Festkolloquium 15 Jahre Studentenzirkel Speläologie
Bergakademie Freiberg 1980                     S. 71-73

Dieter Mucke

Zur biogenen Herkunft von Hieroglyphen in Höhlen

Seit langem ist aus Höhlen eine eigenartige Erscheinung bekannt:
das Auftreten meist mm-starker Anhäufungen eines dunklen, tonig-humosen Materials in Ringen, offenen gekrümmten Formen, Flecken oder gestreckten Linien auf den Wänden von Kalksteinhöhlen. Charakteristisch ist, daß diese Bildungen nie einzeln vorkommen, sondern stets in Kollektiven von einigen 10 bis zu einigen 100 Exemplaren. Die Abstände zwischen den gekrümmten Einzelformen entsprechen etwa ihrem Durchmesser, wodurch eine gleichmäßige Musterung der Wände entsteht. Auf diese Weise ähneln solche Wandpartien Leopardenfellen und die Einzelformen sind altägyptischen Schriftzeichen, den Hieroglyphen, vergleichbar.
In der Fachliteratur wurden solche Hieroglyphen und die aus diesen zusammengesetzten Leopardenfelle meist als Produkt des Zusammenschwemmens feiner tonig-humoser Substanz, als durch die Höhlenluft angewehtes Material oder als Löserückstand der Höhlenwand erklärt. Das erscheint in Einzelfällen durchaus glaubhaft: wenn nämlich gestreckte Formen so orientiert sind, daß sie Fließlinien des Sickerwassers abbilden könnten.
1966 zeigten mir Speläologen des Instituts für Karstforschung der Slowenischen Akademie der Wissenschaften (Postojna, Jugoslawien) in der Zelske jame/Nationalpark Rakov Skocjan einige besonders schöne Leopardenfelle. Dabei fielen mir folgende Besonderheiten auf:

  • es herrschte jeweils an einer Wand statistisch eine bestimmte Kontur der Hieroglyphen, wie geschlossene Ringe oder sich kreuzende Linien, vor
  • an verschiedenen Wänden können unterschiedliche Konturen vorherrschen
  • die Struktur der Hieroglyphen ähnelt makroskopisch den Exkrementen von Regenwürmern.
An einigen der Hieroglyhphen saßen auch kleine Gehäuseschnecken, die von ihrer Größe her als Verursacher in Frage kämen, wenn man Exkrementcharakter der Hieroglyphen annimmt.

Sicher war jedoch eines: die von B. SANDER (1948) erkannte Korrespondenz zwischen Kontursymmetrie und vektoriellen Kräften, unter deren Einfluß ein geologisches Objekt entsteht, schloß anorganische Faktoren wie Sickerwasser oder Höhlenluft als hieroglyphenbildende Agentien aus. In den Folgejahren sah ich mir Hieroglyphen genauer an, wo auch immer ich solche fand und diskutierte mit Freunden (insbesondere mit Freibergern und R. HÖSSELBARTH/Leipzig) die mögliche Genese. Versuche zum Nachweis verursachender Organismen blieben zunächst erfolglos. Folgende weitere Gesetzmäßigkeiten wurden jedoch erkannt:

  • Hieroglyphen gibt es als frische Formen, die ein exkrementartiges (sich verschlingende Fäden) oder agglomeratisches (aus kleinsten Gesteinspartikeln zusammengesetztes) Gefüge haben.
  • Es kommen alle Übergangsformen zwischen solchen frischen und gealterten, weitgehend eingeebneten, nur noch linienhaften Spuren vor, die feucht oder trocken erhalten sein können.
Auch in der Temnata dupka (Lakatnik/Bulgarien) haben wir kleine Gehäuseschnecken im Zusammenhang mit Hieroglyphen gefunden. Bei einer Befahrung des Kalksteintiefbaus Ludwigsdorf bei Görlitz im November 1980 beobachteten wir Hieroglyphen in einem Pumpensumpf und in einem Magazin, die beide höchstens 20 Jahre alt sind. Hier gelang es endlich einen Verursacher festzustellen: makroskopisch fadenwurmartige, unter dem Mikroskop jedoch als aus 13 Segmenten bestehende Insektenlarven identifizierbare Organismen von 5 bis 8 mm Länge, die zur großen Gattung der Gallmücken gehören könnten - Mücken-Imagos wurden ebenfalls beobachtet, aber bei der Befahrung noch nicht als mit den Hieroglyphen in Zusammenhang stehend erkannt. Die Larven hinterlassen eine fadenartige, weiße Schleimspur, die mit Form und Durchmesser der benachbarten Hieroglyphen übereinstimmt. Diese erwiesen sich bei stereomikroskopischer Betrachtung als vom agglomeratischen Typ: miteinander verklebte Gesteinspartikel. Als Klebstoff für die Abscheidung des Staubes aus der Luft oder/und Sickerwasser wirkt die Schleimspur. Unter dem Mikroskop zeigte sich, daß sich die Larve weidend an der obersten Schicht des Kalksteins entlangfrißt, die an mineralischen Ballaststoffen reiche Nahrung den Körper passiert und als eben diese Schleimspur abgeschieden wird.

Da die Ernährung heterotroph erfolgt, muß die Existenz anderer, sich autotroph ernährender Organismen auf den Höhlenwänden vorausgesetzt werden. Damit nähern wir uns mit der Untersuchung der Hieroglyphen den Forschungen der Biologen über Auftreten und Existenzbedingungen von Algen (insbesondere Blaualgen) in Höhlen (DRAGANOV & DIMITROVA-BURIN 1977). Zusammenfassend sei festgestellt:
Hieroglyphen zeichnen Weidespuren niederer tierischer Organismen nach. Die verschiedenen morphologischen Typen der Leopardenfelle (Ringe, Streifen, Flecke usw.) sind arttypische Merkmale für die verursachenden Tiere. Sicher beobachtet wurden Schleimspuren von Insektenlarven als Keime für den agglomeratischen Typ der Hieroglyphen, die durch die ursprünglich als Entstehungsursache angesehenen Wirkungen (Ablagerung feiner Substanzen aus Sickerwässern und Luft) verstärkt werden. Aber auch der alleinige Exkrementcharakter von einigen Hieroglyphen kann nicht ausgeschlossen werden.

Quellen: DRAGANOV. S.I.; DIMITROVA, E.A.: Speleoalgologičeskije issledovanija Bolgarii. Proceedings of the 6th International Congress of Speleology V S.11-17,
Praha: Academia 1977