Mitt. Arbeitsgem. Karstkde. Harz
33 (3)
3 - 12
Goslar 2012

Fritz Reinboth

Der Gipskarst des Rösebergs bei Walkenried – was ist
noch zu retten?

Quin igitur expergiscimini?
Sallust


Seit einiger Zeit rumpeln oberhalb der früheren Walkenrieder Gipsfabrik Bagger, kreischen Sägen und stirbt der Wald – ist es schon Zeit für einen Nachruf auf einen einst gerühmten Berg, dessen Blumenflor uns der unvergessene Lehrer Fritz Wilding damals um 1946 begeistert schilderte?

Als der Wolfenbütteler Zeichner Conrad Buno 1652 den besten Aussichtspunkt für eine Darstellung des Klosters Walkenried suchte, wurde er auf den Röseberg gewiesen. So kam es, dass der 1654 gedruckte weltbekannte Kupferstich seines Auftraggebers Caspar Merian den Klosterort – damals noch ohne Jagdschloss und noch nicht über die Klostermauer hinausgewachsen – von Süden, von der Höhe des Röseberges zeigt. Bunos genauer Standort lässt sich auf einem kleinen Vorsprung unmittelbar östlich der Schneise zwischen den Forstorten 136 und 137 z. B. durch den Blick auf den am rechten unteren Bildrand dargestellten Kalkteich recht genau festlegen. Allerdings ist der Blick heute durch den Hochwald verstellt.


Caspar Merian 1654 (nach C. Buno): Blick vom Röseberg auf Walkenried


Geschichtliches vom Röseberg

Die erste Erwähnung des Höhenzuges findet sich 1242 in einer Urkunde der Grafen von Klettenberg, wo er als Rosenberg erscheint. Er heißt aber sicher nicht nach der Rose, sondern wahrscheinlich nach den dort von den Mönchen betriebenen Gips- oder Kalkrösen, als sie Mörtel für ihren Klosterbau brauchten.


Alter Dolomitbruch auf dem Röseberg

Aber nicht nur Gips, sondern auch Dolomitsteine oder „Katzenköpfe“ holten sich die Mönche vom Röseberg. Oben am späteren Kutschweg findet man noch ihre kleinen Steinbrüche, heute ein üppiger Standort des Helleborus viridis, der geschützten Grünen Nieswurz. Wenn auch kurioserweise nur die Klostergebäude selbst und das Obertor (!) dem Weltkulturerbe „Oberharzer Wasserwirtschaft“ zugeordnet werden1, so sind diese Steinbrüche ebenso zu wie die Walkenrieder Teichlandschaft ein wichtiger Teil der Klostergeschichte, wenn wohl auch nur für unbedarfte Lokalhistoriker. Es ist denkbar, dass die Pflanze dort ein Relikt alter Arzneigärten der Mönche ist2. Ein Mittel gegen Wahnsinn war die Nieswurz damals – freilich hilft sie wenig gegen den Wahnsinn, der sich jetzt am Röseberg abspielt.


Blühende Grüne Nieswurz (Foto 10.4.2012)

Nach Conrad Buno fanden weitere Zeichner den Weg auf den Röseberg, als sie kleine Ansichten von Walkenried brauchten. Damals wurden die Orte auf Landkarten ja noch aus der Vogelschau und noch nicht als Grundriss dargestellt. So wanderte der Subkonrektor der Walkenrieder Klosterschule Johann Zacharias Ernst – später ein berühmter Harz-Kartograph – nach dort, um für seine 1672 vollendete Karte des Stifts Walkenried eine Vedute des Klosters aufzunehmen. Wieder einige Jahre später war es ein anderer Geometer, der 1697 eine Skizze von Walkenried in seinem Vermessungsregister hinterließ. Seinen Namen hat er nicht dazugeschrieben, aber es war wohl der braunschweigische Kammerschreiber H. J. Rauscheplat, der damals die strittigen Grenzen des Stiftsamtes zur Grafschaft Hohenstein aufnahm3Man kann sich beide auf dem Röseberg entstandenen Zeichnungen im „Walkenrieder Lesebuch“ ansehen4 und auf dem Röseberg versuchen, die Standorte der Zeichner zu finden. Allerdings sind die Aussichtspunkte längst verwachsen und man muss für solche Forschungen die Wintermonate wählen; außerdem benötigt man derbes Schuhwerk, denn fast alle Wege im Röseberg – wie der Myliusweg – sind verwahrlost und praktisch unpassierbar. Man wird finden, dass Ernst am weitesten im Osten – vielleicht an der sog. Liebesbank an einer kleinen Dolomitklippe – gesessen hat und deshalb der damalige Wildenhof (das jetzige Jagdschloss) ganz an den linken Bildrand rückt, während Buno und der unbekannte Zeichner von 1697 sich oberhalb des Kalkteichs postiert haben. Leider ist früher – als man dort noch spazieren gehen konnte – niemand auf die Idee gekommen, einen „Merianblick“ freizuhalten und mit einem Denkstein an Merian und Buno zu erinnern.

Um 1950 hat der bekannte Walkenrieder Graphiker Karl Helbing sen.† den Blick auf Walkenried vom Röseberg (Kutschweg) als Aquarell für einen Bilderzyklus festgehalten, den der Kaufmann Martin Rosenblath bei ihm in Auftrag gegeben hatte5.
 

Das 19. Jahrhundert

Nachrichten über den Röseberg als Wanderziel haben wir erst wieder aus dem 19. Jahrhundert. Nach dem früheren Walkenrieder Forstmeister von Bülow (hier tätig 1816 - 1823) wurde die mächtige „Bülowbuche“ als Aussichtspunkt benannt. Sie fiel in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, beklagt von Karl Steinacker, dem Freund und Historiographen Walkenrieds. Der Standort ist mit etwas Spürsinn als kleines Plateau unterhalb des verwilderten Myliusweges zu erkennen. Der Myliusweg, ein uralter Hangweg am Nordhang des östlichen Röseberges, wurde in den 1960er Jahren auf Anregung von Karl Helbing vom Harzklub als Wanderweg ausgeschildert, dann aber von einem gerade in Mode kommenden Reiterverein bis zur Unpassierbarkeit zertrampelt – danach verfiel er vollends. Mylius war übrigens 1557 - 1584 der erste Rektor der Walkenrieder Klosterschule.

Der bekannte Schriftsteller Wilhelm Raabe ist bei seinen Besuchen in Walkenried 1878 und 1879 mehrfach zum Röseberg gewandert. In dieser Zeit gab es nach dem Zeugnis von Wilhelm Girschner „hübsche Anlagen“; man wanderte von Walkenried am Röseberg entlang zum Sachsenstein. Was für Anlagen das waren, schreibt Girschner leider nicht. Neben der um 1890 errichteten Villa Meier gab es einen hübschen kleinen Park; die Fabrik und der zugehörige Steinbruch ordneten sich durchaus noch der Landschaft unter.

Um die vorletzte Jahrhundertwende gab es ganz in der Nähe der alten Klostersteinbrüche einige Jahrzehnte lang einen beliebten Aussichtspunkt, bei dem zuletzt der Wirt des Goldenen Löwen einen kleinen Ausschank betrieb. Es ist zuerst 1891 sicher belegt. Im ersten Weltkrieg ging der Betrieb leider ein. 1903 tagte dort der Harzverein für Geschichte und Altertumskunde.
In einem Wanderführer wird 1891 die Aussicht gerühmt: Ein noch schönerer Aussichtspunkt ist der schön bewaldete Röseberg mit einer Gypsfabrik an seinem Fuße. Oben befindet sich ein Restaurationslokal mit Ruhebänken unter schattigen Bäumen, von denen man eine schöne Aussicht auf die malerische, durch die ehemaligen Klosterteiche belebte Umgebung Walkenrieds, den Ort selbst mit seinen am Kupferberge sich effektvoll abhebenden Klosterruinen und auf die im Hintergrunde aufsteigenden Harzberge genießt.6
 

Der Philosophenweg

Am Fuße der Gipsklippen zwischen dem Kalkteich und der Kläranlage verläuft bis heute der ebenfalls vom Harzklub ausgewiesene Philosophenweg. Die Bezeichnung Philosophenweg findet man allerdings auf keinem Wegweiser mehr, seitdem hier ein Stück Karstwanderweg ausgeschildert ist. Gleich zu Beginn der Steilstufe öffnet sich der Eingang zu einer kleinen Bachhöhle, dem Hubertuskeller. Der Name erinnert an den Hydrologen Hugo Haase, der sich nicht ganz korrekt als Hubert anreden ließ und die Höhle in seiner Dissertation7 erstmals beschrieben hat. In der Höhle fließt ein Gewässer, das vom Faulen Sumpf kommt und bei abgelassenem Teich versiegt. Das Wasser gelangt durch Rückstau in das Karstgerinne und tritt bei abgelassenem Teich im Teichboden aus. Wo der Höhlenbach bleibt, der unter dem Eingang im Gipsgetrümmer verschwindet, konnte auch Haase nicht klären. Einige Wasseraustritte am Philosophenweg hängen sicher damit zusammen. Die opulenten Tafeln des Karstwanderweges sagen zu diesem interessanten hydrologischen Phänomen freilich nichts. Der Höhlenforscher Fritz Stolberg hat dann die Höhle vermessen und zwei am Philosophenweg gelegene Zwerglöcher benannt und fotografiert: die Zwiebelhöhle und das Elbenkämmerchen. Leider sind beide dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen, zuerst die Zwiebelhöhle beim Ausbau des Forstweges und in neuerer Zeit auch das Elbenkämmerchen.

Leider hat man vor das östliche Ende der Steilwand in wenig einfühlsamer Weise eine hässliche Kläranlage hingestellt, die man ebensogut etwas weiter abwärts hätte bauen können. Etwas unterhalb der Kläranlage trieb der Mühlgraben, der hier wieder in die Wieda fällt, eine Lohmühle. Mit etwas Ausdauer kann man am rechten Ufer noch letzte Reste der Fundamente entdecken. Die Lohmühle war um 1795 gebaut und wurde 1859 abgerissen, nachdem sich der Plan zerschlagen hatte, sie zur Gipsmühle umzubauen.

Trotz aller Beeinträchtigungen ist das Schicksal dem östlichen Röseberg bis hin zum Buttertal bisher immer noch gnädig gewesen. So wurde dieser Teil um 1980 sogar als Flächennaturdenkmal ausgewiesen und der Wald seinem Schicksal überlassen. Nicht zuletzt deshalb sind die alten Aussichtspunkte kaum noch zu finden und der Myliusweg verwahrlost, was nicht ausschließt, dass oberhalb am Hange irgendwann ein neuer Rückeweg geschoben worden ist, der allerdings auch so gut wie ungangbar ist.
 

Die Grenztrift

Über den Rösebergkamm läuft eine schöne alte Viehtrift, an der noch zahlreiche alte Grenzsteine zwischen Braunschweig und Preußen stehen. 40 Jahre verlief hier die deutsch-deutsche Grenze. Man hatte einen weiten Blick ins Vorland. Auf dem breiten Todesstreifen der DDR-Grenze ist inzwischen Jungwald aufgewachsen. Von dem früheren Waldrand zeugt aber eine Reihe prächtiger alter Buchen am Südrande der Abteilungen 136 und 137. In eine davon hatte ein künstlerisch begabter Förster oder Jäger ein Reh geschnitzt. Diese um 1950 von Walther Reinboth in einem Aquarell festgehaltene „Rehbuche“ gibt es allerdings auch schon lange nicht mehr, auch nicht die mächtige Lärche, die als Überhälter eine Landmarke für den südöstlichen Teil des Rösebergkammes war.


Buchen an der Grenztrift auf dem Röseberg.
Im Vordergrund ein Grenzstein Preußen – Braunschweig

Vom Parkplatz am Faulen Sumpf führte früher ein Pfad hinauf zum Kammweg und zur Rehbuche. Er ist durch die Ausweitung des Gipsabbaus ungangbar und an seinem Beginn untersagt eine Verbotstafel das Betreten des Waldes.
 

Gipsabbau am Röseberg

1750 schlug der Zorger Faktor Balcke den Bau eines „richtigen Gipsofens“ anstatt der alten Gipsrösen vor, der dann auch 1753 in Betrieb ging. Ein kleiner Steinbruch lag direkt hinter dem Gipsofen, von der Forstbehörde sorgfältig überwacht. Der Betreiber hatte strenge Auflagen zur Abraumlagerung und alsbaldigen Rekultivierung zu erfüllen8.

1864 kaufte Albrecht Meier den Betrieb, der etwas weiter westlich einen neuen Steinbruch angelegt und mit dem zur Gipsfabrik ausgebauten Gipsofen mittels einer Feldbahn verbunden hatte. Nach außen hin trat dieser im Hochwald versteckte, mehr in die Tiefe gehende Bruch kaum in Erscheinung. Das blieb im Grunde so, bis die Kutzhütte die Walkenrieder Gipsfabrik übernahm, die alsbald mitsamt den historischen Gipsöfen abgerissen wurde. Die Denkmalpflege hat eine rechtzeitige Sicherstellung dieser technischen Denkmäler verschlafen.

1904 hatte Fritz Rode nach dem Tode von Albrecht Meier die Walkenrieder Gipsfabrik übernommen. Um einen quer durch das Fabrikgelände führenden Kommunikationsweg zu verlegen, ließ Rode 1913 einen Damm quer durch den Teich schütten; der abgetrennte Teil wurde später verfüllt. Der uralte Name „Fauler Sumpf“ musste übrigens um 1950 der farblosen Fantasiebezeichnung „Röseteich“ weichen.

Die Kutzhütte hatte seit Beginn des 20. Jahrhunderts das Gebiet der Kutslegde am nordwestlichen Ende des Röseberges als Abbaugebiet gepachtet und hinterließ bis kurz vor dem 2.Weltkrieg anstelle der früheren Schaftriften ein riesiges Trümmerfeld. Den Blick über die alten, weiten Trockenrasen zum Harz rühmte 1924 der schon erwähnte Karl Steinacker, freilich als schon damals verlorene Schönheit. Der Abbau kam aber erst zum Erliegen, als die Höhe des Abraums über den Gipslagern mit damaligen Mitteln nicht mehr zu bewältigen war. Die Natur hatte sich den Steinbruch schon ziemlich zurückerobert, als die Gemeinde Walkenried ihn als idealen Müllplatz entdeckte und inzwischen restlos verfüllt hat. An die Stelle der alten Schafweiden ist nun ein charakterloses Gestrüpp getreten.

Mit zunehmender Mechanisierung des Abbaus – die Aufgaben der zahlreichen Steinbrucharbeiter versieht heute ein einsamer Baggerfahrer – wurden die schon aufgegebenen Abbaustellen wieder attraktiv. Inzwischen ist der Bereich um den alten Postweg weiträumig zerstört.
 

Erste Ausweitung nach Osten

1978 stellte die Firma CALSILAB im Auftrag der damaligen Firma H. & E. Börgardts den Antrag, das Abbaugebiet im Röseberg bis zur Schneise zwischen den Forstabteilungen 136 und 137 auszudehnen. CALSILAB (Wölpinghausen) befasst sich u.a. mit Lagerstättenuntersuchungen und -beurteilungen, natürlich im Sinne ihrer Auftraggeber.

In das damals beanspruchte Gebiet fällt eine große Erdfallsenke südlich der Wohnbebauung Am Röseberg. Gegen diese Pläne nahm die ArGe für Karstkunde Stellung, da in einem Erdfall naturgemäß kein Gips abgebaut werden kann; die Absicht eines weiterführenden Antrags in das Gebiet der damals nur als LSG ausgewiesenen Rösebergsteilwand war offenkundig. 1980 wurde der Ostteil des Röseberges, der schon lange als Landschaftsschutzgebiet wegen seiner Besonderheiten mit seiner Felswand und dem Hubertuskeller ausgewiesen war, als Flächennaturdenkmal unter Schutz gestellt, aber ohne die schützenswerte Erdfallkette in der Forstabteilung 137, natürlich auch ohne die historischen Werksteinbrüche des Klosters mit den Standorten von Helleborus viridis.

Inzwischen hatte um 2000 die Firma BPB-Formula als Nachfolgerin der Firma Börgardts Ansprüche auch auf den östlichen Teil des Röseberges (Abt. 136) oberhalb der Steilwand am Philosophenweg gestellt. Das hatte erhebliche Einsprüche verschiedener Naturschutzverbände wie BUND und NaturFreunde zur Folge. Das Gebiet gehört weiträumig zum FFH-Gebiet „Gipskarstgebiet Bad Sachsa“, auf das auch an allen möglichen Stellen hingewiesen wird, wo gar kein Gipskarst vorliegt wie am Kupferberg, aber auch auf dem Röseberg. Freilich gibt es eine FFH-Verträglichkeitsstudie, die den Abbau am Röseberg bagatellisiert, die aber von einem nicht als unabhängig geltenden Büro erstellt wurde. Wie ortskundig die Naturschutzbehörde selbst ist, zeigen ihre roten Tafeln mit dem Verbot, die Wege zu verlassen, auf denen als Besonderheit das Gebiet als Lebensraum der Groppe (ein Fisch!) ausgewiesen ist. Oben auf dem Röseberg angesichts des neuen Steinbruchs!


Betreten verboten - aber ein Hochsitz darf nicht fehlen.
Foto des Verf. 10.4.2012

Eine Presseerklärung der Umweltverbände sagt dazu (im Auszuge): „Der vom Abbau bedrohte Teilbereich Röseberg Ost lag bis 1999 innerhalb des „Natura 2000“-Schutzgebietssystems, zu dem beispielsweise auch das „Grüne Band“ am ehemaligen Grenzstreifen gehört. Auf Beschluss der Landesregierung erfolgte jedoch unter Vorbehalt eine Umwandlung der Flächen in ein Vorsorgegebiet für die Rohstoffsicherung, das im Landesraumordnungsprogramm 2002 festgelegt wurde. Dieser Vorbehalt beruhte auf einer Beschwerde der NaturFreunde Deutschlands bei der zuständigen EU-Kommission. … Der geplante Gipsabbau am Röseberg Ost konnte dadurch zunächst nicht realisiert werden.“

Ein keineswegs nebensächliches Problem ist der Abtransport des Rohgipses. Vorgeschlagen in der FFH-Verträglichkeitsstudie ist u.a. eine Straße auf dem „alten Grenzweg“. Ob damit ein Ausbau des tatsächlichen Grenzweges – der sog. Trift auf dem bewaldeten Rösebergkamm – gemeint ist oder der DDR-Kolonnenweg in der Feldmark, ist unklar.

Da der Kolonnenweg aber schon in Thüringen liegt, ist also wohl die Trift dafür vorgesehen. Ihr Ausbau zur Industriestraße würde den Röseberg in ganzer Länge optisch und akustisch ruinieren, zudem würde auf die als Kleindenkmale geschützten historischen Grenzsteine wohl kaum Rücksicht genommen; für diese irreparable Gedankenlosigkeit gibt es genügend Beispiele bei neu geschobenen Forstwegen.


Besprühter Grenzstein 512 auf dem Röseberg

Im Röseberg geht es nicht nur um den Lebensraum von Wildkatzen und Fledermäusen – es geht auch um die Lebensqualität der Menschen im Klosterort. Unabhängig von den wissenschaftlich untermauerten ökologischen Einwänden der Umweltverbände ist eine unzerstörte Landschaft auch ganz einfach ein Kulturgut mit ästhetischen Werten, die offenbar niemandem mehr bewusst sind. Erst die Rückschau zeigt, was verlorengegangen ist oder akut bedroht ist. Die Opferung des Röseberges durch den Kreistag Osterode ist aus dieser Sicht unbegreiflich und offensichtlich wie so vieles in unserer Republik allein durch eine Lobby gesteuert. Leider sind auch Walkenrieder Abgeordnete auf die inzwischen recht durchsichtigen Argumente wie „Erhalt von Arbeitsplätzen“ hereingefallen. Sie hätten einmal nachfragen sollen, wie viele neue Abbaugenehmigungen damit durchgesetzt wurden – beginnend mit der Löschung der Sachsensteinhöhle aus dem Naturdenkmalbuch 1950 – und wie viele Arbeitsplätze die Gipsindustrie inzwischen trotzdem wegrationalisiert hat. Bei der Übernahme und dem eiligen Abbruch der Gipswerke Sachsenstein und Rode waren weggefallene Arbeitsplätze kein Thema – es ging eben um die Abbaufelder.

Die Ausweitung des Gipsabbaus über den Kutschweg hinweg zeichnet sich trotz aller Einwände schon jetzt durch das Fällen störender Bäume ab. Eigentlich hätte wenigstens eine Waldkulisse den Steinbruch gegen die Straße Am Röseberg abschirmen müssen. Trotz aller Schönheitspflästerchen wie das Stehenlassen der Steilwand über dem Philosophenweg werden sich die Walkenrieder wohl damit abfinden müssen, einen zweiten Kohnstein vor ihrer Nase zu haben.
 

Literatur

H.-G. Breuer:Drinnen hui und draußen pfui. – Goslarsche Zeitung v. 7. April 2012
W. Girschner:Nordhausen und Umgegend. – Nordhausen 21880 und 31891
H. Haase:Hydrologische Verhältnisse im Versickerungsgebiet des Südharz-Vorlandes. – Diss. Göttingen 1936
F. Reinboth:Aus der Geschichte der Walkenrieder Gipsindustrie. – Harz-Z. 46/47 (1994/95): S. 107-127
F. Reinboth:Wilhelm Raabe in Walkenried. – Clausthal-Zellerfeld 2010
F. Reinboth / M. Reinboth (Hrsg.):Walkenrieder Lesebuch. – Clausthal-Zellerfeld 2011
K. Steinacker:Walkenried, ein Malerparadies. – Braunschw. Magazin 30 (1924), Sp. 74-78
Wir Walkenrieder e.V.:Das Kloster Walkenried muss in einer würdigen Umgebung stehen. – Denkschrift Walkenried, 2012

 

Akten

Antrag auf Genehmigung zum Gips- und Anhydritsteinsabbau, Fa. CALSILAB (1978)
Stellungnahme der ArGe für niedersächsische Höhlen (ArGefnH) zum Antrag auf Genehmigung zum Gips- und Anhydritsteinabbau durch die H. & E. Börgardts KG – Steinbruch Röseberg – hier: Hubertuskeller (ohne Datum, ca. 1978)
Schreiben zur Vorbereitung der Eintragung des Ostteiles des Röseberges in das Naturdenkmalbuch des Landkreises Osterode am Harz vom 20.3.1980
Stellungnahme der ArGe für Karstkunde in Niedersachsen e.V. (ArGeKN) vom 29.4.1980

 

Anmerkungen

1 Gemäß einem am 18.4.2012 gehaltenen Vortrag des wissenschaftlichen Direktors des ZisterzienserMuseums Kloster Walkenried, Prof. Dr. Roseneck. Danach gehören die Klostermauer oder die von den Mönchen angelegten Teiche nicht zum Welterbe.

2 Der bekannte Zisterzienserbotaniker Pater Dr. J. H. Roth bemerkt dazu: Das „Niespulver“ war zwar immer bekannt, konnte aber auch im Freien geerntet werden. Es gab auch Anbau, aber eher nebenbei. Weil die Pflanze relativ oft gebraucht wurde, ist sie durch menschliche Tätigkeit absichtslos verschleppt worden. So sind z. B. manche heutigen Standorte im Rheinland sekundär.
So vermutete ein Braunschweiger Botaniker eine Auswilderung der Nieswurz im Umfeld der Ruine Scharzfels aus dem früheren Burggarten.

3 NLA-Staatsarchiv Wolfenbüttel: K 2480/4627 und 115 Alt 259

4 Reinboth: Walkenrieder Lesebuch, S. 18 f.

5 Der sog. Rosenblath-Zyklus ist im Walkenrieder Vereinshaus zu den Öffnungszeiten der Gemeindebücherei oder des Archivs zu besichtigen.

6 Girschner: Nordhausen und Umgegend, 3. Aufl. 1891, S. 107

7 Haase: Hydrologische Verhältnisse, S. 101 f.

8 Gipsofen am Röseberg, Abbau- und Rekultivierungsplan 1839: in: NLA - Staatsarchiv Wolfenbüttel 50 Neu 9913


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