Ein neuentdecktes Gerölldepot über dem Portal
der Jettenhöhle im Südharz

Von F. Vladi (Osterode am Harz)

Über den Gipskarst des Naturschutzgebietes Hainholz bei Düna (Südharz/BRD) wurde schon mehrfach berichtet; Anlaß dafür war zum Teil der noch immer nicht ausgestandene Rechtsstreit Naturschutz kontra Gipssteingewinnung.

Die Relikte der ur- und frühgeschichtlichen Besiedlung dieses morphologisch und hydrogeologisch so vielgestaltigen Gipskarstgebietes kommen erst allmählich und seit wenigen Jahren an den Tag. Die J e t t e n h ö h l e (Abb. 3) als größte Höhle des Gebietes war in der späten La-Tène-Zeit (um Christi Geburt) besiedelt oder doch von einer am Rande des Gipsmassivs siedelnden bäuerlichen Gruppe gelegentlich genutzt oder aufgesucht worden. Es fand sich im Höhlenversturz
(K E M P E et. al. 1975) eine Aschenschicht mit Küchenabfällen, rohen Topfscherben, einer Bronzefibel und Herdsteinen aus Grauwacke. Die für den Südwestharz bislang nur an dieser Stelle nachweisbare Bindung frühgeschichtlicher und späterer Siedlungstätigkeit an den Karst (Höhlen und Unterschlupfe; nicht frierende und versiegende Karstgewässer; Teiche) trägt zu der sehr hohen Schutzwürdigkeit des Geländes bei.


Abb. 1: Portal der Jettenhöhle

Gelegentlich einer Neuerfassung des siedlungsgeschichtlichen und möglicherweise prähistorischen Inventars des Gebietes durch das Niedersächsische Landesverwaltungsamt, Institut für Denkmalpflege, fand Klaus G R O T E unmittelbar über dem Portal der Jettenhöhle ein Gerölldepot. Die Jettenhöhle mündet mit ihrem bald 10 m breiten und 4 m hohen Portal flach unter die Hochfläche des G ipsmassivs nach Westen an den Massivrand und 10 m über der Talsohle aus (Abb. 1). Über dem wulstförmig felsumkragten Mundloch ist die Gipsoberfläche in kleine Karsttaschen (Schlotten) aufgelöst, die mit sandigen und oben humosen Restkarbonaten („Mergeln“) randvoll gefüllt sind (Abb. 2).

Zwei sehr kleine solcher Schlotten, unmittelbar über dem Portal der Höhle, erwiesen sich als angefüllt mit Geröllen. Es sind ausgewählte faust- bis kartoffelgroße Grauwacke-, Quarzit- und Kieselschiefergerölle, wie sie in der Niederterrasse des 3 km entfernt gelegenen Siebertales gewöhnlich anstehen. Beide Gerölldepots waren durchwurzelt, ansonsten frei von mineralischer Matrix, so daß auch aus diesem Grunde die Gerölle hierher künstlich verbracht erscheinen. Ein natürliches Auftreten der Gerölle über der Jettenhöhle, also auf dem Gipskarstmassiv, welches altquartären Flächensystemen zuzuordnen ist, scheidet auch aufgrund des frischen Erhaltungszustandes der Grauwacken und der geomorphologischen Gesamtsituation aus.


Abb. 1: Umgebung des. Einganges der Jettenhöhle; Profilskizze

Als das kleinere der beiden gebundenen Depots diente eine ausgeräumte Felschlotte von
25 x 45 cm Ø und 40 cm Tiefe. Das größere Depot war bis ca. 60 cm ausgehoben und mit 192 Geröllen (davon 32 Kieselschiefer) randvoll gefüllt, das kleinere Depot mit 37 Geröllen. Beide Gruben zeigten außer den Geröllen keine weiteren Funde.

Von der Kante über dem Portal ergibt sich eine gute Übersicht über die zu Füssen liegende kleine Talniederung, Teile des Gipsmassivs und damit über die möglichen Zugänge zur Höhle, so daß sich von dieser als „strategisch“ sicher überzeichneten Position aus der Höhlenzugang überwachen und verteidigen läßt. Weitere Anlagen finden sich über der Höhle nicht; eine grabenartige Vertiefung, die den Sporn über dem Portal in ca 15 m Entfernung quert, geht möglicherweise auf einen ausgelaugten Kluftraum im Gips zurück.

Die Überlieferungen aus Sagen- und Märchensammlungen des Raumes berichten von Schweinehirten und Zwergen ( L A U B 1969: 26). Ob es sich bei den Geröllen, die sicherlich als Wurf- oder Schleudersteine dienten, um ein Hirtendepot zum Schutze der Herde vor Dieben oder Wölfen handelt, oder ob die Anlage des unweit einer frühhistorischen bis mittelalterlichen Altstraße gelegenen Depots im Zusammenhang mit der La-Tène-zeitlichen oder einer jetzt auch nachgewiesenen steinzeitlichen Besiedlung dieses Karstgeländes gesehen werden kann, muß vorläufig zur Gänze offenbleiben. Vor 1751 sind weder Sagen noch Nutzungsformen der urkundlich nur einmal zuvor (1308) erwähnten Höhle bekannt.

Gerölldepots sind gelegentlich bei Grabungen auf Befestigungsanlagen des Mittelalters gefunden worden, wo der Bezug zu Verteidigungszwecken eindeutig ist. Dem Verfasser ist es nicht bekannt, ob von den Portalen anderer Höhlen bzw. in anderen Höhlengebieten ähnliche Depots beschrieben worden sind. Es wäre ja denkbar, daß im Rahmen typischer Beziehungsmuster Mensch — Höhle derartige Depots häufiger angelegt wurden1).

Literatur:

Kempe, St.; Meyer, B.; Schlüter, W., und Willerding, U. (1975): Untersuchungen in der Kleinen Jettenhöhle bei Düna, Gem. Hörden, Kr. Osterode am Harz. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, Bd. 44, S. 87-112, 6 Abb., Hildesheim (Lax) 1975. 4°.
Kempe, St.; Mattern, E.; Reinboth, F.; Seeger, M., und Vladi, F.: Die Jettenhöhle bei Düna und ihre Umgebung. 63 S., 12 Abb., 1 Kt., Herzberg am Harz (Jungfer) 1972. 8°.
Laub, G.: Sagen von und um Harzhöhlen. In: Grieb, H. G.; Laub, G., und Stolberg, F.: Harzer Höhlen in Sage und Geschichte. Abh. f. Karst- u. Höhlenkunde, Reihe F, H. 3, 34 S., München (Mangold/Blaubeuren) 1969. 8°.
Vladi, F.: Quartärgeologische Untersuchungen zu den Terrassen der Sieber am Südwestrande des Harzes. 109 S., zahlr. Anl., Hamburg (unveröft. Dipl.-Arb.) 1976. 4°

1) Der Verfasser ist für nähere Hinweise über vergleichbare Depots jederzeit dankbar.


VLADI, Firouz (1980): Ein neuentdecktes Gerölldepot über dem Portal der Jettenhöhle im Südharz.- Die Höhle 31, H.4, 140-144, 3 Abb., Wien