Rund um den Hausberg79. Jg.August 2007Nr. 8

Das Odertal

Walter Füllgrabe

Der Ortsteil von Bad Lauterberg bis zur damaligen Kreisgrenze an der Abzweigung Sperrluttertal war um 1929 noch eine Oase der Stille. Der Autoverkehr war sehr gering, noch beherrschten Pferdefuhrwerke die Straße. Die täglich verkehrenden Züge der Reichsbahn belasteten die Stille im Tal nur wenig. Das Geläut der Kuhherde, wenn sie im Tal weidete, wurde als angenehm empfunden.
Ab dem Mast- und Dietrichstal erstreckten sich nur grüne Wiesenflächen, sie waren im Besitz von vielen Lauterberger Familien und für die Versorgung ihrer Kühe und Ziegen lebensnotwendig. Die Lauterberger Kuhherde weidete nach der Heuernte diese Flächen ab, es sei denn, die Besitzer steckten einen größeren grünen Zweig auf ihre Wiese und taten damit kund, dass sie nicht abgeweidet werden durfte.


Die Kuhherde gegenüber dem Bahnhof Odertal, im Hintergrund das Gasthaus „Zur Schweiz“
Foto: Archiv Foto Lindenberg

Die Reichstraße 27, die bei der Firma Kuhlmann den Ort verließ und um die Spitze des Bischofshals führte, wurde von den Einwohnern „Neuer Weg“ genannt, weil sie nach Überwindung der Steigung am Ortsausgang einen neuen Verlauf an der Bahnlinie entlang erhalten hatte und nicht mehr zwischen „Geyers Teich“ und der Ostfriesenklippe bis zum Eiskeller entlang führte. Die alte Straße machte am Eiskeller, der sich am Fuße der Ostfriesenklippe befand, einen Knick und mündete unterhalb der Försterei „Flößwehr“ auf die heutige B 27.
Diese Steigung der Straße von Geyers Teich bis zur Abfahrt in den Ort war für die Raff- und Leseholzsammler mit ihren großen, voll beladenen Handwagen eine ziemliche Hürde. Die meisten richteten ihre Heimfahrt so ein, dass sie vor der Anhöhe waren, wenn die Holzfuhrleute ihre Ladung auf dem Bahnhof Odertal oder bei der Firma Haltenhoff abgeladen hatten und zum Feierabend mit leerem Wagen nach Hause fuhren. Die Fuhrleute wussten, dass die Holzsammler es kaum schafften ihre Wagen bis auf die Höhe zu ziehen und hielten an, damit die Handwagen an das Fuhrwerk angehängt werden konnten. Oft fuhren die Fuhrwerke frühmorgens in langer Kolonne zu ihren Arbeitsstellen im Wald. Wer von den Holzsammlern einen guten Draht zu einem Fuhrmann hatte, wurde mit seinem angehängten Wagen bis in den Wald mitgenommen. Von der Ostfriesenklippe führte im Zickzack ein Fußweg den Steilhang hinab und mündete bei dem Eiskeller auf die Straße. Zu der Zeit betrieb der Bierverleger Oppermann den Eiskeller (ein in den Berg getriebener Stollen).
Der Teich war nach heutigem Maßstab ein richtiges Biotop. An den Rändern mit Schilf bewachsen, von Fröschen, Libellen und vielem Kleingetier bevölkert, lag er unberührt in der Landschaft.
Auf dem Straßenstück am Felsen und Teich entlang stand im Sommer der Bad Lauterberger Schneepflug aus Holz. Im Winter waren damals Schneehöhen von 50 – 60 Zentimeter keine Seltenheit, deshalb musste der Schneepflug oft von 16 Pferden gezogen werden, um vor allen Dingen die Reichstraße durch den Ort zu räumen. Es blieb aber immer noch soviel Schnee auf der Straße liegen, dass die Fuhrleute mit ihren Schlitten zur Holzabfuhr oder bei der Eisernte für die Eiskeller der Bierhändler fahren konnten.
Das alte Straßenstück vom Eiskeller bis zur B 27 war von einer schönen Kastanienallee flankiert, deren Stämme eine Stärke von ca. 50 Zentimeter hatten. Weil das Straßenstück vom Verkehr nicht mehr genutzt wurde, benutzten einige Lauterberger die Zwischenräume von Baum zu Baum, zur Auslagerung und Trocknung ihres Brennholzes, das mitunter bis zu zwei Meter hoch gestapelt wurde.
Diese Stapel waren begehrte Plätze zum Ernten der Kastanien wenn sie reif waren. Zentnerweise wurden sie von Kindern und Erwachsenen aufgelesen und an die Förstereien verkauft. Besonders in den zwanziger Jahren während der großen Arbeitslosigkeit wurden die Kastanien eifrig gesammelt; für ein paar Pfennige!
In der Nähe des Eiskellers, wo die Wiesenspitze war, lagerten immer die Zigeuner, ein aus dem nördlichen Indien stammendes Wandervolk in Vorderasien. Die Lauterberger sagten auch „Tatern“, sicher abgeleitet von den Tataren, diese aber hatten ihr Wohngebiet in Südrussland. Wer wusste damals schon etwas Genaues über das reisende Völkchen, wo es herkam. Die Zigeuner waren von der Bevölkerung nicht gern gesehen, aber als Attraktion führten sie oft Bären mit. Wer hatte denn schon einmal einen Bären in Natura gesehen, der nächste Zoo war in Hannover.
Etwas unterhalb der Försterei „Flößwehr“ war für Fußgänger ein Übergang über die Gleise der Bahn auf das Gelände der Fa. Schneider, die eine Holzschleiferei betrieb, es war damals Grundstoff für die Zeitungsherstellung. Die benötigte Energie lieferte eine Wasserturbine. Sie ist heute noch in Betrieb. Der zugehörige Wassergraben wird von einem Stauwehr in der Oder hinter dem Gasthaus „Zur Schweiz“ abgeleitet.
Die Försterei „Flößwehr“ leitete zu der Zeit Förster Goltz. Neben der Försterei, nur durch eine Wiese getrennt, befand sich die Villa der Familie Schneider, gesäumt von großen Bäumen.
Genau vor dem fast rechtwinkligem Straßenknick lag die Stuhlfabrik „Angerstein“, die Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, wie viele Firmen, um das Überleben kämpfte. Von der Försterei bis kurz vor dem Bahnübergang säumten Kastanien einseitig die Straße.
In Höhe des Bahnüberganges standen die zwei Doppelhäuser Arnhold/ Linsel und Rath/Blume. Karl Blume betrieb in einer kleinen Werkstatt eine Drechslerei und fertigte in der Hauptsache Spunde für Fässer. Der Bahnhof Odertal mit den beiden Wohnhäusern der Bahnbeamten; im ersten Haus wohnte der Bahnhofsvorsteher Heinrich Füllgrabe, im zweiten Haus sein Mitarbeiter Gundlach. Der Bahnhof hatte keinen großen Personenverkehr, die paar Leute, die im Odertal wohnten, gingen meistens zu Fuß oder fuhren mit dem Rad in die Stadt. Das Hauptgeschäft machte die Bahn mit dem Güterverkehr. Die Verladerampe war in der Regel voll ausgelastet mit dem Versand von Stammholz verschiedener Art. Auf der Verladerampe war ständig eine Kolonne von zwei bis vier Mann damit beschäftigt das Rundholz zu schälen und zu verladen, das die Fuhrleute angefahren hatten. Außerdem brachten die Firmen Haltenhoff und die Odertaler Sägemühle ihre Produkte hier zum Versand.
Gegenüber dem Bahnhof Odertal, am Waldrand (dort wo heute die Deta-Straße endet) befanden sich drei Gärten, von denen nur noch zwei bewirtschaftet waren. Es war der Garten von Karl Lechten und der Garten meiner Großmutter Auguste Herbst. Der Feldweg durch die Wiesen führte am Fuße der Grundstücke vorbei und traf unten an der Sperrlutter auf die Reichsstraße 27.
Weil sich nur ein kleines Stück der Gärten für den Gemüseanbau eignete, war der Rest mit Beerensträucher bepflanzt, die oft große Ernten hervorbrachten, von denen ein Teil verkauft wurde, die übrigen Beeren wurden zu Marmelade verarbeitet und außerdem Obstwein aus ihnen gemacht. Zur Beerenernte war die ganze Familie im Einsatz.
Auf der anderen Seite des Bahnhofs nur durch die Straße getrennt stand das Gasthaus (Hotel) „Zur Schweiz“. Es wurde nach dem Bau der Eisenbahn (1884 – 1885) 1890 eröffnet und befand sich 1929 im Besitz der Familie Vogel. Das Gasthaus war ein beliebtes Ausflugsziel der Bad Lauterberger Einwohner. Ein Biergarten und ein großer Saal standen zur Verfügung. Wer einen über den Durst getrunken hatte, konnte mit der Bahn in die Stadt nach Hause fahren, sehr praktisch!
Am Ende der Bebauung im Odertal stand die Firma Haltenhoff, „Sägewerk und Kistenfabrik“, dort steht sie auch heute noch! Die anfallenden Sägespäne wurden in einem Bunker gesammelt und dann im Heizungskessel verbrannt, außerdem konnten sich die Lauterberger, die Vieh im Stall hatten, Sägespäne zum Streuen dort holen. Bis zur Firma war es ein Tagesausflug mit dem Handwagen und entsprechend vielen Säcken. Oft waren es nur die Frauen mit größeren Kindern, welche die Sägespäne holten, weil die Männer in der Woche auf ihrer Arbeitstelle waren. In der Regel rieselten die Späne aus dem Exhaustor während die Säcke vollgestopft wurden, sodass die Beteiligten dann schneeweiß waren und einer gründlichen Reinigung bedurften. Wenn ich mich richtig erinnere, mussten pro Sack 20 Pfennige bezahlt werden.
Die Idylle im „Odertal“ endete Mitte 1930 mit dem Bau der Odertalsperre, ab dem Bahnhof „Odertal“, dort rollte das ganze Material an. Der Bahnhof wurde aus seinem Dornröschenschlaf gerissen und zu einem großen Umschlagplatz.
Nach der Fertigstellung der Odertalsperre 1934 kehrte wieder Ruhe im Tal ein, darüber konnten sich die Lauterberger aber nur kurze Zeit freuen.
Mit Beginn des Jahres 1939 wurden die gesamten Wiesen von Geyers Teich bis in die Waldecke oberhalb des Bahnhof Odertal für den Bau des „Schickertwerkes“ vom Staat erworben oder enteignet und sofort mit dem Bau begonnen. Heute existiert das Werk, das einmal Geschichte gemacht hatte, nicht mehr. Es wurde abgerissen und das Areal eingeebnet. Die übrige Bebauung und der wirtschaftliche Fortschritt haben das Tal, das einst eine Idylle war, gravierend verändert.

1 Geyers Teich, 2 Eiskeller, 3 Försterei Flößwehr, 4 Villa der Familie Schneider, 5 Stuhlfabrik Angerstein, 6 Doppelhäuser Arnhold/Linsel und Rath/Blume, 7 Bahnhof Odertal, 8 Gasthaus „Zur Schweiz“