Nach Posthorn schweigt auch die Zugpfeife

Auf der eingleisigen Bahnstrecke Scharzfeld-Bad Lauterberg herrscht Ruhe -
120 Jahre Bahngeschichte zu Ende

- von Ingolf Berlin -

Keine Girlande und kein Transparent wie seinerzeit im Odertal, nicht einmal ein Hinweis darauf, wann der letzte Zug seine Reise antritt. Sang- und klanglos erfolgte zum Fahrplanwechsel 2004 die Einstellung der Schienenverbindung Bad Lauterberg-Scharzfeld. Das Kneippheilbad hat damit nach 120 Jahren Bahngeschichte zwar seine Schienenverbindung zum Fernnetz der Deutschen Bahn noch nicht verloren, weil es einen neuen Haltepunkt an der Bahnlinie Nordhausen-Herzberg geben soll, doch zwölf Jahrzehnte lang hat die eingleisige Strecke die Geschichte des Kurortes mitgeprägt, zumal es einst eine Verbindung bis nach St. Andreasberg gab.


Hier fährt endgültig kein Zug mehr nach Bad Lauterberg

GPS-Koordinaten
N 51.5776° E 10.5803°

Resolution verabschiedet
Alle Bemühungen um den Erhalt der Strecke Scharzfeld-Bad Lauterberg waren vergeblich. Auf eine Resolution der Stadt Bad Lauterberg gab es nicht einmal eine Reaktion. Und auch eine Unterschriften-Sammlung von „Harz Tours“ mit 800 Unterschriften fand keine Beachtung. Dabei hatte die Stadt 1997 sogar geplant, in der Nähe des Hauptbahnhofs einen Busbahnhof einzurichten, um damit den Bahnhof attraktiver zu machen. Diskutiert wurde damals auch eine Wiedereröffnung der Haltestelle Barbis-Zoll.

Der Anfang vom Ende
Doch das definitive Ende der Strecke wurde bereits eingeläutet, als zuerst die Teilstücke Kurpark-Odertal und Hauptbahnhof-Kurpark eingestellt und dann die bestehenden Bahnhöfe verkauft wurden. Konnte man später vom Hauptbahnhof zumindest noch abfahren, verlor dieser aber zunehmend an Bedeutung für die Bahnkunden, weil sowohl die Express-Abfertigung als auch der Fahrkartenverkauf eingestellt wurden. Karten gab es hinfort nur am Automaten oder im Reisebüro.
Es ist die Ironie der Geschichte, dass sich einst die Kneippstädter gegen die Errichtung einer Eisenbahnlinie wandten. Wie der Chronist schilderte, habe man keine „fauchenden und heulenden Dampflokomotiven“ haben wollen, weil diese die Ruhe der Kurgäste stören könnten. Schließlich fanden aber jene fortschrittlich denkenden Bad Lauterberger aus den Kreisen von Industrie und Handwerk Gehör, die für den Kurort durch den Schienenverkehr eine große Zukunftschance sahen. Und so gab es später auch für verschiedene örtliche Unternehmen Gleisanschlüsse.
Der Anschluss von Lauterberg - damals noch nicht „Bad“ - war 1884 festlich begangen worden. Und noch im gleichen Jahr folgte ein Weiterbau durch Sperrluttertal, um auch die Bergstadt St. Andreasberg anzuschließen.


Dampflok in den 70er Jahren am Kurpark-Bahnhof

Dann das Kriegsende
Der Zweite Weltkrieg veränderte die Situation. Nach Kriegsende verlor die Südharz-Strecke ihre einstige Bedeutung, weil der Personenschienenverkehr nun in Walkenried endete und davon wurde auch die eingleisige Strecke Scharzfeld -Bad Lauterberg tangiert. Der Personenverkehr wurde zunehmend mit Bussen abgewickelt. Die damalige Bundesbahn machte sich damit selbst Konkurrenz. Die Folge: Die Fahrgastzahlen in den Zügen gingen immer mehr zurück.
Als 1984 das 100-jährige Bestehen der Strecke hätte festlich begangen werden können, gab es in der Tat keinen Grund zum Feiern; denn im gleichen Jahr wurde die Entscheidung getroffen, die Teilstrecke in das Odertal stillzulegen, der Anfang vom Ende. Der Odertaler Unternehmer Karl-Heinz König und der damalige Gastwirt des Hotels „Zur Schweiz“, Gustav Vogel, versuchten dem Ganzen noch mit Humor etwas Gutes abzugewinnen, als sie den letzten Zug, der vom Bahnhof Odertal abfuhr, mit schwarzem Anzug und Zylinder und einem Transparent („Bundesbähnle ade, der Abschied tut weh, doch wir sind verständig, bleib gesund und lebendig auf anderen Strecken der BRD“) verabschiedeten.

Brandanschlag
Zahlreiche Eisenbahnfreunde waren an diesem Morgen im Odertal erschienen, um diese historische Fahrt im Foto festzuhalten. Der Bahnhof Odertal ging zunächst als Lagerstätte an eine Pinselfabrik, später kaufte ihn der örtliche Angelsportverein, der daraus sein Anglerheim machte.
Der Bahnhof Kurpark, der nach einem Brandanschlag noch im März 1978 von der Bundesbahn mit einem hohen Kostenaufwand „zu einem der schönsten Bahnhöfe in Deutschland“ (so damals ein DB-Sprecher) wieder hergerichtet wurde, hatte auch keine lange Zukunft mehr. Wo damals Fahrkarten verkauft wurden, sitzen heute Kurgäste oder Touristen und lassen sich bewirten.
Es blieb der Hauptbahnhof, ein schönes Fachwerkgebäude, das einst in Hildesheim stand. Als man in der Bischofsstadt größeren Raumbedarf hatte, wurde dieser kurzerhand „zerlegt“, in den Harz transportiert, und in Bad Lauterberg neu aufgebaut. Heute befindet sich das Gebäude ebenfalls im Privatbesitz.
Vor zehn Jahren, als der „Harz Kurier“ auf das 110-jährige Bestehen der Bahnstrecke mit einer Sonderseite aufmerksam machte, war übrigens schon die Frage aufgeworfen worden, ob ein gemeinsamer Bahnhof Scharzfeld - hier war schon damals ein Verknüpfungspunkt Bus/Schiene im Gespräch - nicht der Anfang vom Ende der eingleisigen Strecke bedeuten würde.


Diesellok auf dem Weg zum Bahnhof Odertal

Der Blick voraus
Weitblick zeigte schon zum 800-jährigen Ortsjubiläum von Bad Lauterberg der frühere Herzberger Bahnhofsvorsteher Heinrich Bornemann, zuständig auch für Bad Lauterberg, als er in einem Beitrag für eine „Harz Kurier“-Sonderbeilage zum Jubiläum unter anderem schrieb: „Nach Einstellung des Gesamtbetriebes auf dem Streckenabschnitt Odertal-St. Andreasberg im Jahr 1975 steht nun auch der Abschnitt Odertal-Bad Lauterberg zur Stilllegung an. Zieht sich die Bahn im gleichen Rhythmus zurück, so wie sie im vorigen Jahrhundert den Südharz erschlossen hat?
Tatsächlich hat sich sowohl auf politischer Ebene als auch in der DB-Unternehmensleitung und Fachwelt die Überzeugung durchgesetzt, daß eine Sanierung des maroden Unternehmens Deutsche Bundesbahn nur noch durch eine Reduzierung des Streckennetzes möglich ist. Schon in seinen, Vorstellungen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der DB' aus dem Jahr 1964 hat der damalige DB-Vorstand auf die Notwendigkeit hingewiesen, das Netz der Bahn auf Strecken mit starkem Verkehr zu beschränken.
Ob es volkswirtschaftlich richtig und vertretbar ist, in Zeiten schwerster Umweltbelastungen eines der umweltfreundlichsten und sichersten Verkehrsmittel - die Bahn - so in die Schranken zu weisen, bleibe dahingestellt. Der Bundesbürger wird nicht auf seinen Pkw verzichten, nicht zugunsten der sterbenden Wälder und nicht zugunsten der Bahn. Wenn es je einmal ein Umdenken in der Bevölkerung geben wird, ist es sicherlich zu spät für eine Umkehr. So müssen wir wohl - ob wir wollen oder nicht - an vielen Orten von einer sicheren, umweltfreundlichen Eisenbahn Abschied nehmen. Es ist zum Verzweifeln.“
Vor 120 Jahren gab es dagegen aber sogar noch eine ganz andere Stimme: Der damalige Lauterberger Kantor namens Bendler schrieb nach Eröffnung der Eisenbahnlinie Scharzfeld Lauterberg: „Das Dampfross hat den Weg also auch dorthin gefunden und lässt nun seinen schrillen Pfiff ertönen, welcher ein weithin schallendes Echo findet. Es ist damit wieder ein Stück Waldeinsamkeit und Poesie aus unseren Tälern gewichen.
Nicht mehr ertönen des Posthorns melodische Weisen und nicht mehr bewegt sich der Tross der Frachtwagen in gemessenem Tempo im Thale. Doch dürfen wir hoffen, daß durch den leichteren und schnelleren Verkehr dem Handel und der Industrie neue Wege sich öffnen werden, daß insbesondere in den Sommermonaten ein lebhafter Personenverkehr eintreten werde...“
Gäbe es heute noch die Verbindung nach St. Andreasberg mit Anschluss an die ebenso stillgelegte Zahnradbahn, man hätte wohl heute eine Touristenattraktion, um die man beneidet würde. Doch dafür ist es endgültig zu spät.


Es war einmal: Eilzug ins Ruhrgebiet im Bahnhof der Kneippstadt

Quelle: HarzKurier 10.01.05