Edwin Anding

Die Ergebnisse der Notbergungen 1951/52 auf der Pipins-
burg bei Osterode a. Harz und ihre Auswirkungen auf das
Geschichtsbild des südwestlichen Harzrandes

1983 ist für unseren Kreis wieder ein Jahr reger archäologischer Aktivität:
Fortsetzung der Grabungen in Düna, größere Untersuchungen in Badenhausen und in Förste. Mit ihren Ergebnissen zieht Osterode wieder das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit auf sich. So war es schon einmal vor 30 Jahren, als trotz noch kriegsbedingter Notlage die wissenschaftlichen Grabungen auf der Pipinsburg begannen. Den dazu notwendigen, kräftigen Anstoß gaben die oben genannten Notbergungen 1951/52. In diesen beiden Jahren wurde, von der Öffentlichkeit fast unbeachtet, mit wenigen Kräften und ohne behördliche Unterstützung ein umfangreiches Arbeitsprogramm durchgeführt. Es galt der Bergung von Hinterlassenschaften früherer Kulturen, die beim Gipsabbau an der Südostseite der Burg entdeckt wurden und ohne sofortigen Eingriff verlorengegangen wären. Über die Ergebnisse dieser Arbeiten wurde nur wenig bekannt.
Aber die mit der Bergung verbundenen Beobachtungen stratigraphischer, wirtschaftlicher und kultureller Art gehören ebenso wie die dabei geborgenen Funde zum Gesamtbild der Burg und ihrer einstigen Bewohner, das ohne sie lückenhaft bliebe.
 

Die Grundlagen

Die Unterlagen für den vorliegenden Aufsatz sind neben den eignen während der Arbeit entstandenen Aufzeichnungen die Berichte der anderen daran Beteiligten, der Herren Dr. med. Wedemeyer, Osterode und W. Bauer, damals Museumsverwalter in Osterode. Frau Küßner, Osterode stellte die von ihrem Vater, Dr. W., gesammelten Schriftstücke dankenswerterweise zur Verfügung. Die wissenschaftliche Grundlage für die Arbeit geben die Veröffentlichungen über die Ausgrabungen der Herren Dr. Claus und Dr. Schlüter. Bei der späteren Ausweitung des Themas über den Burgbezirk hinaus wurden die eignen Untersuchungen als Kreispfleger und wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema keltische Oppida herangezogen.
 

Zum Plan der Pipinsburg (Abb. 1) und ihrer landschaftlichen Entwicklung

Der Plan wurde in den ersten Grabungsjahren von Dr. Stollberg aufgenommen und nachträglich durch laufende Eintragung aller Grabungsstellen ergänzt. Die Steilhänge des Berges im Westen, Norden und, soweit eingezeichnet, auch an der Ostseite hatten noch ihre ursprüngliche Form. In der anschließenden Einbuchtung sind die Stellen der Notbergungen, bereits im freien Raum liegend, eingetragen, an denen die auffallenden Kulturschichten untersucht wurden. Die Höhenlinie zwischen den Grabungsstellen 8 und 14 sinngemäß bis zum Ende des Innenwalles weitergeführt gibt die Grenze des Plateaus im inneren Burghof an. Seine umlaufende Terrasse ist an der Ostseite erheblich ausgeweitet, war früher muldenförmig ausgebildet und steil vom Plateau abgesetzt, wie Dr. Wedemeyer bei Grabungsbeginn noch feststellen konnte. Aus seinem Bericht wird entnommen: "Wo am Ostrand das Buschwerk am Steilhang aufhört, beginnt der Gipsbruch. Von hier aus bemächtigt er sich der ganzen restlichen Ostseite des Burggeländes. Der innere große Ringwall ist bereits angebrochen. Zwischen dem Ende des Buschwerkes und dem inneren Wall liegt eine nach Osten abfallende Mulde. Da ihr Ostrand, wie er vor dem Gipsabbau verlief, sich noch ungefähr rekonstruieren läßt, muß sie ursprünglich fast doppelt so groß und bei leicht erhöhtem Ostrand tellerförmig gewesen sein. Das wurde uns von den Steinbrucharbeitern bestätigt. Jetzt (also 1951) ist die östliche Hälfte abgebrochen. Die neue Bruchkante hat ziemlich Halbkreisform mit ca. 80 m Durchmesser bei einer Tiefe der Mulde von ca. 20m."

Dieser Teil der Südostflanke des Pipinsburgmassivs war nach diesen Angaben ein großer, schon wieder verflachter Einbruchstrichter, als in ihm dann später neue Dolinen unterschiedlicher Größe sich bildeten. Gegenüber dieser ausgesprochenen Bruchzone war der übrige Teil des Berges relativ stabil geblieben, abgesehen von einer großen Doline in Tornähe. Dieser gravierende Unterschied in den Bodenverhältnissen auf so engem Raume erklärt sich aus der geologischen Entwicklung der Landschaft in den beiden letzten erdgeschichtlichen Perioden Tertiär und Quartär.

Als die Söse den in dieser Zeit entstandenen Harzrandgraben langsam ausräumte, war die heutige Bergzunge anfangs selbst noch ein Teil des Flußbettes, wurde also von ihr überflossen. Zeugnisse dafür wurden bei den Grabungen festgestellt. Bei weiter allmählich absinkender Wasserhöhe bis zur jetzigen Talsohle des Flusses wurde die Südostseite immer mehr zum Prallhang. An dieser von den anstürmenden Hochwassern der Eiszeit getroffenen Seite vollzogen sich im Berginnern langsam aber stetig einschneidende Veränderungen. Am Rande des Berges kam es zu Unterspülungen mit Felsabbrüchen und Lockerungen im Gestein. Flußwasser drang in die Risse und Spalten ein. Im leicht lösbaren Gips gab es Auswaschungen und Auslaugungen, die zu Höhlenbildungen führten. Wurde die Decke darüber zu dünn, entstanden Einbrüche, an der Oberfläche als Dolinen sichtbar. Regenwasser, das sich in ihnen sammelte, suchte sich den Weg in die Tiefe, senkrechte Röhren, Schlotten oder Kamine genannt, bildeten und erweiterten sich langsam. So war es zuletzt zum Zusammenbruch des Randgebietes gekommen. Die Mulde war da, aber die Zerstörung setzte sich mit der Entstehung neuer Dolinen fort. Das war das Bild des Südosthanges beim Beginn des Gipsabbaues. Ähnlich sahen es auch schon die früh eisenzeitlichen Menschen bei ihrer Ankunft und fanden das Gelände günstig für ihre Zwecke: einen windgeschützten, sonnigen Hang, wichtig bei der freien Lage des Berges, passend auch für ihre in den Boden eingetieften Behausungen und gesichert durch die steilen Hänge des Bergvorsprunges vor Feinden. Es gab aber auch Anzeichen dafür, daß auch Teile der übrigen Terrasse mit kleineren, weniger gut gelegenen Wohnungen besetzt waren.


Die Notgrabungen

Im Bereich der letzten großen Dolinen am Westrande der Mulde lagen unsere Arbeitsstellen. Wir hatten durch diese Lage noch die letzten Einblicke in die Siedlungsverhältnisse dieser Region. Für die wissenschaftlichen Grabungen ab 1953 blieb nur noch die einzige große Doline auf dem Plateau in Tornähe. Von ihr erwarteten wir, leider vergeblich, eine Wiederholung unserer Erfahrungen. Sie brachte zwar viele Funde, aber die stratigraphische Anordnung der Schichten war durch spätere Einbrüche ihres Bodens zum größten Teil zerstört. Unsere Grabungsergebnisse von 1952, gewonnen in seit dem Ende der Besiedlung nicht mehr oder nur unbedeutend gestörten Dolinen, waren damit nicht wiederholbar und blieben deshalb für die Geschichte der Pipinsburg von einmaligem Wert.
 

Die Grabungsstelle I (Dr. Wedemeyer)

Sie war wohl eine der großen Dolinen innerhalb der Mulde. (Die Bezeichnung als Mardelle = ehemalige Wohnstelle wird klarheitshalber bewußt vermieden.) Die Breite der hier angetroffenen Kulturschichten wird an der Basis mit 4, in der Mitte mit 6m angegeben. Bei einer Tiefe der Kulturschichten von fast 2,5m, im Alleingang und bei Berücksichtigung der nur an Wochenenden möglichen Arbeit war diese Grabung ein riesiges Unternehmen. Sie wurde aber auch zu einer faszinierenden Aufgabe, als sich nach Säuberung der vom Bruch angeschnittenen Wand herausstellte, daß hier 5 Kulturschichten übereinander lagen. Das war fast das ganze geschichtliche Programm der Pipinsburg für die letzten 3 Jahrtausende. Die beigefügte Skizze (Abb. 2) hat urkundlichen Wert, daß sie nicht übergangen werden kann, war aber sicher nur für den eignen Gebrauch gedacht. Neben den genauen Maßen für die Tiefe und Stärke der einzelnen Kulturschichten bringt sie die überraschende Erkenntnis, daß Späthallstatt und Frühlatène, bei denen bisher ein nahtloser Übergang vermutet wurde, doch durch eine zeitliche Unterbrechung getrennt zu sein scheinen. Die Grabungsstelle hatte leider den Nachteil, daß durch die Abschrägung des Hanges bei den Brucharbeiten die oberen Kulturschichten schon weit abgebaut, die unteren dagegen fast vollständig erhalten geblieben waren. So war es nicht verwunderlich, daß hier die Grabungen anscheinend mit den tiefsten Wohnschichten beginnen konnten und schon bald den einzigartigen Fund eines kleinen, schwarzen Ziergefäßes (Abb. 3a) in 2,30 m Tiefe, also der hier untersten Kulturschicht, erbrachten. Leider wurde das vielversprechende Grabungsbild in der Folgezeit durch fremde Eingriffe z. T. sogar erheblich gestört. Damit gingen vermutlich auch sehr wichtige Teile der mittleren Kulturschichten mit wertvollen Erkenntnissen verloren, oder die verbliebenen Reste waren schwer deutbar. So blieben manchmal nur wenige Anhaltspunkte für Erkenntnisse über die Benutzung dieses großen Raumes in den einzelnen Besiedlungszeiten. Einmal lagen mehr als 10 Spinnwirtel 2m tief in einer Felsnische beisammen. Das war sehr ungewöhnlich, da sie sonst immer nur einzeln auftraten. Dann aber wurden in fast gleicher Tiefe 2 große Wisentschädel angetroffen (Jagdtrophäen?) und, da nicht gleich geborgen -, entwendet! Etwas klarer scheint das Bild in 1,60 bzw. 1,50m Tiefe, also der letzten latènezeitlichen Kulturschicht: "2 große Klumpen Hüttenbewurf (!) und viele kleine Knollen von Ton oder Löß". Man wird wahrscheinlich die Angabe "ein Klumpen Erz, schwer, rostfarben, von doppelter Faustgröße nahe bei Schlacke mit Schmelzfluß von leichtem Gewicht" hinzunehmen müssen, dann könnte aus der vermuteten "Großherdsteile" ein Ofen zur Weiterverarbeitung von Luppe, dem Erstprodukt der damaligen Eisenverhüttung, werden. Die letzte obere Schicht war die fast überall vertretene Knochenschicht ohne Beifunde in 1m Tiefe. Dazu wird auf die Veröffentlichung im vorjährigen Heft des HGV Osterode hingewiesen.


Abb.l
Osterode, Kr. Osterode arn Harz
Pipinsburg, Lage der Grabungsschnitte bis 1974

Die Grabungsstelle III (Verfasser)

Der Verfasser hatte nach dem Ausscheiden von W. Bauer dessen begonnene Arbeitsstelle II übernommen, als nicht weit davon die vom Bruch neu angeschnittene Stelle III erschlossen wurde. Da sie mit einer besonders dicken Kulturschicht recht aussichtsreich erschien und offensichtlich bisher kaum gestört war, wurde sofort dort mit der Arbeit begonnen. Um eine ungestörte Untersuchung zu ermöglichen, verlegte die Bruchleitung auf eine entsprechende Bitte hin den Abbau.

An der Oberfläche war sie einer der üblichen flachen Trichter mit der schon erwähnten Knochenschicht in 1m Tiefe. Nach Begradigung der vom Bruch angeschnittenen Wand zeigt sich in 1,60m Tiefe unter Trichtermitte eine waagerecht in O-W-Richtung verlaufende auffallend starke Kulturschicht von 3,60m Breite mit beiderseits bis zu 0,5m Höhe abgestochener Trichterwand. Die damit erreichte Erweiterung der sichtlich geebneten Bodenfläche ließ die gestaltende Hand des Menschen erkennen und schloß damit eine nachträgliche Veränderung der Bodenverhältnisse aus. Im weiteren Grabungsverlauf fiel auf, daß der anstehende Boden, eine geröllhaltige Einschwemmung, mit einer festgestampften, geglätteten Lehmschicht, einem tennenartigen Lehmestrich (Lehm-Estrich) bedeckt war. Die Ausdehnung des Raumes nach Norden zu wurde zuletzt mit 4,10m festgestellt. Allerdings war der nördliche Teil durch einen 0,90m hohen Gipssockel an der Ostseite bis auf 1,10m eingeengt. Daß man diese abgeplattete Erhöhung, begrenzt durch höher aufragende Gipsfelsen im Norden und Osten mit eingeplant und zweckentsprechend gestaltet hatte, zeigte der große Aschenhaufen an seiner Südseite. Auch die große Dolomitplatte als ortsfremdes Gestein und viel Scherben, darunter die eines großen Rauhtopfes, ließen hier weitere Entdeckungen erwarten, aber ungewiß welcher Art.


Abb. 2: Tiefe der Kulturschichten, Grbst.I

Angesichts dieser unklaren Situation schien es ratsam, den Sockel zunächst auf seiner Westseite zu umgehen. Der Lehmestrich dehnte sich weiter nach Norden aus, fing in Sockelnähe an erst allmählich, dann aber steil am Sockel hochzusteigen. Bei der Nachprüfung seiner Stärke stieß man darunter auf eine zweite, gleichartige Lehmschicht, die von der oberen durch eine Brandlage getrennt war. Westlich der vorderen Sockelecke lag auf dem Boden eine größere Menge geröstetes Getreide neben einer etwas in den Boden eingetieften Dolomitplatte mit 10:29:30cm Oberfläche, unter ihr eine dünne Kohlenschicht, auf ihr, etwa 2cm hoch, ein schwarzer Belag. Nach den Begleitumständen wird man auf einen verkohlten Brotfladen schließen müssen. Nicht weit nordwärts war eine einfache Feuerstelle ohne Steinumrandung, an ihrem Rande 4 schräg in den Boden gerammte Holzreste von ca. 6cm Durchmesser. Nach ihrer jeweiligen Richtung zu schließen hätten sie sich mit den Verlängerungen über der Mitte der Feuerstelle kreuzen müssen. Somit waren Verwendungsmöglichkeiten zum Kochen, Räuchern, Dörren oder Braten gegeben. Eine flache Wandnische in Brusthöhe mit dünnen verkohlten Holzresten könnte man zum Aufstellen von Kienspänen zur Beleuchtung genutzt haben.
 

Der Ofen

Nachdem der restliche Raum nichts Besonderes mehr bot, mußte der bisher ausgesparte Sockel untersucht werden. Vorsichtig wurde die deckende Erde in dünnen Schichten abgenommen, bis lockerer Lehm (20cm hoch) das ganze Innere deckte. Er schloß an die seitlich aufsteigende Lehmwand an, die den Innenraum noch 10cm weit überlappte. Unter dem lockeren Lehm füllten Asche und Holzkohle das Innere. An der Stirnseite, also nach Süden zu, zeigten hartgebrannte, dicke Lehmwülste mit Eindrücken von starken Ruten die ehemalige Öffnung des Ofens an. Die Ränder der Innenfläche waren besetzt mit mindestens 5 Gefäßen (Abb. 4, Abb. 5), darunter eine Schüssel mit verkohltem Getreidebrei, wie eine chemische Untersuchung ergab. Zur merkwürdigen Stellung der Gefäße im Ofen sei bemerkt: Wie die einseitige Schwärzung der Töpfe zeigte, standen sie nur am Feuer. Als Kochhilfe dienten glatte Quarzite in glühendem Zustand, wie sie zersprungen in Mengen überall bei zeitgleichen Siedlungen vorkamen. - Die Ofendecke wurde beim Bau von einem stabilen Rutengeflecht getragen, das auf beiden Seiten dick mit Lehm bestrichen, in gebranntem Zustande auch ohne die später verglühten Ruten noch genügend Tragfähigkeit besaß.

Nach dem Untersuchungsbefund war der ganze Raum nur auf die Herstellung von Speisen eingerichtet. Beim Siedlungsabbruch wurde gerade im Ofen gekocht, daneben Getreide gemahlen, und es wurden Fladen gebacken. Die Küche war in vollem Betrieb. Aber niemand nutzte die Speisen mehr. Die Ursache dieses merkwürdigen Verhaltens konnte aus dem Zustand des Raumes geschlossen werden. Der sicher vorher gepflegte Fußboden war so mit Scherben, Kohlen und Tierknochen bedeckt, daß er nicht mehr betretbar gewesen wäre. Er bot das Bild einer totalen Verwüstung:die Behausung niedergebrannt, alles Geschirr zerschlagen und das Vieh geschlachtet. Bei einem geplanten Siedlungsabbruch hätte man vorbereitete Speisen kaum verkommen lassen. Man wird einen plötzlichen Überfall vermuten müssen. Dieser Katastrophentag für die Bewohner hinterließ uns ein Kulturbild vom letzten Tage der mittel- bis spätlatènezeitlichen Besiedlung. Damit endete auch die vorchristliche Kulturperiode der Pipinsburg.
 

Grabungsstelle II (Der Verfasser)

Der Übernahmebericht in den Grabungsnotizen gibt über ihren Zustand an:
7,5m breite Grabungsfront, in der Mitte stärker abgebaut als an den Seiten (vermutlich am fundreichsten), erkennbar in 1,10m Tiefe eine Knochenschicht ohne Beifunde (bei III in 1m Tiefe ebenfalls vorhanden), 1,50 tief eine Aschen- und Kohlenschicht, aus der an 2 Stellen geröteter Lehm hervortritt.
Der Boden dieser 2. Schicht zeigt einen der Dolinenform leicht angepaßten Verlauf.

Bearbeitet wurden zunächst nur die erste (1,10m) und die zweite (1,50m) Schicht. Nach den aufschlußreichen Ergebnissen von III war natürlich das Hauptziel, auch hier die Verhältnisse in der letzten Latèneschicht zu klären, also auch hier den Zustand beim letzten Besiedlungsabbruch zu erfassen. (Zur Vermeidung von Irrtümern einen Hinweis: Die Knochenschicht hier in 1,10m Tiefe, gehörte zur Serie der fast in allen Senken des Innenhofes vorkommenden gleichen Fälle, rechnete trotz der leichten Tiefenschwankungen altersmäßig nicht zur Latènezeit, sondern war gleichaltrig mit dem im Vorjahr behandelten Knochenlager, aber ohne ihm selbst anzugehören.) Nach der Breite von 7,5 m war sie wahrscheinlich eine der größten Dolinen in diesem Bereich, konnte aber in ihrer Gesamtausdehnung nicht mehr beurteilt werden; denn 1 Stück davon ging schon beim Anschnitt durch den Bruch verloren, ein anderes wurde von W. Bauer untersucht, dann muß der Bruch noch einmal eingegriffen haben, während an III gearbeitet wurde. Interessant war eigentlich nur noch der südliche, 3,5m breite Abschnitt mit seiner ausgeprägten Kulturschicht. Nördlich schlossen sich nach kurzen Unterbrechungen nur 2 kleine Nischen mit wenigen Hinterlassenschaften an. Durch sie kam man der Stelle III ziemlich nahe. Eine Verbindung zwischen II und III wäre möglich gewesen, konnte aber nicht nachgewiesen werden.

Auch hier wurde wieder viel zertrümmerte Keramik meist guter Qualität gefunden, aber im Vergleich zu III nur wenig aufschlußreiches Material. Das 3,5m breite südliche Stück schien in Längsrichtung geteilt gewesen zu sein. Eine zwar etwas unregelmäßig verlaufende Steinreihe schien eine ehemalige Trennwand anzudeuten. Bestätigt wurde das indirekt durch einen sorgfältig geglätteten Lehmestrich im südlichen Teil, der an der vermutlichen Wand mit 11cm Dicke abbrach, während daneben der natürliche Boden unverändert geblieben war. Damit könnte auf eine unterschiedliche Benutzung der beiden Teile geschlossen werden. Bemerkenswert waren im Südteil eine kleine offene Feuerstelle, daneben geschwärzte Getreidekörner gemischt mit wenig Hülsenfrüchten. An anderer Stelle war am vorderen Rande die Lehmschicht 16cm tief stark gerötet. Hier lagen auf einer etwas eingetieften Kohlenschicht 2 dicht aneinandergefügte Steinplatten, daneben in Schrägstellung ein weiterer flacher Stein und geröstete Getreidekörner. In diesem Bereich waren wieder viele geglühte und zersprungene Flußgerölle aufgefallen. Hier bestand also auch in beschränktem Maße die Möglichkeit zum Kochen und Backen. Alle Keramik war total zertrümmert. Bei den Getreidekörnern lagen allein Scherben von mindestens 8 Gefäßen, darunter zum ersten Male ungebrannte Scherben aus schwarzem Ton, die nicht der gewöhnlichen Haushaltware zugerechnet werden können. Im Brandschutt wurden auch an getrennten Stellen die beiden zierlichen Kolbenkopfnadeln (Abb. 6b) mit Durchbohrung gefunden, die als einzige Exemplare dieser Form sicher nicht allgemein getragen wurden. Der Gesamteindruck dieser Teile: Außer einer kleinen Koch- und Backstelle 1 Spinnwirtel, guter Keramik - dazu gehört die flache Schale mit scharfer Schulter (Abb. 3b) - und seltenem Frauenschmuck kein Hinweis auf bestimmte Tätigkeiten. Nach bisherigen Erfahrungen scheint Lehmestrich als Bodenbelag nur in diesen beiden Räumen vorgekommen zu sein. War er schon in einer Küche unter Pipinsburgverhältnissen auffallend, so wird man ihn in einem Wohnraum als Ausdruck gehobenen sozialen Anspruchs sehen müssen.

Über den vermutlich abgetrennten nördlichen Teil ist nur wenig zu sagen: geebneter Naturboden, sehr viel zerschlagene Keramik, aber nichts, was auf eine gewerbliche Tätigkeit hinweisen könnte. Vielleicht war es ein Vorratsraum, der unter der Aufsicht der nebenan wohnenden Hausfrau stand. - Der gesamte untersuchte Teil erstreckte sich noch 2,25m weit nach Westen und wurde kurz vor seinem Ende von dem großen Knochenlager, aber stratigraphisch scharf abgesetzt, überkreuzt.

Abb. 3: Ziergefäß, Grbst. I b) Schale, geglättet, Grbst. II


Grabungsstelle IV (Der Verfasser)

Sie lag noch etwas südlich von der Grabungsstelle I. Man war darauf aufmerksam geworden, als der Schüler H. Gattermann, Petershütte, zeitweiser Helfer bei den Grabungen, dort auf einem kleinen Gipsfelsen die bei den gekröpften Kleeblattnadeln (Abb. 6c), die einzigen mit diesem Merkmal, gefunden hatte. Links davon war im letzten Winter die Grasnarbe abgetragen worden. An der Bruchwand deuteten nach beiden Seiten auslaufende Bänder mit wenigen Holzkohlenund einzelnen Scherben auf Siedlungsspuren. Das Gipsriff stand neben einer kleinen, flachen Einsenkung inmitten einer großen, dolinenartigen Geländestufe, die, wie sich später herausstellte, auf einen Felsabbruch zurückzuführen war. Bei der Beseitigung der den kleinen Felsen umgebenden Deckschicht. zeigten sich bald ganz nahe noch 2 kleinere Riffe. Zusammen mit dem ersten waren sie die Begrenzung eines Kessels von 0,75m Durchmesser, der nur viel Asche enthielt. Vermutlich waren die 3 Riffe die Reste einer verwitterten ehemaligen Schlottenumrandung.

Westlich anschließend, zwischen den beiden letzten Riffen und der erwähnten Abbruchwand, die zuletzt bis auf 1,50m Höhe freigelegt wurde, war ein weiterer Kessel von 1m Durchmesser, der nun als Kern der Anlage Mittelpunkt der weiteren Untersuchung wurde. Wenn bei der Darlegung des Grabungsergebnisses entgegen dem Grabungsablauf von unten begonnen wird, soll damit der zeitlichen Entwicklung gefolgt werden.


Abb. 4: gewöhnliche Gebrauchsware, Grbst. III

In 2,55m Tiefe. Der gewachsene Boden wurde erst bei dieser Tiefe erreicht.
Darüber bauten sich in fast Stockwerkhöhe die geschichtlichen Zeugnisse von fast 3 Jahrtausenden auf. In einer Feuerstelle lagen Scherben von 2 Gefäßen von einer bisher unbekannten Art. Eins mit hartem Brand und lederartiger Farbe, hatte einen randständigen, breiten Bandhenkel. Nach späteren Erkenntnissen gehörte es in die Urnenfelderzeit, gegen 700 v.Chr. (Gleichartige Keramik wurde bei späteren Grabungen auch an anderen Siedlungsplätzen in der untersten Kulturschicht gefunden.) Über 6cm hoher Aschenlage folgte eine fette, lockere Erdschicht, die nicht als natürliche Bodenbildung anzusehen war, aber zunächst keinen Hinweis auf ihren Ursprung gab.

In 2m Tiefe begann eine neue Zeitstufe mit einer kleinen Feuerstelle, Scherben und einigen Tierknochen. Aber außerhalb, am Rande des Kessels, häuften sich die Scherben der zugehörigen Kulturschicht. Sie waren anders in Material, Farbe und Brand, als die in der tiefsten Feuerstelle. Neben gebrannter Keramik gab es auch mehrfach ungebrannte Scherben, die beim Waschen sofort zerfielen. Zeitlich entsprach diese Ware in Tiefenlage und Material, der späthallstatt-frühlatènezeitlichen Phase um 400/500 v.Chr. Die darüber folgende Füllmasse des Kessels aus grobem Geröll deutete wohl auf einen Siedlungsabbruch oder eine spätere absichtliche Auffüllung des Loches.

In 1,60m Tiefe gab es wieder eine Feuerstelle mit einigen Tierknochen. Am Rande des Kessels lagen wie vorher viele Scherben verschiedener Gefäßarten, wahrscheinlich aus der mittel = -spätlatènezeitlichen Siedlungsperiode. Wenn auch die jeweilige Kulturschicht im Kessel recht harmlos aussah, so läßt doch die gehäufte Keramik am Rande auf rege Tätigkeit schließen. Die weitere Füllung des Kessels zeigte erst eingeschwemmtes Geröll in lehmiger Erde, darüber aber wieder die lockere, dunkle Schicht ohne Steine und Funde.

Ab 0,80m Tiefe folgte bis zur heutigen Oberfläche die natürliche, ungestörte Schicht humoser Erde wie überall am Hang. Bemerkenswert waren hier vielleicht die beiden größeren Dolomitplatten am Rande des Kessels, die wohl zur letzten dunklen Schicht gehören.

Abb. 5: bessere Keramik,
a) geglättete Schale, Grbst. III; b) Schale mit Kreuzstrichmuster

Bevor man eine Deutung der Kesselschichten selbst versucht, sollte man sie im Zusammenhang mit ihrer Umgebung sehen. Über eine urnenfelderzeitliche Kulturschicht neben dem Kessel wurde nichts vermerkt. Die 2m-Schicht lief außerhalb des Kessels rechts mit geringer Kohlenbeimischung bald aus, links wurde sie nicht beobachtet. Die Scherbenhäufung am Rande spricht trotzdem für zeitlich begrenzte Arbeiten ohne Wetterschutz. Anders war es bei der 1,60m-Schicht, die deutlich nach beiden Seiten bis zur Dolinengrenze ausstrahlte. Links des Kessels lagen die wenigen Scherben und Tierknochen ohne Brandschutt auf der erkennbaren Nutzfläche. Rechts dagegen hob sie sich durch verstreute Keramikteile und Kohlenreste scharf ab, so daß hier mit einer Überdachung gerechnet werden kann. Am rechten Ende fiel in 0,90m Tiefe eine Kalkplatte auf einer dünnen Kohlenschicht auf. Hier hatte man sich wohl auf längere Arbeitszeiten eingerichtet. Diese letzte Kulturschicht begann an ihren äußeren Enden in 0,90m Tiefe und sackte nach der Mitte zu bis auf 1,20m ab. Es fällt auf, daß die entsprechende Kulturschicht im Kessel immer 0,30m tiefer begann. Da nach den Begleitfunden: kleinen gebrannten Tonstückchen, mehreren flachen Glättsteinen und ungebrannten Scherben vermutlich mit Töpferei gerechnet werden muß, wird man in den beiden Kesseln Meileröfen zum Brennen der Gefäße vermuten können, wie sie Schlette schon für die Hallstattzeit gelegt. Die Übertragung dieser Brennart auf unsere Gegend dürfte durch das Vorkommen von Grubenmeilern zum Brennen von Holzkohlen und zur Erzverhüttung auch bei uns gerechtfertigt sein.

Mit geringen Abweichungen bei den Tiefenangaben wurde hier der in Grabungsstelle I festgestellte stratigraphische Aufbau unabhängig von einander bestätigt, allerdings mit dem Unterschiede, daß die hier auslaufende Terrasse eine gewisse Abseitslage vom eigentlichen Wohngebiet und damit bei der Verwendung des Platzes bedingte. Hier ist auch Gelegenheit zu einer Bemerkung über die dunklen, lockeren Einlagerungen, die bei IV wiederholt, bei I im oberen Teil und bei II/III einmal in einer etwas abseits gelegenen Schlotte vorkamen.

Der Inhalt war immer gleich und enthielt keine festen Bestandteile. Man wird bei einem Erklärungsversuch an die unbedingt notwendigen hygienischen Maßnahmen beim Zusammenleben so vieler Menschen auf engem Raume denken müssen. Die tiefen Schlotten boten sich als natürliche Kanalisation an.
 

Grabungsstelle V (Dr. Wedemeyer und der Verfasser)

Inzwischen hatte der Gipsbruch das Ende des Innenwalles an der Ostseite des Berges angeschnitten. Auch dort war man auf alarmierende Funde gestoßen. Deshalb wurde in den 2 letzten Grabungstagen 1952 versucht, hier noch etwas Klarheit zu schaffen. Dicke, stark verkohlte Hölzer lagen dort in Menge aufeinander. Doch konnte auch in gemeinsamer Arbeit, bei den kurzen Herbsttagen, nicht mehr viel erreicht werden. Bei den wissenschaftlichen Grabungen konnte dann wenigstens darauf hingewiesen werden. Vielleicht gehörten die Hölzer zu einer alten Toranlage. Wichtig war hier eine spätere Entdeckung: Unter der ersten anschließenden Wallaufschüttung lagen dicht beieinander Feuerstellen, aus denen man schließen konnte, daß die erste Befestigung der Ansiedlung aus einer Reihe von Hütten bestanden haben konnte, die mit ihren Rückseiten eine geschlossene Wand bildeten, wie es die Grabungen auf der Heuneburg ergaben. Davon blieb an anderen Stellen, bei den späteren Wallaufschüttungen, kaum etwas übrig.


Abb. 6: besondere Nadeltypen,
a) Kleeblattnadel I; b) Kdlbenkopfnadeln 11;
c) gekröpfte Kleeblattnadeln IV


Probleme der Burg - Anwort durch Funde in der Umgegend

Mit der Vorlage der Funde und der Einreichung unserer Berichte über die Ergebnisse der Notbergungen an das Niedersächsische Landesmuseum in Hannover, der damals zuständigen Behörde, war unsere Arbeit beendet. Ihre Wirkung dort war alarmierend. Bei einer Ausstellung aller bis dahin vorliegenden wichtigen Funde in Osterode, wurde auch hier die Notwendigkeit erkannt, daß die Untersuchungen auf der Pipinsburg auf wissenschaftlicher Basis fortgesetzt werden mußten. Trotz der Leere in den öffentlichen Kassen in der Nachkriegszeit wurde dieses Hindernis durch gemeinsame Bereitstellung erster Mittel, durch Kreis und Stadt Osterode überwunden. Dr. Claus, Hannover, konnte schon 1953 die erste Grabung durchführen. Nach wenigen Jahren übernahm die Deutsche Forschungsgemeinschaft die weiteren Grabungskosten. Die Pipinsburg war damit in das nationale Forschungsprogramm aufgenommen und ihre über den örtlichen Rahmen weit hinausgehende geschichtliche Bedeutung anerkannt worden. Sie läßt sich kurz so zusammenfassen: Die Pipinsburg, ein politischer, wirtschaftlicher und kultureller Schwerpunkt der frühen Eisenzeit mit oppidumähnlichen Charakter am südwestlichen Harzrand, weitab von vergleichbaren Anlagen. Mit dieser Charkterisierung hatte man bereits über den Bereich der Wälle hinausgegriffen und die Umgegend in den Problemkreis der Burg selbst hineingezogen. Unter einem Oppidum versteht man eine stadtartige Siedlung in natürlich geschützter Lage, innerhalb eines befestigten Raumes, unter autoritärer Führung. Zu ihrer Existenz braucht sie einen gewissen Umkreis zur Versorgung. Zur Begrenzung des Herrschaftsbereiches der Pipinsburg gibt es nur eine Art von Urkunden: die Keramik, und die wurde uns durch die Zeit umstände geradezu aufgedrängt. Die rasche technische Entwicklung in der Landwirtschaft und im Baugewerbe erzwang die Beschäftigung mit den dadurch auftretenden Fragen. Neue, tiefgreifende Pflüge auf den Feldern und starke Baumaschinen beim Straßen- und Wohnungsbau rissen die bisher ungestört im Boden liegenden früheisenzeitlichen Kulturschichten auf und legten deren Relikte frei. Dabei ging es nicht mehr um den engebegrenzten Raum eines Burghofes, sondern um das Kreisgebiet. Zwar war die Bodendenkmalpflege im Kreise wieder eingerichtet worden. Sie wäre aber bei dieser Aufgabe ohne ausreichende Hilfskräfte überfordert gewesen, wenn sich nicht eine neue Initiative entwickelt hätte: Freiwillige Helfer übernahmen die regelmäßige Überwachung bestimmter Bezirke. Ihrer Aufmerksamkeit und Ausdauer ist es zu verdanken, daß sich aus den gemeldeten Funden langsam ein Siedlungsbild der frühen Eisenzeit herausbildete, dessen Keramik mit der Pipinsburg voll übereinstimmte. Ergänzt durch die Ergebnisse der archäologischen Landesaufnahme wäre es bei genauer Fundanalyse möglich, den Einflußbereich der Pipinsburg abzugrenzen.

Die Bezeichnung der Pipinsburg als oppidumähnliche Anlage weckt bestimmte Vorstellungen von gewaltigen Volksburgen mit starken Befestigungen als Herrensitze und prunkvollen Fürstengräbern, wie sie in Süddeutschland in dieser Zeit entstanden. Wer sich nicht von Äußerlichkeiten blenden läßt, sieht dabei auch ihre andere Seite, und das sind umfangreiche Handwerkerviertel wie in Manching oder ihre kleinen Hütten wie auf der Heuneburg. Aus dieser Sicht ist ein Oppidum ein gut organisiertes Wirtschaftsunternehmen unter straffer Führung. Da wurden die lebensnotwendigen Güter für den Eigenbedarf und für den Handel hergestellt, durch den der Reichtum solcher Burgen erworben wurde. Die ländliche Umgebung war durch die Erzeugung von Lebensmitteln und sonstige Hilfsdienste in diesen Prozeß einbezogen. Es war bezeichnend:
Bei den Funden außerhalb der Burg ging es fast nur um Keramik. Metalle waren wohl der Burg vorbehalten.

Man kann die Verhältnisse der Oppida in den relativ sicheren Kerngebieten der Hallstatt- und Latènezeit nicht ohne weiteres auf die isoliert liegende Pipinsburg übertragen. Soweit sich die Geschichte der Landschaft um die früheisenzeitliche Burg übersehen läßt, lag sie, bedingt durch das bergige Vorland des Harzes und die abschließenden Bergzüge von Harz, Westerhöfer Wald und Hainleite, immer im Grenzbereich zwischen größeren Kultur- und Machtblöcken, und als Durchgangsland konnte sie sich deren Einwirkung in politischer und kultureller Hinsicht nicht entziehen und war immer vom Stärkeren der Nachbarn abhängig. Die engen Siedlungsräume, beschränkt fast nur auf die Täler, reizten nicht zu einer fremden Besiedlung und blieben ein Refugium für kleine, abgedrängte Volksgruppen, wenn nicht besondere Verhältnisse vorlagen.

Nun war dieses letzte Jahrtausend v.Chr. an sich schon eine unruhige Zeit, und der Erzreichtum des Harzes mußte sich ja langsam herumgesprochen haben. Besonders begehrt war in dieser Zeit als neuer Werkstoff das Eisen. Die ersten seßhaften, urnenfelderzeitlichen Bewohner des Gipsfelsens standen kulturell der lausitzisch beeinflußten Saale-Unstrut-Gruppe Nordtühringens nahe. Bei der Wahl des Wohnsitzes muß schon das Schutzbedürfnis alle mit einer solchen Wohnlage verbundenen Schwierigkeiten überwogen haben. Auch wenn Befestigungen aus dieser Zeit nicht gefunden wurden, blieb die Sicherheitsfrage auch für die späteren Bewohner des Felsens bestimmend. Sie erhielt durch die mehrfachen Zerstörungen der Burg ein immer stärkeres Gewicht. Man denke nur an den ungeheuren Arbeitsaufwand beim Bau des Mittelwalles (Grabung Schlüter). So ist die Frage berechtigt, warum man die mit dem Aufenthalt an dieser Stelle verbundenen Gefahren und Schwierigkeiten immer wieder auf sich nahm.

Die Frage nach den Gründen für die Platzwahl der Oppida überhaupt hat auch die Wissenschaft beschäftigt. Schlette berichtet über eine räumlich allerdings beschränkte Untersuchung dieser Frage im Rhein-Mosel-Gebiet, bei der man feststellte, daß sich fast 90% solcher Anlagen in der Nähe von Bodenschätzen befanden, wobei Eisenerz allein mit 63% vertreten war. Wenn dieses Ergebnis auch noch nicht verallgemeinert werden kann, so bleibt doch der Hinweis auf überwiegend wirtschaftliche Gründe für den Bau solcher Burgen bestehen, wobei ihr rein defensiver Charakter betont werden muß.

Kann man diese Ergebnisse auf die Pipinsburg übertragen? Die Tatsachen sprechen zweifellos dafür. Geologisch gab es 3 Möglichkeiten für Erzbildung am Harzrande. An den in SW-NO verlaufenden Diabaszügen, die bei Osterode und Lasfelde beginnen, ist Eisenerz abgelagert worden. Die bis zur Stillegung der Gruben geförderte Menge wird auf 2, die noch vorhandene auf über 3 Millionen Tonnen geschätzt. Die Diasabzüge werden von Randstörungen des Granitaufstieges gekreuzt, die SO- NW verlaufen. Die in ihnen bei uns in geringerer Menge abgelagerten Bunterze mögen in ihren Zenientationszonen den bescheidenen Bedarf an Kupfer gedeckt haben. Eine weitere Möglichkeit entstand in der Zechsteinzeit durch die Ablagerung von Kupferschiefer. Die Voraussetzungen für den Bergbau waren also gegeben. Die andere Frage ist die nach den Bedingungen dafür. Im allgemeinen nimmt man an, daß fingen die Merkmale frühen Erzabbaues seien. Für die Anfänge braucht das nicht unbedingt zuzutreffen. Die Umgegend der Burg liefert den Beweis. Im Umkreis von 8 Kilometer Luftlinie liegen 5 Schürfstellen, ausgedehnte flache Eintiefungen im Gelände. Der Ausdruck Tagebau wäre nach heutigen Vorstellungen irreführend, da es sich meist um Eintiefungen von 1-2m handelt. Dazu zählen: Der Südhang des Bremketales bei Freiheit (Eisen), der Nordteil des Schönenberges (vermutlich Kupfer), der Berghang östlich Heiligenstock (Eisen), der Bergrücken südlich Buntenbock (Eisen) und der Kupferbleek im Tal der Kleinen Steinau (Kupfer). Der Name "Schieferecke" auf Grauwacke deutet auf Kupferschiefer. Eine primitive Kupferschmelzstelle neben einem größeren Schlackenplatz bestätigt eine frühe Nutzung. Das Röddental, nur 3 Kilometer von der Burg entfernt, dürfte die ergiebigste Stelle gewesen sein. Da hier Abbauversuche bis in die Neuzeit vorgenommen wurden, dürfte gerade hier die Suche nach dem "Alten Mann" vergeblich sein. Außerdem wurde beobachtet, daß alte Schlackenplätze wieder unter Wald liegen können.

Die Aufzählung von Möglichkeiten zur Erzgewinnung für die Pipinsburg will deutlich machen; daß, grob ausgedrückt, die Erze fast vor der Haustür lagen und man sie nur aufzulesen brauchte, wenn man eine noch frühere Nutzung ausschließt. Wenn man sich die Fundhinweise in der Burg selbst noch einmal vergegenwärtigt, wie Rohprodukte von Kupfer und Eisen, eine Grußform und eine Verhüttungsstelle neben der Burg, dürfte für den Grund ihres Bestehens kein Zweifel mehr aufkommen. Die Lage der Burg an alten Straßen, die sich hier kreuzten, begünstigte den Absatz von Überschußprodukten und erklärt zugleich ihre weitreichenden Handelsbeziehungen.

Wer nun bei diesen günstigen Vorbedingungen von den Grabungsergebnissen enttäuscht sein sollte, weil weder Paläste noch Fürstengräber mit reichen Schätzen entdeckt wurden, mag aufgrund der Untersuchungen bedenken, daß die jeweiligen Siedlungszeiten kaum 3 Generationen überschritten haben können. Jeder Neuanfang lebte unter den beschränkten Verhältnissen von Pionierzeiten, in denen Luxus stets an letzter Stelle hinter den Lebensnotwendigkeiten stand, wie Wohnung, Nahrung und Schutz vor Feinden; denn die Anhäufung von Metallen in der Burg lockte auch Räuber an. Trotz aller Dürftigkeit haben wir nach den Befunden der Grabungsstellen II und III guten Grund, von einem gehobenen sozialen Stand gegenüber den sonstigen Wohnungen im Burgbereich zu sprechen. Eine solche Küche konnte sich nach Raum und Ausstattung keine Handwerkerfamilie leisten. Es muß also auf der Burg mindestens in der letzten vorchristlichen Periode eine Herrenschicht gegeben haben, die aufgrund einer gewissen Machtstellung führend war, während die übrigen Bewohner anscheinend handwerkliche Berufe ausgeübt haben. Ein Teil wird aber auch in den Vorbergen des Harzes mit Köhlerei und Verhüttung der Erze beschäftigt gewesen sein. Darin dürfte auch die Ursache für die erfolgreichen Überfälle auf die Burg zu suchen sein. Der Gegner brauchte nur einen günstigen Zeitpunkt abzuwarten, und der jeweilige Ausbau der Wälle beschränkte sich meistens auf die besonders gefährdeten Stellen.
 

Wo blieben die zur Burg gehörenden Gräber?

Das war eine während der Grabungen oft erörterte Frage; denn gemessen an der Siedlungszeit hätte es Hunderte von Gräbern geben müssen. Aber die Suche danach blieb aus mehreren Gründen vergeblich. Eine Wiederholung der in Heft 35/1979 des HVG dargestellten Beobachtungen ist aus Platzgründen nicht möglich. Deshalb sollen nur noch einige Ergänzungen zu diesem Thema gegeben werden. Es war von Beginn der Grabungen an klar, daß man sich hier auf Überraschungen einstellen mußte, nachdem sich bei Keramik und Schmuck eine gewisse Eigenständigkeit der Bevökerung gezeigt hatt. Man sollte deshalb auch nicht mit vorgefaßten Meinungen an die Gräberfrage herangehen oder sich durch Einzelfälle (ein latènezeitliches Körpergrab in der Einhornhohle bei Scharzfeld) ablenken lassen. Bestimmend konnte nur die Grundlinie innerhalb von Entwicklungstendenzen sein. Wir finden sie bei Dr. Schlüter, indem er unsere Gegend bezüglich der Grabsitten der frühen Eisenzeit in eine Zone von beigabenlosen Brandbestattungen im Bergland südlich des Harzes bis zur Werra hin hineinstellt. Aus unseren Erfahrungen können wir hinzufügen, daß es sich bei uns um flache Brandgräber handelt, und daß die Leichenverbrennung, seit der Urnenfelderzeit (Hattorf) nachgewiesen, bleibt sich anscheinend über das Ende der früheisenzeitlichen Pipinsburg hinaus bis in die römische Kaiserzeit (Urnengräber bei Badenhausen/Posthof, 3. Jh. n.Chr., denen Dr. Niguet mitteldeutschen Einfluß zuschrieb) fortgesetzt hat. Zwar war man dort wieder zu Urnen übergegangen. Sie lagen wieder flach im Boden, und in der einen z. T. erhaltenen Urne enthielt der Leichenbrand keine Beigaben. Dieses Festhalten an einer Sitte, die die letzten Geheimnisse menschlichen Lebens berührt und dabei trotz mehrfachen Kulturwechsels noch über Jahrhunderte hinaus bleibt, sollte doch auch denjenigen zu denken geben, die auf der Pipinsburg immer noch Kelten vermuten. Vielmehr Wahrscheinlichkeit besteht für die Annahme einer Substratbevölkerung, in das Bergland abgedrängter Volksteile, die sich zwar den Veränderungen in ihrer Umwelt nicht ganz entziehen konnten, aber in den Grundfragen des Lebens an der Tradition festhielten. Die Annahme, daß die früheisenzeitlichen Gräber der Pipinsburg wahrscheinlich erst in unserem Jahrhundert zerstört wurden, bezieht sich auf einschneidende Änderungen in der Landwirtschaft. Nach langjährigen Fundbeobachtungen muß der Friedhof auf dem Höhenrücken südlich der Burg 150-200m lang gewesen sein. Für die GrabsteIlen wurde anscheinend Lößboden bevorzugt, aber in trockenen, von Felsrippen durchzogenen Zonen, also Bodenflächen, die für frühen Ackerbau ungeeignet waren und dem als Weideland benutzten Allgemeinbesitz der Dörfer angehörten. Das Ende solcher Ländereien kam vor der Jahrhundertwende mit der Verkoppelung, der Neuordnung und -verteilung der Dorffluren, wobei auch das sogenannte Ödland in den Besitz der einzelnen Bauern überging. Mit dem Aufkommen neuer Maschinen und des Kunstdüngers wurden auch solche Teile der Feldfluren in Ackerland umgewandelt und alles, was dabei störend war, beseitigt. Als davon auch das an die Pipinsburg grenzende Trockengelände erfaßt wurde, müssen die Gräber noch kenntlich gewesen sein, sonst wäre ihre totale Vernichtung bis auf wenige Randlagen unverständlich.

Nach einer Bemerkung bei Gußmann scheint man die Gräber, vermutlich in den zwanziger Jahren, vorher untersucht zu haben. Die Enttäuschung der Ausgräber wird groß gewesen sein; denn außer Scherben, Kohlen und Asche enthielten sie nichts. Da die frühe Pipinsburg in dieser Zeit noch weitgehend unbekannt war, konnte auch die Keramik kaum etwas über das Alter der Gräber und die Volkszugehörigkeit der Bestatteten aussagen. Bei der Menge der Objekte schieden "Abfallgruben" aus. Man sprach deshalb einfach von "Brandgruben". - In dieser Zeit dürften auch die Gräber am Hellengrund und die Reste des Eisenschmelzofens bei der Burg beseitigt worden sein. Seine Reste zeichnen sich noch im Wegeschotter ab.
 

Überblick

Der verstärkte Gipsbedarf beim Wiederaufbau nach dem letzten Kriege griff auch nach der Pipinsburg. Der Abbau erschloß Einblicke in die geschichtliche Vergangenheit des Berges, die wegen ihrer Tiefenlage früheren Forschern verborgen geblieben waren. Diese einmalige und zugleich letzte Gelegenheit zur Erforschung ihrer Geheimnisse wurde ohne behördlichen Auftrag durch die Notbergungen in letzter Stunde wahrgenommen. Die Funde und Befunde aus diesen Arbeiten 1951/52, ergänzt durch frühere Einzelfunde wirkten bei ihrer Vorlage in Fachkreisen revolutionär, ebenso vor einer breiteren Öffentlichkeit anläßlich ihrer Ausstellung 1953 in Osterode und wenig später auf Fachtagungen von Wissenschaftlern. Sie versprachen ganz neue Einblicke in die Geschichte des südwestlichen Harzvorlandes v.Chr. und ermöglichten den Beginn wissenschaftlicher Grabungen schon 1953, finanziell getragen zunächst von Kreis und Stadt Osterode, später im wesentlichen durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Der Gipsabbau überschritt 1953 die geologisch bedingte Grenze zwischen der Mulde am Ostrande und dem inneren Hochplateau. Damit änderten sich die stratigraphischen Voraussetzungen für den Aufbau der Kulturschichten bei den späteren wissenschaftlichen Grabungen. Unsere Einblicke in siedlungsgeschichtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verhältnisse waren deshalb bei den wissenschaaftlichen Grabungen nicht in vollem Umfange wiederholbar und ergänzen das Gesamtbild der Burg. Auskunft über die wissenschaftlichen Arbeiten geben die Veröffentlichungen von Dr. Claus und Dr. Schlüter.

Für den Landkreis bewirkten die von der Pipinsburgforschung ausgehenden Impulse die Wiedereinrichtung der Kreispflege für Bodenfunde unter freiwilliger Mitarbeit eines größeren Interessentenkreises, die in ständiger Verbindung mit den amtlichen Stellen an der "Aufhellung der dunklen Jahrtausende" vor dem Mittelalter arbeitete. Der Kreispflege fielen dabei die Aufgaben zu, die bei den Grabungen im Burggelände nicht wahrgenommen werden konnten:

Verbreitung und Fundorte von Pipinsburgkeramik im Kreis festzuhalten, Arbeiten zur Feststellung einer frühen Erzverhüttung am südwestlichen Harzrande, die möglicherweise die Ursache für die Entstehung der früheisenzeitlichen Pipinsburg war und der Versuch, die bisher ungelöste Gräberfrage für diese Zeit an hand von rätselhaften Keramikfunden zu klären.

Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit auf beiden Ebenen in den letzten Jahrzehnten ist ein ganz neues Geschichtsbild des südwestlichen Harzvorlandes, das durch neue Forschungen ständig erweitert wird.

Der Bericht kann nicht ohne eine Würdigung der jahrelangen, intensiven Geländebeobachtungen im weiteren Umfeld der Pipinsburg durch freiwillige Mitarbeiter abgeschlossen werden. Der gegenwärtige, allgemeine Forschungsstand hätte ohne ihren gewissenhaften Einsatz nicht erreicht werden können.

Deshalb bleiben auch ihre Namen eng damit verbunden:

Baumann, Christian, Bad Lauterberg/Osterhagen; Binnewies, Werner, Osterode/Förste; Ernst, Willi, Osterode/Dorste; Nienstedt, Ernst, Osterode/Nienstedt; Reiff, Ekkehardt, für Hattorf und Umgebung; Reißner, Wilhelm, Bad Grund/Badenhausen; Ricken, Werner, Herzberg; Rögener, Heinrich, Herzberg/Scharzfeld; Schulte, Albert, Osterode; Wenig, Rudolf, Bad Grund/Eisdorf; Tosch, Ernst, Kalefeld/Willershausen.
Ihnen und denen, die unsere Arbeit sonst unterstützt haben, sei für ihre Mitarbeit herzlich gedankt.

Herrn Dr. M. Claus, Hannover, Landesarchäologe a.D., bin ich für die Durchsicht des Manuskriptes und für die Überlassung des benutzten Bildmaterials zu besonderem Dank verpflichtet.
 

Literaturhinweise
 
Anding, Edwin: Das Rätsel um die Gräber der frühen Eisenzeit im Kreis Osterode am Harz. Heimatblätter für den südwestlichen Harzrand, Heft 35/1979, 3.
Anding, Edwin: Madjareneinfall 924 auch im südwestlichen Harzvorland? Heimatblätter für den südwestlichen Harzrand, Heft 38/1982, 1.
Claus, Martin: Ausgrabungen auf der Pipinsburg bei Osterode am Harz. Ein Vorbericht über die Grabungskampagnen 1953-1956. Aus Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte. Nr. 26/1957, Verlag Lax, Hildesheim.
Claus, Martin: Archäologie im südwestlichen Harzvorland. Verlag August Lax, Hildesheim 1978.
Claus - Schlüter: Ausgrabungen in Deutschland. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz. I (1975) Teil I, Die Pipinsburg bei Osterode am Harz: Neue Forschungsergebnisse. Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, Band 36, S. 235.
Gußmann, Walter: Wald- und Siedlungsfläche Niedersachsens und angrenzender Gebiete etwa im 5. Jh. n.Chr., Verlag Lax, Hildesheim 1928.
Schlette, Friedrich: Kelten zwischen Alesia und Pergamon. Urania-Verlag, Leipzig, Jena, Berlin 1976.
Schlüter, Wolfgang: Die urgeschichtlichen Funde der Pipinsburg bei Osterode/Harz. Karl Wachholtz-Verlag, Neumünster 1975.
Wedemeyer, Th.: Notizen und Belege zu den Notbergungen 1951/52 auf der Pipinsburg bei Osterode am Harz. (Nicht veröffentlicht)