Die Osteroder Bahnhöfe und ihre Geschichte

Wie der Hauptbahnhof und Südbahnhof entstanden -
ein Wunsch ging in Erfüllung

- von Ekkehard Eder -


Der Osteroder Hauptbahnhof mit Eisenbahnern und Reisenden im Jahr 1900

Als am 9. November 2004 der Eisenbahnhaltepunkt Osterode-Mitte in Betrieb genommen wurde, ging für die Osteroder ein Wunsch in Erfüllung, den man schon vor 150 Jahren formuliert hatte. Mitte des 19. Jahrhunderts ergriff das „Eisenbahnfieber“ auch den Südwestharz. Die Industriestadt Osterode hatte ein vitales Interesse an einem Anschluss an das neue Verkehrsmittel: Wollte man doch weiterhin im Wettbewerb mit anderen Standorten bestehen können, und die Osteroder wussten, wie wichtig eine moderne Verkehrsinfrastruktur für die örtlichen Unternehmen war. So wurden Gutachten erstellt, Denkschriften und Petitionen verfasst und Delegationen entsandt, um den Osteroder Wünschen Gehör zu verschaffen.

Der Osteroder Hauptbahnhof
Intensiv diskutierte man verschiedene Linienführungen, die die Stadt am Harzrand an das Eisenbahnnetz anschließen sollten. Daneben widmete man sich auch schon Detailfragen und erörterte, wo sich ein geeignetes Gelände für den Bahnhofsbau finden ließe. Stadtnah sollte der neue Bahnhof liegen und ausreichend bemessen sein, um den erwarteten Güter- und Personenverkehr aufzunehmen.


Der Vorplatz des Osteroder Hauptbahnhofs um 1910

Magistrat Intervenierte
So wandte sich im November 1854 der Osteroder Magistrat an das Finanzministerium in Hannover: „Dicht vor der hiesigen Stadt, etwa da, wo unserer Überzeugung nach der Bahnhof zu der hierhin zu führenden Zweigbahn errichtet werden müsste, liegt ein in großartigem Stylo [= Stil] erbautes Gartenhaus des Fabrikbesitzers F. Schachtrupp nebst 7 Morgen Gartenraum und sehr großen Nebengebäuden ... Diese Gebäude werden sich ohne Zweifel mit geringen Kosten zu Bahnhofsgebäuden, Güterschuppen etc [etera] einrichten respe[ec]t[ive] benutzen lassen. Das Etablissement soll in der Anlage über 100 000 R[eichs]th[a]l[er] gekostet haben. Der gegenwärtige Besitzer wird das ganze Etablissement, da sich dazu ein Käufer überall nicht finden will, zu 12 000 R[eichs]th[a]l[er] absetzen.“ (StadtA OHA, Best. 1A D III Nr. 1, Magistrat Osterode an Finanzministerium Hannover vom 29. November 1854).

Doch brachte auch die zum „Schnäppchenpreis“ als Bahnhofsgebäude angebotene Schachtrupp-Villa zunächst keine Entscheidung in der Frage des Eisenbahnanschlusses. Ein Anschluss an die Nord-Süd-Bahn (Hannover nach Kassel), wie auch an eine Ost-West-Bahn (Northeim nach Nordhausen) scheiterten, da man keinen Umweg über Osterode in Kauf nehmen wollte.

Auch die im Frühjahr 1866 begonnenen Arbeiten an einer Nebenbahn von Northeim nach Osterode wurden mit der Annexion des Königreichs Hannover durch Preußen schon nach wenigen Monaten wieder eingestellt. Doch sollte schließlich das Projekt einer Verbindungsbahn zwischen Seesen und Herzberg auch Osterode den ersehnten Anschluss bringen. Am 10. Oktober 1870 befuhr endlich der Eröffnungszug die Strecke Herzberg-Osterode. Im folgenden Jahr nahm die Eisenbahn auch den Abschnitt von Osterode nach Seesen in Betrieb.

Auch diesmal hatte die Stadt wieder versucht, den Bahnhof in der Nähe der Schachtrupp-Villa erbauen zu lassen. Doch lehnte die Eisenbahnverwaltung diesen Standort aufgrund der dortigen Geländeverhältnisse ab. Um einen Bahnhof anzulegen war es nämlich erforderlich, ein möglichst ebenes - also neigungsfreies Terrain - herzustellen.

Die Entscheidung
Dieses ebene Gleisfeld war nötig, um ein unbeabsichtigtes Abrollen von Waggons zu verhindern. Auch benötigte man horizontale Bahnhofsanlagen, um den damals noch recht leistungsschwachen Lokomotiven das Anfahren aus der Station zu erleichtern. Die Herstellung eines ebenen Geländes für den Bau eines Bahnhofs am Lindenberg hätte jedoch umfangreiche und entsprechend teure Erdarbeiten erfordert. Außerdem hätten die an diese Station heranführenden Streckengleise sehr starke Steigungen aufweisen müssen. Die Eisenbahndirektion entschied sich daher für den Bau eines Bahnhofs unterhalb des Siechenhofes an der Petershütter Chaussee. Den Nachteil der relativ großen Entfernung zum Stadtgebiet nahm man in Kauf. Da die Eisenbahn damals eine einzigartige und praktisch konkurrenzlose Stellung im Verkehrssystem besaß, hatte die Staatsbahn keine Bedenken, den Kunden die Entfernung zur Stadt zuzumuten.

Spenden gesammelt
Bei Bürgern und Unternehmern sammelte man Spenden und auch die Stadt Osterode und der preußische Staat gewährten Zuschüsse, so dass der Südbahnhof gebaut und am 15. November 1909 eingeweiht werden konnte. Neben den Bewohnern der umliegenden Stadtviertel nutzten vor allem die Besucher und Bediensteten des Landratsamts sowie die Arbeiter der Kunstgewerbefabrik Schumacher und der Textilfabrik Dieckhoff den neuen Bahnhaltepunkt. 1913 wurden im Südbahnhof allein über 55 600 Fahrkarten verkauft (Hauptbahnhof ca. 75 000 Fahrkarten). Später diente der Bahnhof auch Schülern, den Bewohner der Siedlung Dreilinden und den Soldaten der Osteroder Kaserne.

Der Südbahnhof
Seit 1885 war Osterode Sitz einer Kreisverwaltung und schon 1896 hatte man das neue Landratsamt an der Herzberger Straße seiner Bestimmung übergeben. Da es die uns heute selbstverständlichen Kommunikationsmittel - Fax, Internet, E-Mail - noch nicht gab bzw. sie - wie das Telefon - nur in geringem Maße eingeführt waren, mussten Kreisbewohner diese Behörde häufig persönlich aufsuchen. Wer mit der Bahn anreiste, hatte dann den relativ weiten Weg vom Bahnhof unterhalb des Siechenfeldes bis zur Herzberger Straße zurück zu legen. Dies erschien umso ärgerlicher, da doch die Bahnstrecke in unmittelbarer Nähe des Landratsamtes vorbei führte. Auf Anregung des damaligen Landrates Dr. Schwendy gründete sich eine Bürgerinitiative, die sich für die Einrichtung eines Haltepunktes beim Landratsamt einsetzte. Zunächst lehnte die Staatseisenbahn die Einrichtung einer Haltestelle auf ihre Kosten ab, doch stellte man in Aussicht, dass eine Station eingerichtet werden könnten, wenn die Osteroder die dafür erforderlichen Finanzmittel selbst aufbringen würden.


Der Osteroder Südbahnhof kurz nach seiner Inbetriebnahme

Neue Haltepunkte
Angesicht der stetig wachsenden Straßenkonkurrenz stellten die innenstadtfernen Standorte der Osteroder Bahnhöfe einen erheblichen Nachteil für das Verkehrssystem Eisenbahn dar. So griff man - wahrscheinlich ohne sich dessen bewusst zu sein - die schon Mitte des 19. Jahrhunderts verfolgten Planungen wieder auf, die die Anlage eines Bahnhofs bei der Schachtrupp-Villa vorsahen.

Am 9. November 2004, fast auf den Tag genau 150 Jahre nachdem die Stadt Osterode dem Finanzministerium in Hannover einen entsprechenden Vorschlag unterbreitet hatte, wurde der Haltepunkt Osterode-Mitte an der Schachtrupp-Villa eingeweiht. Die klassizistische Villa wurde zwar nicht zum Bahnhof umfunktioniert, aber Fahrkarten können die Reisenden auch in dem dort untergebrachten Reisebüro erwerben. Am gleichen Tag nahm man auch den Haltepunkt Osterode-Leege in Betrieb, während im alten Osteroder Hauptbahnhof und dem Südbahnhof seitdem keine Züge mehr halten.

Stadtarchiv Osterode, Bestand 1A D III Nr. 1.

Ekkehard Eder: 125 Jahre Eisenbahnstrecke Seesen-Osterode-Herzberg, 8. Sonderheft der Heimatblätter des Heimat- und Geschichtsvereins, Osterode 1996

Harz Kurier vom 6. November 2004

Quelle: Harzkurier 29.06.05