BUNDmagazin2013(1)26 - 27

Karstlandschaft Südharz: Mehr als Holz und Gips

Am Südrand des Harzes erstreckt sich eine bundesweit einmalige Karstlandschaft. Den östlichen Teil hat Sachsen-Anhalt 2009 als jüngstes deutsches Biosphärenreservat ausgewiesen.

Der Landkreis Mansfeld-Südharz gehört zu den wirtschaftlich schwächsten Regionen Deutschlands. Vor allem die Aufgabe des Kupferbergbaus nach der Wende entließ Tausende in die Arbeitslosigkeit. Geblieben sind riesige Abraumhalden – und zweifelhafte Hoffnungsträger. So errichtete die ante-Gruppe 2007 zwischen Nordhausen und Sangerhausen ein Sägewerk, gefördert mit rund 10 Millionen Euro aus öffentlicher Hand. Bürokräften bot man darauf einen Stundenlohn unter 4 Euro …

Derzeit wird die Kapazität des Werks auf 800.000 Festmeter pro Jahr ausgebaut, fast so viel, wie der gesamte Harz zu liefern vermag. Für die ansässigen Mittelständler im Holzgewerbe bedeutet das nichts Gutes. Ob eine solche Standortpolitik der Region unterm Strich auch nur einen zusätzlichen Arbeitsplatz bringt?
 

Karst und Kulturlandschaft

Die Menschen im Südharz haben Besseres verdient: eine nachhaltigere Perspektive. Für diese Perspektive steht das neue Biosphärenreservat. Unter dem Namen "Karstlandschaft Südharz" erstreckt es sich auf 300 Quadratkilometern zwischen dem Fachwerk-Kleinod Stolberg im Nordwesten und Sangerhausen im Südosten. Der leicht lösliche Gips hat hier eine dynamische, geologisch wie biologisch ungemein vielfältige Landschaft modelliert. Erdfälle, Höhlen, offener Fels und plötzlich verschwindende Bäche zeugen vom brüchigen Untergrund. Buchenwälder prägen das Bild, bewohnt von vielen seltenen Tieren: Höhlenspinnen und Fledermäusen (19 Arten!), Wildkatze und Luchs.

Immer wieder öffnet sich der Wald, bilden Dörfer, Obstbäume, Felder und Gehölze das typische Mosaik einer rund tausend Jahre alten Kulturlandschaft. Das unebene Gelände schließt eine intensive Forst- und Landwirtschaft weitgehend aus. Die extensive Nutzung aber lohnt sich meist nicht mehr, außer sie wird gut gefördert. Wie andernorts droht deshalb auch hier traditionelles Kulturland brachzufallen.
 

Streuobst nicht mehr gefragt?

Am augenfälligsten wird das angesichts der vielen alten Streuobstwiesen. "Früher wurden unsere Süßkirschen bis nach Paris exportiert", weiß die stellvertretende Leiterin der Biosphäre, Christiane Funkel. "Heute verbuscht der größte Teil der Obstwiesen." Auf über 1.200 Hektar wachsen vor allem Süß- und Sauerkirschen sowie Pflaumen. Bei der Inventur der alten Obstbäume haben Funkels Mitarbeiter zudem 177 Apfel- und 44 Birnensorten entdeckt.

Noch bis zur Wende verdienten die Einheimischen gutes Geld mit den Früchten, ihre Abnahme war staatlich garantiert. Doch mit der Öffnung des Marktes wurde die mühsame Ernte der Hochstämme unrentabel, desgleichen die Beweidung der Obstwiesen. Heute wuchern Weißdorn und Brombeeren zwischen Bäumen, die niemand mehr schneidet. Nur ein kleiner Teil des Obstes wird noch gepflückt, der Rest verfault.

Ein Leitprojekt des jungen Biosphärenreservates zielt darauf, wenigstens einen Teil dieses Schatzes zu erhalten: Wo kann der Obstanbau wiederbelebt werden? Und wie sind die Früchte am besten zu vermarkten? Als Dörrobst, Saft oder Schnaps? Unterstützung erfährt die Verwaltung von einem Förderverein, der Pläne für die nachhaltige Pflege der wertvollen Wiesen und Weiden im Südharz schmiedet.
 

Partner gesucht

Doch Inventuren und Konzepte sind das eine, die Suche nach möglichen Partnern das andere. Wer zeigt die nötige Initiative, um regionale Produkte wie Obst, Holz oder etwa das Fleisch von Weidetieren zu vertreiben? Nur vereinzelt haben sich bisher Leute gefunden, die gezielt jene Vorteile nutzen, die das Biosphärenreservat bietet (indem es Förderanträge stellt, Regionalmärkte organisiert, für Modellprojekte wirbt etc.). Pioniere wie Liane Gast, Bürgermeisterin des idyllischen Örtchens Questenberg. In ihrem Gasthaus bietet sie "keltische Erlebnisgastronomie" mit Zutaten aus der Region. Und bringt den Gästen mit Kremserfahrten und Nachtwanderungen die reizvolle Umgebung näher.

Doch noch bildet sie eine Ausnahme. Die regionale Identität sei eben schwach ausgeprägt, so Christiane Funkel, und das Unternehmertum wenig verankert: "Der Widerstand vor Ort wird leiser. Doch es braucht einen langen Atem, um die Menschen von den Chancen der Modellregion zu überzeugen."

Vor allem einen galt es zu überzeugen: Ralf Rettig, Bürgermeister der Gemeinde Südharz. Der nämlich weigerte sich lange, den Antrag auf internationale Anerkennung des Biosphärenreservates zu unterzeichnen. Erst Anfang Januar gelang es Umweltminister und Wirtschaftsministerin, ihm die Zustimmung abzutrotzen* – wo doch die UNESCO schon 2012 ihren Segen geben sollte. Statt die Chancen der Biosphäre zu sehen, wittert Rettig Nachteile – für die ante-Gruppe und ihr Sägewerk. Oder für die benachbarte große Gipsfabrik, deren Steinbrüche auf Thüringer Seite liegen.
 

Biosphäre vergrößern!

Das jetzige Biosphärenreservat ist vom Gipsabbau nicht betroffen. Doch schützt es bloß den Ostteil des einmaligen Karstgebietes. Deshalb war einst geplant, eine länderübergreifende Biosphäre zu schaffen. Doch Thüringen scherte aus, auf Druck der Gipsindustrie.

Der Abbau des "weißen Goldes" reißt auf Thüringer Seite immer neue Löcher in die Landschaft. Um den Gipskarst als Naturerbe nachhaltig zu bewahren, fordert der BUND Thüringen weiter ein Biosphärenreservat. Die schwarz-rote Landesregierung hatte versprochen, bis Ende 2012 darüber zu entscheiden, im Dialog mit den Menschen vor Ort. Passiert ist nichts. Ach doch: Der Thüringer Südharz darf sich seit zwei Jahren Naturpark nennen. Kein Ersatz, wie der BUND findet, sondern ein Etikett ohne verbindliche Ziele.
 

Nachhaltig Wert schöpfen

Sachsen-Anhalt ist da einen großen Schritt weiter. Sein Biosphärenreservat im Südharz kann sich nach der Anerkennung durch die UNESCO* auf seine Stärken besinnen. Auf die Umweltbildung, die mit den "Juniorrangern" schon im Vorschulalter beginnt. Auf Identitätstiftendes wie den Regionalmarkt in Sangerhausen oder die "Südharzer Streuobsttage". Und auf die Fortsetzung der guten Öffentlichkeitsarbeit, die mit vielerlei Broschüren zum Besuch der Biosphäre anregt. Sie zeichnet auch den Einheimischen Wege auf, wie mehr aus ihrer Region zu machen ist – im Sinne einer nachhaltigen Wertschöpfung, alternativ zu dem Raubbau natürlicher Ressourcen durch Großkonzerne.

Severin Zillich


* Nachtrag: Leider hat sich diese Darstellung als zu optimistisch erwiesen. Wider alle Erwartung stimmte der Gemeinderat der Gemeinde Südharz unter Bürgermeister Rettig Ende Februar mehrheitlich dagegen, dass Sachsen-Anhalt die Anerkennung der Biosphäre bei der UNESCO beantragt. Der Grund: Das Land habe Nachteile für die wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinde nicht ausschließen können. Welche Folgen dieser – beispiellose – Beschluss für die Zukunft der Modellregion haben wird, ist noch offen.