„Wo die Oder rauscht“

von

Hermann Löns


 

Es war eine Liebe auf den ersten Blick. Auf Anhieb verschoß ich mich in sie, in die lustige Tochter eines ernsten Vaters, in die sprudelnde, springende, lustige, launenhafte Oder, des finsteren Blocksbergs fideles Kind. Ich sah sie aus dem Brockenmoore heraussickern, wo das Wollgras seine Silberfahnen schwenkt, ein wildes kleines Ding. Dann trafen wir uns bei Oderbrück, wo man dem frechen Backfisch eine ungeheure steinerne Schnürbrust anlegte, damit er hübsch artig und fleißig sei und in den Gruben von St. Andreasberg den Bergleuten helfe. Aber ganz bändigen ließ sich die Kleine nicht, der Wildfang sprang bald wieder ohne Strümpfe und Schuhe über moosige Steine und algenbedeckte Blöcke talab, daß die ernsten Fichten ganz verwundert die Köpfe schüttelten.

So lustig sie ist, kann sie auch mächtig ernst sein. Wenn sie so ihren Zug kriegt, dann schlägt sie alles kurz und klein. Gerade dem Bahnhof Scharzfeld gegenüber lag ein festes Mühlenwehr aus Stämmen, Flechtwerk und Steinen mühsam in monatelanger Arbeit von schwieligen Fäusten aufgebaut. Jahrelang hat die Oder sich das Hemmnis gefallen lassen. Einmal aber wurde es ihr doch zu dumm, und im letzten Frühling wischte sie es weg, und der Müller kann sich nunmehr wieder monatelang abquälen, bis er wieder ein neues Wehr fertig hat.

Von diesem Wehr flußabwärts bis eine Wegstunde hinter Scharzfeld konnte ich angeln, aber ich begnüge mich mit der Ecke vom Wehr bis zur Brücke, soweit der Bergabhang vom Kirchholz bedeckt ist, von diesem Holz, in das ich mich auch gleich Knall und Fall verliebte, trotz seines geringen Rehstandes, in das ich mich verschoß über Hals und Kopf wegen seiner heimlichen Klippenecken und Felswinkel, wegen seiner seltsamen, zwischen Blöcken und Quadern sich herauswindenden Fichten und Buchen und wegen seines Ueberreichtums an schönen und seltenen Blumen. Im Schatten glänzt die Haselwurz, da steht steif und stolz die goldbraune Vogelnestwurz und krumm und gebückt der leichenfarbige Fichtenspargel, weiße Orchideen leuchten im finsteren Stangenort, um dessen Stämme die Waldrebe ihre zähen Taue zieht. Hinter der Brücke, da sind die Ufer kahl, da lockt es mich nicht hin; zwischen Wehr und Brücke bleibe ich.

Es ist schwül und drückend heute morgen und die Sonne sticht. Da wird sie beißen, die Forelle. Oben am Wehr beginne ich, da, wo zwischen den glucksenden, rauschenden und strudelnden Wassern eine klare, grüne Stelle ist. Im Schatten der Eller, deren Blätter in der Julisonne metallisch glänzen, mache ich die Angel fertig. Einen Augenblick sehe ich den Bachstelzen zu, die auf dem Ufergeröll Fliegen jagen, dann lasse ich die künstliche Fliege auf die glatte, tiefe grüne Stelle fallen, und hole sie mit zitternder Handbewegung zu mir heran. Wie ein lebendes Insekt tanzt sie über das Wasser. Schon ist sie dicht an den überspülten Ufersteinen, da schießt ein blankes Ding heran, hascht nach ihr und verschwindet als silberner Blitz wieder in den Kolk. Wieder fällt die Fliege auf den grünen Spiegel und noch einmal und dann platschte es, und ich rucke an. Aber die Aesche zeigt mir höhnisch die Schwanzflosse. Sie hat nur ein paar Härchen von der Fliege gezupft.

Im Schatten der Eller löse ich die Fliege vom Vorfach und nehme eine andere. Ein Stück weiter unten lasse ich sie dann über das flache, rasche, laute Wasser tanzen, da, wo die flinken Forellen stehen, den Kopf gegen den Strom gerichtet. Nachher will ich es wieder mit den Aeschen versuchen. In weitem Bogen fliegt die Schnur durch die Luft, und kaum daß die Fliege das Wasser berührt, so klatscht es auch schon, und ein heller Blitz funkelt durch die Wellen. Ein leiser Ruck des Handgelenks hebt eine Forelle aus dem Wasser, und in hohem Bogen fällt sie auf den Schotter des Ufers zwischen die goldgelb blühende Wolfsmilch. Vorsichtig löse ich den Haken aus dem Gaumen des zappelnden Fisches und setze ihn in den Eimer, in dem er wütend hin und her schießt. Das Kreuzholz hindert ihn aber am Herausspringen.

Es wird immer drückender. Die Sonne fällt aus tiefen Wolken blendend auf die glitzernde Flut, und zwischen dem silbergrauen Schotter summt es von Fliegen und Bienen. Drüben vom anderen Ufer weht Fichtenduft herüber, schwer und schwül. Ein heller, schwermütiger Ruf ertönt. Als blendender, hellblauer Blitz streicht der Eisvogel über das Flüßchen und fällt als funkelnder Edelstein am Mühlengraben ein. Ich werfe die lästige Jacke ab und gehe weiter das Ufer entlang, bis dahin, wo drüben die losgewaschene Weide das Flußbett verengt und zerrissene Felsblöcke eine Stromschnelle bilden. Stumm streicht vom hohlen Ufer die Wasseramsel ab und macht mir von der Kuppe eines gischtumspritzten Blockes einen spöttischen Knicks nach dem anderen, kokett ihre weiße Weste zeigend. Wenn das nur etwas Gutes bedeutet!

Zwischen der umgefallenen Weide und der Klippe ist ein tiefer Kolk mit klarem, grünen Spiegel. In dem steht sicher eine starke Forelle. Aber es ist schwer, die Fliege dahin zu bringen. Hüben und drüben hindern die Ellernbüsche den Arm am Schwung. Zweimal versuche ich es, aber jedesmal verheddert sich die Schnur im Gezweig. So steige ich denn bis an die Knie in das Wasser. Mörderisch zankt drüben der Zaunkönig. Er meint, ich will seiner flüggen Brut an den Kragen, die wie die Mäuschen durch die Riesenblätter der Pestwurz schlüpfen. Ich werfe von weitem die Fliege auf den Kolk. Ein Sprung, ein Silberblitz, ein Platschen und Plumpsen, die Schnur läuft rasselnd aus der Rolle, dann ein Ruck, und ihre Spannung hört auf. Ich rolle auf, und fliegenlos pendelt das Vorfach um meinen Kopf. Pech! Da hat sich die Schnur an einer Wurzel oder hinter einer Klippenzacke geklemmt, und die Forelle hat die Fliege mitgenommen. Also darum dienerte vorhin die Wasseramsel so höhnisch!

Ich schlinge eine neue Fliege an das Vorfach und versuche aufs neue meine Kunst. Aber vergebens lasse ich die Rute schwippen und die Schnur fliegen, der alte starke Räuber hat genug vom ersten Male. Und da höre ich auch das Geröll rasseln hinter mir. Der eine der drei Engländer aus Leipzig, die seit gestern im Hotel Schuster wohnen, kommt mit seiner Angel an. Er ist ein alter Forellenfischer. Seit acht Jahren kommt er alle Augenblicke nach Scharzfeld und macht reiche Beute. Die beiden anderen sind oben, wo die Aeschen stehen. Unaufhörlich blitzen die Angelruten in der Luft.

Ich erzähle mein Unglück mit der starken Forelle. Er sieht meine Fliege an, schüttelt den Kopf und zeigt mir seine Fliege. Dann läßt er sie leicht auf den Kolk fallen. Ich sehe ihm zu; von dem kann ich lernen. Wie weit er wirft, wie lose die Fliege auf das Wasser fällt, wie er sie mit zitternder Handbewegung quer über den Strom tanzen läßt, es ist eine Freude, zuzusehen. So hocke ich denn am Ufer, rauche, beobachte ihn und höre was Fink und Mönch, Ammer und Zippe singen, und lausche dem Quirlen und Sprudeln, Klucksen und Gurgeln des Wassers. Eine halbe Stunde lang sehe ich zu. Vier Forellen und eine Aesche sind schon in den Eimer gekommen, aber die große ist noch nicht dabei. Und immer noch fällt die Fliege vor und hinter dem Kolk und nur ab und zu auf seinen grünen Spiegel.

Hinter dem Kirchholz grummelt ein Gewitter. Ein Windstoß rauscht in den Fichten. Die Holztauben, die sich am Ufer tränkten, flüchten zum Holze. Einzelne Tropfen fallen. Des langen Engländers Gesicht rührt sich nicht. Er zieht die Kappe fester, stopft sich sein Pfeifchen und wirft von neuem die Fliege auf das Wasser, hierhin, dahin, wo es brandet und braust, und dann wieder einmal dahin, wo das Wasser stille steht, grün und klar. Und in demselben Augenblick ein lauter Plumps, ich sehe eben noch einen silbernen Streif, aber einen handbreiten, sehe das abgemessene Anrucken in des Engländers Arm, bewundere die Sicherheit, mit der er die abrollende Schnur durch geschickte Gegenbewegung in Spannung hält, ich höre die Rolle rasseln, sehe die Angelrute hin und her pendeln und zum erstenmal heute in dem schmalen, braunen Gesicht etwas Aufregung, das tief versteckt lag hinter den ausdruckslosen Mienen. Aber immer bleibt der Grundzug des Gesichtes ruhig, und der Rauch des Pfeifchens flattert in gleichmäßigen Wolken flußaufwärts mit dem Winde.

Langsam rollt er jetzt auf, aber rasend schnell läuft die Schnur wieder ab. Und wieder rollt er auf, und noch einmal läuft sie ab, und so nochmals und abermals. Dann aber ist die Forelle matt, und vorsichtig, rückwärts gehend, watet er dem Lande zu. Wir haben keinen Kescher mitgenommen, das ist dumm. So greift er denn die Angelrute entlang bis zur Spitze und zieht mit der Rechten Schnur und Vorfach heran. Und dann, in demselben Augenblicke, wo der Kopf der Forelle fast schon die Luft berührt, ein Schwung, und sie schnellt sich, vom Haken frei, in dem blühenden Wundklee herum. Da lacht er aber doch über das ganze Gesicht. Eine zweipfündige, dieselbe, die gestern seinem Freunde das ganze Vorfach fortnahm. Und dann sagt er lachend: "Ich habe schrecklich viel Angst gehabt." Dann faßte er die wütend zappelnde Forelle mit schnellem Griff über den drei Finger breiten Nacken hinter die Kiemen, sieht frohen Auges an den dunkelrot getupften Seiten entlang und tut sie in den Eimer, in dem sie einen Höllenspektakel vollführt. Nun kommen auch die beiden anderen Engländer an. Sie haben sieben Aeschen gefangen, aber sie gäben sie gern hin für die eine Forelle; das sieht man ihren Augen an.

Weiter unten im Flusse ist eine Stelle, da ist mein Lieblingsplatz. An der rechten Seite ist das Ufer hoch und mit Ellernbüschen bestockt, links greift der Fels in das Bett ein, zerrissen und zerborsten, und engt den Strom so ein, daß er eine niedliche kleine Stromschnelle bildet. Rundherum sind Altwässer, in denen sich die junge Brut der Aeschen und der Forellen tummelt und bei unserem Herannahen unter den braungelben Algendecken versteckt und zwischen den Felsen sind flache Mulden, in denen die dickköpfigen Groppen faul auf den kaum mit Wasser bedeckten Steinen liegen. Der Eisvogel, der hier gern fischt, stiebt mit ärgerlichem Ruf ab, wie wir kommen, und die Groppen verschwinden vor unseren Tritten, mit den Schwänzen das Wasser trübend, in den Steinritzen. Unter den Felsen sind große stille Tiefen. Vier Forellen holte ich gestern da heraus, aber die fünfte, die beste, nicht. Der eine Augenblick, in dem ich, auf schlüpfrigem Fels stehend, vergaß, die Schnur straff zu halten, genügte ihr, sich frei zu machen, und sie biß nicht wieder. Aber der alte Forellenangler wird sie schon kriegen, und ich, der junge, lerne dabei.

Der Engländer sieht sich die Sache an. Links der Wildrosenbusch, rechts die Ellern und Weiden, oberhalb der tiefe Strudel, das ist dumm. Da muss alles im Handgelenk liegen. Dicht über das Wasser fliegt die Fliege, jetzt tanzt sie wie eine Eintagsfliege, die ihre Eier ablegen will, über den Strudel, jetzt zittert sie auf dem Kolk, jetzt schlüpft sie über die nassen, algenbesponnenen Steine. Noch einmal! Nichts. Noch einmal! Dasselbe. Und noch einmal! Auch nichts. Und wieder einmal! Wieder nichts. Und dann klatsch, plumps, das Geratter der Rolle, das Zittern der Angel, und die Forelle ist zu Land gebracht. Aber nichts Besonderes. Also wieder weiter. Nichts. Und wieder weiter. Klatsch plumps. Das war eine Aesche. Die hatte nur angefaßt und hielt das Anrucken nicht aus. Also noch einmal, noch einmal und noch einmal.

Hoppla, das ist etwas Besseres. Rrr geht die Rolle, hierhin, dahin geht die Rute, mit Luchsaugen paßt der Engländer auf, daß die Schnur straff bleibt immer die rechte Hand an der Kurbel. Schnur nehmend, Schnur gebend, dem Fisch scheinbar den Willen lassend, bis er ganz matt ist und sich soweit ziehen läßt so daß ein Schwung ihn auf das Geschotter des Ufers wirft.