100 Jahre Eisenbahn

Am 1. November 1911 wurde das letzte Teilstück der ehemaligen Strecke zwischen Herzberg und Bleicherode Ost in Betrieb genommen - Die Grenzziehung im Jahr 1945 unterbrach die
41 Kilometer lange Verbindung.

Mit der Schließung des Kraftwerkes in
Rhumspringe endete der Niedergang

Der Personenverkehr endete bereits 1961 - Zuletzt fuhren noch Braunkohlenzüge zur „Preußen Elektra“.

- von Andreas Reineking -

Der Strecke war kein langes Leben beschieden: Vor 100 Jahren, am 1. November 1911 wurde das Teilstück Herzberg - Bischofferode in Betrieb genommen. Die Weiterführung der Linie bis nach Bleicherode Ost war bereits in den Jahren 1908 bis 1910 eröffnet worden. Mit einem Sonderzug reisten die Honoratioren der Stadt Herzberg an jenem Novembertag in das 41 Kilometer entfernte Bleicherode, um gemeinsam mit der dortigen „Prominenz“ und Vertretern der Reichsbahndirektion Kassel die komplette Inbetriebnahme zu feiern. Die Bürgermeister Otto (Herzberg) und Henke (Bleicherode) verknüpften große Hoffnungen mit der neuen Eisenbahnstrecke. Das von ihnen vermutete „Zusammenwachsen“ der Regionen blieb jedoch aus. Zu unterschiedlich waren die gewachsenen regionalen Bindungen der an der Linie gelegenen Ortschaften.


1. November 1911: Die Pöhlder erwarten den Eröffnungszug auf ihrem neuem Bahnhof. Foto: privat

Immerhin passierte die Bahn aus heutiger Sicht die Bundesländer Niedersachsen und Thüringen und verlief durch drei Landkreise: den ehemaligen Kreis Hohenstein mit den Stationen Bleicheroder Ost, Bleicherode Stadt, Kleinbodungen, Großbodungen, Bischofferode, Stöckey, Weißenborn-Lüderode, Jützenbach und Zwinge, den Kreis Duderstadt mit den Orten Hilkerode und Rhumspringe sowie den Landkreis Osterode mit den Bahnhöfen Pöhlde und Herzberg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg trennte die Zonengrenze die Strecke im Bahnhof Zwinge. Die Demarkationslinie verlief direkt über den Bahnsteig. Auf der Westseite wurde daher eine Behelfsstation mit dem Namen „Zwinge West“ eingerichtet. Fortan galt der „Bahnhof als der längste der Welt“. Theoretisch benötigten Reisende um von einem Bahnsteigende zum anderen zu gelangen, einen Weg von weit mehr als hundert Kilometern ­  über den Zonengrenzübergang Bebra/Gerstungen, denn in Zwinge selbst war kein Grenzübertritt erlaubt. Auf der Westseite der Strecke endete der Personenverkehr bereits 1961, der Güterverkehr wurde 1982 eingestellt.

Das Stationsgebäude in Pöhlde ist auch heute noch sehr gut erhalten. Dort wohnt seit mehr als 30 Jahren Hermann Wiese mit seiner Familie. Bis auf das Stationsschild erinnert kaum noch etwas an die einstige Funktion des Gebäudes. Mit etwas Fantasie lässt sich jedoch erahnen, wo sich Warteraum, Fahrkartenausgabe oder der Güterboden einst befanden.

Wiese, Jahrgang 1933, erinnert sich an die Zeit des Zweiten Weltkrieges: „Es war im März 1945, als von Herzberger Richtung aus gesehen ein Kesselwagenzug kurz vor dem Bahnhof Pöhlde angegriffen wurde.“ Zwölf amerikanische Thunderbolts hätten den Zug unter Feuer genommen. Mehrere deutsche Soldaten hätten dabei ihr Leben lassen müssen, der Kessel der Lokomotive war durchlöchert gewesen. „Wir mussten nach dem Angriff sofort an die Strecke. Mit zugespitzten Weidepflöcken stopften wir die leckgeschlagenen Benzin-Waggons. Das klappte erstaunlich gut“, erinnert sich Hermann Wiese.

Die Bahn in Richtung Herzberg sei bis zur Einstellung des Personenverkehrs besonders von den Pöhldern und Rhumspringern sehr gut genutzt worden. Denn damals bot die Industrie in Herzberg und Umgebung noch viele ,Arbeitsplätze.

Nachdem keine Personenzüge, zuletzt Schienenbusse, mehr verkehrten, sei aber längst noch keine Ruhe gewesen. Wiese: „Jeden Tag belieferten zwei Braunkohle-Güterzüge mit jeweils 40 Wagen das Kraftwerk der Preußen-Elektra in Rhumspringe.“ Damit wurde auch das Ende der Strecke endgülig eingeleitet. Das normale Transportaufkommen mit Holz, Dünger oder Zuckerrüben rechtfertigte eine aufwändige Unterhaltung der Strecke nicht mehr.

Für überregionales Medieninteresse sorgte die Strecke mehrmals: So Anfang der 70er-Jahre, als sich im Herzberger Bahnhof 13 Güterwagen gelöst und sich talabwärts Richtung Pöhlde ungebremst in Bewegung gesetzt hatten. Die immer schneller werdende Fuhre entgleiste schließlich in Rhumspringe auf einer Überführung. Einige der Wagen stürzten auf die darunter befindliche Straße, auf der Minuten zuvor noch ein Bus mit Schulkindern durchgefahren war.


Zugentgleisung Anfang der 70er Jahre in Rhumspringe. Foto: Klaus Matwijow

Auf der östlichen Seite der Strecke, dem Teil, den die Deutsche Reichsbahn unterhielt endete der Personenverkehr zwischen Zwinge und Bischofferode. 1972 und nach der Stilllegung der dortigen Kalischächte im Jahr 1993 auch die Güterbeförderung. Das Jahr 1998 bedeutete dann das endgülige Aus der Strecke mit der Einstellung des Abschnittes nach Bleicherode Ost.

Abgesehen vom Güterverkehr hatte die Strecke wohl eher wenig „länderübergreifende“ Bedeutung. Die Bewohner der anliegenden Ortschaften waren auf ihre Kreisstädte ausgerichtet. So gab es im Personenfahrplan von Beginn an nur wenige durchgehende Züge. Meist wurde der Zuglauf in Zwinge „gebrochen“.

Auch Hermann Wiese, der nach seinem Bekunden die Bahn viele Jahre auf dem Weg zur Arbeit nach Osterode nutzte, ist sich ziemlich sicher: „Fahrkarten von Herzberg oder Pöhlde nach Bleicherode sind sicherlich nur sehr sehr wenig verkauft worden.“


Ausfahrt am Herzberger Bahnhof. Die vierte Strecke von links am
oberen Bildrand war das Ausfahrgleis in Richtung Pöhlde.
Foto: Klaus Matwijow