Von Hunger, Beutezügen und tapferen Harzschützen

Als der Dreißigjährige Krieg am südwestlichen Harzrand tobte,
verloren viele Besitz und Leben

- von Dieter Spohr -

In den ersten sechs Kriegsjahren des Dreißigjährigen Krieges blieben Eisdorf, Nienstedt und Förste, in dem ehemaligen Fürstentum Grubenhagen, vom Kriegsgeschehen weitgehend verschont. Jedoch in den umliegenden Dörfern der Ämter Staufenburg und Katlenburg, sowie in einigen Dörfern des Amtes Herzberg plünderten, raubten und brandschatzen umherziehende Kriegsvölker.
Im Jahre 1624 hielt sich Tillysches Kriegsvolk in dem braunschweigischen Amte Staufenburg auf. So kam es, dass ihm unterstehende Kompanien aus spanischen und kroatischen Söldnern nun auch in Eisdorf, Nienstedt und Förste plünderten. Wegen der sich nun ständig wiederholenden Überfälle griff die gepeinigte Bevölkerung zur Selbsthilfe und rottete sich zu kleinen Widerstandsgruppen, bestehend aus Bauern der umliegenden Ortschaften, zusammen.
Sie selbst nannten sich „Harzschützen“. Ihre Anführer waren meistens Männer, die schon im Kriegsdienst gestanden hatten und das Kriegshandwerk beherrschten. Einer von ihnen war der Eisdorfer Hans Warnecke, auch „Hans von Eisdorf“ genannt. Er fügte mit seinen Leuten, kleinen umherziehenden, plündernden und mordenden Soldatentrupps, wo immer es möglich war, Schaden zu.

Graf von Tilly von der Kaiserlichen Liga hatte sein Hauptlager zwischen den Städten Göttingen und Duderstadt aufgeschlagen, von wo aus kleine Soldatentrupps auch unsere und die umliegende Gegend heimsuchten. Im Februar brannten Tillysche Soldaten das Bergstädtchen Grund nieder.
Im März erschien Tilly vor den Toren der Stadt Osterode und zog dann weiter in den Oberharz. Hier plünderten seine Soldaten Zellerfeld, Wildemann und Lautenthal. Nachdem sich Graf von Tilly wieder aus dem Oberharz zurückgezogen hatte, rückten Truppenteile des Dänenkönigs in unsere Gegend nach, wobei sie auch die Dörfer Eisdorf und Nienstedt brandschatzten.

Nun bedrängte Graf von Tilly die Stadt Göttingen. Nach sechswöchiger schwerer Belagerung, zwang er die Göttinger zur Übergabe ihrer Stadt.
Am 21. August standen Tillys Truppen vor der Stadt Northeim. Währenddessen zog der Dänenkönig Christian IV. von der protestantischen Seite mit 16.000 Mann Infanterie, 90 Eskadrons Reiterei (6.500 Mann) und 22 Geschützen von Wolfenbüttel über Seesen nach Northeim dem Heer des Grafen von Tilly entgegen. Dieser wiederum wich vor ihm in das Eichsfeld zurück. Christian IV. folgte ihm bis vor die Stadt Duderstadt.

Es deutete alles darauf hin, dass es zu einer Schlacht kommen würde. Aber Christian IV. gab seine günstige Position und militärische Überlegenheit auf und zog mit seinem Heer aus dem Eichsfeld heraus. So konnte Graf von Tillys Heer sich noch durch zwei Wallensteinsche Infanterieregimenter von 32 Eskadrons verstärken und folgte nun den abziehenden Truppen des Dänenkönigs.

Nachdem das Heer des Dänenkönigs die Oderübergänge überschritten hatte, wurden sofort alle Brücken zwischen Wulften und Katlenburg zerstört. Den Oderfluss ließ er durch Sicherungskräfte überwachen. Nun fühlte sich der Dänenkönig in Sicherheit. Die Infanterie und Artillerie machten in den Dörfern Wulften, Schwiegershausen und Berka Quartier.

Als nun die Truppen des Grafen Tilly an die Oder vorrückten, vertrieben sie nach kurzen Gefechten die dänischen Sicherungskräfte und begannen mit dem Brückenschlagen. Am frühen Morgen des 26. August berichteten Flüchtende, die von Dorste herkamen, vom Heranrücken der großen Heere. In höchster Eile flüchteten die Ortsbewohner unter Mitnahme des Viehs und ihrer geringen Habe in die nahen Harzwälder. Vor Nienstedt, heutiger Flurbereich „In den Schanzen“, warfen Truppen des Dänenkönigs Schanzen auf, an denen es zu kleinen Kampfhandlungen kam.

Während in Förste nur wenige Häuser den Flammen zum Opfer fielen, ließ Christian IV. Nienstedt und Eisdorf völlig niederbrennen. Nach mündlichen Überlieferungen wurde Eisdorf von allen vier Seiten angezündet. Die später in ihr eingeäschertes Dorf zurückgekehrten Bewohner erkannten an dem zerstampften Boden, den Feuerstellen und den zurückgelassenen Gegenständen, dass Nachzügler des Tillyschen Heeres vor Eisdorf ihr Nachtlager errichtet hatten (heutiger Flurbereich „In den Lägern“).


Zeichnung vom Durchzug

Größere Kampfhandlungen gab es in Höhe der Staufenburg bei Gittelde, in dem sogenannten „Heinrichswinkel“. Hier konnte eine Nachhut des Dänenkönigs von 600 Mann und zwei Geschützen Stärke die Vorhut der Tillyschen Truppen einige Stunden aufhalten, so dass es dem Hauptheer Christians IV. in Eilmärschen gelang, weiter nach Seesen zu kommen. Die ihm folgenden Tillyschen Truppen rückten aber immer weiter nach, und so stellte sich der Dänenkönig am 27. August bei Lutter am Barenberg zur Schlacht.

Hier bereitete das Heer des Grafen von Tilly dem Heer des Dänenkönigs eine vernichtende Niederlage. Verlässliche Zahlen über die Kampfstärke der beiden Armeen gibt es nur auf Seiten der Dänischen Armee. Genaue Angaben über die Kaiserliche Armee fehlen, wobei diese der Stärke der dänischen Armee entsprochen haben wird. Die gesamte Stärke der beiden Armeen mit ihrem Tross und der Bagage, die durch unsere Ortschaften zogen, dürfte bis zu 45.000 Menschen betragen haben.

Die Bevölkerung unserer Ortschaften, die sich vor den heranrückenden Heeren in den nahen Wäldern noch in Sicherheit bringen konnten, mussten nach ihrer späteren Rückkehr feststellen, dass ihre Häuser, die Ernten, das Vieh und ihre gesamte Lebensgrundlage vernichtet worden war. Familien, deren Bleibe zerstört waren, suchten Unterkunft bei ihren Verwandten oder gingen in die sichere Stadt Osterode.

In den Sterberegistern der Osteroder Kirchenbücher finden sich viele Eintragungen auf unsere Ortsbewohner, die ihr Leben durch Verhungern, Auszehrung und die ausgebrochene Pest in Osterode ließen. So lautet eine Bemerkung vom 6. September 1625 aus dem Sterberegister der Osteroder Aegidienkirche: „In den fünf Vierteljahren wurden allein in dieser Gemeinde von 3.500 Menschen über 1.200 hinweggerafft, ohne die vielen Landsleute aus der Umgebung, die sich hinter die Mauern der Stadt flüchteten.“
 

Der Wiederaufbau des in Asche gelegten Eisdorf

Aus einem Schadensverzeichnis des Amtes Herzberg von 1627 geht hervor (Im Originaltext): „In Nienstedt sind Kirche, Schule und die meisten Häuser verbrannt. Förste ist noch gnädig abgekommen. Eisdorf aber gänzlich in die Asche gelegt.“ So bitten 1628 die Ortsvorsteher von Eisdorf beim Amt Herzberg um Bauholz für die Kirche, Pfarre und Schulhaus. Auch bitten 31 Familien um Bauholz zum Wiederaufbau ihrer Wohnhäuser.

Nach einer Auflistung des benötigten Bauholzes durch die Ortsbewohner werden ihnen 114 Holzstämme aus den Herzoglichen Harzforsten zinsfrei gewährt. Die Ortsbewohner schlugen jedoch über 300 Holzstämme, welches dem Amtmann von Herzberg zugetragen wurde. Darauf ließ er das Holz in Arrest legen (beschlagnahmen). Auf späterere Anweisung der fürstl. Regierung in Celle wurden ihnen die gewährten 114 Stämme forstzinsfrei überlassen. Der Rest wurde mit dem halben Forstzins belegt.

Die Aufforderung zum Wiederaufbau der vier herrschaftlichen Meyerhöfe in Eisdorf (Im Originaltext): „Auf Befehl der Fürstl. Regierung in Celle vom 16. Jan.1629, wird dem Schultheis und Rath der Stadt Osterode der Befehl erteilt. Den Eißtorffischen Leute, so sich in der Stadt allhier aufhalten, an zu zeigen und zu befehlen, sich hinwieder an Ihren Ort zu begeben. Und ihren Handel und Wandel Leben, nicht desto weniger aber bei Sommerszeiten Hut und Weide (Viehwirtschaft) für Eißtorff gebrauchen. Aber vor allen Dingen die vier Meyerhöfe daselbst, die die meißte und beste Länderei gehörig, wieder aufbauen. Und mit tüchtigen Meyern (Pächtern/Bauern) besetzen.“ usw. „Anfangs nicht mehr als nur eine Scheune, worinnen eine Stube und Kammern, auch Pferde und Kuhställe aber sich alles unter einem Dach befindet. Hierzu sollten 124 Stämme Holz aus den Herzoglichen Forsten gehauen und herangeschafft werden.“ Somit wurde die Grösse und Ausstattung der neu zu errichtenden Meyerhöfe von der fürstl. Regierung angeordnet.

Ebenfalls geht aus dem Schreiben hervor, dass die Bewohner der Meyerhöfe nach Wiederaufnahme ihrer Tätigkeiten dazu verpflichtet wurden, Hand- und Spanndienste zu leisten. Sowie auch die Zehntabgabe zu verrichten, welche dann dem Amt Osterode jährlich 300 Reichsthaler einbrachte.

Wie mühsehlig und langsam der Wiederaufbau in den Ortschaften voranging, zeigen einige Häuserverzeichnisse: 1636 werden in Nienstedt 10 Wohnhäuser und 9 BrandsteIlen, in Förste 69 Wohnhäuser und 5 Brandstellen, in Eisdorf 26 Wohnhäuser und 32 Brandstellen ( zt. wüst liegende Häuser) gezählt. 1641 werden in Nienstedt 11, in Förste 90, und Eisdorf 35 Wohnhäuser gezählt.

Kriegssteuer: Trotz der vorherrschenden Armut wurden während des gesamten Krieges die Bewohner der Ortschaften zu Contributionszahlungen (Steuern) herangezogen. So mussten 1638 die Ortschaften Eisdorf, Nienstedt und Förste Contributionszahlungen an das Amt Herzberg leisten. Eisdorf 32 Thaler und 9 Pferde, Nienstedt 12 Thaler und 3 Pferde, Förste 44 Thaler und 15 Pferde. Diese Steuern wurden zu der Finanzierung und Aufstellung der Armeen benutzt. So auch, aus einer Akte von 1629 des Amtes Herzberg. Wo man den Besitzstand der Bevölkerung durch einen Schatzscheiber schätzen wollte, um sie dann später mit Steuern zu belegen.

Der Schatzscheiber antwortete seinem Dienstherren (Im Originaltext): „Aller Leute Mobilar, Kleider, Hausgemach, Pferde, Kühe, Schweine, Schafe, Früchte auf den Feldern, Häuser, Scheunen sei von den Soldaten weggenommen und verheert (vernichtet). Sondern noch dazu Eißtorff und Nienstedt sampt Kirche und Schule ganz zu Grunde gelegt. Daß auch davon weder der geringste Stock in Eißtorff stehen geblieben. Auch zu Förste der Dritteteil abgebrannt und in die Asche jämmerlich gelegt, dazu noch die dies Jahr ausgestellten Früchte von Mäusen Abgezehret und verheeret worden.

Das dadurch jedermann in diesen Ortschaften an den Bettelstab und äußerste Armuth geworden. Davon auch viele ins Elend gangen, Ihre Äcker liegen, die Dörfer verlassen. Und zu anderen Lande gegangen und davor Brodt vor den Türen gesammelt. “[...]

„Der Schatzschreiber bittet den Landdrosten zu Osterode: Die jetzt geforderte Schatzung, wegen der noch wenigen vorhandenen Leute und der Zustände halber aus Gnaden zu erlassen. Damit die noch wenig übrigen Dienstfreien Arme Leute ...mit Weib und vielen Armen Unerzogenen (kleinen) Kindern das Leben ertragen mögen.[...] 9. Januar 1629. Vorstand und ganze Gemeinde der Dorfschaften Förste, Nienstedt und Eißtorff.“