Von dem bei Blanckenburg gelegenen wüsten Schlosse, Alten-Reinstein genannt.

Dieses uhralte und zerstöhrte Schloß lieget vor dem Unter-Hartz, eine kleine halbe Meile von Blanckenburg auff einem ziemlich hohen Felsen, und hat seinen Nahmen von dem Reinen weissen Felsen-Stein, darinnen es gebauet, bekommen. Es ist dasselbe wohl ein wunderliches Gebäu, indem darinnen alles, ausser dem etwas nunmehro verfallenen Thurm, und fast alle Gemächer, vornehmlich aber Küche, Keller, Kirche, Saal, Pferde-Ställe und dergleichen mehr in dem Stein-Fels ausgehauen worden, massen man in dem Schlosse nichts anders als lauter Stein um und neben sich antrifft, denn im Eingange zur rechten Hand sind etliche Ställe von klahrem weissem Felsen, und haben einige derselben oben Kammern, die im Felsen, vermöge unterschiedlicher Thüren zusammen gehen. Von hier steiget man auff lauter Felsen etwas höher hinauff zu einem breiten Stein-Felsen, dabei zur lincken Hand ein in den Felsen gehauener Graben ist. Nicht weit hiervon sind die Rudera der rechten Schloß-Wohnung vorhanden, in welches durch den Felsen ein Thor-Weg durch gebrochen worden. Zur lincken Seite hinterwerts ist ein ziemliches in Felsen gehauenes Gewölbe anzutreffen, welches, derer Führer Aussage nach, die Kirche soll gewesen sein, worbei auch noch einige in Felsen verfertigte Gemächer gewiesen werden. Wenn man nun durch die vor gedachte steinerne Durch-Fahrt wieder ausgehet, und noch höher auff den Felsen hinauff steiget, gelanget man oben auff das Schloß, und dessen Tach, so von keinem Holtz-Werck gemachet, sondern nichts anders als der blosse Stein-Fels ist, hierauff kan man herum gehen, und bei gutem Wetter sich weit und breit umsehen, zur Rechten aber stehet hart am Schlosse der anfänglich gemeldete Thurm, so von Back- oder Brannt-Steinen auffgemauert ist. Ferner siehet man gantz oben auff der Höhe nach der Quedlinburger Strasse zu, welche unten bei dem Schloß vorbei gehet, ein von Erde nach der alten Fortifications-Art auffgeworffenes Voll-Werck, und ist an der Seite des Schlosses, wo es vonnöthen, und der Felsen nicht stickel genug gewesen, der Natur, zu mehrer Befestigung dieses Orts, mit etwas Mauer-Werck geholffen worden. Von dieser Höhe gehet man auff lauter Felsen wieder herunter, und kömmet auff der Seite gegen Blanckenburg zu bei einem ziemlich hohen felsigten Wall und Graben, und sind in den Wall Stuffen gehauen, auff welchen man in den untern Schloß-Platz hinunter steigen kan; weiter hinunter stehet ein Fels gantz alleine, darinnen eine Höle oder Kammer ist, welche die Führer das Huren-Haus nennen, weilen, ihren Gedancken nach, vor Zeiten die Räuber hierinn mit denen geraubeten Frauen-Volck sollen Unzucht getrieben haben. Endlich sind noch tieffer hinab auff dieser Seiten, wie auch nach Wernigerode zu, lauter hohe und stickele Stein-Felsen vorhanden. Hieraus kan nun ein jeder ersehen, wie dieses Schloß, theils von der Natur, theils von der Kunst, sehr feste gemachet worden, und ist leichtlich daraus zu muthmassen, daß solches auch eine überaus grosse Arbeit und unsägliche Unkosten erfodert habe, ehe es zur Perfection kommen sei. Es soll aber dieses Schloß von einem Grafen von Reinstein, dessen Stamm nunmehro gäntzlich abgestorben, erbauet, und von dem letzten dieses Nahmens eine geraume Zeit als ein Raub-Schloß gebrauchet worden sein. Weilen man nun demselben, in diesen Vor-Zeiten fast unüberwindlichen Orte mit Gewalt nichts hat anhaben und dessen Rauberei verhindern können, so haben die Benachbarte, denen der Graff mit Rauben grossen Schaden zugefüget, solches endlich mit List versuchet und dadurch auch das Schloß glücklich einbekommen; denn als sie Kundschafft erhalten, daß der Graff gern weisse weiche Käse esse, und solche bei denen Bauer-Weibern bestellet habe, sind dergleichen Käse von etlichen bewehrten, und wie Bauer-Frauen angekleideten, Soldaten in der Frühe vor das Schloß gebracht, bei dem Einlassen die Wache im Thore nie der gemachet, und also, mit Hülffe des hernach dringenden Volcks, dieses Raub-Schloß zerstöhret worden, den Graffen aber haben seine Mägde noch errettet, indem sie denselben in etliche Betten eingenähet, und oben im Schloß durch ein Loch welches nach der Quedlinburger Strasse gehet, mit einem Seile hinab gelassen, da er mit einem bei sich habenden Messer die Betten auffgeschnitten, und sich zu Fusse davon gemacht. Sonst schallet es in denen aus Stein gehauenen Gemächern des Schlosses überaus sehr, massen ein darinnen loß geschossenes Rohr einen solchen Knall verursachet, als wenn ein Stück darinnen wäre abgebrennet worden. Ueber das trifft man auch auff dem Schlosse ein schönes Echo an, indem ein Schuß von einem Gewehr von unterschiedenen Orten her einen starcken und vielfachen Wieder-Schall giebet. Endlich ist daselbst unter andern auch ein Loch vorhanden, welches mit allerhand kleinen Steinen, die nicht auff dem Berge, sondern nur in der Ebene gefunden werden, angefüllet ist, und wollen die Führer vor gewiß berichten: daß solche Steine von denen bösen Geistern hieher gebracht würden, denn wenn man dieselbe heraus nehme und hinweg trage, so kämen doch alsobald wieder andere hinein, ja auch offtmahls diejenigen, welche man heraus genommen hätte. Es werden auch von ihnen viele Abentheuer erzehlet, so sich bei diesem Loche sollen zugetragen haben mit denjenigen, welche sich erkühnet, freventlicher Weise etwas darbei vorzunehmen.