Von dem Hochstädtischen See und der darauff schwimmenden Insel 
Von dem Hochstädtischen See und der darauff schwimmenden Insel.

In dem benachbarten Königlichen Preußischen und Chur-Fürstlichen Brandenburgischen Ambt Clettenberg lieget gegen den untern Vor-Hartz zu eine Meile von hier bei dem Dorff Hochstädt oben auff dem Berge fast gegen der Flarch-Mühle über ein sehr grosser und wässeriger Erd-Fall, welchen die daran gräntzende Einwohner insgemein den See oder das See-Loch nennen, wovon Herr Conradus Dunckelberg, hiesiger Schulen wohlverdienter und treufleißiger Rector im 1696sten Jahr den 21. Julii ein gelehrtes Programma bei denen damahls gehaltenen Schul-Reden an den Tag gegeben, und damit gelehrte curieuse Personen überaus vergnüget hat; weilen aber dasselbe nicht in allen Händen ist, auch nicht von jedermann, der Lateinischen Sprache wegen, verstanden wird, will ich eines und das andere daraus ziehen, und verdeutschet hieher setzen mit demjenigen, was mir ausser diesem von des Ortes Beschaffenheit bekannt ist. Melde derohalben: daß sich dieser wässerige Erd-Fall zwischen denen Hochstädtischen Frucht-Feldern auff einem glatten und mit keinerlei Art Bäumen oder Sträuchen bewachsenen Berge befinde; die Gestalt desselben kömmet fast mit einem Kelche oder andern oben weiten und unten engen Trinck-Geschirr überein, massen der Umkreis des Ober-Theils 160 Meß-Ruthen in sich hält, da hingegen der Umgang unten bei dem Wasser nur 112 Ruthen lang ist, wie denn auch der Diameter oder Durch-Schnitt der obern Peripheriæ oder Umkreises 51 Ruthen, des untern Umganges aber nicht mehr als 36 Ruthen austräget; die Tieffe dieses Erd-Falls machet von oben biß auff das Wasser hinunter 11 Ruthen, der See aber an sich selbst ist an dem Ort, wo derselbe am tieffsten ist, bei 12 Klaffter oder 36 Ellen tieff, wie solches diejenigen Fischer bezeugen, welche solche Tieffe mit einem Senck-Blei erforschet haben. Vormahls gab es sehr grosse Hechte darinnen, anjetzo aber sind solche und andere Fische daselbst sehr rar. Es berichten die Einwohner derer benachbarten Oerter von dem Ursprung dieses Erd-Falles, wie sie von ihren Eltern gehöret hätten: daß in vorigen Zeiten an der Stelle, wo anjetzo der See sich befindet, ein feuchter grasichter Platz gewesen sei, und die Pferde darauff gehütet worden; Als nun einesmahls etliche Pferde-Jungen die Pferde darauff zur Weide gebracht, und gesehen hätten, daß einer unter ihnen weiß Brodt esse, wäre ihnen auch ein Appetit, davon zu geniessen, ankommen, derowegen sie dasselbe von dem Jungen hefftig begehret, wie aber derselbe solches gäntzlich abgeschlagen, und fürgewendet, daß er dieses Brodt zu Stillung seines Hungers selber nothwendig bedürffe, wären gemeldete Jungen so unwillig und erbittert darauf worden, daß sie nicht allein ihren Herren alles Unglück an den Hals gefluchet, als die ihnen nicht dergleichen weiß Brodt, sondern nur gemeines schwartzes Haus-backen Brodt, zur Speise mitgegeben, sondern sie hätten auch ihr Brodt, aus grossem Zorn und Frevel, auf die Erde geworffen, mit Füssen getreten, und mit ihren Pferde-Peitschen gegeisselt; als aber darauff alsobald Blut aus dem Brodte geflossen, wären sie über solches Wunder und Zeichen eines bevorstehenden Unglücks dermassen erschrocken, daß sie nicht gewust, wohin sie sich wenden, und was sie anfangen sollen; unterdessen sei hingegen der Unschuldige, sonderlich da derselbe, wie einige erzehlen, von einem alten unbekannten ohngefehr darzu kommenden Mann gewarnet worden, auff eines seiner Pferde gefallen, und mit diesem, auch denen andern übrigen, dem großen Unglück entflohen, welchem zwar die Bösewichter nach folgen wollen, hätten aber nicht von der Stelle kommen können, wie denn auch bald hernach der gantze Platz, so bald der vorige davon gewesen, mit grossem Krachen untergangen, und solche böse Buben samt ihren Pferden mit sich so tieff hinunter genommen habe, daß auch nach der Zeit nicht das Geringste von ihnen an das Tages-Licht kommen sei. Dieses sind nun die Gedancken des gemeinen Mannes, welche er von dem See hat, und solte derselbe eher einen Eid schweren, als zugeben, daß derselbe auff eine andere als jetzt gemeldete Art könte entstanden sein; woferne nun solche Tradition sich wahrhafftig also in der That verhielte, als dieselbe erzehlet wird, so wäre es ein sonderliches und erbärmliches Exempel der von GOtt höchlich bestrafften Uppigkeit und Verachtung des lieben, ob schon schwartzen, Brodts. Dem sei nun wie ihm wolle, so stecket doch unter solcher Tradition ein feines morale oder eine herrliche Sitten-Lehre, massen die lieben Alten damit haben anzeigen wollen, daß man insgemein das liebe Brodt, wenn es auch noch so geringe, nicht verachten solle, insonderheit aber ist dem gemeiniglich unvergnügtem Gesinde damit eine heimliche Lection gegeben worden, daß sie mit demjenigen Brodt vor lieb nehmen sollen, welches ihnen ihre Herren und Frauen, ihrem Vermögen nach, zur Speise darreichen. Sonst befindet sich auch auff dieser See eine Besehens-würdige Insel, welche aber nicht mehr so groß ist, als sie vor diesem gewesen, und noch vor zwantzig Jahren war, da ich dieselbe mit Juncker Jost Adolph von Tastungen, Erb- und Gerichts-Herrn auff Grossenwechsungen etc. als meinem damahligen Schul-Gesellen öffters besuchete; Die Ursach dessen ist der Donner, welcher ein ziemliches Stück davon abgeschlagen hat, welches theils untergesuncken ist, theils aber noch Stückweise auff dem See herum schwimmet, dahero sie auch ihre vorige Gestalt verlohren hat, denn da sie vorhero wie ein Krantz rund gewesen, siehet sie nunmehro wie der Mond aus zu der Zeit, wenn derselbe am Himmel mit zwei Hörnern, oder wie eine Sichel, krumm erscheinet. Der Durchschnitt dieser ziemlich ruinirten Insel ist 14 Meß-Ruthen lang, und ist dieselbe an dem Orte, wo sie sich am breitesten befindet, 4 Ruthen breit. Der Boden derselben ist mosicht, sumpfficht, und von denen Wurtzeln derer darauff befindlichen Stauden- und andern Gewächse ziemlicher massen zusammen gewachsen, wie denn auch dieselbe vermöge derer durch den Boden gehenden Wurtzeln, bald hier bald dar mit einem Theil nicht weit vom Rande der See, allwo das Wasser nicht sehr tieff ist, sich angehenget hat, nachdem sie zu Zeiten durch die Gewalt des Windes von einem Ort abgerissen, und wieder an einem andern angetrieben worden; massen die Erfahrung bezeuget, daß sich diese Insel nicht allezeit an dem Orte befunden habe, wo solche anjetzo zum Theil feste sitzet, das Stauden- und Kräuter-Werck aber, so es vor diesem darauff gegeben, ist nicht alle mehr darauff anzutreffen, wie ich künfftig, wenn mir GOtt das Leben ferner gönnet, in meinem unter Händen habenden Hartzischen Kräuter-Buche an gehörigen Orten erinnern werde.