Harz-Zeitschrift
65 (2013)
27-31
Berlin und Wernigerode


Ein Rundgang durch die wiederentdeckte Wüstung Rodenbeke bei Scharzfeld
im Kreis Osterode

Eberhardt Kettlitz
 
 

Dolomit ist ein wichtiger Rohstoff für die moderne Industrie, weshalb in den nächsten Jahren der Steinbruch bei Scharzfeld durch die Rheinkalk HDW GmbH & Co. KG erweitert werden muss. Das bedingt die Untersuchung einer durch die Luftbildarchäologie bekannten Siedlungsstelle am Osthang des Berges Kühle. Deshalb fand 2012 eine Ausgrabung nach den Anforderungen des Kreisarchäologen Dr. S. Flindt durch die Fachfirma Goldschmidt Archäologie & Denkmalpflege Düren, die den Verfasser mit der wissenschaftlichen Grabungsleitung beauftragte, statt.1

Über das ehemalige Dorf Rodenbeke war bis dahin wenig bekannt. Der Name bedeutet roter Bach und verweist auf eine Ansiedlung in Gewässernähe. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der ursprüngliche Name zu Romke,2 und diese Bezeichnung ist auf alten Flurkarten zu finden. Als im Jahre 1993 dieses Gebiet beflogen und fotografiert wurde, zeichneten sich im Feld die Strukturen eines größeren Gebäudes, der Kirche, eines Kreisgrabens und von kleineren Baulichkeiten ab.3 Im Vorfeld der Erweiterung des Steinbruchs lieferte dann eine geomagnetische Prospektion genauere Daten zum Aussehen und zur Lage einzelner archäologischer Befunde, so dass die Grabung zielgerichtet angelegt werden konnte.

Ungefähre Vorstellungen des Alters der Siedlung hatten schon auf dem Acker aufgelesene mittelalterliche Keramikscherben4 und wenige archivalische Quellen erbrachte. Eine Auflistung der Güter des Stiftes Quedlinburg in der Goldenen Aue aus dem Jahre 1425 nennt „Rodenbeke cum IX. mansis“, also Rodenbeke mit 9 Hufen oder Hofstellen.5 In einem Vertrag von 1541 hingegen wird „Rodenbeck“ bereits als Wüstung genannt.6 Zwischen diesen beiden urkundlichen Nennungen haben die Bewohner Rodenbeke verlassen und aufgegeben; das Dorf fiel wüst. Allerdings fehlt bisher eine frühere Nennung als 1425.7 Einen Hinweis auf die Besiedlung gibt die Bauform der Kirche, auch wenn diese noch nicht zur Gründung des Dorfes errichtet worden sein muss. Deshalb beginnt der Rundgang durch Rodenbeke mit der Kirche.


Die Kirche nach Westen. Oben der Westbau oder Turm und unten die Apsis.
Foto: Eberhardt Kettlitz

Sie stand am Hang und überbrückte einen Niveauunterschied von drei Metern. Bis heute sind ihr vollständiges Fundament aus grob gebrochenem Dolomit und wenige Lagen des Sichtmauerwerks aus quaderförmig bearbeiteten Dolomitsteinen erhalten. Das Dach war mit Hohlziegeln (Mönch und Nonne) gedeckt, wovon viele Dachziegelfragmente zeugen. Die Kirche bestand aus drei Baukörpern: dem einspringenden Westbau, der wohl ein Turm war, dem Saal und im Osten der einspringenden, halbkreisförmigen Apsis. Damit zeigt sie die typische Bauform einer romanischen Dorfkirche vom Typ der Apsissaalkirche. Einen Hinweis auf ihre Erbauung liefert der Westturm, der eine neue Bauform des 11. Jahrhunderts ist und im 12. Jahrhundert zum Standard wird.8

Halbkreisförmige Apsiden hingegen lösen ungefähr ab der Mitte des 13. Jahrhunderts andere Grundrissformen ab.9 Die Kirche stammt also frühestens aus dem 11. Jahrhundert und wurde spätestens vor ca. 1250 umgebaut. Verschiedene Baudetails zeigen nämlich an, dass die Apsis und der Westbau später an den bestehenden Saal angesetzt wurden. Ob das eine Erweiterung einer kleinen Kapelle zur größeren Dorfkirche war oder ob man ein profanes Gebäude (festes Haus?) zur Kirche umbaute, wissen wir nicht. Mit ihren Maßen von 20 m Länge und 8 m Breite und dem Standort am Hang war sie jedenfalls ein die Landschaft dominierendes Bauwerk. Der massive Eindruck der Kirche wurde noch durch ein um die Kirche umlaufendes Pflaster, vornehmlich aus Dolomit unter Mitverwendung von Flusskieseln, verstärkt. Diese massive Steinpackung diente sicherlich vor allem der Sicherung der Fundamente vor Abspülungen vom Hang. Eventuell hatten die Flusskiesel, die von der Oder angefahren werden mussten, aber auch eine farblich ästhetische Wirkung. Nach dem Wüstfallen des Dorfes scheint die Kirche zielgerichtet abgetragen worden zu sein, worauf das Fehlen von Brandindikatoren (Holzkohle, Ascheschichten und verrußte Steine) hindeutet. Mit dem Abtrag der Kirche unterstrich man faktisch den Entschluss, Rodenbeke für alle Zeiten aufzugeben.

Um die Kirche herum verlief ein Kreisgraben, der den Kirchbezirk markierte. Er zeigte einen ovalen Grundriss mit einer maximalen Ausdehnung von 50 m. Sowohl vom Querschnitt als auch von der Breite und Tiefe her hatte der Graben keinen größeren wehrhaften Nutzen, sondern eher symbolische und rechtliche Bedeutung. Östlich der Kirche befand sich direkt neben dem Graben eine kleine Hütte mit einer Herdstelle und einem noch nicht näher bestimmten Depot an Metallgegenständen, von denen aber zwei als Beile zu erkennen sind. Mit dem Wüstfallen Rodenbekes wurde auch der Kreisgraben aufgegeben und verfüllt, u. a. auch mit zerscherbten Keramikgefäßen und Brandschutt. Beides deutet auf eine bewusste Verfüllung hin, um den Graben seiner Funktion zu berauben. Rodenbeke scheint damit nicht nur aufgegeben, sondern zielgerichtet abgebrannt und beseitigt worden zu sein.

Die damaligen Hausstellen lagen alle außerhalb des Kirchbezirks. Nördlich der Kirche stand ein kleineres Wohnhaus mit einem (möglicherweise angebauten) Grubenhaus. Grubenhäuser waren  in den Erdboden eingetieft und dienten als Werkstätten oder Lagerraum. Gegen Mitte des 12. Jahrhunderts lösen dann Keller diesen Bautyp in Südniedersachsen ab, in Thüringen spätestens im 13. Jahrhundert.10 Unter dem Wohnhaus befand sich hier auch ein Keller, so dass dieses Gebäudeensemble zwischen 1150 und 1200 zu datieren sein dürfte.

Wenden wir nun unsere Schritte gen Steinbruch und überschreiten eine Geländerippe um zu den Hofstellen zu gelangen. Nordöstlich der Kirche standen ehemals mindestens fünf Gebäude, wovon zwei Wohnhäuser waren. Alle Gebäude scheinen sich um ein zentrales, großes Wohnhaus zu gruppieren. Das Zentralhaus war unter einer mächtigen Brandschicht begraben und so recht gut konserviert. Es fanden sich im Innern eine Herdstelle und zwei Innenwände aus Flechtwerk, das mit Lehm verstrichen war, auf einem Balken stand und noch einige Zentimeter erhalten war. Beide Wände teilten das Haus in zwei kleinere und einen größeren Raum auf, die unterschiedliche Nutzungen hatten. Nördlich stand ein weiteres Wohnhaus, in dem verfüllte Gruben die Standorte der dachtragenden Pfosten und eine Binnengliederung anzeigen. Das Haus hatte auch einen Keller, in dessen Verfüllung sich eine vollständig erhaltene Pilgerflasche mit dem typischen abgeflachten Corpus und zwei gegenständigen Henkeln fand.


Pilgerflasche, Foto: Eberhardt Kettlitz

Die meisten Gebäude außer der Kirche und dem Haus mit Keller und Grubenhaus waren Fachwerk-Ständerbauten aus Holz, Flechtwerk und Lehm. Auf einem Rahmen aus Balken standen dabei die dach- und wandtragenden Holzpfosten ebenso wie die mit Lehm abgedichteten Flechtwerkwände. Die hölzerne Dachkonstruktion ruhte zusätzlich auch auf Pfosten im Inneren des Hauses und trug möglicherweise eine Deckung aus Holzschindeln und Rasensoden. Bruchstücke von Dachziegeln fanden sich jedenfalls nicht im Umfeld der Gebäude. Eine Pfostenreihe und eine weitere, eher rundliche Gruppierung von Pfostenlöchern deuten auf eine einfach gebaute Scheune und eine Heuberge hin, ohne dass dies mit Bestimmtheit gesagt werden kann.

Ein anderer Befund hingegen ist klar anzusprechen: ein Kuppelofen zum Backen. Er bestand aus einer ebenerdigen Fläche von 3,50 x 3,20 m und darüber einer Flechtwerkkuppel, die mit Lehm verstrichen war. Der Boden des Ofens aus einfachem Lehm war durch die Hitzeeinwirkung fest verziegelt. Es handelt sich um einen Ein-Kammer-Ofen, in dem erst gefeuert und nach der Entnahme des Feuerungsmaterials in der gleichen Kammer gebacken werden konnte. In einem solchen Ofen waren durchaus Temperaturen von über 300 Grad Celsius zu erreichen. Von der Größe her diente er als Gemeinschaftsofen für viele, wenn nicht gar für alle Rodenbeker.

Zwischen der Kirche und den Hofstellen liegt in einer Senke eine mit Dolomitsteinen, Flusskieseln und Dachziegelbruch befestigte Fläche, über der aus dem anstehenden Sandstein nach dem Ausbaggern der Senke stetig Wasser austritt. Auf und im „Pflaster“ fanden sich nicht nur relativ viele Keramikscherben, u. a. von Krügen, sondern auch auffällig viele Hufeisen. Es fällt leicht, sich diese Situation als Wasserstelle und Viehtränke vorzustellen. Noch kurz vor 1970 soll es hier eine Quelle gegeben haben, die man aber abdeckte, wie der Heimatforscher Heinrich Rögener berichtete.11 Ob diese Quelle identisch mit der nun gefunden Tränke ist und den Roten Bach speiste ist jedoch unklar.

Damit haben wir den kurzen Rundgang durch das wüste Dorf Rodenbeke beendet. Zur Zeit dauern die Auswertungen der Grabung noch an. Von besonderem Interesse sind dabei die Keramikfunde, da sie sicherlich weitere Anhaltspunkte zur zeitlichen Einordnung des Dorfes erbringen. Insgesamt fand sich ein quantitativ und qualitativ reichhaltiges Spektrum an Keramikfunden. Die Scherben stammen von Gefäßen sehr vieler im Hoch- und Spätmittelalter üblicher Warenarten und Formen. Dieses Spektrum und die Menge überraschen, wenn man Rodenbeke als kaum erwähnten, also wohl recht unbedeutenden Ort betrachtet. Möglicherweise gab es hier neben der Landwirtschaft eine handwerkliche Produktion, die zu, wenn auch bescheidenem, Wohlstand führte.

Nach dem bisherigen Kenntnisstand gehen wir von einer Gründung des Dorfes im 11. Jahrhundert aus und einer Aufgabe zwischen 1425 und 1541. Allerdings kann der Ortsname mit der Endung auf „bach“, mundartlich „beke“, auch auf eine durchaus frühere Besiedlung hindeuten, da sich solche Ortsnamen seit dem 8. Jahrhundert häufen.12 Die weitere Auswertung der Grabung und damit die Erforschung der Wüstung Rodenbeke bleibt also spannend.

Die Auswertung der Grabung und die Bestimmung der Funde ist noch in Arbeit, weshalb hier nur erste Erkenntnisse präsentiert werden können.

OHAINSKI / UDOLPH 2000, S. 139.
Flindt 1994, S. 44.

Aufzeichnungen des Kreisbodenpflegers Edwin Anding von einer Flurbegehung 1969. Akte im Stadtarchiv Herzberg.

Von ERATH 1764, Nr. 94, S. 699.
MAX 1974, S. 503.

Dem Hinweis auf eine Nennung in einer Urkunde im Jahr 1301, die im Pöhlder Copial zu finden sei, wird nachgegangen.

HESSE 2003, S. 161.
BORNSCHLÖGEL/Geller 2008, S. 51.
10Hesse 2003, S. 136, 138.
11

Heinrich Rögener in einem Aufsatz im Harzkurier vom 2.10.1970 nach LIST 2003, S. 92. Der Aufsatz im Harzkurier konnte vom Verfasser bisher nicht gefunden werden.

12SOHN 1955, S. 31.

Literatur

Bornschlögl, Kristina; Geller, Anna-Kristin. 2008. Die evangelische Filialkirche von Hain. In: Beiträge zur Geschichte aus Stadt und Kreis Nordhausen. Bd. 33, S. 42-53.

Erath, Anton Ulrich von. 1764. Codex Diplomaticus Quedlinburgensis. Frankfurt am Main.

Flindt, Stefan. 1994. Die Wüstung „Rodenbeke“ bei Scharzfeld. In: Hoege, Andreas. Fliegen – Finden – Forschen. Luftbildarchäologie in Südniedersachsen. Hannover, S. 44-45.

Hesse, Stefan. 2003. Die mittelalterliche Siedlung Vriemeensen im Rahmen der südniedersächsischen Wüstungsforschung unter besonderer Berücksichtigung der Problematik von Kleinadelssitzen. Neumünster.

List, Annette Susanne. 2003. Ortschronik Höhlendorf Scharzfeld. Vom Neandertaler bis zum Jubiläumsjahr 2002. Herzberg.

Max, Georg. 1974. Geschichte des Fürstentums Grubenhagen. 1. Teil. Nachdruck der 1. Ed. 1862. Hannover-Döhren.

Ohainski, Uwe; Udolph, Jürgen. 2000. Die Ortsnamen des Landkreises Osterode. Bielefeld.

Sohn, Gertrud. 1955. Der Gang der Besiedlung der ehemaligen Ämter Osterode, Herzberg und Scharzfeld. In: Heimatkalender des Kreises Osterode und des Südrandes des Harzes, S. 30-33.

Dr. Eberhardt Kettlitz
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