Kommt und kucket in die Kelle, so kommt ihr nicht in die Hölle!
 
von

Petra & Michael Brust

Von den namhaften Höhlen und Erdfällen im Zechsteingürtel des Südharzes gehört die Kelle zweifelsohne zu den bekanntesten. Sie liegt etwa 2 km nördlich von Woffleben (Landkreis Nordhausen) in einem bewaldeten, kleinräumig strukturierten Karstgebiet mit zahlreichen weiteren Erdfällen. Die Kelle genießt Schutz als Flächennaturdenkmal. Befestigte Wege sowie Treppen erleichtern den Besuch, und eine Erläuterungstafel weist auf die örtlichen Besonderheiten hin.
Unter den Gesichtspunkten des Geotopschutzes gebührt ihr vor allem aus zwei Gründen eine besondere Aufmerksamkeit. Am Beispiel der Kelle läßt sich über den Zeitraum von rund 200 Jahren sehr eindrucksvoll die Morphodynamik des Gipskarstes veranschaulichen, und es können kultur­historische Aspekte anhand der Literatur über mehr als 400 Jahre zurückverfolgt werden.
Die Kelle gehört, wie u.a. die Heimkehle bei Uftrungen auch, zu denjenigen Höhlen im Südharz, deren Eingang sich am Grunde eines Erdfalls öffnet. Ihr Eigenname läßt sich etymologisch von althochdeutsch kela, mittelhochdeutsch kel(e) für Kehle (Gurgel, Höhlung, Vertiefung) ableiten und bezeichnet anschaulich die natürliche Gestalt. Noch um 1800 bot sich dem Besucher allerdings ein sehr viel eindrucksvolleres Bild als heute. Die Höhle war etwa zwei Drittel größer.
Durch eine natürliche Öffnung in der Decke konnte Tageslicht hineingelangen und sich malerisch in einem Höhlensee spiegeln. Im Verlauf weniger Jahrzehnte, bis etwa 1840, brach dann ein Teil der Höhle in sich zusammen und bildete einen großen Erdfall, durch den man heute zum Mundloch gelangt. Der Rest des ursprünglichen Eingangs im benachbarten Erdfall blieb erhalten, und die einstige Größe läßt sich erahnen. Dessen ungeachtet ist die Kelle noch immer eine sehr eindrucksvolle Karstform des Südharzes. Zu ihrer Historie liegt eine ausführliche und moderne Darstellung vor, auf die an dieser Stelle verwiesen sei.1)
Unter anderem haben Höhlen, Erdfälle oder markante Felsbildungen die menschliche Phantasie von jeher in starkem Maße angeregt. Es verwundert daher nicht, daß an der Kelle zahlreiche Mythen, Sagen und Bräuche haften, die teils mündlich, teils in der historischen landeskundlichen Literatur überliefert sind. Weniger bekannt hingegen dürfte ihre wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung sein. Sie wurde bereits 1588 in der ältesten "Flora" überhaupt erwähnt. Ferner ging die Kelle als beliebtes Sujet der romantischen Lyrik in die Literaturgeschichte ein. Auf diese kulturhistorischen Aspekte soll nachfolgend hingewiesen werden.
 

Erste Erwähnung 1588

Die "Sylva Hercynia" des JOHANNES THAL (1542-1583) erschien posthum 1588 in Frankfurt am Main. Anläßlich des 400. Jahrestages der Fertigstellung des Manuskriptes dazu erschien in kleiner Auflage ein fotomechanischer Neudruck der Originalausgabe, ergänzt durch eine Übersetzung des lateinischen Textes, einen Kommentar und ein Register.2) Auf Seite 105 f. des Originals wird für die Tollkirsche (Atropa bella-donna L.) als Vorkommen u.a. der "Eingang der unterirdischen, wassergefüllten Grotte bei Bischofferode nicht weit von IIfeld, die man dort 'die newe Kelben' nennt' angegeben".3)
Im Anschluß daran schildert THAL folgende Begebenheit. Sie steht sicher nicht in Zusammenhang mit der Kelle, denn der Autor nennt für die Tollkirsche weitere Fundorte. Vielmehr wird ihm die Anekdote wohl während seiner Tätigkeit als Hofmedikus und Stadtphysikus in Stolberg (ab Herbst 1572) erzählt worden sein, wo er an der "Sylva Hercynia" arbeitete und das Manuskript dazu 1577 abgeschlossen hatte. Da die Schilderung eines gewissen Humors nicht entbehrt, sei sie hier in der Übersetzung wiedergegeben:
"Es gab hier vor nicht sehr vielen Jahren einen Bartscherer, der (wie es bei jener Sorte Menschen üblich ist, äußerst leichtfertig zu sein und mit dem Tode des Menschen, wie jener das selbst sagt, ungestraft seine Experimente zu machen), einen Stolberger Bürger, der an Schmerzen litt, die sich im ganzen Körper verbreitet hatten und die ihn furchtbar marterten - ich weiß nicht, bei welcher Art von Krankheit - eine größere Menge von Blättern dieser Pflanze als Decoction einnehmen ließ, zumal da die Anwesenden mancherlei ihnen bekannte Beruhigungsmittel vergebens ausprobiert hatten.
Und dieser Bartscherer erreichte schließlich, daß jener Kranke nicht nur seine Ruhe fand, sondern daß er, aller jener Schmerzen ledig, in einem durchaus tödlichen Schlaf seinen Tag beschloß."

Bei den von THAL konkret erwähnten etwa 60 Fundorten für Pflanzen handelt es sich zumeist um allgemeine ("in kalten Quellbächen verbreitet") oder relativ weit gefaßte Ortsangaben ("auf Wiesen um Stolberg"). In einigen Fällen hingegen sind die Fundorte genau bezeichnet ("auf dem sehr hohen Hertzberg bei Ilfeld"). Dazu gehört auch die Angabe zur Kelle, bei der es sich zugleich um die älteste Erwähnung dieser Höhle in der Literatur überhaupt handelt. Sie zählt damit generell zu den wenigen, bereits im 16. Jahrhundert namentlich genannten Höhlen des Harzes.

 
 
 
Mythologie und Religion

Durch die Ausgrabungen, die das Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens unter Leitung von Prof. BEHM-BLANCKE 1951 bis 1957 in den Höhlen bei Bad Frankenhausen durchgeführt hatte, gilt deren kultische Nutzung seit spätestens der frühen Bronzezeit als gesichert. Das Höhlenheiligtum am Kyffhäuser hatte wohl in gewisser Hinsicht zentrale Bedeutung für die Bevölkerung eines größeren Landschaftsraumes, doch schließt das eine Nutzung anderer Höhlen im südlichen Harzvorland als Kultstätten keineswegs aus. Auch für die Kelle läßt sich bei aller gebotenen Zurückhaltung vermuten, daß sie als Ort kultischer Handlungen diente. Obwohl archäologische Belege fehlen, bietet die Kirchengeschichte dazu Anhaltspunkte, die eine solche Annahme rechtfertigen könnte. Im Zuge der Christianisierung wurden an der Stelle heidnischer Kultstätten häufig christliche Altäre oder Gotteshäuser errichtet.
Nach dem Bericht des Ellricher Pfarrers HEINRICH ECKSTORM (später Prior und Rektor der Walkenrieder Klosterschule) hatte in vorreformatorischer Zeit in der Nähe der Kelle eine Johanniskapelle bestanden, nach welcher alljährlich an einem bestimmten Tage ein Priester aus Ellrich in Begleitung seiner Pfarrkinder gezogen sei.
"Der Priester habe nach dem Gottesdienst das Kreuz in das Wasser der Kelle getaucht und dabei den Gläubigen zugerufen: Kommt und kucket in die Kelle, dann kommt ihr nicht in die Hölle!"4)
Dem Volksglauben nach sollte in der Kelle jährlich ein Mensch umkommen, sofern dem nicht durch eine Bittprozession entgegengewirkt würde. Immerhin ist Schachthöhlenkult und möglicherweise auch ritueller Kannibalismus durch die schon erwähnte Ausgrabung am Kyffhäuser von der Aunjetitzer Kultur bis zu Späthallstatt-/Frühlatenezeit nachgewiesen.
Die Überlieferung könnte ebensogut aber auch nur an frühere Unglücksfälle in der Höhle erinnern.5) So fand man etwa um 1800 zwei Zimmergesellen in der Kelle, welche angeblich Selbstmord begangen hätten.6) Derartige Vorfälle lieferten dem Volksglauben natürlich neue Nahrung und der menschlichen Phantasie ausreichend Stoff.
 

Sagen

Aus dem reichen Sagenkranz, der sich um die Kelle rankt, sollen exemplarisch nur zwei genannt werden.
Das erste Beispiel hebt im wahren Kern auf eine natürliche Besonderheit ab. Bei den Böden in der unmittelbaren Umgebung der Kelle handelt es sich um Buntsandstein-Residuen. Nach starken Regenfällen und während der Schneeschmelze gelangt stark eisenschüssiges Oberflächenwasser in den Höhlensee der Kelle, wodurch dieser eine rostrote Färbung annimmt.
Die Sage berichtet über eine Hebamme, welche von einem Nix zur Kelle gebeten ward, um seinem Weibe bei der Niederkunft beizustehen. Diese berichtet der Hebamme dann, daß der Nix alle ihre Kinder, sobald sie geboren wären, erwürgen würde. Tatsächlich sei wenig später ein blutroter Strahl auf der Oberfläche des Höhlensees zu sehen gewesen.7) Nach anderer Lesart schleift der wilde Wassermann die Nixen der Kelle, sollten sie sich bei Volksfesten unter die tanzenden Mädchen mischen, alsbald in die Fluten zurück und tötet sie aufs grausamste. Ihr Blut sei dann an der Oberfläche des Kellwassers zu sehen.8)
In einer weiteren Sage wird der Versuch unternommen, die Entstehung der Kelle aus ihrem Eigennamen zu erklären. Der Sage liegt die richtige Beobachtung zugrunde, daß sich Erdfälle urplötzlich, ohne äußerlich erkennbaren Anlaß bilden können. Der Bezug zu einer Maurerkelle offenbart die Verballhornung des oben schon erwähnte 'Kehle' zu dem etymologisch nicht verwandten Kelle (Schöpflöffel; althochdeutsch kella, mittel­hochdeutsch kelle), das in die Schriftsprache als Eigenname übernommen wurde.
Ein Mädchen war so unglücklich, daß es sich einst wünschte, lieber unter als über der Erde zu sein. Als das ein Maurergeselle hörte, nahm er seine Kelle und warf sie heftig auf die Erde. Diese spaltete sich, und es entstand ein tiefes Loch. Die Kelle kam nicht wieder zum Vorschein, aber der Wunsch des Mädchens ging in Erfüllung.9)
 

Dichtung

Am Ende des 18. Jahrhunderts erfuhr die Kelle eine Blütezeit romantischer Verehrung. Als 1770 die preußische Kriegs- und Domänenkammer in Ellrich eingerichtet wurde, kam der Dichter LEOPOLD FRIEDRICH GÜNTHER GOECKINGK (1748-1824) als Kanzleidirektor in die Stadt und verbrachte seit 1779 mit seiner Familie die Sommermonate im sogenannten Neuen Haus unweit der Kelle.10)
In den folgenden Jahren besuchten ihn zahlreiche namhafte Vertreter des damaligen Kultur- und Geisteslebens, und er bevorzugte es, seinen Gästen die nahegelegene Kelle als besondere Attraktion vorzustellen. Genannt seien beispielsweise GOTTFRIED AUGUST BÜRGER (1747-1794), JOHANN WILHELM LUDWIG GLEIM (1719-1803) und CHRISTOPH AUGUST TIEDGE (1752-1840). Die Kelle ging damit unauslöschlich in die deutsche Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts ein. Neben anderen hat auch GOECKINGK selbst die Kelle in einer Ballade verewigt. Ihre Handlung ist frei erfunden, der literarische Stoff hingegen ist der Sage vom alljährlichen Menschenopfer entlehnt, welches die Wassergeister fordern.11)


Die Kelle bei Woffleben

Fazit

Die Kelle als ein Geotop von besonderer landschaftlicher Schönheit und seltener Eigenart im Gipskarst des Südharzer Zechsteingürtels manifestiert über 400 Jahre Kulturgeschichte allein in der schriftlichen Überlieferung, wobei darüber hinaus prähistorische Komponenten nicht unwahrscheinlich sind. Im weiteren Sinne wird damit deutlich, daß Geotope als markante Landschaftsbestandteile nicht nur die soziokulturelle Identität der örtlichen Bevölkerung prägen, sondern z.B. in literatur- oder wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht auch weit über den Rahmen des Naturschutzes hinaus eine herausragende Bedeutung erlangen können.

 
Literatur:

1)
REINBOTH, Fritz: Die Kelle bei Ellrich am Südharz, die Geschichte eines vergessenen Naturdenkmals. - Mitteilungen des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher, München 35 (1989) 1/2: 71-76; 4 Abb.
2)
RAUSCHERT, Stephan: Johannes Thal. Sylva Hercynia. Frankfurt am Main 1588. Neu herausgegeben, ins Deutsche übersetzt und erklärt. - Leipzig: Zentralantiquariat, 1977; 133+285 S.
3)
Dieses und das folgende Zitat folgt wörtlich der Übersetzung von RAUSCHERT (1977) a.a.O., S.120f.
4)
Zitiert nach REINBOTH (1989) a.a.O., S. 71
5)
Vgl. LAUB, Gerhard: Sagen von und um Harzhöhlen. - Abhandlungen zur Karst- und Höhlenkunde, München F 3 (1969) : 5-28; insbesondere die Anmerkung auf S. 27
6)
Vgl. DUVAL, C[arl]: Die Kelle. - In: Thüringen und der Harz mit ihren Merkwürdigkeiten, Volkssagen und Legenden. Supplement-Band. - Sondershausen: Friedrich August Eupel, 1844; S. 281-292
7)
Vgl. DUVAL (1844) a.a.O., S. 2841
8)
Zitiert nach H. SILBERBORTH (1931) in LAUB (1969) a.a.O., S. 27
9)
Vgl. LAUB (1969) a.a.O., S. 18
10)Vgl. KUHLBRODT, Peter: Die Kelle, das älteste Naturdenkmal im Kreises Nordhausen. - Beiträge zur Heimatkunde, Nordhausen 15 (1990) 1-7; 3Abb.
11)Vgl. DUVAL (1844) a.a.O.