Über die Förster Juden

- von Ingrid Kreckmann -

Nur wenige Menschen in unserer Umgebung wissen, dass es für Juden nicht nur in Osterode Friedhöfe gab, sondern dass auch eine Begräbnisstätte in Förste genutzt wurde. Diese erinnert noch heute an die zahlreichen Juden, die von 1678 bis 1928 im Dorf lebten. Kaum jemand hat eigene Erinnerungen und so stützt sich dieser Bericht auf schriftliche Unterlagen.

Juden sind eine über fast alle Länder verstreute Volks- und Religionsgemeinschaft. Grundlage ihres Glaubens ist das Alte Testament, nach dem der Messias noch erwartet wird. Bekannt ist, dass sie im späten Mittelalter überwiegend auf dem Land lebten, wo ein reger Austausch zwischen diesen und den Nichtjuden stattfand.

In Förste wohnten zahlreiche Einwohner jüdischen Glaubens in der evangelischen Gemeinde. Sie betätigten sich im Vieh- und Pferdehandel sowie im Schlachterhandwerk, verkauften Fleisch oder betrieben kleine Läden.


Abbildung: Blick auf den Judenfriedhof in Förste

Der Friedhof
Von Osterode kommend, befindet sich der Judenfriedhof rechts der Landstraße am Ortsrand auf einer Anhöhe. Die Pflege geschieht so, wie es vorgegeben ist: das Gras wird gemäht, Büsche und Bäume werden gestutzt, die Gräber selbst nicht gepflegt. Und: Es gibt keine Ruhefrist. Jüdische Friedhöfe sind für die Ewigkeit, die erst mit der Ankunft des Messias und der Auferstehung der Toten endet.
Das 581 m² große Grundstück befindet sich im Eigentum des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinde von Niedersachsen e. V. Hannover. Im April 2012 ließen sich im südlichen Bereich des schmalen Begräbnisplatzes 21 Grabstellen erkennen. Die Bestattungen erfolgten danach in den Jahren 1853 – 1907, aber nicht überall ist die Beschriftung lesbar. Einige Buchstaben und Daten sind verwittert, manche wurden vermutlich ergänzt und überarbeitet.

Die hebräisch beschriftete Ostseite ist, soweit vorhanden und erkennbar, jeweils aufwendiger gestaltet als die zur Westseite gelegene, mit deutschen Buchstaben versehene. Symbole lassen sich nur auf der Ostseite von zwei Steinen erkennen: ein verwitterter, sechsstrahliger bzw. achtstrahliger Stern, darunter eingemeißelt hebräischen Zeichen - achtstrahlig möglicherweise deshalb, weil auch hier wie andernorts ein christlicher Steinmetz den Grabstein fertigte, der sich in der jüdischen Symbolik nicht auskannte.

Anteil an der Förster Bevölkerung
Genaue Zahlen über den Anteil der Juden an der Dorfbevölkerung sind seit etwa 1800 belegt: So sollen 1808 neun jüdische Familien ansässig gewesen sein.
Nach den Ergebnissen der Volkszählung am 1. Juni 1833 gab es im Kirchdorf Förste 197 Feuerstellen und 1207 Seelen, darunter 36 Israeliten, während 1844 acht Familien mit 45 Personen gemeldet waren. 1854 befanden sich unter den Einwohnern 42 Juden, 1871 bei insgesamt 1221 Einwohnern 18 Juden, 1885 waren es 10, 1905 fünf und 1925 bei 1500 Einwohnern drei Juden. 1928 verzog die letzte Jüdin nach Mayen.

Die Juden aus Förste gehörten bis 1844 Teil der Osteroder Gemeinde an, wurden dann selbständige Synagogengemeinde, bis 1890 wiederum der Anschluss an die Synagogengemeinde Osterode erfolgte.

Gemeindeleben
Seit 1843 spätestens soll es in Förste einen Betraum – Synagoge - gegeben haben. [1844 hatte Förste, wie oben erwähnt, die meisten jüdischen Bewohner.] In den Jahren 1865 - 1870/71 habe sich außerdem eine jüdische Elementarschule im Dorf befunden. Seit 1852/1853 existiert der Friedhof.

Der Rabbiner war als Leiter und Seelsorger jüdischer Gemeinden auch Religionslehrer. Er erhielt das Recht, zu predigen, Trauungen durchführen und zu schächten. Beim Schächten wird das „reine“ Tier mit einem einzigen Querschnitt durch Halsschlagader Speise- und Luftröhre getötet, um damit eine volle Ausblutung zu erreichen, denn der Genuss von Blut gilt als widerlich. In Förste konnten die unreinen Fleischstücke - also Fleisch der nicht nach o. g. Richtlinien getöteten Tiere - an Nichtjuden verkauft werden. In Osterode war das nicht möglich. Wiederkäuer, deren Hufe voll gespalten sind, gelten ebenso als rein wie Gänse, Enten, Hühner und Tauben sowie Fasane und Truthähne. Auch alle Wassertiere, die zugleich Flossen und Schuppen haben, sind erlaubt.

Jiddisch, die Mischsprache aus Mittelhochdeutsch und Hebräisch mit eigenem Satzbau war vermutlich die Umgangssprache untereinander. Ausdrücke wie Schlamassel, jemandem etwas vermasseln, koscher, Mischpoke, meschugge, Chuzpe, Maloche, Schickse, Tinnef, Zores, schlimm und Tohuwabohu wurden übernommen und noch heute benutzt, wenn auch z. T. nicht im ursprünglichen Sinn.

In Förste sollen viele Christen an Beerdigungen teilgenommen haben, die die ungewöhnlichen Rituale aufmerksam verfolgten. Hinweise dazu kann niemand mehr geben. Hier mögen daher überregionale Hinweise Aufschluss geben: Die höchste Ehrenbezeigung ist ein vielköpfiger Zug von Menschen, die dem Sarg zu Fuß folgen. Der Leichnam wird auf den Schultern der Glaubensbrüder zum gerade ausgeworfenen Grab getragen. Nach der Bestattung wird das Grab sofort zugeschaufelt. Der Tote wartet auf den Tag des Jüngsten Gerichts. Dem Toten gehört die Erde, in die er gebettet wurde, für immer.
Erst in dem Jahren 1808 und noch einmal 1828 wurden Nachnamen endgültig festgeschrieben, daher erschweren vorher verwandte Namen gelegentlich eine Zuordnung.
Seitdem 1842 die Bedingungen für die Niederlassung jüdischer Personen vereinfacht worden waren, verkauften mehrere ihre z. T. stattlichen Anwesen in Förste und siedelten nach Osterode um. Eine zweite Welle der Abwanderung erfolgte nach dem Bau der Eisenbahn, weil der Handel mit Lasttieren deutlich nachließ.

Überliefert über Generationen wurde, dass ein jüdischer Kaufmann auf seinem nächtlichen Rückweg im Westerhöfer Wald seinem Pferd Lotte in kurzen Abständen laut zugerufen habe: „Wieder nichts verdient – wieder nichts verdient“. Dem sollten etwaige Räuber in dem dunklen Wald entnehmen, dass bei ihm nichts zu holen war.

Weitere Hinweise nimmt die Autorin gern entgegen.

GPS-Koordinaten
N 51.7380° E 10.1845°