Ein wissenschaftliches Kolloquium über Gipskarst in
Walkenried (Niedersachsen) —
die erste gesamtdeutsche Höhlenforschertagung
1

Am 5. und 6. Mai 1990 traten sich zum ersten Male seit der Grenzöffnung deutsche Karstforscher aus Ost und West im Hotel „Klosterhof“ in Walkenried zu einem gemeinsamen Kolloquium. Über das Thema „Lösungsformen in Gipshöhlen“ wurde zwar seit Jahrzehnten beiderseits der Grenze gearbeitet und publiziert, jedoch kam es aufgrund der Abkapselungspolitik des SED-Staates nicht einmal zu einem geregelten Schriftentausch, wie er zwischen Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Vereinigungen üblich ist, geschweige denn zu gemeinsamen Tagungen. Infolgedessen waren manche Anschauungen und Hypothesen unbemerkt in Sackgassen geraten, weil eine grenzübergreifende, konstruktive Kritik völlig fehlte.

Es wunderte deshalb niemanden, daß die Fachgespräche zwar auf beachtenswert hohem wissenschaftlichen Niveau, aber teilweise heftig kontrovers geführt wurden. Die Fachleute, welche die Fachgruppen für Höhlenforschung in Freiberg, Dresden, Nordhausen und Rübeland sowie die Arbeitsgemeinschaft für Karstkunde in Niedersachsen entsandt hatten, erörterten die Lösungsformen der Gipshöhlen und deren Entstehungsbedingungen so eingehend, daß die lebhaft geführte Diskussion bald vom Einzelnen auf das Allgemeine überging. Über einige Fragen wurde indessen wegen der weit auseinandergehenden Ausgangsvorstellungen keine Einigung erzielt.

Allen Tagungsteilnehmern aber, die ja ausnahmslos nur „ihre Hälfte“ des Südharzer Gipskarsts kannten, wurde dessen Vielfalt vom Lichtenstein bei Osterode bis zum Mansfelder Becken aus den Tagungsbeiträgen erstmals voll bewußt. Auch die nicht wiedergutzumachenden Fehler der früheren niedersächsischen Naturschutzpolitik, die es für ausreichend hielt, ein exemplarisches Gebiet (das Hainholz) für die Wissenschaft zu sichern, um alles übrige dem Gipsabbau opfern zu können, wurden angesichts dieser Vielfalt in bestürzender Weise offenbar. Die neuen Aspekte, welche die jeweils andere Seite in die Diskussion einbrachte, deckten manche Forschungslücken auf, die leider teilweise nie mehr zu schließen sind. Anwesende Wissenschaftler, welche die großen Gipskarstgebiete von Podolien (UdSSR) und Neu-Mexiko (USA) aus eigener Anschauung kennen, ließen auch keinen Zweifel daran, daß der Südharzer Gipskarst in seiner Gesamtheit ein weltweit einmaliges Phänomen von höchster Erhaltungswürdigkeit ist.

Die kleine, aber wichtige Tagung wurde begleitet von einigen ausgewählten Kurzexkursionen unter sachkundiger Führung, bei denen vor Ort weiter dikutiert wurde. So konnten die Tagungsteilnehmer neben vielen Anregungen und persönlichen Begegnungen auch einige neue Landschaftseindrücke und Höhlenerlebnisse mit nach Hause nehmen.

Fritz Reinboth (Braunschweig)

1) Der vorliegende Bericht ist am 10. Mai 1990 in der Zeitung „Harzkurier“ erschienen, verdient aber über die Lokalpresse hinaus Beachtung.


REINBOTH, Fritz (1990): Ein wissenschaftliches Kolloquium über Gipskarst in Walkenried (Niedersachsen) — die erste gesamtdeutsche Höhlenforschertagung.- Die Höhle 41, 78-79, Wien