Des einen Schrott, des anderen Ersatzteil

Geologe Firouz Vladi schildert eine amüsante Begebenheit
an der Branntweinseiche im Winter 1970

Bei den Bauarbeiten an der neuen Bundesstraße 243n zwischen Osterhagen und Bad Sachsa wurde dieser Schrottberg zutage gefördert. Er stammt aus einer wilden Müllkippe. Foto: Mark Härtel
Im Februar berichtete der HarzKurier von einem riesigen Berg Sondermüll und Schrott, der vor Jahrzehnten in einer Grube entsorgt wurde und im Rahmen der Bauarbeiten an der B243 zutage gefördert wurde - darunter viele Autowracks.

Dazu erreichte die Redaktion ein amüsanter Zeitzeugenbericht des Geologen Firouz Vladi aus Düna, der sich im Winter 1970/71 mal bei einem der dort verschrotten Autos Ersatzteile für einen VW Käfer besorgte.

"Im Herbst 1970 machten wir als junge Geologie-Studenten aus Hamburg eine Exkursion in den Südharz. Unser Dozent zeigte uns einen kleinen verlassenen Steinbruch gleich oberhalb der Branntweinseiche an der B243. Da lag etlicher Schrott und Müll drin, wie es damals noch so üblich war", beginnt Vladi seine Erzählung. Für die angehenden Geologen war freilich die Beschaffenheit des Untergrundes interessanter als der Schrott.

Mit dem geliehenen Käfer Margarine und Harzkäse gekauft

Es begab sich dann zu Weihnachten 1970, dass Vladi mit einem 1953er VW Käfer - dunkelgrün, kleine Heckscheibe, Winker, unsynchronisiertes Getriebe - von Hamburg kommend abends ins Forschungslager bei Wieda unterwegs war. Den Wagen hatte er von einem Kommilitonen geliehenen - und versenkte ihn bei Osterhagen im Straßengraben. "Zuvor hatte ich noch in Herzberg Lebensmittel eingekauft, unter anderem Margarine und Harzkäse", beschreibt Vladi, wie das Unglück seinen Lauf nahm. "Nun, es war Glatteis... In Osterhagen überholte ich den Streuwagen, fataler Fehler. Vor dem Streuwagen war es naturgemäß glatt. Und auf die heute vielbesungene Anhöhe bei der Branntweinseiche hinauf wurde es glatt und glätter. Ich fuhr schon sehr langsam, bei 30 PS naheliegend."


VW Käfer Standardmodell

Auf der Kuppe war eine leichte Rechtskurve - aber diese reichte schon aus: Der Wagen kam ins Schleudern, drückte einen Begrenzungspfosten um und kippte ganz gemächlich, aber unaufhaltsam, nach links auf die Seite und in den Graben. "Da lag ich nun im Dunkeln. Nichts Schlimmes, nur auf der Seite. Aussteigen war kein Problem, ich musste nur die Beifahrertür über mir öffnen, mich lang machen und rausklettern", schildert Vladi die Situation. "Ging wie geschmiert, im wahrsten Sinne des Wortes: Später fand ich auf der Fahrertür innen den im Dunkeln breitgetretenen Tiegel Margarine." Auf der Fahrbahn war es spiegelglatt. "Ich schlug gleich lang hin."

Andere Autofahrer seien durchaus hilfsbereit gewesen, doch es gelang ihnen nicht, ihre Autos an der Unfallstelle zum Stehen zu bringen: Sie rutschten bis unten zum Abzweig nach Bad Sachsa. "Sie kamen zu Fuß herauf, fragten nach Verletzungen und Toten und halfen dann - vier Mann, vier Ecken - den Käfer wieder auf die Beine zu stellen. Der sprang auch artig gleich wieder an", lobt Vladi die Zuverlässigkeit des Volkswagens.

Allerdings war einer der freundlichen Helfer ein Grenzschützer und musste sich laut Vladi "als Ordnungshüter aufplustern": Er wollte, als er den herausgerissenen Begrenzungspfahl sah, die Polizei anrufen. Doch der Geologe wusste sich zu helfen: "Natürlich hatte ich für das Peilstangenbohrgerät immer den großen 5-Kilo-Plastikhammer dabei. "Halten Sie mal eben!", rief ich ihm zu, drückte ihm den Pfosten in die Hand und haute drauf. Schon war alles wieder in Ordnung."

Stoßstangen und Spiegel vom Autowrack geschraubt

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück in Wieda besah sich Vladi den verunglückten Wagen: Beide Stoßstangen waren verknickt und der Außenspiegel ab. Da erinnert er sich an die Exkursion - und an die dort gesehenen Autoreste. "Mir schwebte deutlich ein gut erhaltenes Käferwrack vor Augen. Also den 14er Maul- und 17er Ringschlüssel eingepackt, wieder hingefahren und frisch ans Werk. Beide dortigen Stoßstangen waren gut und heil, auch der Spiegel. Schnell abgeschraubt, an den geliehenen Wagen angeschraubt und das Verknickerte dem so beraubten Wrack wieder beigelegt", berichtet er.

"Fröhlich fuhr ich zurück. Allerdings wollte Stefan den Wagen nicht wieder haben und ich musste ihm für 400 Mark West das gute Stück abkaufen. Wäre heute mehr als 4000 Euro wert", beendet Vladi seine Erzählung. "Jedes Mal, wenn ich an der Branntweinseiche vorbeikomme, fällt mir diese Szene ein. Dass der Deal aber jemals auffliegen würde, kam mir nie in den Sinn."

Quelle: HarzKurier, 15. März 2013


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