Martha, Martha, Du entschwandest. Oder:
Wie die Marthahöhle im Hainholz zu ihrem Namen kam…

- von Friedrich Reinboth, Braunschweig, und Firouz Vladi, Osterode-Düna, November 2010 -

Marthahöhle und Klinkerbrunnen bei Düna am Südharz, so titelt Dr. Ing. Friedrich Stolberg 1936 eine kleine Abhandlung über die Höhlen im Hainholz und Beierstein, die er und seine Kameraden der Nordhäuser Höhlenforscher bei einer Geländestreife im April 1924 „entdeckten“. Natürlich war, wie Stolberg selbst notiert, den „Waldbesitzern aus dem nahen Dorfe Schwiegershausen, für die das finstere Bergloch aber Gegenstand ohne Belang blieb“, bekannt. Er benamte die Höhle, „da nirgendwo Näheres zu erfahren war, als ‚Marthahöhle‘“. Stolbergs Bericht von 1936 geht dann auf die weitere Entdeckungsgeschichte der Lauggänge ein, die Biese 1930 bei sinkendem Grundwasserstand schon einsehen konnte und im Oktober 1930 von Schülern aus Lindau auf 30 m befahren werden konnten. Genau vier Jahre später konnten durch Fritz Strötker, Nordhausen, die weiteren Gänge hinter der nach ihm benannten Engstelle erkundet werden. Zum ersten Mal konnten Harzer Höhlenforscher in echte Laugräumen in statu nascendi vordringen: Lehmboden, schräge Facetten als Seitenwände und eine völlig flache Laugdecke. Hier konnte im frühen Stadium erforscht werden, was oft nur Jahrzehnte später an der Erdoberfläche als frischer Erdfall zu „bewundern“ sein wird. Es ist fast schon zu ahnen, die Erforschung der Marthahöhle und die Entdeckung von Fortsetzungen sind eng an die Bewegung des Grundwasserspiegels gebunden. Es zeigte sich alsbald die Faustformel bestätigt: Gute Weinjahre sind Marthahöhlenjahre!

Doch zurück zu Stolberg und „Martha“. Der aus Straßburg gebürtige Architekt Friedrich Stolberg erweckte die Harzer Höhlenforschung aus ihrem Schattendasein. Mit der Erforschung der Heimkehle begann 1919 die planmäßige Erkundung und Dokumentation der Südharzer Gipshöhlen (Stolberg 1984), denen sich später auch die Höhlen von Rübeland und Bad Grund anschlossen. Es waren zunächst ausnahmslos Laien, die sich dieser Pionierarbeit in Schlamm und Verbruch widmeten, wenn auch Stolberg geologische und archäologische Grundkenntnisse besaß und sein Vater Dr. August Stolberg, der wohl manchen Impuls gab, als Geograph und Teilnehmer an Grönlandexpeditionen wie auch als langjähriger Nordhäuser Museumsdirektor einen Namen hatte. 1928 erfolgte die Gründung der "Gesellschaft für Höhlenforschung im Harzgebiet" mit Sitz in Nordhausen im Hauptverband deutscher Höhlenforscher. Auf Mitglieder dieser Gesellschaft konnten sich in den folgenden Jahren Wissenschaftler wie der Berliner Geologe Walter Biese und der Hydrologe Hugo Haase stützen. (nach Reinboth 1998).

In Schwiegershausen ist heute, 2010, über eine ältere Bekanntschaft mit der Höhle nichts mehr zu erfahren. Doch war das finstere Bergloch nicht ganz unbekannt, denn im niedersächsischen Höhlenkataster finden wir es mit dem alternativen Namen als „Diebshöhle“ bezeichnet, ohne dass es – obwohl dort auf Stolberg verwiesen – jetzt noch gelang, die Herkunft dieses Namens aufzuklären. In der Tat bietet die Wintereishalle gleich hinter dem Haupteingang ja prächtige Retiraden für Menschen mit differenzierterem Eigentumsbegriff! Doch zeigt bereits das Messtischblatt TK 25/4327 Gieboldehausen ab Mitte des 20. Jh. den Namen „Marthahöhle“. Er hat sich wohl über die Literatur der Höhlenforschung schnell durchgesetzt.

[4. Auftritt des 3. Aktes]*
Ach so fromm, ach so traut
Hat mein Auge sie erschaut.
Ach so mild und so rein
Drang ihr Bild ins Herz mir ein.
Martha! Martha! Du entschwandest
Und mein Glück nahmst du mit dir;
Gib mir wieder, was du fandest,
Oder teile es mit mir,
Ja, teile es mit mir.

* Zwar passt die Assoziation dieser Arie mit der Fritz Stolberg später entschwunden Martha so wunderbar; allein, wir wissen nicht, ob Stolberg diese Assoziation hatte, als er die Höhle, die er schon 1924 nach ihr benannte, unter diesem Namen 1936 publizierte. Es ist so hübsch, dass wir es heute unterstellen wollen. Deshalb hier noch – verkürzt aus Wikipedia, etwas Näheres zur anderen „Martha“. So oder „Der Markt zu Richmond“ heißt die romantisch-komische Oper in vier Akten von Friedrich von Flotow. Die Uraufführung fand 1847 in Wien statt. Entstanden ist die Oper nach dem Ballett „Lady Harriette ou La Servante de Greenwich“ von 1844; der Text stammt vom Berliner Schriftsteller Friedrich Wilhelm Riese nach der Vorlage von Saint Georges. Die Handlung spielt in Richmond zu Anfang des 18. Jahrhunderts, zur Zeit von Königin Anna von England (1702-1714).
Im 3. Akt erkennt Plumkett vor einer Waldschänke in Nancy seine Magd "Julia", die mit Damen vom Hof der Königin auf der Jagd ist. Sein Versuch, sie fortzuführen, wird von Speeren bewaffneter Jägerinnen vereitelt. Lyonel tritt hinzu und singt die Arie „Ach so fromm, ach so traut“ mit dem zum Zitat gewordenen Schluss „Martha, Martha, du entschwandest...“. Die nahende Harriet wird von Lyonel erkannt und gebeten, ihm zu folgen. Als er sie zornig als seine Magd bezeichnet, lässt Harriet ihn festnehmen; er kann den Ring gerade noch Plumkett zustecken….

Stolberg studierte in den frühen 1920er Jahren Architektur in Karlsruhe. Landschaft, Berge und Bergwandern liebend war Stolberg früh dem Alpenverein Karlsruhe beigetreten. Dort lernte er Hermann Bruttel kennen, einen Vereinskameraden – und im Oktober 1923 dessen ebenso bergbegeisterte Schwester Martha Bruttel. Martha war Opernsängerin. Am 6. September 1924 erscheint erstmals der Name Marthahöhle im Tagebuche Stolbergs. Das Verhältnis ging dann einige Jahre später in gegenseitigem Einverständnis in die Brüche. Stolberg hat aber noch in hohem Alter wehmütig „seiner“ Martha gedacht. Es gibt noch einige Fotos, die Stolberg von ihr beim Klettern im Battert bei Baden-Baaden 1926 aufnahm, beides mal mit sehr „praktischer“ Kleidung zum Klettern! Vielleicht sind sie nicht immer geklettert… Wir wollen sie hier zeigen, denn jetzt erst gewinnt die Marthahöhle endlich ihr persönliches Profil.

Heute steht die Marthahöhle mitsamt des ganzen Hainholz-Beierstein-Gebietes und derer Umgebung unter Naturschutz; die Wege dürfen nicht verlassen werden. Mithin kann die Marthahöhle legaliter nicht betreten werden. Die meist ohnehin unter Wasser stehenden flachen Laugräume sind vor 20 Jahren durch die Naturschutzbehörde mit einem Gitter versehen worden. Dies war nötig, denn zu viele Besucher zertraten die feinen Sedimentstrukturen mit ihren Lagen von organischem Detritus bis zur Unkenntlichkeit und zerstörten damit wichtige Zeugnisse der Höhlengenese und jüngeren Klimageschichte. Also – wer heute abseits der Wege im Hainholz rumkrebst, denke immer an die mit Speeren bewaffneten Jägerinnen!

 
STOLBERG, Friedrich (1926):Die Höhlen des Harzes, Band 1: Einleitung und Südharzer Zechsteinhöhlen.- Sonderheft der Zeitschrift "Der Harz"; S. 7f.; 1926 (Nachdruck München 1978)
REINBOTH, Friedrich (1998):Forschungen in der Gipskarstlandschaft Südharz von den Anfängen bis zur Gegenwart.- NNA-Berichte, 11:16-25, Schneeverdingen
STOLBERG, Friedrich (1935):Neues von der Marthahöhle bei Düna am südlichen Vorharz./ Mitt. Höhlen- u. Karstforsch., 37-38, Berlin. (17) ...
STOLBERG, Friedrich (1936):Marthahöhle und Klinkerbrunnen bei Düna am Südharz.- Mitt. Höhlen- u. Karstforsch., 17-26, [5 Abb.], Berlin

Quelle: Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für Karstkunde Harz e.V., Jg. 32, Heft 1 + 2, S. 3-10; 2011

[ Der episodische Erdfallsee vor der Marthahöhle ]


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