Infoblatt zum bundesweiten Tag des Geotops 2004

Flussversickerung der Sieber bei Hörden

Heinz-Gerd Röhling *

Beschreibung des Objektes
In trockenen Jahren kann das Flussbett der Sieber bei Hörden trockenfallen. Austrocknende Fließgewässer sind meist ein Ergebnis lang anhaltender Trockenzeiten. So lagen z.B. in den Jahren 1990 - 92 viele Fließgewässer im südlichen Harzvorland auf weite Strecken trocken, so auch die Sieber zwischen Hörden und Hattorf. Im Sommer 2003 konnte dieses Phänomen bei Hörden erneut beobachtet werden. Detaillierte Abflussmessungen zeigen jedoch, dass dieses Trockenfallen nicht allein witterungsabhängig, sondern in starkem Maße geologisch bedingt ist.
Am Südharz streicht in einem breiten Streifen oberflächennah, oft nur durch wenige Meter quartärer Lockersedimente verdeckt, der Zechstein zu Tage aus. Diese Schichtenfolge besteht aus einer rhythmischen Abfolge von relativ leicht löslichen Kalk-, Dolomit-, Sulfatgesteinen und Salzgesteinen. Treffen die vom Harz herabfließenden weichen und daher agressiven Wässer auf diese Schichten, dann kann ein Teil über Klüfte und kleine Risse in sie eindringen. Zunächst werden die eingeschalteten leichter lößlichen Stein- und Kalisalze weggelöst, die deshalb im Pöhlder Becken und im Untereichsfeld heute weitestgehend fehlen. Der als "Ablaugung" oder "Subrosion" bezeichnete Vorgang schreitet sowohl zeitlich als auch örtlich in unterschiedlicher Intensität fort. Erst in einer Entfernung von etwa 15 - 20 km vom Harzsüdrand sind die Zechsteinsalze heute noch vorhanden. Nach wegführung der Salze sacken die überlagernden und weniger leicht löslichen Gesteinsschichten meist weitspannig oder in Einsturztrichtern nach. Auch bei Hörden lässt sich die Spur des lösenden Wassers anhand von Erdfällen links der Sieber zwischen Aschenhütte und Elbingerode und weiter im Pöhlder Becken verfolgen. Bei vollständiger Ablaugung aller Salze bilden die Überlagernden Deckschichten wieder eine scheinbar ungestörte Schichtenfolge, die jedoch bei genauerem Hinsehen in ein enges Schollenmosaik zerbrochen ist. Der Ablaugungsprozess ist jedoch mit dem Lösen der Stein- und Kalisalze nicht zu Ende. Die zirkulierenden Wässer dringen auch in die weniger leicht löslichen Kalk- Dolomit- und Anhydritschichten des Zechsteins ein. Sie werden ausgehend von den vorhandenen Klüften, Störungen oder sonstigen Rissen angelöst. Diese werden dabei Schritt für Schritt erweitert und nach und nach entstehen immer größere Hohlräume, die sich schließlich zu komplexen und langgestreckten Kluft- und Hohlraumsystemen verbinden können.
Die Subrosion setzte bereits während der ausgehenden Tertiärzeit bzw. im frühen Quartär ein. Zeugen hierfür sind fossile Subrosionssenken, die bei Düna oder von Elbingerode über Herzberg bis Scharzfeld, also überwiegend im Niveau der Oberterrasse und im Ausstrich des Hauptanhydrits, gut nachzuweisen sind. Die Einhornhöhle bei Scharzfeld ist ein fossiles Karstgerinne unter einem frühquartärem Talzug des Andreasbaches. Schön lassen sich in ihr die Hercynkiese nachweisen, die über eine Bachschwinde, die zwischen dem Höhleneingang und dem heutigen Parkplatz gelegen haben muss, in die Höhle eindrangen.
Die im Gipskarst des Zechsteins zirkulierende Wässer strömen aufgrund der Schrägstellung der Schichten nach Süden, wo sie dann auf den stark tonsteinführenden und daher "abdichtenden" bzw. grundwasserstauenden Block des Rotenberges treffen, der aus Buntsandstein besteht und hier an einer Störung um ca. 120 m gegen den Zechstein versetzt ist. Markierungs-(Färbe)versuche des Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung 1991 (sowie Dipl.-Arb. Struckmeyer) bewiesen das Wiederauftauchen des bei Hörden versickernden Sieberwassers in der ca. 8,7 km südwestlich von Hörden sowie 40 m tiefer gelegenen Rhumequelle. Die Fließzeit betrug knapp 75 Stunden, die Fließgeschwindigkeit im Mittel 115m/h. Zu der Zeit waren im Bachbett der Sieber an der Versickerungsstelle nur etwa 2 l/s vorhanden. Im langjährigen Mittel fließen im Siebertal jedoch 2000 l/s ab. Ca. 19 Millionen Kubikmeter pro Jahr, das ist ein knappes Drittel des jährlichen Abflusses, versinken im Gebiet zwischen Herzberg und Elbingerode in das Pöhlder Becken.
 
Geologische Übersichtskarte des südlichen Harzvorlandes zwischen Herzberg und Rhumspringe
(Schnitt C-D = Abb. 3) (aus Röhling 2003, Nach Grimmelmann 1992)
blaue Pfeile = Fließrichtung des Wassers von der Versickerungsstelle im Sieberbett bei Hörden zur Rhumequelle nach den Tracerversuchen von Grimmelmann und Struckmeyer


Geologischer Schnitt durch das Pöhlder Becken zur Rhumequelle
(Profilverlauf siehe auch Abb. 2) (aus Röhling 2003, nach Grimmelmann 1992)

Welche Karten gibt es - Topographie, Geologie: Topogr. Karte 1:25.000, Blatt 4327 Gieboldehausen, Geol. Karte 1:25.000, Blatt 4327 Gieboldehausen, Geol. Übersichtskarte 1:200.000, Blatt CC 4726 Goslar

Literatur zum Geotop: Grimmelmann, W. (1992): Hydrogeologisches Gutachten zur Bemessung und Gliederung des Trinkwasserschutzgebietes Pöhlder Becken. - Unveröff. Bericht NLfB, 29 S., Hannover.
Röhling, H.-G. (2003): Die Rhumequelle - eine der größten Karstquellen in Mitteleuropa. - Eichsfeld-Jahrbuch, 11. Jahrgang, 329 - 357: Duderstadt.
Struckmeyer, K. (1992): Zur Hydrogeologie des Pöhlder Beckens und der Rhumequelle (Südliches Harzvorland). - Unveröff. Dipl.-Arb. Univ. Hannover, 62 S.; Hannover.

Was kann man sonst noch besichtigen: Rhumequelle, Einhornhöhle, Gipskarstlandschaft bei Düna, weitere Objekte entlang des Karstwanderweges

Handelt es sich um ein Naturschutzobjekt: nein

Wo kann man essen, übernachten: Vielfältige Möglichkeiten in den umliegenden Ortschaften

Internet-Adressen: www.nlfb.de/geologie/anwendungsgebiete/objektliste-geotope.htm , www.dgg.de , www.geo-top.de , www.geotope.de , www.tag-des-geotops.de , www.geoakademie.de , www.karstwanderweg.de/sympo/1/vladi/index.htm

Herausgeber und Fachbehörde für den Geotopschutz: Niedersächsisches Landesamt für Bodenforschung, Stilleweg 2, 30655 Hannover, Tel.: 0511-643-0, 0511-643-2304, www.nlfb.de

NLfB- Codierung: Geotop 4327/.., TK25: 4327 Gieboldehausen, R 35 89 188, H 57 26 660
Verantwortlich: NLfB: Dr. Heinz-Gerd Röhling

* Dr. Heinz-Gerd Röhling, c/o Niedersächsisches Landesamt für Bodenforschung, Stilleweg 2, 30655 Hannover; Tel: 0511-643-3567, e-mail: gerd.roehling@nlfb.de