Bernd Herrmann:

Erste anthropologische Befunde aus der Lichtensteinhöhle bei Dorste

I.

Bei der gemeinsamen Befahrung der Höhle am 11. 4. 1980 wurden zahlreiche menschliche Skeletreste im neuen Teil der Höhle beobachtet (vgl. Höhlenplan).

Sämtliche Skeletteile wurden von uns unberührt in situ belassen. Die Stücke sind überwiegend in Gipssinter eingebettet bzw. von diesem überzogen. Es ist daher nur ein kursorischer Bericht über die Inaugenscheinnahme möglich.

Schädelfragment eines späten Infans I
(5 - 6 Jahre) mit teilweisem Gips - Sinterüberzug


 

Femora zweier Infans II - Kinder
mit total resp. teilweise erhaltenem Sinterüberzug


Insgesamt liegen in der Höhle (einschließlich der teilgeborgenen Individuen, vgl. II) zwischen 2 und 3 Dutzend Individuen. Wegen der Übersinterung und teilweiser Dislozierung (s. u.) ist eine genauere Angabe dem Grabungsbefund vorbehalten. Die Skelette befinden sich wenigstens in einzelnen Fällen sicher im anatomischen Verband.

Übersintertes Skelet in situ am 11.4.1980. Reproduktion vom Farbdia.
links: Schädel, in der Bildmitte das Becken
rechts unten die unteren Extremitäten


Es kommen Rückenlage wie offenbar gekrümmte seitliche Lage vor. Nach dem Augenschein überwiegen teilgestörte oder völlig dislozierte Verhältnisse. Wegen der beobachteten Skeletlagen ist zu erwägen, daß die Individuen

a) als Leichen niedergelegt wurden

b) oder die Individuen nach Einschließung in der Höhle verstarben (Seitenlage in gekrümmter Position als kompensatorische Maßnahme gegen zunehmende Auskühlung des Körpers vor dem Exitus).

Aussagen über Spuren etwaiger Gewaltanwendungen, die am Knochen imponieren, sind erst bei einer labormäßigen Bearbeitung der Fundstücke zu erwarten.

Belege für erwachsene Individuen sind zahlenmäßig gering, es überwiegen Präadulte der Stufen Infans II und frühe Juvenis. Diese eigentümliche Altersverteile mag Hinweise für die archäologische Interpretation geben. Gegen die Vermutung, die Individuen seien Opfer eines Unglücks (Verschüttung des Ausgangs) spricht aus meiner Sicht die Lage der Skeletreste entlang der Höhlenränder.

Von grundsätzlicher Bedeutung für die prähistorische Anthropologie ist - neben den offenkundigen Problemen, die sich aus einem derartig exzeptionellen Fund ergeben - die Auswirkung des speziellen Liegemilieu auf das Skeletmaterial. Wegen der guten archäologischen Datierungsmöglichkeiten und der annähernd konstanten Liegebedingungen bei bekannten bzw. meßbaren Milieuparametern, ist aus der Untersuchung der organischen wie anorganischen Knochenkomponenten Beantwortung zentraler Fragen der Dekompositionsforschung zu erwarten.

Querschnitt durch Gipssinter ummantelte Ulna,
34-fach: Knochen rechts, Sinter links


Während Teile des in Abb.1 wiedergegebenen Schädels, die keinen Sinterüberzug tragen, deutlich knochendestruierenden Liegezeitprozessen zum Opfer fielen, hat in dem hier dargestellten Beispiel die Gipssinterhülle der Ulna eine Dekomposition des Knochengewebes praktisch verhindert. Ob der Zwischenraum zwischen Sinterschicht und Knochenoberfläche durch Volumenabnahme des Knochens oder durch Kristallisationsphänomene des Sinters entstanden ist, bedarf der Klärung.


 II.

Bei der Aufwältigung der Engstellen, die schließlich zur Entdeckung des "Neuen Teils" der Höhle führte, wurden Skeletelemente aufgesammelt, die ich zur Begutachtung erhielt. Die Stücke befinden sich heute beim Landkreis Osterode am Harz.

Die mir zugeleiteten Skeleteile waren überwiegend von Gipsinter überzogen. Dieser sitzt der Knochenoberfläche zum Teil fest, in anderen Fällen lose und verschiebbar auf. Zur Bewahrung des Erscheinungsbildes wurden die Fundstücke in ihrem Zustande belassen, es erfolgte auch keine Reinigung. Da es sich um unsystematisch geborgene Stücke handelt, kann hier nur ein Katalog der identifizierbaren Skeletelemente wiedergegeben werden. Fragen der Individuenzahl, der Alters- und Geschlechtsverteilung lassen sich erst nach Auswertung der noch in der Höhle liegenden Skelete bzw. Skeletreste beantworten.
 

Katalog der geborgenen Stücke


Schädel
1. Juvenile Kalotte: Stirnbein mit angeschlossenen Teilen beider Scheitelbeine.

2. Bruchstücke eines juvenilen Schädels: Fragmente des rechten Frontale und Parietale, rechtes Temporale, rechte Maxilla und Jochbein; Unterkiefer nach Zahnstatus ca.13 Jahre.

3. Bruchstück eines kindlichen Gesichts- und Gehirnschädels, Obergesicht und Teile des Frontale, mit metopischer Naht. Nach Zahnstatus etwa 7jährig.

4. Kalottenfragment: linkes Frontale und Parietalbruchstück, dem Reifegrad nach Infans II.

5. Unterkiefer mit Zähnen; nach Zahnstatus 10-12 Jahre.
Gesichtsschädel eines etwa 5jährigen;
Unterkiefer eines etwa 7jährigen.
Dauerzähne aus dem Frontzahnbereich eines weiteren juvenilen Gebisses.
Postkraniales Skelet
- 3 zweite Halswirbel, infantil bis juvenil
- 10 Brust und Lendenwirbel, infantil bis jugendlich.10 Hrust und Lendenwirbel, infantil bis jugendlich.
In allen Fällen lag das Individualalter mindestens über sechs Jahre. Ein Sakralwirbelelement infantil bis juvenil.

- diverse Rippen, präadult;

- 2 rechte Scapulae, fortgeschrittenes Infans II bis frühjuvenil;

- 4 Humerusfragmente:

ein rechtes ohne proximale Drittel, frühes Infans II.; ein rechter Humerus ohne Epiphysen, früh- bis mitteljuvenil;

ein distales Drittel, juvenil;

eine linke proximale Epiphyse juvenil;

- rechte und linke Ulna eines späten Infans II-Kindes;

- drei rechte Ulnae: eine spätes Infans II; zwei juvenil; eine linke Ulna ohne Epiphysen, dem Reifegrad nach fortgeschritten juvenil.

- ein rechter Radius: Infans II;

- ein linker Radius: juvenil.

- drei Hüftbeine(zwei rechte, ein linkes): Infans II;

ein rechtes Sitzbein: Infans II;

- vier rechte Femora: zwei Infans II, zwei spätes Infans II bis frühjuvenil; - drei rechte Tibien: zwei Infans II, eine spätes Infans II;

eine rechte Tibia: Infans I bis II.

- eine rechte Tibia und eine Fibula vom Erwachsenen;

- zwei Fußwurzelknochen von Infans-II-Individuen (Cuboid, Metatarsale.)

Spuren stumpfer oder scharfer Gewalt waren an den Skeletteilen nicht zu beachten.