Der Jues-See
Holozäner Großerdfall und Forschungsschwerpunkt in Herzberg / Südharz

Firouz Vladi *

Beschreibung des Objektes:
Aus dem Harze kommend hat der vereinigte Sieber- und Lonaufluß eine breite schottererfüllte Senke geschaffen, auf der sich heute die Stadt Herzberg ausbreitet, sein Bett im Verlaufe von Jahrhunderttausenden mehrfach verlagert und das im Untergrunde anstehende Gipsgestein weitflächig abgelaugt. Zahlreiche größere und kleinere Erdfälle gehen aus diesem Auslaugungsgeschehen hervor, dessen Karstgrundwässer in der Rhumequelle wieder auftauchen. Der Jues-See im Zentrum Herzbergs ist der wohl größte Erdfall im Südharz: Zwei große verbundene Erdfälle, mit ursprünglich über 700.000 m³ Volumen; der größere 523.000 m³ bei max. 28,5 m Wassertiefe, der kleinere Erdfall hat 18.200 m³ bei einer Wassertiefe von max. 6,5 m.
Die bis 16 m mächtigen Sedimente sind seit dem Boreal lückenlos und ungestört abgelagert, liegen als größtenteils feinschichtige Mudden vor und sind überdies reich an vorzüglich erhaltenem Pollen und Diatomeen. Seesedimente erlauben mit hoher zeitlicher Auflösung die Rekonstruktion sich verändernder Umweltbedingungen seit der letzten Kaltzeit. Die jahreszeitliche Schichtung ermöglicht genaue Altersangaben. Ein solches Archiv ist der Jues in Herzberg. Er hat darüber hinaus während der gesamten Zeit seines Bestehens ein einheitliches Einzugsgebiet von wenigen Quadratkilometern behalten. Zufluß ist der Eichelbach, der 4 km nordöstlich entspringt. Der "Große Jues" entwässert am Nordwestufer über den Mühlengraben in die Sieber. Die Jues-Ablagerungen wurden 1995 erbohrt. Die Bohrkerne erlauben eine genaue Korrelation untereinander.
Das Gebiet war - wie die Ergebnisse zeigen - vor Beginn des Holozän unbewaldet. Mit der Erwärmung ab 11.600 Jahren breiteten sich Baumbirken aus. Diese wurden von etwas später einwandernden Kiefern verdrängt. Erst 1.000 Jahre später anderten Eichen, Ulmen und Haseln ein. Vor 10.000 J. bestanden geschlossene Laubmischwälder in der Umgebung. Die zwischen 9.700 und 9.500 erfolgende Ausbreitung von Winterlinde, Efeu und Mistel zeigt ein sommerwarmes und wintermildes Klima an. Die Rotbuche wanderte vor 6.500 J. ein, blieb zunächst jedoch ohne Bedeutung. Erst vor 3.600 J. breitete sie sich gleichzeitig am Harzrand und im Oberharz, der zu dieser Zeit noch unbeeinflußt vom Menschen war, aus. Sie wurde daher sicherlich nicht durch menschlichen Einfluß gefördert, sondern durch das zunehmend ozeanischer werdende Klima. Die Besiedlung am Jues läßt sich ab der Jungsteinzeit vor 7.600 nachweisen, doch blieb der menschliche Einfluß hier gering. Bis zum Mittelalter lassen sich acht Siedlungsphasen unterscheiden, von denen die Eisenzeit vor 2.500 - 2.245 J. besonders ausgeprägt war. Im Anschluß ließ der Siedlungseinfluß nach. In der Römischen Kaiser- und der Völkerwanderungszeit war die Umgebung nur sehr dünn besiedelt. Während dieser fast 1000 Jahre konnten sich die Wälder rings um den Jues vollständig regenerieren. Vor 1240 J. setzte die frühmittelalterliche Besiedlung Herzbergs ein, die in den folgenden Jahrhunderten stetig zunahm. Die entscheidenden auf den See einwirkenden Faktoren waren Klima und Mensch. Der menschliche Einfluß auf den See läßt sich jedoch erst in der Bronzezeit nachweisen. Davor war das Klima die maßgebliche Steuergröße.
Der Jues ist Gegenstand eines Forschungsprojektes im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogrammes "Wandel der Geo-Biosphäre während der letzten 15.000 Jahre - Kontinentale Sedimente als Ausdruck sich verändernder Umweltbedingungen".
 

Blick auf den Jues-See
(Fot: F. Vladi)

 Diatomeenmudde aus dem
Älteren Atlantikum, ca. 7200 - 6900 vor heute


Geologischer Schnitt durch den Jues-See nach Teichmann 1986
1 - Hangschutt bzw. Oberterrasse, 2 - Seefüllung,
3 - Niederterrasse, 4 - Mittelterrasse,
5 - Staßfurtdolomit, 6 - Werraanhydrit,
7 - Zechsteinkalk, Paläozoikum

Welche Karten gibt es - Topographie, Geologie: Topogr. Karte 1:25.000, Blatt 4328 Bad Lauterberg am Harz, Geol. Karte 1:25.000, Blatt 4328 Bad Lauterberg am Harz, Geol. Übersichtskarte 1:200.000, Blatt CC 4726 Goslar, Geol. Karte 1:100.000, Harz

Literatur zum Geotop: ANDING, E., RICKEN, W. & REISSNER, W. (1976): Eine frühzeitliche Siedlungsstelle bei Herzberg, Kreis Osterode am Harz.- Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 45: 407-426
BAIER, J. (1997): Die Sedimente des Jues-Sees in Herzberg am Harz.- Dipl.-Arb. Univ. Göttingen: 1-123
BEUG, H.-J. (1992): Vegetationsgeschichtliche Untersuchungen über die Besiedlung im Unteren Eichsfeld, Landkreis Göttingen; vom frühen Neolithikum bis zum Mittelalter.- Neue Ausgrabungen und Forschungen in Niedersachsen 20: 261-339
HERKING, C. (1999): Vegetationsgeschichtliche Untersuchungen zur frühen Siedlungsgeschichte im Umkreis des Jues-Sees (Herzberg am Harz).- Dipl.-Arb. Univ. Göttingen: 1-73
TEICHMANN, F. (1986): Der Jues-See: Limnologische Untersuchungen eines Erdfallsees am Südwestrand des Harzes.- Unveröff. Dipl.-Arbeit Geol.-Paläont. Inst., 170 S., Göttingen
VLADI, Firouz (1976): Quartärgeologische Untersuchungen zu den Terrassen der Sieber am Südwestrande des Harzes.- Dipl.-Arb. Geol.-Paläont. Inst., 109 S., Hamburg

Was kann man sonst noch besichtigen: Schloß Herzberg mit Forst- und Zinnfigurenmuseum und Restaurant, Einhornhöhle (Besucherhöhle) bei Scharzfeld, Rhumequelle, Flussversickerung bei Hörden

Handelt es sich um ein Naturschutzobjekt: Nein

Geländeeigentümer: Stadt Herzberg am Harz

Was gibt es zu berücksichtigen: Der Jues-See lädt mit einem Freibad am Nordufer zur Erholung ein.

Wo kann man essen, übernachten: Vielfältige Möglichkeiten in Herzberg am Harz und den umliegenden Gemeinden

Internet-Adressen: www.nlfb.de/geologie/anwendungsgebiete/objektliste-geotope.htm , www.dgg.de , www.geo-top.de , www.geotope.de , www.geoakademie.de

Herausgeber und Fachbehörde für den Geotopschutz: Niedersächsisches Landesamt für Bodenforschung, Stilleweg 2, 30655 Hannover, Tel.: 0511 -643-0, 0511 -643-2304, www.nlfb.de

NLfB- Codierung: Geotop 4328/.., TK25: 4328 Bad Lauterberg, R 35 93 116 , H 57 25 244
Verantwortlich: NLfB: Dr. Heinz-Gerd Röhling

* Dipl.-Geol. Firouz Vladi, Osterode am Harz