Abh. Arbeitsgem. Karstkde. Harz, Neue Folge
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1 - 11, 67 S. Anh.
Nordhausen 2003

Neue Forschungen zur NS-Geschichte
der Harzer Höhlenforschung

Vortrag am 2.5.2003 anläßlich der Jubiläumstagung
„75 Jahre organisierte Höhlenforschung im Harzgebiet“

Dipl.-Geol. Friedhart Knolle

1. In memoriam Dr. Benno Wolf – er wurde vor 60 Jahren ermordet

Der Vortrag findet im 60. Todesjahr unseres Nestors, des Naturschutzjuristen und Höhlenforschers Dr. Benno Wolf, statt – er starb im Januar 1943, d.h. vor 60 Jahren, im KZ Theresienstadt. Seinen genauen Todestag kennen wir bis heute nicht.

Dr. Benno Wolf wurde in der bisherigen NS-Geschichtsschreibung kaum wahrgenommen und auch in der Höhlenforschung haben wir ihn erst seit kurzem wieder entdeckt. Dabei war er kein Unbekannter - der Naturschutz-Jurist Wolf, seinerzeit u.a. in der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen beschäftigt – einer Vorläuferin des heutigen Bundesamtes für Naturschutz – und Herausgeber des Werkes "Das Recht der Naturdenkmalpflege in Preußen" (Berlin 1920), war u.a. langjähriger Vorsitzender des Hauptverbandes österreichischer und deutscher Höhlenforscher.

Wolf wurde 1871 geboren. Er hatte jüdische Vorfahren, war aber evangelisch getauft. Er studierte Jura und kam nach Referendarszeiten im Rheinland und Hessen im Jahre 1912 nach Berlin-Carlottenburg, wo er seitdem als Richter am dortigen Landgericht tätig war. Im Rahmen seiner Arbeit für den Naturschutz war er wesentlich am Reichsnaturschutzgesetz beteiligt. 1933 kam er seiner Entlassung durch die neuen Machthaber mit einem freiwilligen Abschiedsgesuch zuvor.

Seit 1898 beschäftige sich Benno Wolf intensiv mit der Höhlenforschung und wurde rasch bekannt. Er vollbrachte nicht nur für seine Zeit sehr bemerkenswerte befahrungstechnische Höchstleistungen, z.B. in slowenischen Schachthöhlen, sondern entwickelte sich aufgrund seiner vielen Kontakte zum Nestor der deutschen Höhlenforschung.

Wolf vermittelte Experten aus dem In- und Ausland für höhlenkundliche Projekte, beschaffte Geld für Forschungsvorhaben, publizierte einen noch heute gültigen weltweiten Höhlentierkatalog, redigierte die Höhlenforscher-Hauptverbandszeitschrift bis 1937 und war langjähriger Vorsitzender des Hauptverbandes österreichischer und deutscher Höhlenforscher.

Um den Verband politisch nicht zu sehr zu exponieren, legte Wolf den Vorsitz jedoch rechtzeitig vor der Machtergreifung der Nazis in andere Hände.

Vor allem besaß Wolf aber eine wertvolle und umfangreiche private höhlenkundliche Bibliothek, die ihm als Grundlage für die Arbeit an einem Welthöhlenverzeichnis diente - einem heute kaum mehr vorstellbaren Projekt. Mit der Untertageverlagerung der NS-Rüstungsproduktion weckte dieses Material aber die Begehrlichkeiten der Nazi-Schergen.

So schrieben ehemalige Höhlenkameraden, die es mittlerweile - fehlendes Fachwissen durch stramme Haltung ausgleichend - im "Ahnenerbe" zu Rang und Namen gebracht hatten, dass man "diesen Wolf endlich von der Bildfläche verschwinden lassen sollte, um seiner Unterlagen habhaft zu werden".

Im Juli 1942 wurde Benno Wolf als 71jähriger im Berlin von der Gestapo verhaftet und nach Theresienstadt deportiert, wo er infolge der unmenschlichen Haftbedingungen im Januar 1943 starb.

Im Gedenken an diesen körperlich kleinen, aber für die deutsche Naturschutzgeschichte und Höhlenforschung großen Mann - den ersten deutschen Höhlenforscher von internationalem Format - vergibt der Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher seit 1996 auf Anregung des Autors den Dr.-Benno-Wolf-Preis.

Mit diesem Preis sollen nicht nur besondere Leistungen im Höhlenschutz und in der Höhlenforschung gewürdigt werden, sondern es soll auch ein Zeichen gegen Intoleranz und Unfreiheit in der wissenschaftlichen Forschung gesetzt werden.
 

2. Die Höhlen-Manie der Nazis war ideologisch bedingt

Wie schon SCHAFFLER (1991) feststellte, war die Höhlen-Manie der Nazis kriegstechnisch und ideologisch bedingt. Höhlen – wobei der Begriff in der NS-Zeit nicht nur die Naturhöhlen umfasste – wurden praktisch vom ersten Tag an systematisch in die Kriegsvorbereitungen einbezogen.

Das entsprechende Wissen war teilweise nur über die Höhlenforscher zu erhalten – bei der „Abschöpfung“ schreckte man vor keinem Mittel, auch nicht vor Mord, zurück. Der Stand der Forschung wird im Vortrag komprimiert dargestellt.
 

3. Die Untertage-Verlagerung der NS-Rüstung

Anfang 1942 signalisierte der Stillstand der deutschen Truppen vor Moskau ein Ende des Blitzkriegs mit konventionellen Waffen. Hitler befahl im Führererlass vom 9.6.1942 den Totaleinsatz der Forschung für den Krieg. Zug um Zug erkämpften sich die Alliierten die Lufthoheit über dem Nazireich und bedrohten somit die NS-deutsche Rüstungsproduktion.

Der Führer wurde nervös und sann auf schnelle Abhilfe. SPEER (1984) stellt die Folgen aus Sicht seines Ministeriums im Kapitel “Höhlenphantasie und ihre Folgen” dar.

So hatte Hitler im Frühjahr 1943 verlangt, “daß auf weite Sicht angestrebt werden muß, empfindlichste Fertigungen, wie Kurbelwellen, Kegelräder, elektrische Einrichtungen usw. in Werken zu erstellen, die voll unter Betonschutz stehen.”

Am 10.10.1943 erhob Göring eine ähnliche Forderung. Es sei wegen “der laufenden Einbrüche in das Flugzeugbeschaffungsprogramm durch Feindeinwirkung dringend erforderlich ... schnellstens bombensichere Produktionsstätten ... zu erstellen soweit nicht die Ausnutzung von großen Höhlen, Kellereianlagen, stillgelegten Bergwerken, ungenutzt liegenden Festungsanlagen im Heimatkriegsgebiet wie in den besetzten Gebieten möglich ist ...”

Die zuständigen Behörden und Dienststellen machten sich an die Arbeit – sie waren dafür allerdings bereits seit einiger Zeit mit Höhlenlisten gerüstet. Schon immer hatten sich die “Wehrgeologen” auch mit Naturhöhlen beschäftigt; SCHAFFLER (1991) erwähnt ein “Kriegshöhlenkataster”, das 1940 bereits 500 Höhlen enthielt.

Prof. K. Fahlbusch, Emeritus des Geologischen Instituts der TU Darmstadt, erinnerte sich daran, dass ein Herr Vogel, Höhlenforscher und liiert mit einer Siemens-Angestellten, 1941 beim Baustab Luftwaffe in Berlin war und mit Höhlenlisten operierte. Später nahm er sein Wissen in die Geologieverwaltung der DDR mit (KEMPE 1998).
 

4. Harzer Höhlen auf der Höhlenliste des Reichsamtes für Bodenforschung

Das Reichsamt für Bodenforschung stellte aufgrund des Hitler-Erlasses eine “Tabellarische Übersicht der deutschen Höhlen (ohne Grubenbaue)” auf. Die Übersicht mit Stichdatum 1. Juli 1943 umfasst 36 Seiten bzw. Bögen und beschreibt die Höhlen nach den Kategorien “Name und Lage”, “Form und Grösse”, “Wasserverhältnisse” und “Bemerkungen”. Die Liste enthält für den Harz und Thüringen folgende Höhlen (ohne die z.T. detaillierten Ortsangaben):

Harz: Jettenhöhle, Einhornhöhle, Steinkirche, Himmelreichhöhle, Kelle, Hermannshöhle, Baumannshöhle, Bielshöhle, Christinenhöhle, Volkmarskeller, Heimkehle, Questenhöhle

Thüringen: Barbarossahöhle, Marienhöhle
 

5. Die Höhlenliste der SS-Karstwehrtruppe

Wie SPEER (1984) instruktiv beschreibt, beauftragte der Reichsführer SS und Innenminister Heinrich Himmler im August 1943 die “Höhlennachweis-Abteilung im Wehrwissenschaftlichen Institut für Karst- und Höhlenforschung der SS-Karstwehrtruppe”, mit der Herstellung eines weiteren Verzeichnisses der deutschen Höhlen. Diese Truppe stand unter dem Kommando des SS-Standartenführers Hans Brand (ENGELBRECHT 1997).

Die SS-Karstwehrtruppe war damals bereits im Besitz der Dr. Benno Wolf verbrecherisch gestohlenen Katasterunterlagen (KNOLLE 1987, 1990).

Bekanntermaßen war Wolf der Pionier des deutschen Höhlenkatasterwesens, stellte 1923 die Forderung nach einheitlich strukturierten Katasterunterlagen auf und arbeitete an einem Welthöhlenkataster.

Dieses Wissen sollte ihn später sein Leben kosten. Seine umfangreiche private Höhlenbibliothek, auf die man es abgesehen hatte, wurde vom SS-“Ahnenerbe” beschlagnahmt.

Gustave Abel, Salzburg, sprach von Hans Brand nur als “dem Teufels-Brand” (Mitt. v. 29.12.1981). Zum Charakter von Brand schreibt Abel: “Was ... den Charakter des Teufels-Brand betrifft bezeugt eine Äußerung bei einer Besprechung (der) Zukunftspläne des Höhleninstitutes: “... ja wir wollen erst sehen ob wir den Krieg auch gewinnen”. Das zeigt ihn schon als Rückversicherer, wie er dann 1945 bei dem USA-Besatzer Unterschlupf suchte, um dann bei Hubers Frau in Nürnberg den Höhlenkataster “sicher”zustellen für (die) CIA.”

Auf 11 Seiten führte Brands Höhlennachweis-Abteilung, nach Ländern geordnet, 93 Höhlen auf, von denen etwa 10 Objekte theoretisch interessant waren. Sie wiesen aber natürlich die typischen Probleme von Naturhöhlen auf, die eben nicht dort liegen, wo ein Rüstungsbetrieb sie benötigt, und auch nicht die idealen betrieblichen Voraussetzungen wie gute Erreichbarkeit, Belüftung, Feuchtigkeit, Temperatur und Gesteinsfestigkeit aufweisen.

Die “Karstwehrforscher” rieten in der Denkschrift v. 25.8.1943 offenbar von der Verwendung von Naturhöhlen für Rüstungsbetriebe ab. Himmler, draufgängerisch und aktionistisch wie immer, ließ sich nicht entmutigen; einige Wochen später wurde dem SS-Ahnenerbe befohlen, alle “sicher in beträchtlicher Anzahl vorhandenen Heimatkundler und sonstigen Privatgelehrten” zu einer wissenschaftlichen Zusammenstellung der vorhandenen Höhlen heranzuziehen (SPEER 1984).

Das war der endgültige Zugriff der Nazis auf die deutschen Höhlenkataster; die Folgen waren für die deutsche Höhlenforschung weitreichend (KATER 1974, KNOLLE 1987, 1990, SCHAFFLER 1991) und sollen hier nicht erneut dargestellt werden.

Eine etwas lächliche Schmonzette innerhalb dieses insgesamt traurigen geschichtlichen Kapitels der Harzer Höhlenforschung stellt die wichtigtuerische Meldung einer von ihm entdeckten, angeblich 3000 m langen Großhöhle bei Nordhausen durch Grohmann dar – immerhin hat er mit dieser erfundenen Story die NS-Bürokratie einige Zeit beschäftigt – sogar Harzunger KZ-Häftlinge wurden eingesetzt, um die angebliche Höhle zu finden (REINBOTH 1996).
 

6. Bombensichere Höhlen - weitere Planungen und Maßnahmen

Für einzelne Harzer Höhlen sind weitergehende Detailplanungen bekannt geworden. Im Falle folgender Höhlen bzw. Höhlenkomplexe, deren Zuordnung zu Karsthöhlen aber noch nicht in allen genannten Fällen gesichert ist, sind industrielle Verlagerungspläne oder Codenamen bekannt:

Barbarossahöhle: Codename „Sesterz“; Geilenberg-Programm (Mineralölsicherungsplan) und Dienststelle Prützmann (Sonderaufgaben) (BA R7/1172, Nr. 12)

Eichhornhöhle = Einhornhöhle: Flugzeugmotorenwerke Henschel (BA R3/3010)

Heimkehle: Codename „Heller“ bzw. „A5“; Pressen der Fa. Junkers, Schönebeck (BA R7/1192)

Jettenhöhle: Codename „Ör“; feinmechanische Rüstungsgeräte der Fa. R. Winkel GmbH, Göttingen (BA R7/1192)

Rübeland: Codename „Gulden“

Weitere Höhlen wurden zwar auch für militärische Zwecke missbraucht, dienten aber nicht unmittelbar der Rüstungsproduktion und tauchen daher nicht in den o.a. Listen auf.
 

7. Kein Widerstand, sondern aktive Mitarbeit im Harz

Die Harzer Höhlenforscher konnten oder wollten dieser Entwicklung keinen Widerstand entgegen setzen, z.T. arbeiteten sie sogar aktiv an den braunen Entwicklungen mit.

Die Gleichschaltung der deutschen Höhlenforschung war mit der am 11. Mai 1941 in Salzburg erfolgten Gründung des „Reichsbundes für Karst- und Höhlenforschung“ formal besiegelt. Wie REINBOTH (1984) feststellt, konnte der neue Verband „das Erbe des alten Hauptverbandes (der übrigens formal weiterbestand!) kampflos antreten. Fast alle namhafteren Höhlenforscher des alten Verbandes waren bei der Gründung des Reichsbundes anwesend, nur Wolf – der namhaftesten einer! – fehlte.“

Das war im Harz nicht anders, wenn man auch aus den Tagebuchaufzeichnungen von Stolberg Worte des Bedauerns über diese Entwicklung herauslesen kann. Keiner der alten Freunde Wolfs hat sich der Gleichschaltung der Höhlenforschung ernstlich widersetzt – diesen Worten REINBOTHs ist nichts hinzuzufügen.

Der Harz spielte sogar eine aktive Rolle in der „Neuordnung“ der deutschen Höhlenforschung – der neugeschaffene „Bund der Höhlen und Schaubergwerke e.V.“ (später „Reichsbund Deutscher Höhlen- und Schaubergwerke e.V.“) bekam seinen Sitz in Rübeland im Harz – sein Bundesleiter wurde der aktive Nazi, SS-Scharführer und Rübeländer Höhlendirektor Bernhard Lange.

Unter Langes Regie entstand in den Jahren 1935/36 auch der heutige Zuschauerraum in der Baumannshöhle, nachdem die riesigen Felsblöcke des Tanzsaales zerkleinert und weggeräumt worden waren. Die beiden Bühnen und der kleine See entstanden in der heutigen Form (HASE 2003).

Es waren wahrscheinlich despektierliche Äußerungen über die Verschandelung der Baumannshöhle durch diese „untertägige Thingstätte“, die Stolberg einigen Ärger mit dem System und auch berufliche Nachteile einbrachten (REINBOTH mdl.).

Das noch heute im Rahmen der Rübeländer Höhlenfestspiele aufgeführte Volksstück „Die vom rauhen Lande“ wurde nach HASE (2003) im Jahr 1936 von Bernhard Lange geschrieben.

Die Rübeländer Tropfsteinhöhlen gehörten übrigens bis 1945 zur Hermann-Göring-Stiftung; diese wurde zwischen 1945 und 1949 von der Sowjetischen Militäradministration enteignet. Der Versuch einer Rückübertragung durch die Stadt Braunschweig als Rechtsnachfolgerin der Hermann-Göring-Stiftung scheiterte.
 

8. Die SS als Ausgräber des Vorplatzes der Steinkirche bei Scharzfeld

1925/26 und 1928 hatte das Provinzialmuseum Hannover auf dem Vorplatz der anthropogen überprägten Naturhöhle Steinkirche bei Scharzfeld archäologische Ausgrabungen durchgeführt, die mit der Entdeckung des etwa 15.000 Jahre alten Rastplatzes einer Rentierjägergruppe aus der jüngeren Altsteinzeit sowie zahlreicher Bestattungen aus dem 12. bis 13. Jh. endeten.

Um späteren Ausgräbern, die über bessere Grabungsmethoden verfügen würden, eine Nachprüfung der Entdeckungen zu ermöglichen, stellte man die Grabungen ein und ließ das übrige Gelände vorsorglich unangetastet.

Diese Absicht wurde wenige Jahre später von den Nazis rigoros zunichte gemacht – die NS-Ausgräber stellten ihre Ideologie bedenkenlos über eine wissenschaftliche und damit zur Objektivität verpflichtete Forschungsarbeit – auch an der Steinkirche.

Inzwischen auf 100 Jahre an die Gesellschaft zur Förderung und Pflege deutscher Kulturdenkmale verpachtet, wurde die Steinkirche nun offiziell als "altgermanische Weihestätte" angesehen. Damit waren auch die Begehrlichkeiten der Reichshauptstelle der SS und deren Forschungsstelle "Das Ahnenerbe" geweckt. Man hoffte wohl tatsächlich, hier ein altgermanisches Heiligtum durch archäologische Ausgrabungen nachweisen zu können. Denn das nationalsozialistische Regime brauchte solche P1ätze, um an ihnen seinen unseligen "Blut- und Boden"-Kult zu praktizieren.
So begann am 21. Mai 1937 das Ahnenerbe unter der Leitung des Geologen SS Obersturmführer Dr. Rolf Höhne und unter Mitarbeit des Lehrers Karl Schirwitz mit unsystematischen Grabungen. In kürzester Zeit wurden Hunderte von Kubikmetern Erdboden umgewühlt. Den Aushub kippte man kurzerhand den Hang hinab, was letztlich dazu führte, dass der gesamte Vorplatz der Steinkirche heute mehr als einen Meter tiefer liegt als 1937.

Die Grabungen müssen in Berlin als so bedeutend eingeschätzt worden sein, dass sogar der Reichshauptführer SS Heinrich Himmler den Ort am 4. Oktober 1937 aufsuchte.

Als aber außer einem mittelalterlichen Friedhof mit mehr als 100 Gräbern kein einziger Beweis für die Existenz eines altgermanischen Heiligtums auftauchte, verlor man sehr schnell das Interesse an weiteren Ausgrabungen und verließ den Platz, ohne die Grabungsschnitte wieder ordnungsgemäß zu verfüllen.

Doch Dr. Höhne ließ sich von derartigen Rückschlägen nicht irritieren. So soll dieser laut einem auf Mai 1944 datierten Beitrag in den "Harzer Heimatglocken" (Mitteilungsblatt der Kreisleitung der NSDAP Osterode) in seiner Feuerrede zu Ostern 1938 den Steinberg immer noch als heiligen Berg der Vorfahren bezeichnet haben. Und wider besseres Wissen sprach er davon, dass die Ausgrabungen des Jahres 1937 die Sage vom Sachsenführer Dilkhard, nach der eine große Zahl niedersächsischer Bauern hier am Steinberg im Kampf um Glaube und Heimat einen gewaltsamen Tod gefunden hatte, bestätigt hätten. Auch Geschichtsfälschung gehörte in jener Zeit durchaus zum Handwerkszeug der Partei.

Während das Fundmaterial der Steinkirchengrabungen 1946 in einem Schuppen in Bad Lauterberg wiederentdeckt wurde, gingen die nach Berlin übersandten, vermutlich ohnehin nicht sehr aussagekräftigen Grabungsunterlagen verloren. Was bleibt, ist die sinnlose Zerstörung einer der bedeutendsten archäologischen Fundstellen Niedersachsens durch das "Ahnenerbe" der SS im Jahre 1937 (Kapitel weitgehend nach FLINDT 2000; siehe auch SCHIRWITZ 1961).
 

9. Alliierte Evaluation der Höhlenbauten

Nach dem Kriegsende nahmen die alliierten Geheimdienste eine detaillierte Untersuchung der unterirdischen NS-Rüstungsbetriebe – auch im Harz - vor.

In dem 3-bändigen Bericht “German Underground Installations” (BRITISH INTELLIGENCE OBJECTIVES SUB-COMMITTEE 1945) werden die Untertageanlagen analysiert und z.T. beschrieben: Bd. 1 beschäftigt sich mit “Unique Design and Construction Methods”, Bd. 2 beschreibt “Adaptions of Existing Facilities” und Bd. 3 analysiert “Installations of General Interest”. Die wenigsten beschriebenen Anlagen befinden sich in Naturhöhlen.

In einem weiteren Bericht “Engineering Geology in Germany” (JOINT INTELLIGENCE OBJECTIVES AGENCY 1945) sind 4 Reports zusammengefasst; u.a. werden das Mittelwerk-Nordwerk und die Anlage von Woffleben beschrieben. Der Autor fasst zusammen: “Hills of anhydrite and gypsum seem to be almost ideal construction sites for large underground factories, both from the economic and military standpoints.” In einem Kapitel werden die Ergebnisse der Befragung des deutschen militärgeologischen Sachverstands (u.a. Prof. Schriel; s.u.) dargestellt. Am interessantesten für unsere Fragestellung ist der Report No. 4 “Source data for investigation of German and French underground factories.” Hier werden in alfabetische Reihenfolge unterirdische Produktionsstätten und Läger aufgelistet, darunter u.a.:

“11. Baumannshoehle, near Goslar. Series of caves in Harz Mts, 8 miles SE of Goslar. Used by Junkers Flugzeug u. Motorrenwerken A.G. Ref.: SHAEF Report No. 5, 25 April 45 on Evacuation of Intelligence Targets.

Als weiterer Bericht liegt der Band “Underground Factories in Central Germany” (COMBINED INTELLIGENCE OBJECTIVES SUB-COMMITTEE o.J.) vor; in ihm werden 13 unterirdische Rüstungsanlagen beschrieben, die meisten davon im Südharz. Unter Nr. 12 wird das Projekt A5, die Produktion in der Heimkehle bei Rottleberode, auf fünf Seiten textlich erläutert, illustriert durch einen Höhlenplan (Abb. 1) sowie ein Luftbild: “This small factory is located in a natural cave which formerly had some reputation as a tourist attraction. ... Conversion of the cave to industrial use was seen to have involved levelling and flooring the cave with concrete, the erection of shops with walls of brick or pre-cast concrete blocks, and roofed with wood and tarred paper; and the excavation of three short tunnels - all brick lined. ... The labour force for operating the plant numbered 650, of which 500 were employed on production. The monthly output was 250 - 300 undercarriages.”

Hier im “Thyra-Werk” der Junkers-Werke wurden Flugzeug-Fahrgestelle und Zubehörteile hergestellt; etwa 80% der Gesamtbelegschaft des Werkes setzte sich aus Häftlingen zusammen. Das Werk war zuvor mit massivem und brutalem Zwangsarbeitereinsatz hergestellt worden. Eine aktuelle Dokumentation der Rüstungsproduktion in der Heimkehle erfolgte durch BARANOWSKI (2000).
 

10. Zur Rolle des Göttinger Militärgeologen Prof. Walter Schriel

Chefgeologe der Nazis, der die Mehrzahl der geologischen Expertisen für die unterirdischen Produktionsstätten im Harzraum fertigte, war Prof. Walter Schriel, seit 1937 Direktor des Geologisch-Paläontologischen Instituts der Georg-August-Universität Göttingen, NSDAP-Mitglied und ehemaliger Göttinger NS-Studentenführer.

SCHRIEL wurde am 20.5.1945 in Göttingen von alliierten Geheimdienst-Offizieren zu seiner Rolle vernommen (JOINT INTELLIGENCE OBJECTIVES AGENCY 1945). Schriels militärgeologische Arbeiten begannen im März 1940 in einem Pionierbataillon. Ab 1942/43 führte er geologische Untersuchungen für die WIFO durch und plante die Untertageanlagen im Zechstein-Anhydrit am späteren KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen sowie im Kreidesandstein am späteren KZ Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt. Schriel war hier nicht nur für alle geologischen, exploratorischen und felsmechanischen Fragen zuständig, sondern auch für die Geologie der Wasserver- und entsorgung.

Schriel arbeitete ebenfalls am Königstein in der Sächsischen Schweiz, wo er eine weitere geplante Untertageanlage im Sandstein begutachtete. Schriel gab an, am 1.12.1944 von der SS als geologischer Gutachter der Anlage Mittelbau abberufen worden zu sein, weil er vor der verstärkten Steinschlaggefahr in der Untertageanlage gewarnt habe.

Nach dem Krieg betätigte sich Schriel als Privatgelehrter und setzte seine Untersuchungen zur Harzgeologie fort. Es schloss 1950 ein zusammenfassendes Manuskript zur Harzgeologie ab, das 1954 zusammen mit einer geologischen Übersichtskarte des Harzes im Maßstab 1:200 000 erschien.
 

11. Was bleibt zu tun? Noch leben wichtige Zeitzeugen!

Die Grundmechanismen des Missbrauches der Höhlenforschung durch die Nazis sind mittlerweile recht gut bekannt und die entsprechenden Erkenntnisse beruhen auf einer mittlerweile gut durchgearbeiteten Aktenlage.

Dennoch sind immer noch viele Detailfragen zu klären – auch im Harz. Für die entsprechenden Arbeiten kann nur Mut gemacht werden – die Aktenlage in den Archiven ist in der Regel viel besser als man auf den ersten Blick annehmen sollte und der Autor kennt sicherlich nicht alle wichtigen, noch lebenden Zeitzeugen, die befragt werden können!
 

Literatur

ABEL, G. (1981): Briefl. Mitt. an Dieter Stoffels v. 29.12.1981

BARANOWSKI, F. (2000): Die verdrängte Vergangenheit. Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Nordthüringen.- Mecke Druck und Verlag, Duderstadt

BRAEDT, M., HÖRSELJAU, H., JACOBS, F. & KNOLLE, F. (1998): Die Sprengstoffabrik "Tanne" in Clausthal-Zellerfeld - Geschichte und Perspektive einer Harzer Rüstungsaltlast.- Verlag Papierflieger, Clausthal-Zellerfeld (2. Aufl. 1999)

BRITISH INTELLIGENCE OBJECTIVES SUB-COMMITTEE (1945): German Underground Installations.- 3 Bd., London

COMBINED INTELLIGENCE OBJECTIVES SUB-COMMITTEE (o.J.): Underground Factories in Central Germany.- London

ENGELBRECHT, P. (1997): Touristenidylle und KZ-Grauen – Vergangenheitsbewältigung in Pottenstein.- 2. Aufl., 241 S., Verlag C. u. C. Rabenstein, Bayreuth

FLINDT, S. (2000): Ausgrabungen der SS an der Steinkirche.- In: Menschen & Wirtschaft im Wandel, West- und Südharz: Zeitreise durch die letzten hundert Jahre. Verlagsbeil. Harz-Kurier 29.12.2000

HASE, W. (2003): Die Rübeländer Höhlenfestspiele im Wechsel der Zeiten.- www.hoehlenfestspiele.de

JOINT INTELLIGENCE OBJECTIVES AGENCY (1945): Engineering Geology in Germany.- Report No. 18, Washington

KATER, M.H. (1974): Das “Ahnenerbe”der SS 1935 – 1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches.- Studien Zeitgesch., Inst. f. Zeitgesch., dva

KEMPE, S. (1998): Mitt. v. 17.10.1998 an den Autor

KNOLLE, F. (1987): Materialien zur Geschichte der deutschen Höhlenkunde im Schatten des "Dritten Reiches".- Abh. Arbeitsgem. Karstkde. Nds. 5:1-66

KNOLLE, F. (1990): Zur Geschichte der deutschen Höhlenkunde im Schatten des Nationalsozialismus.- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforsch. 36(1):4-10

KNOLLE, F. (2001): Nazi-„Höhlenerlasse“, militärische Höhlenkataster und alliierte höhlenkundliche Geheimdienstberichterstattung.- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforsch. 47(2):48-50

MEISCHNER, D. (2001): Mitt. v. 17.4.2001 an den Autor

REICHSAMT FÜR BODENFORSCHUNG (1943): Tabellarische Übersicht der deutschen Höhlen (ohne Grubenbaue), Stand vom 1. Juli 1943.- Berlin

REINBOTH, F. (1984): FRIEDRICH STOLBERG – Nachgelassene Schriften.- Abh. Arbeitsgem. Karstkde. Niedersachs. 4:1-42

REINBOTH, F. (1991): Das Zentral-Höhlenkataster des Hauptverbandes deutscher Höhlenforscher.- Karst und Höhle 1989/90:99-104

REINBOTH, F. (1996): Die Geschichte der Höhlenforschung im Harz.- Karst und Höhle 1994/95:63-80

SCHAFFLER, H. (1991): Die “Höhlenforschung” im Dritten Reich.- Karst u. Höhle 1989/90:33-97

SCHIRWITZ, K. (1961): Zu den Ausgrabungen von 1937 vor der Steinkirche bei Scharzfeld am Harz.- Harz-Ztschr. 13:1-8

SPEER, A. (1984): Der Sklavenstaat - Meine Auseinandersetzungen mit der SS.- Ullstein-Buch Nr. 33041, Frankfurt-Berlin-Wien

SPÖCKER, R.G. (1986): Ahasver Spelaeus - Erinnerungen an Dr. BENNO WOLF. Bearbeitet und mit Anmerkungen versehen von F. REINBOTH und F. KNOLLE.- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforsch. 32(1):4-8

WAGNER, J.-C. (2001): Produktion des Todes. Das KZ Mittelbau-Dora.- Göttingen, Wallstein-Verlag


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