, aber die schwereren Fische fassen nicht an. Mein Lieblingsplatz, wo die Oder sich ein tiefes Bett durch die Grauwacke gewaschen hat, da ist der schönste Platz. Da knickst die Wasseramsel auf den Klippen, da klettern die ulkigen Groppen über die halbüberspülten Steine, da stehen die schwersten Fische. Aber, aber, auch hier wollen sie nicht beißen. Eine schnappt, eine ganz starke, da schlägt sie sich im letzten Augenblick los. Nur einige viertelpfündige bringe ich heraus.

Es dämmert. Im Kirchholz ruft der Kauz. Vor mir in der Ufervviese äst sich der Gabelbock mit seinem Schmalreh. Große Abendfalter flattern, die Luft ist voll von Motten und anderen Insekten. Ueberall klatscht und plumpst es. Es ist die beste Zeit. Biß auf Biß, aber viele Fehlfänge bei der Dunkelheit. Bald sitzt die Schnur an einem Ast, bald hängt sie an einer Klippe, aber trotzdem wird mein Korb jetzt schwerer. Unter dem Wehr wate ich durch die Oder, müde aber froh. In den Ufervveiden singt der Sumpfrohrsänger, die Frösche gröhlen in den Uferlachen, rein und frisch ist die Luft. Der Tag war lang und heiß und die Nacht kurz und schwül. Aber diese Nacht wird lang für mich sein, lang und kühl.