Die nie realisierte Eisenbahn zwischen Osterode und Clausthal

Bahnhöfe am Lerbacher Hüttenteich und am
Freiheiter Schützenplatz waren bereits geplant

Der Bau von Tunneln und Viadukten hätte allerdings
schwere Eingriffe in die Natur und Landschaft mit sich gebracht

- von Rainer Kutscher -

Von der Planung des Baus einer Eisenbahnstrecke von Clausthal - Buntenbock - Lerbach - Osterode liegen detaillierte Unterlagen vor. Der Chronist Gerhard Gärtner aus Buntenbock hat in der Festschrift des Harzklub-Zweigvereins-Buntenbock aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums darüber berichtet und weitere Quellen aufgeführt.

Im Jahre 1907 hatte sich eine Bürgergruppe aus Clausthal, Zellerfeld, Buntenbock und Lerbach zusammengesetzt, die am 21. April darüber berieten, eine Eingabe an die Regierung zu richten, dass die Eisenbahnlinie von Goslar über Clausthal nach Altenau weiter verlegt werden möge und gleichzeitig eine weitere Linie von Clausthal über Buntenbock und Lerbach nach Osterode geführt werden sollte. Man wurde sich einig und die Stadt Clausthal sollte die Verhandlungsführung übernehmen. Die Regierung gab die Zustimmung zum Bau und noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Strecke nach Altenau fertiggestellt.
Anders kam es mit der Strecke nach Osterode. Auch hier gab die Regierung „grünes Licht“ und mit den Planungen konnte begonnen werden. Im Plan war, von Clausthal Ost beginnend, die Trasse am Unteren und Oberen Pfauenteich entlangführend, zwischen den Pfauenteichen, Hirschlerteich hindurch Richtung Buntenbock verlaufen zu lassen.
Der höchste zu überwindende Punkt war die Überquerung der heutigen B 242 mit 587 m.ü.N.N.
Der Bahnhof sollte in etwa am „Hildesheimer Haus“ (Straße An der Trift) liegen. Dann kamen die schwierigen Teile der Strecke, die nur mit Hilfe der Anlegung von Viadukten und Untertunnelungen zu bewältigen waren. Aus einem Bericht aus dem Kurgastkalender „Die Oberharzer“ vom März 1981, der sich wiederum auf den Harzbergkalender von 1911 beruft:
Von Buntenbock verlief die Strecke - sollte wohl Planung der Strecke heißen - mit Gefälle in westlicher Richtung und kreuzte die Straße Clausthal - Osterode etwa in Höhe des Gasthauses Ziegelhütte. Am Prinzenteich sollte die Strecke links entlangführen. Dort begann mit tiefen Einschnitten die Gefällestrecke, die als große S-Kurve mit Auslauf beim Ortsbeginn Lerbach geplant war.

Das Wegehaus „Zum Heiligenstock“ (Winter 1962). Hier sollte die geplante Eisenbahnstrecke verlaufen, nachdem sie durch einen neu zu bauenden 145 Meter langen Tunnel aus dem Clausberg geführt werden sollte.
In einem großen Bogen führte die Eisenbahnstrecke oberhalb von Heiligenstock mit einem 145 m langen Tunnel. Durch die Kuckholzklippe wäre der Tunnel fast 300 m lang geworden. Aus einem Gegenbogen kommend hätte die Strecke in den längsten Tunnel der Strecke (545 m) hineingeführt.
Hinter dem Tunnel durch den Clausberg verlief die Strecke in westlicher Richtung auf Lerbach zu.

Geplante Bahnhöfe
Drei Tunnel, elf Wegeüber- und Wegeunterführungen, sowie neun Talüberschreitungen von 15 bis 30 Meter Höhe und bis 150 m Länge hätten auf dem Abschnitt Lehmtal bis Lerbach gebaut werden müssen. Die Straße Clausthal - Osterode wäre am Ortsbeginn von Lerbach mit einem fast 150 Meter langen Viadukt, der am Clausberg begann und an der Hangseite des Langen Berges endete, überquert worden.
Etwa in Höhe des Hüttenteiches war der Bahnhof Lerbach geplant. An der rechten Hangseite des Tales sollte die Strecke in Richtung Freiheit weiter verlaufen. Der Haltepunkt Freiheit war in der Nähe des Freiheiter Schützenplatzes vorgesehen. Die Strecke führte dann am Südhang des Bremketales entlang weiter, überquerte das Bremketal mit einem 30 Meter hohen und 180 Meter langen Viadukt und mündete aus nördlicher Richtung kommend in den Bahnhof Osterode ein. Weshalb die Strecke nicht gebaut wurde, ist nicht überliefert, aber es wäre sicher ein teures Unterfangen gewesen.

Planung nach Weltkrieg I
Die Eisenbahnstrecke war nicht vergessen. Die Pläne für den Bau dieser Strecke sind nach dem Ersten Weltkrieg wieder aufgegriffen und sehr intensiv weitergeführt worden. Werner Hildebrandt aus Buntenbock hat das Thema im Harzbergkalender des Jahres 1988 ausführlich behandelt.
Ende 1923 wurde das Thema des Bahnbaues wieder öffentlich und 83 führende Persönlichkeiten der Wirtschaftsregion Harz/Göttingen kamen am 26. Januar 1924 in den Räumen der Handelskammer Göttingen zusammen und erörterten das Problem der Wiederaufnahme der Pläne sehr intensiv und durchweg positiv.

Vermessungsarbeiten vor 100 Jahren für die Eisenbahntrasse unterhalb des ehemaligen Wegehauses „Zum Heiligenstock“ im Verlauf der Alten Harzstraße, heute B 241 zwischen Lerbach und Bremketal. Fotos: Archiv Kutscher
Die Rezession der 20er Jahre verhinderte die Bereitstellung der Mittel und in den 30er Jahren bekam der Straßenbau mit besonderem Schwerpunkt Autobahn das absolute Vorrecht.
Die Geschichte von der Bahnlinie, welche die kleinen Ortschaften Lerbach und Buntenbock berührt hätte, wäre hiermit eigentlich zu Ende, wenn es nicht eine kleine Geschichte gäbe, die unsere Vorfahren aus der Taufe gehoben haben und die noch heute gern erzählt wird. Den Buntenböcker Bahnhof mit seiner Schutzhütte gibt es noch heute. Durch diese Zeilen kann der Leser erfahren, warum der markante Punkt „Buntenböcker Bahnhof“ heißt.

„Buntenböcker Bahnhof“
Die Buntenböcker hatten mit dem Nichtbau der Strecke eine Enttäuschung erlebt. Aber hatten alle Anlieger an der geplanten Strecke nicht auch eine Enttäuschung erfahren? Sollte man die Buntenbocker wegen des verlorenen Bahnhofs verhöhnt haben? Jedenfalls wurde ihnen der „Bahnhof“ zum Spott.
Die Sache mit dem Bahnhof liegt aber wieder einmal ganz anders.
Wenn man den Ort nach Süden über das Tal der „Tauben Frau“ verlässt, um über die Heidelbeerköpfe nach Riefensbeek in das Tal der Söse zu gelangen, dann kommt man, wenn man den Kehrzug überschreitet, zum „Bahnhof“.
Das ist ein sehr markanter Punkt in der Landschaft, denn sieben Wege und Schneisen laufen hier aufeinander zu, wie bei einem richtigen Bahnhof.

Die Tafel an der Schutzhütte. Ortsunkundigen stellt sich die Frage:
Wieso Schutzhütte am Bahnhof?

Das ist eine ganz natürliche Angelegenheit. Ein Mensch, der so glücklich war, auch noch zu sehen, wenn er durch die Landschaft marschiert, (wer kann das heute noch?) der hat sehr richtig erkannt, und hat es im übertragenen Sinne einen Bahnhof genannt. Das haben auch andere Wanderer danach verstanden und der Name für diesen markanten Punkt war gegeben. Und dann kamen die „Narren“, die dem Anderen immer eins auswischen müssen: Es lagen damals die jungen Burschen aus Buntenbock und Lerbach seit ewigen Zeiten miteinander im Clinch.
Es gab noch keine Sportvereine, in denen man seine Kräfte messen und trainieren konnte, und so mussten andere Gelegenheiten gesucht werden, bei denen der Überschaum der Kräfte abreagiert werden konnte. Diese Gelegenheiten fanden die jungen Burschen der benachbarten Orte bei gegenseitigen Fehden.
Eine beliebte Provokation zum Auslösen einer solchen Fehde war eine Frotzelei über den Buntenbocker Bahnhof. Die Buntenbocker revanchierten sich, die Lerbacher mit ihrer Hauptstraße aufzuziehen, denn die Lerbacher hatten damals nur eine einzige Straße und hatten diese ausgerechnet ihre „Hauptstraße“ genannt. Die Lerbacher entgingen den Anzüglichkeiten in Bezug auf ihre Hauptstraße, nachdem sie diese 1946 in Friedrich-Ebert-Straße umbenannten, aber die Buntenbocker haben ihren Bahnhof behalten. Der Harzklub-Zweigverein-Buntenbock hat zur Ehrung seines langjährigen Vorstandsmitgliedes und Chronisten Gerhard Gärtner (15.04.1913 bis 24.09.2003) der Schutzhütte am „Bahnhof“ seinen Namen gegeben.
 

Quelle: HarzKurier 26.10.11