Ausgrabungen des Provinzialmuseums
Hannover 1925/26 in der Einhornhöhle

Auf der Suche
nach dem Neandertaler

 

Die Einhornhöhle in einer Zeichnung
von 1780 - J. H. Ramberg
 

Seit über 100 Jahren hat die berühmte Einhornhöhle bei Scharzfeld immer wieder im Interesse umfangreicher wissenschaftlicher Forschungen gestanden. Einige dieser Untersuchungen hatten das Ziel festzustellen, bis in welche Zeit die Anwesenheit des Menschen in der Höhle zurückreichte, und ob sich die gleichzeitige Anwesenheit von Mensch und Bär belegen ließe. So entdeckte man im Laufe der Zeit zwar zahlreiche Spuren menschlicher Anwesenheit, doch reichten diese mit einem Alter von höchstens 7.000 Jahren gerade mal bis in die beginnende Jungsteinzeit zurück. Das wissenschaftliche Interesse galt zu dieser Zeit aber vielmehr der Suche nach dem altsteinzeitlichen Menschen, dessen eindrucksvolle Hinterlassenschaften man in großer Zahl u. a. aus den französischen Bilderhöhlen kannte.

Die erste Phase umfangreicher Forschungen in der Einhornhöhle, die ganz im Zeichen der Suche nach den altsteinzeitlichen Relikten des Neandertalers stand, endete mit den Ausgrabungen des Provinzialmuseums Hannover unter der Leitung des Landesarchäologen K. H. Jacob-Friesen in den Jahren 1925/26. Jacob-Friesen, der sich in besonderer Weise um die Archäologie unserer Region verdient gemacht hat, wollte vor allem die verschütteten natürlichen Zugänge aufspüren, in deren Bereich er sich am ehesten Spuren einer frühen Höhlennutzung durch den Neandertaler erhoffte.

Auf 32 Meter Länge trieb er deshalb einen Stollen, den heutigen Jacob-Friesen-Gang, in das Sediment eines bis knapp unter die Decke verfüllten Höhlenraumes. Zu seinem Ärger fand er hier aber nur einige wenige Tierknochen. "Ein karges Ergebnis für so viele Arbeit und Kosten, das uns fast mutlos gemacht hätte", klagte Jacob-Friesen später über die Grabungen des Jahres 1925.

Wegen drohender Einsturzgefahr am Ende des Stollens stellte man die Arbeiten im Folgejahr mehr oder weniger ergebnislos ein. Und dabei hatte Jacob-Friesen nach den Grabungen1925 noch so zuversichtlich geäußert: "Wahrcheinlich wird es uns gelingen, im Verlauf des Tunnels einen großen Höhleneingang zu entdecken, und wenn der Eiszeitmensch je in der Höhle gewohnt hat, werden seine Reste hier zu finden sein". Auf die Entdeckung dieser ersten Spuren des Neandertalers in der Einhornhöhle sollte die Wissenschaft noch genau 60 Jahre warten müssen. Eine paläontologische Ausgrabung im Jahre 1985, deren eigentliches Ziel die Untersuchung der eiszeitlichen Tierwelt in der Einhornhöhle war, brachte die vollkommen unerwartete Wende. Eine wahre Ironie des Schicksals, denn nur wenige Zentimeter unter der Sohle des Grabungsstollens und genau dort, wo Jacob-Friesen es schon vermutet hatte, kamen zahlreiche mehr als 100.000 Jahre alte Steingeräte des Neandertales zutage. Auch die Annahme, sein Stollen würde zu einem natürlichen Eingang der Höhle führen, bestätigte sich. Jacob-Friesen hatte sich direkt unter der Decke einer weiträumigen Halle bewegt, die sich ehemals mit einem großen Portal nach außen öffnete.

Dr. Stefan Flindt