Von Fuhrwerken, die im Sumpf versanken

Stelzenlicht in Förste - Wie lässt sich diese Erscheinung erklären

- von Werner Binnewies -

Wenn meine Mutter vor 60 Jahren zum Bauern in Taglohn ging, wurde ich zu meiner Großmutter, welche am Anger wohnte, gebracht. Von dem Hause meiner Großmutter (heute Neue Reihe) hatte man einen weiten Blick in die Flöthwiesen und auf den Lichtenstein. Aus diesem Grunde ging ich recht gern nach dort, aber auch die Kunst des Erzählens zog mich an.
Im Herbst, in der Zeit der Kartoffelernte oder in der Rübenkampagne, holte meine Mutter mich oft erst lange nach Einbruch der Dunkelheit wieder ab. Da ergab es sich dann, dass die Großmutter ihre Enkelkinder (sie hatte deren 14) mit allerlei Geschichten unterhalten musste. Dass dabei auch die Erzählung vom Stelzenlicht an die Reihe kam, hatte folgenden Anlass: Die von Dorste nach Förste führende Landstraße wurde damals oft von den Langholzfuhrleuten der Fassfabrik Teichhütte befahren. Es waren machmal mehr als ½ Dutzend Gespanne, die nach Einbruch der Dunkelheit noch unterwegs waren.
Jedes Fahrzeug war mit einer schaukelnden Petroleumlampe ausgerüstet, welche einen rötlichen Schein verbreitete. So kam dann die Rede auf die Stelzenlichter, die in der Dunkelheit die Fuhrwerke vom Wege ablockten und sie dann im Sumpf versinken ließen.
Was ist nun an den Dingen wahr und was ist Märchen? Dass die alte Nürnberger Straße bis 1646 unter dem Lichtenstein entlang führte, ist bekannt. Später wurde sie etwa dorthin verlegt, wo sie heute noch verläuft. Die Wiesen im unteren Flöth-Bruch und in der so genannten Spetze waren von alters her sumpfig und moorig. Auch die Urbarmachung der Spetze um 1750 veränderte hier nur wenig. Erst die letzte Flurbereinigung brachte eine fühlbare Strukturverbessserung. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass in früheren Zeiten ausströmende Sumpfgase, als Stelzenlichter angesprochen wurden. Da diese Irrlichter sich bald hier und bald dort gezeigt haben sollen, die Entzündung angeblich auch erst etwa 60 Zentimeter über dem Boden eintrat, sprach der Volksmund von Stelzenlichtern (Plattdeutsch Stöltenlichtere).
Es gibt auch eine andere Lösung der Irrwische in Sumpf und Moor. In diesen unkultivierten, nassen Fluranlagen gibt es meistens einen sehr gemischten Baumbewuchs, wobei die Erle und die Weide besonders überwiegen. Letztere wurde als so genannte Kopfweide (geköpfte Weide) gern gesehen, da sich die jungen Triebe als Korbruten ausgezeichnet verwenden ließen. Diese Kopfweiden wurden im Laufe der Zeit von innen heraus faul.
Da aber diese Holzart eine zähe Lebensfähigkeit entwickelt, setzen die von innen heraus hohl werdenden Bäume immer wieder neue Jahresringe über den faulenden Kern. So kann es sein, dass nur noch wenig gesundes Holz neben sehr viel faulendem an einer solchen Weide vorhanden ist.
Dieses faule Holz aber entwickelt in der Dunkelheit einen phosphoreszierenden Schein; es ist dieses nächtliche Leuchten auch bei schlechtem Brennholz zu beobachten. Besonders in warmen Sommernächten nach einem Gewitterregen kann es passieren, dass ein Stapel Holz, wie lauter glühende Kohlen, ein weißgelbes Licht verbreitet.
Diese Entstehungsart der Stelzenlichter ist sicher die „einleuchtendere“. Wie sie auch immer entstanden sein mögen, die Stelzenlichter hat der Volksmund immer in Sumpf und Moor herumgeistern lassen. Niemals sind sie auf Bergen oder Felsen gesehen worden, was darauf hinweist, dass sie Nässe und Fäulnis brauchten.
Leider geraten auch diese Dinge heute immer mehr in Vergessenheit, wie auch Sumpf und Moor mehr und mehr aus der Landschaft verschwinden. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn auch die Tiere, die früher hier lebten, heute nur noch im Zoo zu sehen sind. Besonders sollten wir uns dabei an den Storch erinnern, der seit undenklichen Zeiten dafür gesorgt hat, dass die Menschheit (auf romantische Weise) vor dem Aussterben bewahrt wurde. In der Nacht haben ihm sicher dabei oftmals die Stelzenlichter den Weg gewiesen.

Quelle: HarzKurier vom 17.03.05