Neuer Erdfall in der Gemarkung Scharzfeld

Die Schneeschmelze im Frühjahr 1991 war insgesamt nicht sehr ergiebig, die üblichen Frühjahrshochwässer blieben aus. So waren bisher am südwestlichen Harzrand keine Einsturzereignisse zu beobachten: nur in der Gemarkung Scharzfeld konnte vom Verfasser ein kleiner Einsturz beobachtet werden, der im Folgenden Anlaß geben soll, auf ein bislang wenig beachtetes Karstgebiet einzugehen.

Der Hauptanhydrit als oberste am Südharz landschaftsprägende Einheit von Zechsteingipsen tritt massivbildend nur weiter im Westen (Lichtenstein, Hainholz) und östlich der Eichsfeldschwelle wieder bei Klettenberg und Obersachswerfen an die Oberfläche. Unter Hangendbedeckung ist diese - auch auf der Eichsfeldschwelle gut entwickelte Gipsschicht - aber überall im weiteren Harzvorland nachzuweisen. Nur selten. wie z.B. im zentralen Pöhlder Becken oder an der hier zu beschreibenden Stelle ist der Hauptanhydrit auch tektonisch bis fast an die Taqesoberfläche gehoben. Meist ist sein Ausstrich durch eine Reihe von Erdfällen oder Bachschwinden in der Tiefe zu verfolgen.

Weniger stark ausgeprägt als über dem Ausstrich des Werraanhydrits in der unmittelbaren Harzrandsenke folgen auch dem Hauptanhydrit - Ausstrich Talbildungen, die gegenwärtig nurmehr von unbedeutenden Bächen entwässert werden. Bei Herzberg und Düna lassen sich landschaftsgeschichtlich ältere Unterläufe von Harzgewässern nachweisen, die über dem Hauptanhydrit zu Subrosionssenken geführt haben, etwa das Heiligental bei Düna als fossilem Unterlauf der Kleinen Steinau oder der Häxgraben bei Herzberg als ebensolcher des Eichelngrabens. Ob das Bebertal südlich Scharzfeld oder gar das Ellertal einem altquartären Entwicklunszustand der Oder entsprechen, wäre beim bisherigen quartärgeologischen Erkundungsstand des östlichen Pöhlder Becken eher unbegründet zu vermuten. Eine ebensolche Struktur ist der trockengefallene Oberlauf der Ichte zwischen Osterhagen und Mackenrode, dessen heutiges Gewässer, der Steingraben oder Hellengrundbach an der Wolfskuhle über eine Bachschwinde in den Hauptanhydrit entwässert.

Östlich Pöhlde und bei Königshagen stellt das Bebertal eine Subrosionssenke dar. Die Kette der aus dem verkarsteten Hauptanhydrit hochbrechenden Erdfälle beginnt schon in Pöhlde im Gelände der Kaiserpfalz und Klosterkirche und verläuft ostwärts über zahlreiche und oft mit Seen gefüllte Strukturen am nördlichen Hang des Zandersberges in das obere Bebertal bis hin zum Beberteich. Auch auf dem Top der Eichsfeldschwelle südlich der Westernsteine ist die unterirdische Entwässerung über den Hauptanhydrit etwa mit den Bachschwinden um Bartolfelde gut zu erkennen.

Hier überall ist der Gips von Tonen und Residuen der jüngeren Zechstein - Serien und Resten von unterem Buntsandsteinen bedeckt, insgesamt Gesteinen, die kaltzeitlich als Fließerden verfrachtet wurden und etwaige zuvor gebildete Karststrukturen überkleidet haben. Nur am Kipprode (319,8 m NN) und - wie nun auch im Frühjahr 1991 zu erkennen - am Osthang des Zandersberges (268,5 m NN) ist die Hangendbedeckung des jüngeren Gipses so gering, daß er an den Flanken von Erdfällen zutage steht.

Nach der geologischen Karte, Blatt 4328 Bad Lauterberg, ist die Hauptanhydritscholle des Zandersberges an ihrer Nordostseite tektonisch angehoben, eine herzynisch verlaufende Verwerfung von mehreren Zehnermeter Versatz. Die Oberkante des weiter nördlich bei Scharzfeld abgebauten Hauptdolomites fällt hier in ca. 90 m Tiefe flach nach Südwesten.

Das Gelände nennt sich Krämerssumpf nach einem dortigen Erdfallsee; südlich schließt sich inmitten von Ackerland ein stark kupierter Grünlandkomplex an, einer Pferdeweide, die von mehreren Dutzend z.T. ganz junger Erdfälle durchsetzt ist. Die Ostflanke des Zandersberges entwässert ein nur unscheinbarer (Wegeseiten-) Graben über das genannte Erdfallgebiet und den Krämerssumpf hinweg nach Nordosten in die Beber. Doch in diese gelangt nunmehr selten Wasser. Im Erdfallgebiet versiegt es meist, gelegentlich überstaut es bei höheren Abflüssen die inzwischen übertiefte Senke.

An deren tiefster Stelle ist im Frühjahr 1991 nach der Schneeschmelze eine Schwindstelle nachgesackt und hat eine bis dahin mit Boden verhüllte, nach Norden exponierte kleine Gipswand freigelegt. In einem davor entwickelten Trichter von nicht mehr als 10 m Durchmesser und 3 m Tiefe entspringt an mehreren Stellen aus der staffelbruchartig absinkenden Grasnarbe Wasser und plätschert (Mitte März 1991) in eine nur ca. 4 m lange Schwindhöhle unter die Felswand. Der weitere Verlauf in die Tiefe wird durch stark nachrutschendes Erdreich (Lößlehm) versperrt. Größere Höhlenräume könnten im anschließenden Gerinne zu vermuten sein, wie Lage und Verlauf zahlreicher weiterer Einbruchskrater im Umkreis von 100 m zu erwarten lassen. Von dem neuen Einbruch zieht sich nach Südosten den Wiesenhang eine Erdfallreihe hinauf, deren oberster einen Tümpel enthält. Weiter unten sind zwei Einbrüche gegenwärtig in Bewegung, beide nicht mehr als 2 m im Durchmesser.

Über den Wiederaustritt der in ca. 240 m NN versinkenden Wässer ist nichts bekannt. Am Krämerssumpf und an der 500 m nordöstlich vorbeifließenden Beber (Höhe ca. 232 m NN) werden keine Quellaustritte beobachtet. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Wässer mit dem Schichteinfallen nach Südwesten an der Basis des Hauptanhydrits abströmen, an tektonisch geeigneter Stelle einem tieferen Zechstein - Aquifer zufallen und letztlich an der Rhumequelle wieder zutagetreten.

Die eng beieinanderliegenden Karststrukturen erscheinen nicht unmittelbar gefährdet. Felswand, Teich und Tümpel genießen als besonders geschützte Biotope unmittelbaren Schutz nach § 28 Nieders. Naturschutzgesetz. Durch oberhalb liegende Ackerflächen werden jedoch Nährstoffe und Pflanzenbehandlungsmittel in das Grundwasser und den für die Hobbyfischhaltung genutzten Krämerssumpf gespült. Auf der Westseite des Asphaltweges lag ein tieferer Erdfall, der anfang der siebziger Jahre verschiedensten Abfällen, auch industrieller und landwirtschaftlicher Herkunft als "wilde Deponie" diente. Ob hier eine Grundwassergefährdung zu besorgen ist, bedarf weiterer Untersuchung. Dieses kleine Karstgebiet ist im Erdfallkataster des Landkreises Osterode am Harz erfaßt.

Firouz Vladi
Osterode am Harz, den 18.3.1991


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