Von dem Nordhausischen Feld-Wasser, die Zorge genannt.

Ob es schon an und auff dem Hartz keine berühmte Schiffreiche Flüsse giebet, so trifft man doch daselbst etliche an, worbei unterschiedene merck-würdige Sachen sich befinden. Unter diesen Hartz-Flüssen ist, meines Erachtens, wohl der fürnehmste, so allhier insgemein das Feld-Wasser, von etlichen aber, sonderlich dem Eckstormio in seiner Walckenriedter Chronica, die Zorge genennet wird; weilen derselbe in dem Vor-Hartze nicht weit von dem Wegen derer Eisen-Hütten bekannten Hartz-Flecken, die Zorga genannt, entspringet. Dieser Fluß lauffet von dar insonderheit die Stadt Ellrich und das Dorff Waffleben vorbei, und wird unter Weges von etlichen andern Flüssen, als die kalte Weyde und dergleichen, vermehret. Wenn nun derselbe unter den Kohnstein bei E.E. Rahts Kalck-Hütte kömmet, wird er der Ditfurt geheissen, welches, einiger Meinung nach, so viel, als disseits des Furts, bedeuten soll. Ferner fliesset derselbe das eine gute Viertel Meile von hier gelegene Dorff Grimbderode, oder Krimderode, fürüber, unter welchem man ein Theil davon bei dem anmuthigen Orte, unter denen Erlen genannt, zur lincken Hand in einen Graben nach Nordhausen leitet, und denselben alsdenn den Mühlen-Graben nennet, weilen er, ohne den Zehnt-Hammer und zwei Wasser-Künste, nicht allein eine Papier-Mühle und unterschiedene Gerber-Loh- und Oel-Mühlen, sondern auch sieben Mahl-Mühlen treibet. Der andere Theil fället bei denen vor gemeldeten Erlen zur rechten Hand in das Feld, und wird anfänglich die Grimme, oder Krimme, davon obgedachtes Dorff den Nahmen haben soll, nachgehends aber das Feld-Wasser genennet, welches unter Nordhausen, nicht weit von dem auff dem Bielen-Rasen gelegenen Zehnt-Hammer, sich wieder mit dem Wasser des durch die Stadt gehenden Mühl-Graben vereiniget, von dar solcher endlich bei der Hoch-Gräfflichen Schwartzburgischen Stadt Heringen in die Helm, und mit derselben durch die güldene Au in die Unstrut fället. An Fisch-Werck hat die Zorge keinen Mangel, sonderlich ober- und unterhalb Nordhausen, da es sonderlich schöne Forellen, Aschen und Schmerlinge giebet, dazwischen aber trifft man anjetzo nicht gar viel davon an, weilen solches daselbst nicht geheget, sondern einem jeden Bürger, darinnen durch das gantze Jahr zu fischen, zugelassen wird. Vor diesem aber hat man auch alhier schöne Forellen gefunden, massen dasselbe die zwei zu Raht-Hause alhier abgemahlte und in diesem Feld-Wasser vormahls gefangene grosse Forellen bezeugen, als wovon die eine 15 und ein halb Pfund gewogen hat, wie an dem vor besagten Gemählde zu ersehen ist. Gleicher Gestalt sind vor gedachte Fische in dem Mühl-Graben so häuffig nicht, weilen sie auch darinnen von der Bürgerschafft nicht geschonet werden, wiewohl zu Zeiten auch mit denen Heslingen eine und andere feine Forelle ertappet wird. Sonst ergiesset sich die Zorge, sonderlich im Frühling und Herbst, durch die von denen Hartz-Bergen, in dieselbe fallende Schnee- und Regen-Wasser offtmahls also, als ob dieselbe Schiff-reich wäre, und thut alsdenn nicht allein grossen Schaden an Brücken, Stegen, Wasser-Wehren, Ländereien und andern Sachen, sondern bringet auch fast jährlich manchen Menschen um das Leben, wovon ein erbärmlich Exempel Herr Ericus Christoph. Bohne, E.E. Rahts dieser Stadt Vier- und Bau-Herr etc. als mein Special-guter Freund, in seiner an noch geschriebenen Nordhausischen Chronica Cap. 1 mit folgenden Worten anführet: Indem ich der Kirche des Hospitals S. Cyriacy, sonst S. Cyliax genannt, so allernechst bei der Zorge A. 1689 im Mertz-Monat eingerissenen vormahligen 6 Jochichten steinern, nunmehro aber auff eine andere Art wieder über dieses Wasser gebaueten Brücke lieget, erwehne, muß ich letzlich noch dieses gedencken: Es sind an derselben Kirch-Mauer acht Creutze von rothen sandigten Steinen, so durch das Zeit-Alter nunmehro gelbe worden, zu befinden, welche vielleicht nicht ein jeder so genau betrachtet hat; Oben in der Höhe unter dem Kirch-Schiefer-Dache kniet ein Priester in seinem Priester-Rocke, den Kelch in der Hand gen Himmel haltend, fragt sich, was solches bedeute? Hierauff dienet zur Antwort: Es ist einst in vorigen Zeiten des Papstthums, gleich als der Priester, vor dem Altar stehend, seinen Eingepfarreten, welche damahls als Communicanten um den Altar herum gangen, das Heilige Nacht-Mahl gereichet, ein starck sausend- und brausendes Donner-Wetter, darauff ein hefftiger Wolcken-Bruch, und daraus eine grosse und ungeheure Wasser-Fluth entstanden, welche den Priester samt denen Communicanten und Gebäuden mit sich hinweg geführet, deswegen zu stetem Andencken und Erinnerung allen Vorübergehenden diese Creutze an bemeldter Kirche, nach Anzahl derer Personen, so viel ihrer ersoffen, eingemauret, jetzo noch zu ersehen; Die Kirch-Glocken hat man etliche Wochen hernach, nach vergangenen Fluthen, welche dieselbe hinfort getrieben, so durch eine Saue ausgewühlet und ausgegraben worden, in dem Erd-Moraste wieder gefunden, daher derselben Länderei-Gegend, die Sau-Grube genannt, annoch soll den Nahmen haben, wie Herr Bürgermeister Augustus Sigismund Wilde, Erbsaß auff Bischofferode Seeliger, als viel Jahr gewesener Vorsteher dieses Hospitals, mir seinem damahligen Collegen umständlich alles erzehlet hat. Ohnerachtet nun die Zorge also zu gewissen vorbesagten Zeiten mit ihrer Fluht wütet und tobet, so wird man doch mitten im trocknen Sommer entweder ein weniges oder gar kein Wasser davon, ausser demjenigen, was in dem Mühl-Graben vorhanden, antreffen, es sei denn, daß solches von einem hefftigen Platz-Regen und Wolcken-Bruch in einem Donner-Wetter entstehe. Dieserwegen ist es keine unmügliche Sache, wenn einige hiesiges Orts entweder aus Schertz oder aus Ernst vorgeben: wie sich einesmahls in der Fremde zwei reisende Handwercks-Bursche, dieses Wassers wegen, sich hefftig gezancket und geschlagen hätten, indem der eine vorgegeben habe, als ob ein Schiffreich Wasser bei Nordhausen wäre, welches er mit seinen Augen gesehen habe; der andere aber hätte behaupten wollen, daß dem nicht so sei, weilen solches von ihm daselbst nicht gefunden worden. Als aber zu diesem Streite der dritte Mann kommen, der um die Beschaffenheit dieses Wassers gute Wissenschafft gehabt, und beide gefraget, zu welcher Zeit sie zu Nordhausen gewesen wären? habe er aus der Antwort vernommen, wie solches zu unterschiedenen Zeiten geschehen sei, indem der eine zur Fasten- der andere aber zur Erndte-Zeit sich daselbst auffgehalten: worauff von diesem Schieds-Manne der Streit bald beigeleget, und ihnen die Ursach angezeiget worden; warum sie beide Recht hätten.