Peter Pohl
Mitt ArGeKH 3+4/2010

Zum Jahresende 2010 – die Neujahrgrüße der DDR-Höhlenforscher

In der ersten Hälfte der 1960er Jahre gründeten sich in der DDR viele Höhlenforscher-Fachgruppen unter dem Dach des Deutschen Kulturbundes (später Kulturbund der DDR). Viele Gruppen konnten dabei bereits auf eine lange Tradition, die weit bis vor den 2. Weltkrieg reichte, zurückblicken. Als Beispiel sind hier die Höhlenforscher in Dresden, Nordhausen und Rübeland zu nennen.

Im Kulturbund wurde ein Zentraler Fachausschuss zur Organisation und Kontrolle der einzelnen Gruppen gebildet, dem fast ausschließlich Staatsfunktionäre aus dem Bereich der geologischen Forschung und Erkundung angehörten. Die Zeitschrift „Fundgrube“, beginnend mit Heft 1/1965, diente als Publikationsorgan.

Viele Höhlenforscher, von Haus aus Individualisten, wichen Ende der 1960er Jahre dieser hierarchischen Ordnung und Kontrolle aus. Einen größeren Freiraum fand man in den Gruppen des DWBO (Deutscher Verband für Wandern, Bergsteigen und Orientierungslauf der DDR). Diese Sportorganisation war in Betriebsgruppen der großen Volkseigenen Betriebe gegliedert. Die Höhlenforscher waren hier eine Randgruppe und wurden somit wenig überwacht. Vorreiter für diese Organisationsform der Höhlenforscher waren die DWBO-Gruppen Leipzig und Dresden. Das hieß natürlich nicht, dass keine Staatskontrolle ausgeübt wurde. Dafür sorgten die in den Höhlenforschergruppen aktiv tätigen IMs des Ministeriums für Staatssicherheit (IM Ast, IM Berger u.a.).

Im Zuge dieser Entwicklung wurde es Mode, dass die einzelnen Höhlenforschergruppen Neujahrsgrüße austauschten. Anfänglich waren es noch handelsübliche Grußkarten. Bald (in meiner Sammlung 1971) tauchten selbst gestaltete Grußkarten auf. Meist wurden besondere Fotos von Neuentdeckungen, ausgefallenen Sinterformen oder herausragenden Auslandsexkursionen verschickt. Ausnahmen machten wiederum die Gruppen Leipzig und Dresden. Satirisch nahmen sie die zweigleisige Entwicklung in der Organisation der Höhlenforscher aufs Korn.

1975 kann man diesen Entwicklungsprozess als abgeschlossen betrachten. Dies ist auch in der Grußkartengestaltung erkennbar. Man bevorzugte jetzt kleinere Schwächen der Höhlenforscher zur Darstellung. So etwa „Es gibt keine zu engen Höhlen, sondern nur zu dicke Höhlenforscher“ oder „Lass das Seil langsamer nach“ – mit deutlich dargestelltem Seilriss...

Einige Autoren nutzen natürlich auch die in den 1970er Jahren entstandene sexuelle Freizügigkeit für ihre Darstellungen. Aktportraits, meist aus der Zeitschrift „Magazin“, einem „Bück-Dich-Produkt“ (nur unter dem Ladentisch verkauft), wurden in den eigenen Schwarz-Weiß-Fotolabors kopiert und unter dem Motto „Diese Höhle habe ich entdeckt, aber ich zeige sie niemandem“ in Umlauf gebracht.

1978 entbrannte ein Kleinkrieg um die Vormachtstellung in den DWBO-Gruppen, der sich natürlich auch in den Grußkarten wiederfinden lässt. Mit eigens gestalteten Todesanzeigen und Wortneuschöpfungen wie ROstiger WIesel und MIckriger BRUder etc. wurde ein Scheingefecht geführt. Aber wie so oft im Leben glätten sich die Wogen wieder.

Die Grußkarten stellten oft kleine Comic-Geschichten dar. Zum Beispiel die Darstellung der Begegnung zwischen Neuzeithöhlenforschern und Neandertalern oder feuerspeienden Drachen.

Zu einer markanten Wendung kam es 1985. Die Durchsetzung des Hohlraumgesetzes mit seinen Durchführungsbestimmungen ließ nur noch die Organisation der Höhlenforscher im Kulturbund der DDR zu. Alle Höhlenforscheraktivitäten mussten mit Personallisten beim Rat des Kreises, Abt. Inneres, eingereicht werden. Gruppen mussten von Befahrungsleitern geführt werden, die vom neugegründeten Karstmuseum (Museumsleiter IM Paul) geprüft waren. Die Anzahl der Grußkarten ist damals schlagartig gesunken. Im Durchschnitt habe ich in meiner Sammlung 12-15 Grußkarten pro Jahr, von 1985 sind es nur zwei.

Auch diese Turbulenz beruhigte sich. Man musste sich mit den neuen Gegebenheiten abfinden und arrangieren. Die Einrichtung des Karstmuseums stellte sich als eine sehr gute Maßnahme dar und trug zur positiven Entwicklung der Höhlenforschung in der DDR bei. Eine zentrale Katastererfassung, welchen Zweck die damalige Staatsführung dafür auch im Sinn hatte, eine zentrale Bibliothek und finanzielle Zuwendungen für die Höhlenforschergruppen waren für die Höhlenforschung optimal.

Mit der politischen Wende in der DDR ging leider auch die Grußkartenkultur unter. 1991 bekam ich noch zwei Neujahrsgrüße.


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