Lausitzer Braunkohlen-REA-Gipse
und ihre Bedeutung für die Naturgipssubstitution
im Südharz
– Posterbeitrag –
Friedhart Knolle B.U.N.D. Landesverband Niedersachsen,
Hannover
Michael Brust, B.U.N.D. Landesverband Thüringen,
Sondershausen


1. Südharzer Gipskarstlandschaft

Es ist immer noch weithin unbekannt, daß die Herstellung und der Vertrieb von Naturgipsprodukten gravierende Umweltprobleme in den Gipsabbaugebieten hervorruft. Dies gilt insbesondere für den Südharzer Gipskarst.
Das bedeutendste Gipsabbaugebiet Mitteleuropas ist das Südharzvorland in den Bundesländern Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen. Es besteht Einvernehmen darüber, daß die Südharzer Gipskarstlandschaft unter geowissenschaftlichen und vegetationskundlichen Gesichtspunkten einmalig in Mitteleuropa ist [1], [4]. Aufgrund dieser Biotopvalenz ist die Ausweisung eines Biosphärenreservates geplant (Bild 1) [6].
Der Abbau von Gips führt im Südharzvorland zur Zerstörung der ursprünglichen Landschaft, die, auch nach Stillegung des Abbaus, nicht wieder rückgängig gemacht werden kann.

Bild 1:
Übersicht der Südharzlandschaft und des geplanten Bisphärenreservates Südharz


Praktisch sämtliche Abbaugebiete haben einen hohen Naturschutzwert. Unberührte Gipskarstlandschaften (Bild 2 und 3) sind inzwischen von extrem großer Seltenheit.

Bild 2:
"Leben auf Gips" im Südharz - Kuhschelle Palustilla vulgaris
(Foto Kupetz, Cottbus)


Bild 3:
Gipskarst - Buchenwald am Alten Stolberg bei Uftrungen
(Foto Kupetz, Cottbus)


Nachdem die Südharzer Gipskarstlandschaft nicht mehr durch eine Staatsgrenze geteilt ist, konnte sie wieder im Zusammenhang untersucht werden. Die Teilnehmer einer ersten länderübergreifenden Tagung zu Problemen des Schutzes, der Pflege und Entwicklung der Karstlandschaft kamen zu dem Ergebnis, daß alle dort anstehenden mineralischen Rohstoffe, soweit ihre Vorkommen aus Gründen des Naturschutzes oder der Denkmalpflege nicht vom Abbau auszunehmen sind, einer langfristigen, d.h. über mehrere Generationen anhaltenden Mengenbewirtschaftung zu unterwerfen seien. Die Rohstoffe Gips und Anhydrit sollten möglichst nur noch in dem bisher genehmigten Umfang abgebaut werden. Priorität vor der Gewinnung heimischer Gipse und Anhydrite habe - auch bei erheblichen Mehrkosten auf dem Markt - der Einsatz von Gipsen aus der Rauchgasentschwefelung, aus der Phosphatindustrie und aus der sonstigen chemischen Industrie [5].

Eine realistische Chance des Schutzes hat diese Landschaft also nur noch durch eine quantitativ ins Gewicht fallende Substitution des Naturgipses durch Kunstgipse.

2. Lausitzer Braunkohlen-REA

Die Gipsindustrie hat seit geraumer Zeit Möglichkeiten entwickelt, den Einsatz von Naturgips zu reduzieren und in verstärktem Maße REA-Gipse einzusetzen. Nach der gemeinsamen Einschätzung von Gipsindustrie und Umweltbundesamt ist der Einsatz dieser Gipse mittlerweile absolut problemlos [2].

REA-Gipse fallen in der BundesrepublIk zu etwa je einem Drittel in den Schwerpunkten Ruhrgebiet, Lausitz und Leipzig an. Von besonderer Bedeutung ist hier die Rolle der Lausitzer Braunkohlen-REA-Gipse [3]. In bundesweit vorbildlicher Weise ist es hier gelungen, in den Genehmigungsbescheiden Jänschwalde (Nachrüstung) und Schwarze Pumpe (Neubau) Nebenbestimmungen zur quantitativen stofflichen Verwertung des REA-Gipses durchzusetzen. Unter Beachtung der unterschiedlichen Standzeiten der genannten Kraftwerke und der sich neu ansiedelnden Gipsindustrie konzipierte die VEAG als Lausitzer Kraftwerksbetreiber ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Direktabsatz und Bevorratung von REA-Gips für spätere Zeiträume. So war es konsequent, die Anlage von REA-Gipsdepots als Puffer zwischen Kraft- und Gipswerk zu planen.

Dieses Konzept kann inzwischen, nachdem die jederzeitig problemlose Verfügbarkeit des zwischengelagerten Gipses technisch garantiert ist, als bundesweit vorbildlich bezeichnet werden. Es ist zu hoffen, daß diese Depots die psychologischen Barrieren bei Teilen der Bevölkerung und die Genehmigungshürden bei Behörden und Dienststellen, die leider nicht immer den beispielhaften Charakter dieser Anlagen und ihre positive Wirkung, z.B. auf die Reduktion des Abbaudruckes in der Südharzlandschaft überschauen, zeitnah genommen werden können.

Die Südharzer Gipslandschaft ist in geologischer und geomorphologischer Sicht, wie auch als Biotop, in Mitteleuropa einzigartig und bedarf in seiner Komplexität eines umfassenden Naturschutzes. Seine Zukunlt ist ganz entscheidend davon abhängig, wie sich der Gipsanfall und seine stoffliche Nutzung in den REA-Gipsquellgebieten des Dreiecks Ruhrgebiet-Lausitz-Leipzig entwickeln wird.

3. Folgerungen für den Naturschutz

Insgesamt läßt sich festhalten, daß bundesweit eine neue Lage am Gipsmarkt entstanden ist. Es ist zumutbar und notwendig, daß neben den Steinkohlen-REA-Gipsen auch die verfügbaren Braunkohlen- und teilweise auch die hier aus Platzgründen nicht zu erörternden Chemiegipse verwertet bzw. in Zwischenlagern deponiert werden. Der Verzicht auf den weiteren Gips-Rohstoffabbau im Südharz (Bild 4) ist somit nunmehr durchaus möglich und vertretbar. Es ist zu erwarten, daß auf diese Entwicklung seitens der Behörden entsprechend reagiert wird.

Bild 4:
Typischer Gipssteinbruch im Südharz (Foto Fränkel, Goslar)


Quellen:

[1] BRUST, M.; KNOLLE, F.; KUPETZ, M: Interdisziplinäre Aspekte eines potentiellen Naturschutzgroßprojektes Zechsteinlandschaft Südharz/Kyffhäuser. - Museen der Stadt Erfurt. Naturwissenschaftliche Reihe, H. 10 - Veröffentlichungen des Naturkundemuseums Erfurt. S.88-104,1991

[2] HAUG, N.: Substitution von Naturgips durch Gips aus Abgasentschwefelungsanlagen. Staub-Reinhaltung der Luft 54 (1994), S. 309 - 312

[3] NOACK, K.: ZIMMER. B.: Verwertung von Braunkohlen-REA-Gips - Ein neuer Weg in Brandenburg. - Landesumweltamt Brandenburg - Berichte aus der Arbeit 1993. S. 65 - 68, Potsdam 1994

[4] SCHÖNFELDER, P.: Vegetationsverhältnisse auf Gips im südwestlichen Harzvorland. Eine vergleichende Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Naturschutzprobleme. Naturschutz und Landschaftspflege in Niedersachsen, H. 8, 110 S., Hannover 1978

[5] Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt, Hrsg.: Schutz, PfIege und Entwicklung der Karstlandschaft im Südharz - Tagung am 24.04.1992 in Uftrungen. - Berichte des Landsamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt. H. 6. 43 S., Halle 1992

[6] VLADI. F. (1991): Biosphärenreservat in Planung: Gipskarstlandschaft Südharz/Kyffhäuser - Naturschutzkonzeption. Fachgutachtliche Kurzdarstellung der Belange des Naturschutzes und der Landschaftspflege für die Gipskarstlandschaften der Landkreise Artern, Nordhausen, Osterode am Harz, Sangerhausen und Sondershausen (Länder Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen). - 10 S., 1 Tab.., 1 Kt., Osterode am Harz


Dipl.-Geol. Friedhart Knolle B.U.N.D. Niedersachsen e. V.
Postfach 1106 30011 Hannover

Dipl.-Museol. (FH) Michael Brust B.U.N.D. Thüringen e V.
PF5 99706 Sondershausen


Landesumweltamt Brandenburg, Studien und Tagungsberichte 4